Licht im All

Astrophysik Heino Falcke erzählt die Geschichte des ersten Bildes von einem Schwarzen Loch

Der Vater der modernen Quantenphysik, Max Planck, wäre vielleicht nie zu diesem geworden, hätte er einst auf seinen Professor gehört. Der hatte dem Abiturienten Planck Ende des 19. Jahrhunderts nämlich vom Physikstudium abgeraten, da „in dieser Wissenschaft schon fast alles erforscht“ sei. Zwei Generationen und zahlreiche physikalische Revolutionen später konnte einer der Begründer der Quantenmechanik, Werner Heisenberg, dem jugendlichen Carl Friedrich von Weizsäcker hingegen raten, wenn er tatsächlich als Philosoph die Rätsel des menschlichen Daseins lösen wolle, müsse er vorher Physik studieren. Weizsäcker hörte auf den Professor und wurde schließlich einer der größten Vermittler zwischen Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften.

Die erste dieser beiden Geschichten erzählt der Astrophysiker Heino Falcke gegen Ende seines Buchs Licht im Dunkeln und stellt nun seinerseits die Frage, ob es wohl ewig so weitergehen werde mit den revolutionären Entdeckungen in der Physik. Falcke ist da etwas skeptisch und meint: „Vielleicht ist die große Entdeckung, dass wir nicht alles entdecken können.“ Gerade die Grenzen des Wissens in der Physik seien dann wiederum eher ein Fall für Philosophie und Religion.

Aus Sicht des Universums

Dabei zählt Falcke selbst zu den Urhebern einer der größten wissenschaftlichen Sensationen der letzten Jahre, nämlich der ersten Aufnahme eines Schwarzen Lochs, die im April 2019 mit riesigem Medienecho der Weltöffentlichkeit präsentiert wurde – und schließlich dieses Jahr wohl auch für die Nobelpreisvergabe an einige der Grundlagenforscher:innen auf diesem Gebiet mitverantwortlich gewesen sein dürfte. Das Buch erzählt nun die Geschichte dieses Bildes, zum einen aus Falckes ganz persönlicher Sicht, zum anderen gewissermaßen aber auch aus Sicht des Universums und des langsam, aber stetig zunehmenden menschlichen Wissens darüber.

Falcke hat sich für seine Erzählung Beistand bei dem Wissenschaftsjournalisten Jörg Römer geholt, und gemeinsam gelingt ihnen das Kunststück, individuelle und intergalaktische Perspektive anschaulich und überaus unterhaltsam zu verknüpfen (auch in der Hörbuchfassung trifft Sprecher Frank Arnold stets den richtigen Ton zwischen Heiterkeit und Staunen). Etwa wenn die Faszination des kleinen Heino für die gewaltigen Kräfte eines tonnenschluckenden Müllautos mit der des späteren Studenten für Schwarze Löcher verglichen wird, diese „kosmischen Müllschlucker“, die theoretisch sogar ganze Galaxien auffressen könnten.

Die erste Begeisterung für die kosmischen Vielfraße vermittelte Falcke 1990 ausgerechnet ein Artikel des deutschen Astrophysikers Reinhard Genzel über die Vermutung ebenjenes supermassereichen Schwarzen Lochs im Zentrum unserer Milchstraße, für dessen Entdeckung Genzel sich nun den Nobelpreis teilen durfte. Und zwar – neben dem britischen Theoretiker Roger Penrose – mit seiner einstigen Konkurrentin Andrea Ghez aus den USA. Die Verleihung findet am 10. Dezember statt, und als hätte Falcke genau diese Preisverkündung wenige Tage vor Erscheinen seines Buches im Oktober geahnt, beschreibt er die Jagd der beiden Forscherteams auf das damals noch ungeklärte Objekt wie einen Krimi. Und die Pointe, dass sie am Ende beide belohnt wurden, entspricht auch Falckes Perspektive, dass die Erfüllung seines eigenen jahrzehntelangen wissenschaftlichen Traums nur mithilfe der weltweiten Zusammenarbeit Dutzender Forschungsteams und -institutionen möglich war. Diese Kleinheit des Einzelnen, wie die verschwindende Kleinheit des menschlichen Wissens angesichts der unermesslichen Weite des Alls, mag dann auch die erstaunliche Demut erklären, die Falcke bei der Schilderung seines sensationellen wissenschaftlichen Erfolgs an den Tag legt. Die Geheimnisse des Universums werden auch mit noch so großen technologischen Anstrengungen vermutlich niemals ganz zu lüften sein. Will der Mensch ihnen auch nur nahe kommen, dürfte er neben Wissenschaft, Philosophie und Religion auch auf die Künste kaum verzichten können. Die haben unterdessen auch ihren Weg in die Sternwarten und Planetarien gefunden. Im ältesten noch betriebenen Planetarium der Welt, dem Zeiss-Planetarium in Jena, sollte im November das 14. Fulldome Festival stattfinden, oder vielmehr der zweite Teil des Festivals, das eigentlich im Mai stattfindet, damals ins Internet verlegt wurde und nun endlich vor Ort nachgeholt werden sollte. Dann also doch wieder ins Internet.

Das ist bei 360-Grad-Projektionen natürlich besonders schmerzlich, allein, was hilft’s? Neben Debatten und Konzerten sowie Highlights der Frühjahrsausgabe war das Special Feature dieses zweiten Festivalteils die Film-Installation Eye of the Dream des Iren David OReilly. 2018 produziert von den Berliner Festspielen im Rahmen des Programms „The New Infinity“, baut sie auf OReillys phänomenalem Computerspiel Everything auf und will die Entstehung des Universums vom Urknall bis zur modernen Welt simulieren, wie es in Textform etwa Carl Friedrich von Weizsäcker 1948 in Die Geschichte der Natur unternahm. Zwar fehlt OReillys Film die intellektuelle Tiefe sowohl dieses Buchs wie auch seines eigenen zugrunde liegenden Spiels. Schön anzusehen ist er aber allemal.

Info

Licht im Dunkeln. Schwarze Löcher, das Universum und wir Heino Falcke (mit Jörg Römer) Klett-Cotta 2020, 384 S., 24 €

Das Hörbuch ist im Audio Verlag erschienen. Trailer zum Film Eye of the Dream und Computergame Everything auf davidoreilly.com

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06:00 13.12.2020
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