Verrückte Vernunft

Nur mal 'ne Idee - Was wäre, wenn auf dem politischen Parkett längst nicht mehr Politiker, Diplomaten und Berater die Akteure sind, sondern rational denkende Computer?
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Mittlerweile kann ich mir, ehrlich gesagt, das Zustandekommen mancher politischen Aktionen nur dadurch erklären, dass Computerlogik in der täglichen Praxis des Politik-Machens eine tragende Rolle spielt.

Nach dieser, meiner, zugegebenermaßen leicht fiebrig wirkenden, Erklärung würden Aussagen und Handlungen von PolitikerInnen nicht mehr auf einer, von menschlichem Erfahrungswissen getragenen Vernunft basieren, sondern auf einer computergenerierten, möglicherweise binären,1 Super-Vernunft, die dem menschlichen Erleben nicht zugängliche Informationen in ihr Denken einbeziehen kann.

Der Film "The Trap" von Adam Curtis und etliche wissenschaftliche Zeugnisse thematisieren, wie Theorien rationalen Handelns (a.k.a. Rational Choice) in den 60ern zur Lösung internationaler Konflikte angewendet wurden (u.a. Kubakrise). Die politikwissenschaftliche Aufsatzsammlung
"Programming for Peace. Computer-Aided Methods for International Conflict Resolution and Prävention" aus dem Jahr 2006 zeigt, was vor 8 Jahren, also im Zeitalter der gestrigen Technik, im Bereich der computervermittelten Konfliktlösung so ging.

Auch wenn Simulationen, Entscheidungen und Strategien des politischen Handelns heute im Jahr 2014 mit Hilfe von Quanten-Prozessoren noch schneller und genauer getroffen werden können als vor 50 oder 8 Jahren: vermutlich laufen die Computer immer noch nach John Nashs Spieltheorie, die schon damals Basis für die Entwicklung politischer und militärischer Handlungsstrategien war. Das Ergebnis des aktuellen Handelns der PolitikerInnen scheint dann ja auch das gleiche, wie vor 30 oder 50 Jahren: eine Verschärfung der Konflikte.

Sind aktuelle internationale politische Krisen also vor allem Krisen des rationalen Denkens? - Mmmh … möglich, aber das wäre nichts Neues. Jeder Krieg scheint eine Krise des vernünftigen Denkens zu sein, handelt doch jede daran beteiligte Partei in der relativ festen Überzeugung, mit ihrem Handeln das Vernünftigste zu tun.

Nur Wenige erkennen die Verrücktheit ihrer Vernunft. John Nash ist das gelungen. Er konstatiert in "The Trap", dass seine Theorien zum vernünftigen Handeln nicht viel mit dem komplexen Verhalten und Denken menschlicher Wesen zu tun haben und möglicherweise Resultat seiner Krankheit sind. Aber vielleicht war er auch gerade mal wieder verrückt, als er das konstatierte.

16:13 09.09.2014
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