Absurdistan vor der Haustür

Belgien Sechs Monate Regierungskrise als Vorlage für den medialen Katastrophen-Voyeurismus

Jean- Luc Dehaene ist ein Routinier. Jahrelang war der flämische Christdemokrat belgischer Premierminister. Kurz bevor die halbjährige existentielle Krise des Landes jüngst mit einer Interimsregierung unter dem eigentlich zurückgetretenen Guy Verhofstadt ihr vorläufiges Ende fand, geriet selbst er ins Schlingern: "Ehrlich gesagt, wir schwimmen momentan ziemlich herum. Die Situation verändert sich täglich."

Nur verständlich, dass auch den Medien zuweilen der Überblick verloren ging in diesem Geflecht aus wallonischen und flämischen Befindlichkeiten, bei denen als einzige Navigationshilfe oft genug nur die Sprachgrenze verfügbar war. Wie also entschlüsseln, was den Menschen in Liège oder Antwerpen selbst oft ein Rätsel blieb?

Belgien - so die Erklärung vieler Journalisten - ist nicht zu erklären, was sich wiederum eloquent untermauern lässt. Schließlich gilt das Land als Ursprung des Surrealismus, et voilà: Auch diese Krise, in der sich politischer Dissens des öfteren in tribalistischem Getöse auflöste, mutete folglich surreal an. Und war da nicht noch die alte Weisheit: Belgien, das einzige Land der Welt mit zwei unterdrückten Mehrheiten?

Berichte aus dem zweisprachigen Königreich finden sich in der Regel eher auf den Panoramaseiten als im Politikteil - wenn nicht, steckt dahinter meist eine skandalträchtige Dreifaltigkeit aus Kinderschändern, Korruptionsbaronen und flämischen Separatisten. Zwar erinnert der Blick aus dem Ausland noch nicht an den, der gewöhnlich Bananenrepubliken zuteil wird, aber für mehr als das Label Frittenföderation schien Belgien zuletzt selten gut. Das EU-Gründungsmitglied geriet zum Absurdistan Westeuropas - ein Stück Balkan vor der Haustür.

Wenn Monate lang mit der ausbleibenden Regierungsbildung die Zukunft des Landes existenziell in Frage steht, begründet dies ein neues, gleichwohl finales Genre der Belgien- Berichterstattung. Unzählige Male wurde die "Spaltung" des Landes als unumgänglich heraufbeschworen und ausgeblendet, dass die Komplexität der Verhältnisse spezielle Mechanismen der Krisenbewältigung begünstigt hat. Die Kluft zwischen der Deutung belgischer Zustände durch ausländische Medien und ihrer Relativierung durch den lokalen Kontext lässt sich an drei Beispielen wunderbar veranschaulichen: Im Oktober 2006 war Antwerpen bei den Kommunalwahlen Schauplatz des befürchteten Durchbruchs des rechtsradikalen Vlaams Belang in die Rathäuser. Unter den Augen zahlreicher europäischer Journalisten gelang jedoch den Sozialdemokraten ein überraschender Sieg, die herbei geredeten Katastrophen-Szenarien blieben aus; die Separatisten mussten wie gewohnt mit der Opposition vorlieb nehmen.

Ihren nächsten großen Tag hatten die flämischen Extremisten erst im September 2007. Erneut hatte sich ein beachtlicher Tross internationaler Berichterstatter eingefunden. Das flämische Regionalparlament in Brüssel entschied über einen Antrag des Vlaams Belang, nach dem sich der nördliche Landesteil einseitig für unabhängig erklären sollte. Dieser scheiterte auf ganzer Linie, sogar die flämisch bewegten Christdemokraten winkten ab. Im November schließlich stimmten die flämischen Mitglieder des belgischen Innenausschusses in Abwesenheit ihrer protestierenden frankophonen Kollegen für die Spaltung des zweisprachigen Wahlkreises Brüssel-Halle-Vilvoorde. Darin lag tatsächlich eine Missachtung eines ungeschriebenen Gesetzes flämisch-wallonischer Koexistenz, denn nie zuvor hatten die Vertreter einer Sprachgruppe auf diese Weise der anderen ihre Interessen "aufgezwungen". Doch auch für diesen Fall hielt die belgische Administration ein Auffangnetz gespannt. Das Parlament der frankophonen Sprachgruppe sah den Sachverhalt eines "Interessenkonflikts" zwischen zwei Verwaltungsebenen erfüllt und sorgte damit für das Aufschieben der latent strittigen Frage - Belgien blieb wieder einmal erhalten.

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