Mit Herz und Hirn

Musik Noch ein Soli-Sampler? „Refugees Welcome – Gegen jeden Rassismus“ ist leider brandaktuell
Timon Karl Kaleyta | Ausgabe 14/2016

Wer mit 20 Jahren kein Sozialist ist, so der französische Politiker Georges Clemenceau einmal, der habe kein Herz, wer es mit 40 noch immer ist, kein Hirn – und ganz ähnlich lässt sich wahrscheinlich sagen: Wer an eine Soli-Compilation mit der spitzen Feder der Plattenkritik herangeht und diese unter rein ästhetischen Gesichtspunkten bespricht, der hat weder Herz noch Hirn. Wir sind also gut beraten, wenn wir uns für die Dauer dieses Textes locker machen und das Ganze betrachten.

Künstlerische Aktionen im Dienst einer guten Sache, das ist bekannt, haben es stilistisch wie inhaltlich schwer. So ehrenwert sie im Detail sein mögen, verströmen sie unweigerlich diese grobschlächtige Aura; eine Mischung aus Bono, Ai Weiwei, Michael Jackson, Hannes Jaenicke und Band Aid. Moralische Erziehung ist nicht Aufgabe der Popmusik, und entsprechend sind Songs, die besonders eindeutig gegen Rassismus, Ausgrenzung und andere Gefahrenlagen Stellung beziehen, nicht selten platt.

Die Probleme, die auf dem Sampler Refugees Welcome – Gegen jeden Rassismus verhandelt werden, sind nun aber keine theoretischen, sondern sehr handfeste. Man muss sich nur mal fünf Minuten mit Torsun Burkhardt unterhalten, Sänger der auf dem Sampler vertretenen Band Egotronic, um zu ahnen, was für ein Dauerhorror es ist, sich wie er im öffentlichen Raum immer wieder den Rechten entgegenzustellen.

Die Wut des Fischfilets

Wer sich selbst nicht die Finger schmutzig machen will, sollte zumindest anerkennen, wenn andere das übernehmen. Demos, Aktionen, Straßenkampf – der ganze superanstrengende Kram halt.

Was mittelfristig hilft, ist Geld, und so wandern sämtliche Erlöse an „lokale, selbstorganisierte und antirassistische Initiativen“, wie es im Pressetext heißt. Schließlich erklärte uns schon Emir Kusturica in seinem Film Schwarze Katze, weißer Kater: „Ein Problem, das man nicht mit Geld lösen kann, kann man mit viel Geld lösen.“

Der von den Autoren und Herausgebern Jonas Engelmann und Thorsten Nagel zusammengestellte Sampler erscheint bei dem Berliner Polit-Label Springstoff in Kooperation mit dem Mainzer Ventil Verlag und dem Düsseldorfer Verein Kupo e. V. Die 22 Songs sind von sehr unterschiedlicher Qualität, neben Egotronic (Deutschland, Arschloch, Fick Dich) versammeln sich etablierte Musiker wie Dirk von Lowtzow (Fuck you Frontex), Denyo (Gegenwind), Frittenbude (Oury), die Antilopen Gang (Beate Zschäpe hört U2) oder Feine Sahne Fischfilet (Wut) – knapp die Hälfte der Stücke wurde exklusiv für den Sampler produziert, sie alle eint naturgemäß die Botschaft. So heißt es bei Frittenbude: „Wir schütten Benzin in die lodernde Glut, um das Feuer einzudämmen / Kontrolle ist gut, mehr Kontrolle ist besser, unser Frieden ist teuer“, und in Das Boot ist voll, einem guten, interessant produzierten Track der Gruppe form: „Das Mittelmeer ist wunderschön, ein schönes Meer, die schöne Natur / Und das AIDA-Clubschiff fährt vorbei, die Passagiere schauen entsetzt, die armen Leut.“

Zwar reicht keiner der Songs an die Meisterschaft etwa der Goldenen Zitronen heran, die es immer verstanden, Politikaktivismus subtil, elegant und leicht daherkommen zu lassen – empfohlen sei der Zitronen-Song Das bisschen Totschlag von 1994 –, aber hier geht es, wie gesagt, um etwas anderes. Also kaufen Sie diese CD. Oder gehen Sie selbst auf die Straße.

Info

Refugees Welcome – Gegen jeden Rassismus Various Artists Springstoff/Indigo

06:00 08.04.2016
Geschrieben von

Timon Karl Kaleyta

Timon Karl Kaleyta, 1980 in Lagos geborener Autor, Musiker und Geschäftsmann, gründete 2011 in Düsseldorf das Institut für Zeitgenossenschaft IFZ.
Timon Karl Kaleyta

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