Tom Strohschneider
30.01.2011 | 15:08 5

Bewegte Erfahrung

Arbeitswelt Es gibt sie durchaus, die Kämpfe: Das Portal labournet.tv sammelt Filme über die kleinen Streiks und den großen Mut von Beschäftigten - und will andere zum Handeln inspirieren

Als Michael Sommer unlängst gefragt wurde, warum von den Gewerkschaften so wenig zu hören ist, reagierte der DGB-Vorsitzende ziemlich angefasst. „Vielleicht haben Sie Ihre Lauscher in die falsche Richtung gestellt? Ich finde, wir sind gut drauf“, antwortete Sommer. Im Übrigen seien die Gewerkschaften „nicht die Polterer der Nation“.

Was der Dachverbandschef nicht sagt: Auch in den DGB-Organisationen halten viele die Zurückhaltung der Zentralen ausgerechnet in einer Zeit der politischen Auseinandersetzungen um die Verteilung der Krisenlasten für fatal. Statt die Kanzlerin zu Machtworten aufzufordern, wie es Sommer gerade mit Blick auf den Streit um die Hartz-Reform getan hat, hätte man sich ein aktiveres Eingreifen der Gewerkschaften gewünscht. Und bei aller Rücksicht auf Mobilisierungsprobleme, unterschiedliche Interessen zwischen Beschäftigtengruppen und gegenüber Erwerbslosen sowie auf die strategische Defensive des DGB-Lagers in den vergangenen Jahren: Wenn Sommer davon spricht, dass „es trotz massiver sozialer Proteste bisher nicht gelungen“ sei, die „Politik der Regierung zu verändern“, muss schon die Frage erlaubt sein, ob es nicht der DGB-Vorsitzende selbst ist, dessen Lauscher in die falsche Richtung stehen. Wo bitte sehr hat es denn massive Proteste gegeben?

Was auf der anderen Seite oft zu wenig Beachtung findet, sind die Kämpfe vor Ort, die betrieblichen Streiks abseits der großen Schlagzeilen, jene Geschichten vom kleinen Widerstand. Dass es darüber inzwischen viele filmische Zeugnisse gibt, die Verbreitung verdienen und aus denen sich lernen lässt, stand am Beginn einer Idee, die an diesem Sonntag online geht: labournet.tv. Filme, welche die Perspektive von Beschäftigten einnehmen und sie direkt in ihren Auseinandersetzungen zu Wort kommen lassen, „transportieren wichtige Erfahrungen“, heißt es bei den Machern des Portals. Doch solche Filme sind bislang nicht ohne Weiteres auffindbar – labournet.tv will sie nun sammeln und kostenlos zugänglich machen. Zum Auftakt ist am Sonntag in Berlin – ganz klassisch im Kino – die Geschichte von drei FIAT-Arbeitern gezeigt worden, die gegen die weitere Anhebung des schon unerträglichen Arbeitstempos gestreikt hatten und die deshalb entlassen wurden. 107 Sekunden – Arbeiter des Südens macht die Spannung sichtbar zwischen Erpressung durch das Management auf der einen und die Angst vor der Erwerbslosigkeit auf der anderen Seite.

„Die Filme sollen zeigen“, sagt die Regisseurin und labournet.tv-Redakteurin Bärbel Schönafinger, „dass es sinnvoll ist, sich zusammen zu tun, für die eigenen Interessen einzusetzen und sich von scheinbar übermächtigen Gegnern nicht einschüchtern zu lassen.“ Labournet.tv, das eng mit der Gewerkschaftsplattform Labournet kooperiert, startet mit rund 250 Filmen, die Sammlung soll kontinuierlich wachsen. Darunter Großer Aufwasch in Subunternehmen des französischen Kollektivs 360° et même plus, der vom Kampf ausländischer Reinigungsarbeiterinnen in Marseille und der Solidarität von Franzosen erzählt, die den Frauen aus Westafrika bei über mehrere Jahre andauernden Streiks zur Seite standen. Oder eine aktuelle Videodokumentation aus Südafrika, die über die Selbstorganisierung von Farmarbeitern berichtet sowie Salt of the Earth, ein klassischer Streikfilm aus den fünfziger Jahren, der wie andere aus der Sammlung von labournet.tv unter public domain steht und daher frei verfügbar ist.

Er sitze hier, hat Michael Sommer seinen Interviewern geantwortet, „auch deswegen relativ entspannt und zufrieden“, weil die Gewerkschaften „selbst unter den schwierigen Rahmenbedingungen einer schwarz-gelben Regierung Einfluss nehmen können“. Was der DGB-Vorsitzende damit meinte? Der Dachverband sei „indirekt ins Hartz-Vermittlungsverfahren involviert“. Dafür, wirklich etwas zu bewegen, ist meistens aber mehr nötig, als die schon oft enttäuschte Hoffnung darauf, im System des Krisenkorporatismus noch ein Wörtchen mitreden zu können. Zum Beispiel der Mut, seinen „klaren und deutlichen“ Positionen (Sommer) auch einmal praktischen Ausdruck zu verleihen, nicht nur zu drohen, sondern auch einmal zu handeln. So wie die Beschäftigten in den Filmen von labournet.tv. „Emanzipative Bildungsarbeit“ ist das Stichwort – mit der Seite, sagt Schönafinger, „sollen sich politisch Aktive informieren, weiterbilden und sich inspirieren lassen“.

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