„Eminente Weltliebe“

Interview Wolfram Eilenberger hat beschrieben, wie vier Frauen die Philosophie über dunkle Jahre gerettet haben
„Eminente Weltliebe“
Philosophinnen (v. l.): Simone de Beauvoir, Ayn Rand, Simone Weil, Hannah Arendt

Foto: Imago Images (2), Getty Images, dpa

Hilft uns die Philosophie in der Krise? Wird das Denken produktiver? Es fällt nicht schwer, das neue Buch von Wolfram Eilenberger, Feuer der Freiheit, für hochaktuell zu halten, wenngleich mit der im Untertitel genannten Rettung der Philosophie in finsteren Zeiten die Jahre 1933 bis 1943 gemeint sind. Nach seinem Bestseller Zeit der Zauberer, in dessen Zentrum Heidegger, Wittgenstein, Benjamin und Cassirer standen, hat er sich dieses Mal ausschließlich auf Frauen fokussiert, für die Philosophieren zuerst „eine Art des Lebensvollzugs“ war.

der Freitag: Herr Eilenberger, Ihr Philosophie-Bestseller „Zeit der Zauberer“ handelte von vier großen (männlichen) Philosophen in der kulturell hochproduktiven Zwischenkriegszeit der 1920er Jahre. Ihr neues Buch „Feuer der Freiheit“ folgt nun vier großen Philosophinnen, Simone de Beauvoir, Simone Weil, Hannah Arendt und Ayn Rand, in die Abgründe des Zweiten Weltkriegs. Sind Krisen und Katastrophen die Zeiten der Frauen?

Wolfram Eilenberger: Ich glaube, es sind zunächst einmal Zeiten der Denkenden. Ich habe das Buch nicht so angelegt, dass es um Frauen geht, die auch philosophieren, sondern um Philosophierende, die eben Frauen sind. Zugleich ist es das Projekt einer alternativen Philosophiegeschichte des 20. Jahrhunderts, die nicht auf Figuren aus dem akademischen Milieu fokussiert, sondern auf solche, für die das Philosophieren eine Art des Lebensvollzugs ist. Hier sind Krisenzeiten besonders interessant, weil ihre speziellen Druckverhältnisse die Individuen ins Denken bringen. Ein damals zeitgenössischer Begriff dafür ist die Grenz- oder Ausnahmesituation, in der Menschen unter einem besonderen Existenzdruck zu sich finden. In den dreißiger Jahren war das die Spannung zwischen Individuum und Kollektiv. In einer Zeit der extremen Kollektividentitäten fragen die vier Denkerinnen danach, was es heißen könnte, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Können Sie noch etwas mehr über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der vier sagen?

Die vier intellektuellen Heldinnen – denn das sind sie für mich –, von denen drei Jüdinnen waren und die damals alle um dasselbe Fragenfeuer von Ich und Anderem tanzten, sind alle fast im gleichen Alter, sie wurden später zu den einflussreichsten Philosophinnen des 20. Jahrhunderts. Das Buch begegnet ihnen aber nicht auf dem Höhepunkt ihres jeweiligen Schaffens, sondern beim Finden ihrer eigenen Stimme, ihres eigentlichen Themas. Diese kreativ-beweglichen, werdenden Philosoph:innen interessieren mich generell viel mehr als die Ideolog:innen ihrer selbst, zu denen vor allem Beauvoir und Rand später geworden sind.

Und die Unterschiede?

Man könnte die vier in einem Parallelogramm beschreiben, in dem sich auf der Achse zwischen Ich und Anderem vor allem Rand und Weil gegenüberstehen. Rand setzt das Ich in einem solch starken Sinne absolut, wie es in der Philosophiegeschichte vielleicht nirgends sonst getan wurde. Sie vergöttlicht das Ich. Weil dagegen hält das Ich in mystischer Tradition für einen schädlichen Schein, von dem es sich zu lösen gilt und dem sie das Göttliche als das große Andere der Transzendenz entgegenstellt. Arendt und Beauvoir ihrerseits suchen zwischen diesen Extremen von Ich und Anderem nach einem Du als einem Gegenüber, zu dem es eine produktive Distanz herzustellen gilt – was sie auf je unterschiedliche Weise unternehmen.

Bei der Lektüre dachte ich manchmal, leise Präferenzen bei Ihnen zu entdecken, vor allem für Simone Weil. Stimmt das?

Ich habe mich in der polyphonen Rollenprosa des Buches sehr darum bemüht, jede einzelne Position so stark zu machen, wie sie philosophisch zu machen ist, und meine eigenen Präferenzen in den Hintergrund zu rücken. Das Buch ist auch eine Art Flaschenpost, in der die Leser sich in jede der vier hineinversetzen können sollen und vielleicht Spuren von ihnen in sich selbst entdecken – so wie ich sie auch in mir entdecke. Aber natürlich werde ich als Mensch von bestimmten philosophischen Temperamenten mehr angezogen als von anderen, und hier ist es tatsächlich Simone Weil, die mich in der Tiefe, Kraft und Reife ihres Denkens am meisten beeindruckt. Das mag auch daran liegen, dass sie in der Rezeption so schändlich vernachlässigt wird. Dabei ist sie fraglos einer der geistigen Giganten des 20. Jahrhunderts. Wäre sie ein Mann gewesen, wäre sie jetzt eine Figur wie Wittgenstein. Als Frau aber ist sie vergessen.

Zur Person

Foto: Michael Heck

Wolfram Eilenberger, 1972 in Freiburg im Breisgau geboren, studierte Philosophie, Psychologie und Romanistik in Heidelberg, Turku und Zürich. Der ehemalige Chefredakteur des Philosophie Magazins lebt mit seiner Familie in Berlin und Kopenhagen

Dabei gab es doch nach ’68 auch einige prominente Konvertiten vom Marxismus zum Katholizismus, etwa André Glucksmann und Bernard-Henri Lévy. Hätte sie da nicht als Vorbild getaugt?

Was ihr da wohl im Weg stand, war ihr strenger Asketismus, der dem genussorientierten Kulturkatholizismus der Post-’68er-Konvertiten habituell ziemlich entgegensteht.

Politisch gesehen steht die rechtslibertäre Ayn Rand drei Linkenbis Linksliberalen gegenüber. Warum haben Sie die umstrittene Rand mit aufgenommen?

Zum einen, weil auch sie beispielhaft verkörpert, was mich interessiert: eine Philosophin, die nicht nur verkündet, sondern lebt, die ihr eigenes Programm in die Existenz umsetzt, und zwar in äußerst beeindruckender Weise. Zum anderen, weil sie wahrscheinlich die einflussreichste Denkerin des zwanzigsten Jahrhunderts ist, ohne dass irgendjemand davon wüsste. Ich glaube, dass man die gegenwärtige politische Lage in den USA nicht wirklich verstehen kann, wenn man davon absieht, was Ayn Rand für sehr, sehr viele junge Politisierte in den USA bis heute bedeutet. Sie ist nach 1945 die meistverkaufte Autorin nach der Bibel, ihre Schüler und Anhänger reichen vom Ex-Notenbankchef Alan Greenspan über die Tea Party bis in die Regierung Trump.

Könnte es sich auch lohnen, in neuer Weise positiv an Ayn Rand anzuknüpfen oder geht es dabei vor allem darum, den Feind zu kennen?

Beides. Ich halte zum Beispiel die Romane, besonders The Fountainhead, noch immer für extrem lesenswert. Sie zeigen eine große Feinfühligkeit für die sozial bedingten Entfremdungen, die jeder von uns in sich spürt: etwa die absolute Deformation in Arbeitsverhältnissen als Machtverhältnissen, die Menschen so leer werden lässt, dass wir sie kaum Egoisten nennen können. Nicht zuletzt weil diese Romane mit ihren extremen Helden so kontraintuitiv sind, können sie die geistige Gelenkigkeit schulen. Ich würde also jedem empfehlen, Ayn Rand zu lesen, und jedem empfehlen, nicht nur Ayn Rand zu lesen. Denn die Rezeptionstragik dieser Autorin besteht ja gerade darin, dass sie von den einen für Mist erklärt und verteufelt wird und von den anderen vergöttert. Beides ist falsch.

Welche Rolle spielen eigentlich die Männer in Leben und Denken der vier Frauen?

Man sagt ja immer, hinter jedem starken Mann steht eine starke Frau. In dem Sinn könnte man sagen, hinter jeder starken Frau steht ein bedürftiger Mann. Aber bedürftig in verschiedener Weise, und das deckt im Buch das gesamte mögliche Spektrum von Beziehung und Emanzipation ab. Beauvoir hat in Sartre ein intellektuelles Gegenüber, das sie als überlegen empfindet, dem sie aber durchaus ebenbürtig ist und mit dem sie eine auch schöpferische Einheit bildet. Das erotische Glück findet sie zwar woanders, aber das dialogische Glück findet sie mit Sartre. Hannah Arendt dagegen hat mit Heinrich Blücher einen vielleicht nicht intellektuell unterlegenen, aber in Lebensmut und Tatkraft eher schwachen Partner. Und bei Ayn Rand nimmt ihr Ehemann Frank zunehmend die klischeehaft weibliche Rolle des bloßen Manns an ihrer Seite ein. Simone Weil hat, soweit wir wissen, keine erotischen Beziehungen unterhalten, war körperlich gar so schwach, dass sie kaum Berührungen ertragen konnte. Umso erstaunlicher, dass sie sich mehrfach freiwillig zum Kriegsdienst an der Waffe meldete. Der Mann in ihrem Leben ist Jesus Christus.

Gibt es etwas spezifisch Weibliches an der Art der vier, zu philosophieren?

Das Thema des Frauseins war für die vier in dieser Zeit thematisch nicht sonderlich relevant, sie hatten ganz andere Probleme. Aber etwas spezifisch Weibliches in der Art, wie sie sich diesen Problemen stellen, gibt es wahrscheinlich schon. Für mich ist das die Fähigkeit, nicht in Zynismus und Verzweiflung zu verfallen. Es gibt bei allen vieren eine eminente Weltliebe, die womöglich eine eher weibliche Weise ist, der Falle eines weltverneinenden Miserabilismus zu entgehen. Auf Twitter hatte ich eine Diskussion darüber, ob ich als Mann über Hannah Arendt sagen dürfe, sie sei eine Frohnatur. Aber sie war nun mal eine Frohnatur, das sagt sie selbst über sich.

Hätten Sie dieses Buch auch über vier Männer schreiben können, die in dieser Zeit die Philosophie „gerettet“ haben?

Es wäre ein ganz anderes Buch geworden, weil die Erfahrungen für einen Mann in dieser Kriegszeit ganz andere waren. Aber natürlich hätte man etwa über Viktor Klemperer, Ernst Jünger oder Emmanuel Levinas auch so ein Buch schreiben können. Es wäre nur weniger interessant gewesen.

Wer spricht denn heute noch mehr zu uns, die vier „Zauberer“ (Benjamin, Cassirer, Heidegger, Wittgenstein) oder die vier „Retterinnen“?

Wenn man die alltägliche Wirkung betrachtet, würde ich sagen, dass die vier Frauen für unser Weltverständnis wirkungsreicher waren. Wenn etwa Beauvoir in Das andere Geschlecht von der Frage nach dem Anderen darauf kommt, dass Frauen das gesellschaftliche „Andere“ sind, ist das ein gesellschaftsentschlüsselnder Gedanke, der vieles von dem, was wir heute erleben, wirklich verändert hat. Wenn Sie in den Blick nehmen, wie wir heute über die deutsche und Weltgeschichte im Rahmen des Totalitarismus nachdenken, würden wir das ohne Hannah Arendt mit einem anderen Vokabular tun. Und wenn man bedenkt, wie Menschen heute weltweit – weniger in Deutschland, aber in vielen anderen Ländern – ihr Verhältnis zum Staat und zur Freiheit bestimmen, ist Ayn Rand hier absolut wirkungsmächtig. Aber man sollte Philosophie nicht nur auf Wirkmächtigkeit beziehen, sondern auch auf Tiefe und Einsicht, und hier haben die vier Denkerinnen ebenso viel zu bieten, Simone Weil wohl am meisten.

Denken Sie, man wird in künftigen Zeiten ähnliche Bücher über unsere Zeit schreiben können?

Es gibt natürlich Positionen, die den Ansatz, Philosophiegeschichte über Individuen zu schreiben, an sich schon methodisch ablehnen und sagen, Geschichte muss in Systemen geschrieben werden. Eine andere Frage ist freilich, ob es solche eminent philosophischen Lebensentwürfe heute überhaupt gibt. Und hier kann man sagen, dass eine universitäre Existenz seit den sechziger Jahren keinen biografischen Stoff für irgendetwas hergibt. Eine Biografie über Rawls, Habermas oder Rorty könnte man nicht in der gleichen Weise angehen wie in meinem Buch. Daran schließt sich das grundlegendere Problem, dass wir seit 30, 40 Jahren philosophisch in extrem schwachen Zeiten leben. Noch nie waren so viele gut bezahlte, vernetzte, verbeamtete, diverse Philosoph:innen am Werk, die noch nie so wenig Interessantes geleistet haben. Eine solche Talsohle der Philosophie gibt es immer mal wieder, gewiss kommen wir da auch wieder raus, aber wohl nicht durch akademisches Philosophieren. Die relevanten Problemfelder – das Verhältnis von Ökologie und Ökonomie, die Destabilisierung unserer demokratischen Überzeugungen, die Frage des Menschseins angesichts künstlicher Intelligenz – liegen jedenfalls alle auf dem Tisch.

Haben Sie denn schon Pläne für das nächste Philosoph:innen-Quartett in Buchform?

Es gibt schon Pläne, das Projekt weiterzuführen. Aber auch ich will nicht der Gefahr unterliegen, zum Ideologen meiner selbst zu werden und immer nur das Gleiche zu machen. Deswegen wird ein drittes Buch innerhalb dieses Projekts ganz anders aussehen.

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06:00 28.10.2020
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Ausgabe 43/2020

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