„Etwas reißt“

Interview Julia Friedrichs hält den Begriff „Arbeiterklasse“ für verbraucht. Sie hat die neue deutsche „Working Class“ porträtiert
„Etwas reißt“
Etwa die Hälfte der Deutschen verdient so wenig, dass sie nichts zurücklegen kann

Foto: Johannes Eisele/AFP/Getty Images

Was haben eigentlich eine Reinigungskraft, eine freiberufliche Musiklehrerin und ein Büroangestellter gemeinsam? Nun, die meisten von ihnen verdienen mit ihrer Arbeit so wenig, dass sie davon kein nennenswertes Vermögen aufbauen können. Sie müssen Monat für Monat allein von ihrer – zunehmend prekären – Arbeit leben. Das betrifft in Deutschland immerhin 50 Prozent der Bevölkerung.

Dieser arbeitenden Hälfte der Gesellschaft hat die Journalistin Julia Friedrichs das Buch Working Class gewidmet. Sie hat Menschen begleitet und unterfüttert ihre Geschichten mit Experteninterviews, wissenschaftlichen Studien und essayistischen Passagen. Herausgekommen ist nicht nur das eindrückliche Porträt einer neuen Arbeiterklasse, die sich überhaupt erst als solche zu verstehen lernen muss. Es ist auch die Geschichte einer Generation, die es als erste in der Nachkriegszeit nicht besser haben wird als ihre Eltern.

der Freitag: Frau Friedrichs, Sie vergleichen den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft mit einer Leistungssportler*in vor dem Riss der Achillessehne. Wie nah sind wir dieser Verletzung?

Julia Friedrichs: Bei einer solchen schweren Verletzung reißt die Sehne auf einmal mit einem lauten Rumms, sodass es jeder mitbekommt. So etwas wird unserer Gesellschaft aber wohl nicht passieren. Vielmehr gibt es hier ganz viele kleine Verletzungen und Überdehnungen, deren Summe irgendwann dazu führen könnte, dass etwas auseinanderreißt. Das entspräche dann eher dem sogenannten „soccer’s ankle“, dem „Fußballergelenk“, bei dem unzählige kleine Risse im Laufe einer Karriere dafür sorgen, dass das Gelenk am Ende nicht mehr funktionsfähig ist. Einen solchen Karriereverlauf nimmt auch unsere Gesellschaft seit einigen Jahrzehnten.

Den größten Druck in dieser Situation muss die arbeitende Bevölkerung aushalten, die „Working Class“, für die es Ihrer Ansicht nach gar keinen richtigen deutschsprachigen Namen – und somit auch keine gemeinsame Identität – mehr gibt. Zeigt sich in dieser Sprach- und Identitätslosigkeit genau das Problem?

Absolut. Die Menschen, die ich für das Buch getroffen habe, begreifen ihr Ringen um bessere Arbeits- und Lebensbedingungen als Einzelkampf. Es gibt kein geteiltes Bewusstsein dafür, dass man als nicht vermögende, arbeitende Bevölkerung in einer gemeinsamen Lage ist, aus der man sich auch gemeinsam herausbewegen müsste. Und ich glaube, das fängt tatsächlich bei der Sprachlosigkeit an. Der Begriff der „Arbeiterklasse“ ist in Deutschland bereits stark besetzt und verbraucht. Man spricht stattdessen von den „einfachen Leuten“ oder der „hart arbeitenden Mitte“. Mit der auch in den angelsächsischen Ländern unverbrauchteren Bezeichnung der „Working Class“ folge ich den US-Ökonomen Emmanuel Saez und Gabriel Zucman, die damit Menschen meinen, die allein von ihrer Arbeit leben müssen. Das betrifft in Deutschland immerhin 50 Prozent der Bevölkerung. Die Definition hat den Vorteil, dass sie auch Menschen ohne Vermögen umfasst, die – aus welchen Gründen auch immer – nicht arbeiten, arbeiten können oder dürfen.

Zur Person

Julia Friedrichs, geb. 1979 in Westfalen, studierte Journalistik in Dortmund und Brüssel. Sie ist Autorin mehrerer erfolgreicher Sachbücher, darunter Gestatten: Elite. Auf den Spuren der Mächtigen von morgen (2008) und Wir Erben: Was Geld mit Menschen macht (2015)

Die Working Class, die Sie porträtieren, das sind Reinigungskräfte, Büroangestellte, Freiberufler. Wie kann eine so diverse Gruppe eine gemeinsame Klassenidentität entwickeln?

Am Ende teilen diese Menschen eben doch dasselbe Schicksal. Für sie alle ist es in den vergangenen Jahrzehnten deutlich schwieriger geworden, von ihrer Arbeit zu leben, geschweige denn dabei noch etwas anzusparen. Die prekarisierenden Veränderungen am Arbeitsmarkt – Lohnstagnation, Wegfall von Festanstellungen, Outsourcing, fehlende Anerkennung – sind etwas, das von Ungelernten bis hin zu exzellent Ausgebildeten im Grunde alle verbindet. Daher wäre es auch möglich, ein gemeinsames Bewusstsein aufzubauen, je mehr man über diese Dinge spricht und die verbindenden Mechanismen aufzeigt.

Warum haben wir eigentlich aufgehört, uns als Klassengesellschaft zu betrachten?

Ich glaube, dass wir gedanklich in den 80ern hängen geblieben sind und uns immer noch für die nivellierte Mittelstandsgesellschaft halten, die wir auch damals schon nicht wirklich waren. Und doch waren damals etwa die Aufstiegschancen so groß wie seither nie wieder. Die Unterschiede zwischen unterem und oberem Ende der Einkommensskala waren relativ gering. Seither haben sich die ökonomischen Rahmenbedingungen zwar eklatant verändert, aber in den Köpfen vor allem älterer Menschen – nicht zuletzt derjenigen, die heute den Diskurs dominieren und politische Entscheidungen treffen – bietet unsere Gesellschaft vermeintlich immer noch die gleichen Chancen wie damals.

Die Corona-Krise hat die Ungleichheitsrisse in unserer Gesellschaft noch einmal verschärft. Kann sie nun auch die kritische Masse für eine Trendumkehr erzeugen?

Ich weiß nicht, ob die Corona-Krise die Ungleichheiten wirklich verschärfen wird, sie hat sie aber auf jeden Fall offensichtlicher gemacht. Es war zwar im Grunde absurd, wie erstaunt zu Beginn der Pandemie viele Leute schienen, wie wenig Kassiererinnen und Krankenpfleger eigentlich verdienen – und ihnen dann vor lauter Rührung applaudiert haben. Ich war daher anfangs sehr zuversichtlich, dass das auch echte Veränderungen nach sich ziehen würde, aber wurde im Lauf der Buchrecherche schwer enttäuscht. Sait etwa, der trotz Pandemie jeden Tag weiter die U-Bahnhöfe putzen musste, bekam am Ende nur eine minimale Lohnerhöhung und keine Prämie, sondern gerade mal einen 20-Euro-Shopping-Gutschein für seinen Einsatz. Und inzwischen scheinen all die „systemrelevanten“ Arbeitsheld*innen schon wieder völlig vergessen zu sein.

Gibt es trotzdem Hoffnung für die Working Class?

Ja, ich glaube schon, dass sich langsam etwas tut. Den Anfang markiert hier die Einführung des Mindestlohns 2016, die den untersten Einkommensgruppen wirklich etwas gebracht hat. Der Mindestlohn ist mit derzeit 9,50 Euro natürlich noch viel zu niedrig, aber die Kompression der unteren Einkommen wurde immerhin nachweislich gestoppt. Ein nächster kleiner – aber wichtiger – Schritt könnte die Kindergrundsicherung sein, denn Kinder sollten nicht weiterhin das größte Armutsrisiko für Familien in Deutschland sein. Und es wundert mich schon, dass es nach einem Jahr Pandemie und Schulschließungen noch keine nationale Anstrengung gibt, dafür zu sorgen, dass die Kinder, die in prekären Verhältnissen ohnehin immer schon schlechtere Karten hatten, nicht ganz ohne Karten dastehen. Ja, das Thema Klasse kehrt zwar langsam zurück auf die Agenda, aber um die Dynamik der sozialen Ungleichheit zu stoppen, bedarf es einer viel größeren Entschlossenheit.

Info

Working Class. Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können Julia Friedrichs Berlin Verlag 2021, 320 S., 22 €

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06:00 13.04.2021
Geschrieben von

Ausgabe 29/2021

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