Verklärte Sicht

Krise Menschen schätzen die Lage der Welt schlechter ein, als sie ist. Das kann zum Problem werden
Verklärte Sicht
Auch die Herren der Welt beim Davoser Wirtschaftsforum malen mit am Bild einer immer ängstlicheren und einsameren Welt

Foto: Fabrice Coffrini/AFP/Getty Images

Die Wirklichkeit ist eine knifflige Angelegenheit. Wirklich! Eine weltweite Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ipsos hat ergeben, dass wir bei der Einschätzung von „gesellschaftsrelevanten Themen“ oft weit danebenliegen. Wie oft haben junge Leute Sex? Den Antworten zufolge leben unter 30-Jährige praktisch nur im Bett. Wie viele Menschen sind derzeit erwerbslos? Laut der Wahrnehmung vieler Bundesbürger ist die Arbeitslosenquote doppelt so hoch wie im Weltwirtschaftskrisenjahr 1929. Wie viele Migranten sind unsere Nachbarn? 30 Prozent? Weit gefehlt: Es sind 15.

Man kann sagen: Die Leute schätzen nicht die Wirklichkeit, sie schätzen sich in ihre eigene Welt hinein. Das ist ein Problem, denn der fehlerhafte Blick wird allzu gern bewirtschaftet. Medien befeuern eine Themenökonomie, die das Interesse auf die Mühlen eigener Berichterstattung lenkt – wobei diese dann das schiefe Bild wieder bestätigt, und so fort.

Über die rechtsradikalen Profiteure produzierter „Wirklichkeiten“ ist auch schon viel gesagt worden; die Ankläger vermeintlicher „Fake News“ sind deren größte Produzenten, und sie tun dies, weil ihnen das zum Tränken der Lunte dient. Auch die Herren der Welt beim Davoser Wirtschaftsforum malen mit am Bild einer „immer ängstlicheren, unglücklicheren und einsameren Welt“. Aus Sorge? Wer das „Risiko sozialer Unruhen“ betont, bietet sich wohl eher als Bewahrer einer Ordnung an, die – nun ja: doch eigentlich die Ursache jener „ängstlicheren, unglücklicheren und einsameren Welt“ sein müsste. Irgendwoher muss es ja kommen.

Oder könnte es sein, dass „die anderen“ recht haben? Dass also nicht deren Wahrnehmung Tücken hat, sondern meine? Die Zahl registrierter Erwerbsloser mag politisch hingebogen werden, so gravierend falsch wie im erwähnten Ipsos-Irrtumsindex ist sie nicht. Dies anderen vorzuhalten kann zu Rechthaberei führen.

Selbstzweifel scheinen in einer grundtief wettbewerbsgeprägten Gesellschaft keinen Vorteil zu bilden. Das Problem scheint tief zu sitzen, und es macht jede Debatte schwierig. Nicht eine bestimmte politische Gruppierung ist es, „die sich Fakten zurechtlügt, es ist hingegen eine zutiefst menschliche Verhaltenstendenz“, so formuliert es der Erzähler und Psychologe Leander Steinkopf. Er empfiehlt keineswegs „Toleranz gegenüber Idioten“, sondern das Anerkenntnis eigener Fehlbarkeit: „das Risiko, selbst ein Idiot zu sein“.

Tom Strohschneider war Redakteur des Freitag, arbeitete dann kurz bei der taz und von 2012 bis 2017 als nd -Chefredakteur

06:00 12.02.2019

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