Hört es knurren

Bühne Am Deutschen Theater extrahiert Regisseur Stephan Kimmig einen minimalistischen Abend aus Euripides und Homer
Tom Wohlfarth | Ausgabe 48/2019

D ie Literatur der griechischen Antike hat uns eine gewaltige Pandorabüchse heftigster – auch politischer – Emotionen hinterlassen, an der sich unsere vergleichsweise immer noch affektarme liberale Kultur von Zeit zu Zeit ganz gerne bedient – zumindest im geschützten, gutbürgerlichen Raum des Theaters, wo man die Büchse ja jederzeit wieder mit den Saaltüren von außen verschließen kann.

Der Zorn des Achill etwa ist das erste Wort von Homers Ilias, mit ihm beginnt also gewissermaßen die europäische Literaratur. Und wenn die heutige Soziologie uns gegenwärtig wieder eine zunehmend antiliberale „Gesellschaft des Zorns“ aufzeigt, liefert diese gleich auch einige verwandte homerische Emotionen. „Wut, Hass, Trauer“, so etwa lautet ein solcher Gefühlsverlauf bei Euripides, der als der modernste der großen antiken Dramatiker gilt. Wut, Hass, Trauer, die Emotionen dominieren zurzeit auch den Gefühlshaushalt unserer polarisierten Gesellschaft.

Vor allem das Herzstück dieser Trias, den Hass, nimmt man sich an den Berliner Bühnen gerade vor. Nach Sibylle Bergs Hass-Triptychon, das in der Regie Ersan Mondtags am Maxim-Gorki gerade die moderne Wutbürger-Psyche erkundete, unternimmt nun Regisseur Stephan Kimmig am Deutschen Theater eine „Archäologie des Hasses“ bei Homer und Euripides, und zwar anhand der trojanischen Königin Hekabe, der „Mutter aller Leiden“, die im Krieg um ihre Stadt all ihre 50 Kinder verlor. Der Hass kam damals also nicht aus Langeweile, wie es Berg für die Gegenwart insinuiert, sondern aus den Schrecken des Krieges. Schilderte Homer den Trojanischen Krieg primär aus der Perspektive der (männlichen) Sieger, gibt Euripides ein paar Jahrhunderte später vor allem den (weiblichen) Opfern eine Stimme.

Diese Stimmen sind es auch, für die sich Kimmig interessiert, und zwar so buchstäblich, dass er sie laut Untertitel als „Konzert“ inszeniert. Ein gewisser Minimalismus war Kimmig schon immer eigen, hier wird er zu einer fast völligen Reduktion auf den Text, den drei Generationen von Frauen (in wechselnder Gestalt von Katharina Matz, Almut Zilcher und Linn Reusse), immer wieder auch vor Notenständern stehend, abwechselnd solistisch und im Chor vortragen, stellenweise durchbrochen von szenischen oder auch nur pantomimischen Einsprengseln. Flankiert werden die Frauen von Paul Grill, der die meisten Männerrollen mimt, und Michael Verhovec, der das Ganze mit zumeist düsterem Grundton untermalt.

Frauen als Beute

So hören wir in Kapiteln, die „Mütter“ oder „Unterwelt“ heißen, aus Homers Odyssee und Euripides’ Troerinnen, (die beide zuletzt häufiger auf der Bühne zu sehen waren) und aus Euripides’ selten gespielter Hekabe (die den Rezensenten an einen furiosen Abend an den Münchner Kammerspielen vor genau zwanzig Jahren erinnert). Höchste Konzentration ist beim Zuschauer gefragt, sonst ist er verloren, denn es ist wie immer kompliziert im antiken Griechenland.

Ganz zu Beginn wird berichtet, wie Achills Sohn Pyrrhos dem König Trojas und Hekabes Mann, Priamos, nach der Eroberung der Stadt den Kopf abschlägt. Die trojanischen Frauen werden als Kriegsbeute an die griechischen Eroberer verteilt und fortan deren Willkür überlassen. Versucht die dem Odysseus zugeloste Hekabe anfangs noch ihre Töchter zu ermutigen, die Stärke der Frauen liege nicht im Siegen, sondern im Verlust, bietet die Verklärung bald keinen Halt mehr. Bevor die Schwiegertochter Andromache dem Sohn Achills, des Mörders ihres Mannes Hektor, folgt, muss sie noch die Ermordung ihres kleinen Sohns Astyanax erdulden. Hekabes letzte Hoffnung auf die Zukunft Trojas stirbt mit der Kunde vom Tod ihres ins Exil gebrachten Sohnes Polydor.

Hekabe sinnt nun auf Rache. In einem starken Finale (das sich allerdings auch wie der erste richtige Höhepunkt der kurzweiligen 80 Minuten anfühlt) wird sie verschränkt mit einer eigentlich früheren Szene, der Opferung Polyxenas durch die Griechen. Sie stirbt als Bild der Freiheit und des Hasses, den sie ihren Peinigern entgegenbrüllt. Ein verzweifelter Versuch der Selbstermächtigung im Angesicht der Auslöschung, demgegenüber die Rache an Polymestor und die Tötung seiner Söhne sich in ein einziges, bloßes Bild zu verdichten scheint: die Erhebung der geschundenen Frau über den sie geschunden habenden Mann. Die allerdings fällt in eins mit einer anderen Form der Entmenschlichung: Wut, Trauer, Hass werden schließlich aufgehoben im Knurren der Hündin, in die Hekabe zur befreienden Strafe für ihre Rache – und als künftige Rächerin – verwandelt wird.

Eine menschlichere Antwort auf Hass und Leid bleibt dieser Abend schuldig. Auch heute ist Frauenhass bis hin zu Mord grausame Realität. Das machten am Tag nach der Premiere etwa die Pariser Proteste gegen die noch immer erschreckend hohe Zahl von Femiziden auch in Europa deutlich. Kimmigs reduziertes Kammerkonzert stellt solche Bezüge selbst nicht her. Es bleibt also dem Publikum überlassen, die starken Monologe auch als Mahnung an die anhaltende Aktualität dieser Tatsachen aufzufassen.

Info

Hekabe – Im Herzen der Finsternis Stephan Kimmig (Regie), DT Berlin, bis 29.12

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06:00 06.12.2019
Geschrieben von

Ausgabe 28/2020

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