Apropos Parallelgesellschaft

Musik Wird die Antilopen Gang mit „Anarchie und Alltag“ zur Meryl Streep des deutschsprachigen Hip-Hops?
Apropos Parallelgesellschaft
Hip Hop mit Haltung: die Antilopen Gang
Foto: Christian Ditsch/Imago

Neulich, bei der Verleihung der Golden Globes, rührte sich die Schauspielerin Meryl Streep selbst zu Tränen, als sie gegen Donald Trump das Wort ergriff. Es war, wenn man so will, nur die Bestätigung des Diktums Stefan Zweigs, wonach jede Widerstandsgeste, die kein Risiko in sich birgt und keine Wirkung hat, nichts als selbstgefällig ist.

Das Einrennen offener Türen ist selten eine Tugend. Andererseits lässt sich das preaching to the choir in der Populärkultur kaum vermeiden – wer Fans hat, spricht nun einmal in erster Linie zu seinem Kreis. Kritisch betrachtet, macht die Antilopen Gang aus Düsseldorf und Aachen mit ihrem zweiten Album Anarchie und Alltag genau das. Schon auf ihrem Debüt Aversion standen Danger Dan, Koljah und Panik Panzer auf der richtigen Seite – sie bezogen Stellung gegen Nazis und Homophobie, gegen Verschwörungstheorien und Chemtrails. Themen also, auf die sich die Besonnenen längst verständigt haben. Große Aufmerksamkeit erlangte ihr Song Beate Zschäpe hört U2, der verdientermaßen in gleich alle Richtungen schoss.

Wir ahnen es

Aber nicht nur in Zeiten antisemitischen Irrsinns, wie er durch Rapper wie Kollegah in die Szene getragen wird, sollten wir für die Gegenstimme der Antilopen Gang dankbar sein. Schaut man sich die Mühen im Ground Game gegen rechts an, die die Punk-Band Feine Sahne Fischfilet seit Jahren auf sich nimmt, ahnen wir, dass es etwas jenseits der rührseligen Widerstandsgeste gibt. Die Bands verbindet ein gemeinsames Anliegen; im 2015 veröffentlichten Video Verliebt küssen sich Danger Dan und Fischfilet-Sänger Monchi Fromm, spätestens da galten die Antilopen als politisch. Zugegeben, auf Anarchie und Alltag reizen sie ihre Dissidenz bisweilen aus, so beginnt das Album mit dem Song „Trojanisches Pferd“: „Haben viel dafür getan, es in die Schweinwelt zu schaffen / Mit dem einzigen Ziel, sie dann einstürzen zu lassen. / Und mit der Tarnung als studentische Rap-Band, / Dringen wir vor in das Zentrum der Bestie.“ Den Verwertungsketten fügt sich das Album dennoch – so erscheint die Platte in einer „Doppel-CD-Deluxeversion mit Bonus-Album“, was nicht gerade nach Umsturz und Revolution klingt.

Neben plakativen Songs wie „ALF“, „Pizza“ oder „Tindermatch“ finden sich Perlen, etwa wenn Schorsch Kamerun von den Goldenen Zitronen in „Fugen im Parket“ singt: „Und irgendwo da unten, verlorenes Potenzial. / Die Parallelgesellschaft der Loser an der Bar.“ Apropos Parallelgesellschaft, gelungen ist die Abrechnung mit der verbliebenen Rote Armee Fraktion. In „RAF Rentner“ heißt es: „Scheinbar war’n sie pleite, jedenfalls haben sie Geld gebraucht. / Ich stelle mir das witzig vor, die seh’n wie meine Eltern aus. (…) Das ist also, was von der Revolte übrig bleibt, / Wenn die Bullen sie nicht kriegen, regelt es die Zeit.“ Es ist eine überzeugte, gut getimte Stimme, die auf der gesamten Platte Widersprüche benennt.

Und während Meryl Streep in erster Linie sich selbst und einen Saal voller Millionäre adressierte, dürfen wir davon ausgehen, dass ein ungleich höheres Risiko eingeht, wer Zeilen wie diese singt: „Wäre es nicht praktischer, wenn da wo vorher Deutschland war / In ein paar Jahren ein Baggersee entsteht? / Atombombe auf Deutschland, dann ist Ruhe im Karton. / Komm, wir bomben einen Krater, und dann fluten wir das Loch.“ Eine Lösung ist das nicht, eine Haltung schon.

Info

Anarchie und Alltag Antilopen Gang JKP

06:00 20.01.2017
Geschrieben von

Timon Karl Kaleyta

Timon Karl Kaleyta, 1980 in Lagos geborener Autor, Musiker und Geschäftsmann, gründete 2011 in Düsseldorf das Institut für Zeitgenossenschaft IFZ.
Timon Karl Kaleyta

Kommentare 2