Zehn Jahre Revolution

Arabellion In Ägypten verboten die Machthaber „Republik der Träumer“, das die Tage der Hoffnung beschreibt
Zehn Jahre Revolution
Proteste am 11. März 2011 in Kairo, mitten im „Arabischen Frühling“

Foto: Aris Messinis/AFP/Getty Images

Die Geschichte wird von den Siegern geschrieben, sagt man. Das dürfte auch für Revolutionen gelten, ob erfolgreich oder gescheitert. Was aber, wenn lange noch nicht feststeht, ob eine Revolution erfolgreich war oder nicht, wer also hier die Sieger und wer die Verlierer sind? Dann wird der Kampf um die Revolution solange auch als Kampf um ihre Geschichte(n) ausgefochten.

Genau zehn Jahre ist es nun her, seit Geschichten über die Revolution in Ägypten erzählt werden, dem größten Land, das 2011 Teil des Arabischen Frühlings war, einer Zeit, als Facebook und Twitter ihre revolutionäre Unschuld noch nicht an rechte Putschisten verloren hatten. Es kann der Geschichtsschreibung der Revolution nicht schaden, wenn einer der führenden Revolutionäre zugleich einer der angesehensten Schriftsteller des Landes ist.

Der ägyptische Autor Alaa al-Aswani war seit Langem einer der offensten Regimekritiker, Gründungsmitglied der oppositionellen Kifaya-Bewegung und bis zum Sturz von Diktator Mubarak jeden Tag bei den Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz dabei. Er hat darüber nun einen großen Roman geschrieben, der in seinem Heimatland nicht veröffentlicht werden durfte, aber zum 10. Jahrestag des Protestbeginns am 25. Januar auf Deutsch erscheint.

Die Republik der Träumer zeichnet ein Panorama der ägyptischen Gesellschaft, die zwischen dem Sehnen nach Freiheit und Veränderung und dem Beharren in der alten Ordnung von Jahrzehnten (oder Jahrtausenden) der Unterdrückung zerrissen ist. Im Zentrum der aus wechselnden Perspektiven erzählten kurzen Kapitel stehen die Geschichten einer bunt zusammengewürfelten Gruppe von Demonstranten, überwiegend junge Akademiker:innen, die sich gleichwohl als Anwälte des gesamten Volks verstehen. Eine besondere Rolle spielt der ältere, aufgrund mangelnder Regimenähe erfolglose, jedoch seiner aristokratischen Herkunft wegen äußerst wohlhabende Schauspieler Ashraf, der zu Beginn des Romans seine Tage damit verbringt, Joints rauchend eine fragwürdige Abhandlung über die „Liebe der Dienerinnen“ zu schreiben, um anschließend mit seiner Bediensteten Ikram die Theorie einem anrührenden Praxistest zu unterziehen. Zunächst gänzlich apolitisch, wird Ashraf durch Zufall in die Ereignisse der Revolution verwickelt und gerät daraufhin zu einem ihrer wichtigsten Vorkämpfer.

Der Geheimdienstchef bereut

Doch Aswani zeigt uns auch die Gegenseite als Menschen aus Fleisch und Blut, die ihre eigene Geschichte haben und deren Motive wir zwar kaum akzeptieren werden, aber durch das Hören ihrer Seite können wir uns wenigstens mit ihnen auseinandersetzen (wenn auch nie ganz ohne Aswanis subtil beißenden Spott). So beginnt das Buch aus der Perspektive Ahmed Alwanis, dem so skrupellosen wie strenggläubigen Geheimdienstchef, der morgens nach dem Moscheebesuch Pornos guckt, um sich vor der Arbeit in Stimmung für seine ihm inzwischen allzu beleibte Ehefrau zu bringen. Alwani bereut zutiefst, aus Rücksicht auf seine Frau ihre einzige Tochter Dania zum Studium nicht auf eine westliche Eliteuni geschickt zu haben, wo sie unter all den anderen internationalen Aristokratenkindern wohl kaum auf revolutionäre Gedanken käme. Unter den „Kindern des Pöbels“ an der Universität Kairo aber lernt sie den Arbeitersohn Chaled kennen (und lieben), der Dania schließlich für die Revolution begeistert. Deren Verlauf lässt Aswani uns durch seine Figuren noch einmal nachempfinden, zunächst von den ersten Demonstrationen bis zum Rücktritt Mubaraks am 11. Februar, der als riesiger Erfolg gefeiert werden durfte, auch wenn bis dahin bereits um die tausend Demonstranten zu Tode gekommen sind. Doch die Machtübernahme des Militärs stellt die Tahrir-Bewegung nicht zufrieden, die Proteste gehen weiter. Der Kampf um die Deutungshoheit der Revolution beginnt, und auch die Muslimbrüder treten auf den Plan. Die neue Regierung errichtet eine Propaganda-Maschinerie, um die Demonstranten zu diffamieren. Auch die Protestler ziehen durchs Land, um das Volk über die Verbrechen des Militärs aufzuklären. Doch ihre Zustimmung schwindet.

Aswani gelingt es, all das in intimen Szenen, im Spiegel der Gefühle und Beziehungen seiner Protagonisten erlebbar zu machen. Er erzählt in einer lustvollen, lebenssatten Sprache (beeindruckend übersetzt von Markus Lemke), immer wieder durchzogen von Schilderungen äußerster Gewalt. (Im Hörbuch trifft Torben Kessler für beides den richtigen Ton.)

„Eine Revolution bedeutet eine menschliche Veränderung, keine politische. Sie vollzieht sich in den Herzen“, sagte Aswani vor Jahren in einem Interview. „Die Menschen überwinden die Barriere ihrer Angst und sind bereit, für die Freiheit zu sterben. Das geschah in Ägypten. Darum bin ich immer noch hoffnungsvoll. Wir haben die politischen Ziele der Revolution verfehlt. Aber die Revolution ist nicht fehlgeschlagen.“ Sein Roman spitzt diese Ambivalenz noch weiter zu. Er endet auf einem Höhepunkt der Gewalt vor der Wahl des Islamisten Mursi und seinem anschließenden Sturz durch das Militär. Am Ende stehen sich auch aufseiten der Protestler zwei scheinbar unversöhnliche Perspektiven gegenüber: die ungebrochen idealistische, verkörpert durch den Gewerkschafter Mazen, der auch angesichts härtester Staatsgewalt die Hoffnung auf Recht und Freiheit nicht aufgibt, auch wenn die Mehrheit der Streikenden sich letztlich zur Sicherung ihrer Stellen mit dem neuen Regime arrangiert. Mazen gegenüber steht aber auch seine Geliebte, die Lehrerin Asma, die desillusioniert ins Ausland flieht und Mazen ebenfalls zur Flucht bewegen will.

Die Geschichte dieser Revolution, so viel ist klar, wird auch nach Aswanis Republik der Träumer noch weiter zu schreiben sein.

Info

Die Republik der Träumer Alaa al-Aswani Markus Lemke (Übers.), Hanser, 464 S., 25 €

Das Hörbuch erscheint bei Hörbuch Hamburg

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06:00 25.01.2021
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Ausgabe 08/2021

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