Schuld mit Sauce

Kultautor Mit seinem dritten Roman „Billy“ dilettiert Einzlkind in Philosophie
Timon Karl Kaleyta | Ausgabe 46/2015

Wenig ist bekannt über den unter Pseudonym schreibenden Autor Einzlkind. Die Internet-Recherche fördert genau drei fotografische Abbildungen von ihm zutage, eine für jeden der bislang veröffentlichten Romane. Hier beweist Einzlkind entweder Humor oder wir lernen, dass auch öffentlichkeitsscheue Autoren auf bewährte Inszenierung setzen, heißt: Nachdenklichkeit, Pose, Zigarette.

Schauen wir aber zunächst auf das Gesicherte. 2010 erscheint Einzlkinds beachtetes Debüt Harold bei Edition Tiamat. Der Legende nach rückte der Verleger Klaus Bittermann dafür eigens von der Direktive ab, niemals ungefragt eingesandte Manuskripte herauszubringen. Er machte eine Ausnahme, „begnadeter Stil, eine spitze Feder und hinterhältigen Witz“ attestierte die FAZ. 2013 folgte Gretchen. Wie es aber manchmal so geht, hält viel länger das Band zwischen Autor und Entdecker nicht, und jüngst erschien Einzlkinds dritter Roman Billy nun also prominent im Berliner Insel Verlag. Sehr modern inszeniert man hier die Veröffentlichung, mit Homepage, dem Facebook-Profil „team einzlkind“ sowie mit Image-Filmchen über die Romanfigur Elvis (sic!), wir werden noch von ihr sprechen.

Und jetzt? So viel Tanz ums Kalb und noch immer kein Wort über den Text? Vielleicht ist das der Preis, den ein Autor für ein solches Understatement-Spektakel zahlt. Also worum, bitte schön, geht‘s denn nun in Billy? Der Roman ist eine Mischung aus Roadmovie, Kriminal- und Familiengeschichte, in dessen Zentrum der sich philosophisch gebende Auftragsmörder Billy steht. Behütet aufgewachsen in Schottland bei Onkel und Tante, so erfahren wir in Rückblenden, hat Billy bereits zwölf Morde verübt. Nun fährt der erklärte Vegetarier – nach erfolgreichem letzten Auftrag – mit dem Auto nach Las Vegas, um dort seinen Freund und Geschäftspartner Whip zu treffen. Das kleine Familienunternehmen, für das beide agieren, tötet ausschließlich Mörder, man glaubt zwar an kein Konzept von Gerechtigkeit, aber der Vorwurf der Blutrünstigkeit lässt sich so immerhin ausschließen.

In Vegas angekommen entdecken der immer wieder Nietzsche zitierende Billy, der bisweilen gute, dann wieder allzu seichte Vorträge über den Sinn des Lebens hält, und sein Kumpel Whip zunächst eine Bingo-Veranstaltung als ultimativen Ort der Subversion. Anschließend geht es dann doch zum VIP-Poker. Jener Whip indes ist nicht nur „Superstar in der Hackerszene“, sondern schwingt pausenlos Lobgesänge auf den Transhumanismus und die Überwindung des Menschen an. Was für ein Gespann! Viel mehr geschieht indes nicht. Einmal muss Billy sein defektes Kfz wechseln und trifft dabei auf einen überzeichneten deutschen Autohändler, einmal gerät er – welch Überraschung – in Vegas auf einen, wir erinnern uns, skurrilen Elvis-Imitator. Viel gerühmt wurde in der Vergangenheit der schwarze Humor, der Einfallsreichtum, der Sprachwitz des Autors – Billy ist jedenfalls von alldem nicht gerade überdosiert.

Zwar liest sich die Geschichte leicht, größtenteils kurzweilig herunter, unzählige Sätze wie „Meine erste große Liebe war die Musik. Ich war fasziniert von den Emotionen, die Musik auslösen konnte“ lassen einen ratlos zurück. Auch die für den Roman zentralen philosophischen Betrachtungen gehen nur selten über dieses Niveau hinaus: „Wenn Wahnsinn Unschuld ist, was ist dann Schuld in einer Welt des Wahnsinns?“

Nein, in diesem Roman sind Vegetarier keine guten Philosophen, und weil sie per Definition nun mal auch keine guten Mörder sind, muss am Ende etwas schiefgehen. „Ich drehe mich wieder um, und das Letzte, das ich sehe, ist ein Baseballschläger, und das letzte Wort, das ich denke, ist: Autsch.“

Info

Billy Einzlkind Insel Verlag 2015, 203 S., 18,95 €

Timon Karl Kaleyta ist Gründungsmitglied des Instituts für Zeitgenossenschaft (IfZ)

* Bilder der Beilage

Wenn es Nacht wird. Verbrechen in New York zeigt Fotografien von realen Verbrechen im New York der Nullerjahre des vergangenen Jahrtausends. Um 1900 revolutionierte die noch junge Fotografie die Aufklärung von Kriminalfällen. Die Tatortfotografie hatte zu dokumentieren, was vorgefallen war. Die Angehörigen der Opfer, Täter und die beteiligten Ermittler sind verstorben, die Akten vernichtet. Zu einigen der etwa 200 Schwarz-Weiß-Fotografien und original Zeitungsartikel finden sich noch Notizen.

Herausgeber sind der Kölner Filmproduzent und Kameramann Wilfried Kaute und Joe Bausch, der Rechtsmediziner aus dem Kölner Tatort. Die Autoren recherchierten die Kriminalfälle in den Archiven, schrieben die Geschichten dazu und ergänzten so die eigentümliche Dramatik der Bilder. Der Band ist bei Emons erschienen und kostet 39,95 Euro.

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06:00 13.11.2015
Geschrieben von

Timon Karl Kaleyta

Timon Karl Kaleyta, in Bochum geborener Autor und Musiker, gründete 2011 in Düsseldorf das Institut für Zeitgenossenschaft IFZ.
Timon Karl Kaleyta

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