David Begrich
05.09.2011 | 12:30 33

Normalfall NPD

Wahl im Nordosten Die Neonazi-Partei ist mit ihrer Strategie, die Demokratie von innen aufzurollen und sich im vorpolitischen Raum festzubeißen, von vielen sträflich unterschätzt worden

Als die NPD vor fünf Jahren ins Schweriner Schloss einzog, begannen noch am Wahlabend erhitzte Debatten zwischen Politikern und Analysten über die Ursachen des Erfolgs und die Frage, wie man sich strategisch mit den Rechtsradikalen auseinandersetzen muss. Fünf Jahre und einen weiteren Wahlerfolg der Partei zwischen Peene und Elbe später ist die Neonazi-Partei vielen Kommentartoren nur eine Randbemerkung wert. Während die FDP ausführlich Spott und Mitleid abräumt, wird der Wiedereinzug der NPD konstatiert. Punkt.

Experten und Politiker hatten die Partei nach dem Misserfolg der NPD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt schon abgeschrieben. Eine weit verbreitete Meinung gerade bei den so genannten Parteienforschern der Südschiene lautete, vom Scheitern der Rechtsextremen in Magdeburg werde sich die Partei um Bundeschef Udo Voigt auch anderswo nicht mehr erholen. Doch dessen Gesinnungsgenossen im Nordosten haben in den letzten fünf Jahren "Gas gegeben" - um einmal die Wahlkampagne der Berliner NPD zu zitieren. Anders als in der Öffentlichkeit wahrgenommen, machten der Fraktionsvorsitzende Udo Pastörs und dessen Kameraden im Schweriner Schloss nicht nur Krawall.

Die NPD hat sich durch harte Basisarbeit im vorpolitischen Raum festgebissen. Nirgendwo in Deutschland kann die Partei auf eine solche Infrastruktur des Sozialen zurückgreifen, wie in den vorpommerschen Wahlkreisen. Das dem so ist und wie es funktioniert, wurde in den letzten Monaten oft und bildreich beschrieben. Aber es interessiert niemanden. Politik und Gesellschaft scheinen sich mit der gesellschaftlichen Präsenz der NPD und mit ihrer parlamentarischen Repräsentanz abgefunden zu haben.

Das Ergebnis bestätigt jene Warner, die meinen, man könne die NPD nicht mit den Ellen einer normalen Partei messen. In der rechtsextremen Szene wird nicht in Legislaturperioden, Anwartschaften auf Staatssekretärsposten oder Gesetzentwürfen gedacht. In Partei und Fraktion der NPD denkt man an die Machtübernahme. Das ist absurd. Das stimmt. Doch die Partei ist mit ihrer Strategie, die Demokratie fast unsichtbar von innen aufzurollen, von vielen politischen Beobachtern weit unterschätzt worden. Udo Pastörs hat nie einen Zweifel daran gelassen, wessen Geistes Kind er ist.

Dafür ist er wiedergewählt worden. Die Auseinandersetzung mit den Politik- und Deutungsangeboten der extremen Rechten wird sich nicht nur an ihrer Qualität, sondern auch an ihrer Bereitschaft zur Ausdauer messen lassen müssen. Dort, wo sich demokratische Akteure abwenden, kann morgen schon die braune Graswurzelrevolution giftige braune Sumpfblüten treiben.

Kommentare (33)

Dabularasa 05.09.2011 | 15:21

Und nun ?

Aktionen wie Storch Heinar und Endstation rechts haben sich jetzt als Web 2.0 Blase erwiesen.
Anstatt das Geld in die Sozialarbeit vor Ort zu investieren wird in solche "Comedy"Projekte wie Storch Heinar Geld gepumpt.
Und dann noch eine Millionen Investition in eine Zeitung die vor der Wahl an die Haushalte verteilt wurde.
Diese Geldmittel hätte gegen Verarmung und soziale Verwahrlosung investiert werden sollen.
Aber nein,die UN muss Deutschland den Spiegel vorhalten.
Und auf die Not der Kinder im Land hinweisen.
Entziehen Sie der rechten Ideologie den Nährboden indem die sozialen Lage der Bevölkerung verbessert wird.
Das ist dann ein effektiver Kampf gegen Extremismus.
Und nicht ein wild schnatternder Hühner/Storchenhaufen.

Horsti 05.09.2011 | 19:33

Das "Und nun?" ist relativ einfach zu beantworten und es wurde im Artikel auch genauso angesprochen.

Einsehen, daß nichts mit Verboten zu erreichen ist und daß sich die Menschen im Nordosten, wie auch in anderen Landesteilen, von der etablierten Politik einfach nur verraten und verkauft fühlen.

Die etablierten Parteien versagen großflächig und dürfen sich dann nicht wundern, wenn die verlassenen Äcker dankbar von der NPD beackert werden.

Im Spiegel ist zu lesen, daß es zum Ehrenkodex im Schweriner Landtag gehört, nicht mit NPD-Abgeordneten gemeinsam einen Fahrstuhl zu benutzen. Auch möchte man nur fraktionsübergreifend mit einer Stimme auf die NPD reagieren.
Herzlichen Glückwunsch!
Sowas ist kindisch und dumm, wird aber nie etwas ändern.

Dafür spricht es Bände über die geistige Leistungsfähigkeit der ach so demokratischen Kräfte.

Wann wird endlich begriffen, daß man eine NPD weder verbieten, noch totschweigen kann?

Wann wird begriffen, daß die etablierten Parteien die besten Wahlhelfer der NPD sind, wenn sie den Menschen das Gefühl des Imstichgelassenseins nicht nehmen können?

Würde es im Nordosten wirtschaftlich bergauf gehen, wäre die NPD dort, wo die FDP heute schon ist - in der wohlverdienten Bedeutungslosigkeit.

Tom Bombadil 05.09.2011 | 21:48

>>>Wann wird endlich begriffen, daß man eine NPD weder verbieten, noch totschweigen kann?

Wann wird begriffen, daß die etablierten Parteien die besten Wahlhelfer der NPD sind, wenn sie den Menschen das Gefühl des Imstichgelassenseins nicht nehmen können?>>>

Nie, Horsti und dabularasa. (Beide Beiträge übrigens sehr gut – im Unterschied zum Artikel von Herrn Begrich). Das ist ja das Problem. Auch der Artikel von David Begrich hilft da mitnichten weiter. Zahnloses Lamentieren, nix weiter. Leider.

Das ist ja DIE ZEIT weiter. Wer mal schauen möchte...

www.zeit.de/politik/deutschland/2011-09/Mecklenburg-Vorpommern-Wahl-NPD

Aber auch dieser Artikel des "Qualitätsjournalismus" reißt nur an; erklärt kaum was (nur in Andeutungen) und bietet natürlich auch keine Lösungen.

Dabei ist das alles nun wirklich einfach – und überhaupt nicht neu.

Warum ist die NPD erfolgreich?
Weil die sich kümmern. Die helfen beim „Behördenkram“ (schreibt DIE ZEIT). Die helfen den Müttern, helfen bei der Blagenbetreuung und und und.

Was machen die herrschenden „Volksverweser“?
Die kürzen die Mittel. Toll! Und da wundert sich die Journaille und fragt „Wieso? Weshalb? Warum?“ Zum Heulen das ganze.

Wer tatsächlich wissen möchte, warum der braune Dreck erfolgreich ist, sei auf den unvergessenen Gordian Troeller (die Älteren können sich vielleicht noch erinnern) verwiesen; besonders seine Serien „Frauen der Welt“ und „Kinder der Welt“. Ich erinnere mich noch vage an eine Sendung anfang/mitte der Neunziger, als er die Erfolge der Hisbollah klar machte: Da kümmerte sich wer um die Kinder und Frauen, um die einfachsten Bedürfnisse! Und die „Helfer“ wurden und werden natürlich gewählt. Die Erfolge der Hamas in Gaza sind ein Produkt von „Kümmern“. So einfach ist das. Und genau das ist das Erfolgsrezept der Braunen hierzulande. Kann nun wirklich jeder Depp nachvollziehen.

Und die Mainstream-Idioten (und/oder Verbrecher – weil selbstverständlich den Intelligenten unter den Journalisten völlig klar ist, wie sowas funktioniert! Daher „Verbrecher“!) publizierten damals und publizieren heute ihre „Fassungslosigkeit“ vor dem „Phänomen“ NPD. Zum Totlachen – wenn's nicht so traurig wäre.

Hier hat der Autor David Begrich völlig Recht:

>>>Aber es interessiert niemanden. Politik und Gesellschaft scheinen sich mit der gesellschaftlichen Präsenz der NPD und mit ihrer parlamentarischen Repräsentanz abgefunden zu haben.>>>

Eben. Es interessiert eben niemanden! Auch hier in der FC offensichtlich nicht. Leider. (Hier wird lieber mit hundertkommentarigen Blogs über die Befindlichkeiten spätpubertierender MittdreißigerInnen debattiert, oder, warum im Paradies gefickt wurde – oder eben nicht. Oder es werden grandios witzige Nominalistendebatten bez. Proleten versus Proletariern geführt. Alles natürlich „wichtiger“, als die Frage, wie sich die aufgeklärte EinwohnerInnenschaft dieses Landes der sich manifestierenden braunen Pest entgegen stellen könnte.) Manchmal könnt' ich (wie heißt das nochmal auf Vornehmdeutsch? Ja, klar:) vomitieren (glaubich jedenfalls).

Unleidlichen Gruß
Tom

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Zu erschöpft, um Nazi-Rauskickprojekt zu starten

Horsti 05.09.2011 | 22:40

Hallo Tom,

ob das Beispiel mit der Zeit so glücklich war?

"Doch zeigt das Wahlergebnis auch, dass es keiner einzigen Partei gelungen ist, die leichte Schwäche der NPD zu nutzen und in das rechte Wählerreservoir vorzustoßen."

Ich denke, daß auch dort nichts begriffen, dafür aber der immer falsche Weg, des Abschöpfens vermeintlich rechter Wählerschichten durch "vorstoßen" in deren vermeintliche Gedankenwelt, propagiert wird.

Das ist ebenso gefährlich wie dumm.

Allein, wenn man doch am Hebel sitzt, nur auf Schwächen des Gegners zu hoffen, ist irgendwie arm.

Es scheint jetzt schick zu sein, auch mal Urlaub im Nordosten zu machen. Wenn man am Strand oder der Strandpommenade von Binz den breiten Hintern in die Sonne hält, wird man aber kaum etwas von den Menschen und deren Befindlichkeiten lernen.
Glaubt man dann noch den Statistiken, ist das Trugbild perfekt.

Einen großen Teil des Jahres lebe ich in der Nähe Stralsunds und bilde mir daher ein, assimiliert wie ich dort als "Fischboulette" bin, mir eine Einschätzung erlauben zu können, was ich den meisten Journalisten wohl eher absprechen möchte, weil sie nie (außer im Urlaub) dort waren und nur Höhrensagen nachplappern.

Ich könnte nun seitenlange Aufsätze schreiben. Ich kanns aber auch im einem kurzen Satz sagen:

Gebt den Menschen wieder eine Perspektive!

Die Menschen dort sind keine Nazis. Es ist eine, wenn auch simple, Art des Protests. Ein Ausdruck von Hilflosigkeit.

Allerdings sehe ich die Gefahr, daß sich sowas festsetzen kann, wenn nicht bald vernünftig und effektiv gegengesteuert wird.

Viele Grüße!

Tom Bombadil 05.09.2011 | 23:57

@Horsti

>>>ob das Beispiel mit der Zeit so glücklich war?

>>>Das ist ebenso gefährlich wie dumm.

>>>Die Menschen dort sind keine Nazis

Aber ja doch. Ich bin doch ganz bei Ihnen. Kein geistig gesunder Mensch kann doch behaupten, dass ca. bei 50% Wahlbeteiligung, also in etwa 700.000 Wählern von 1,4 Mio, die 6% NPD-Wähler, also ca. 42.000 Menschen, alles Nazis wären.

>>>Gebt den Menschen wieder eine Perspektive!

Ja, aber die gibt Ihnen keiner. Weil die für Herrschenden einfach uninteressant sind. Da lamentiert der „Qualitätsjournalist“, der, außer vielleicht im Urlaub wie Sie selbst schreiben, lieber über die „armen, verführten“ NPD-Wähler. (Wenn ich den Polke-Majewski schon lese, kommt mir die Suppe hoch!) Nur, der besagte Herr deutet wenigstens an, woran es denn liegen könnte.

„Denn dort, wo sich die NPD als Kümmerer auf der lokalen Ebene präsentierte, gewann sie auch.“
„Ausgerechnet die Rechtsextremen führen hier vor, wie man Menschen für sich einnehmen kann, und sei es auch nur durch die Hilfe beim Ausfüllen von Behördenpapieren. “

So ist es. Dünn, aber immerhin. Ich verweise hier nochmals auf Gordian Troeller.

Der FREITAG-Redakteur Begrich schreibt lediglich so verschwurbeltes Zeug wie
Die NPD hat sich durch harte Basisarbeit im vorpolitischen Raum festgebissen.

Entschuldigung, aber da fällt mir nix mehr zu ein! vorpolitisch HALLO! geht’s noch?

Was bitte, ist an „Formularen ausfüllen“, „Kinderfreizeit-organisieren“ etc. etc. vorpolitisch????
DAS IST POLITIK! Das sollte doch in einer Zeitung, die sich als „irgendwie links“ definiert, klar sein! Oder bin ich hier im falschen Film?

Daher, Horsti, Ich denke, daß auch dort nichts begriffen, dafür aber der immer falsche Weg, des Abschöpfens vermeintlich rechter Wählerschichten durch "vorstoßen" in deren vermeintliche Gedankenwelt, propagiert wird. liegen wir ganz beieinander.

Und genau das, meine ich, ist die genuine Aufgabe einer „irgendwie links“-Zeitung, dieses zu thematisieren, es möglichst exakt herauszuarbeiten.

Lieben Gruß
Tom
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Mir fallen keine Projekte mehr ein.

Dabularasa 06.09.2011 | 00:55

@horsti

der Umgang im Landtag ist schon Bezeichnend.
Ich habe immer folgende Grundsätze befolgt:

Lerne deinen politischen Gegner kennen.
Lerne welche politische Ziele dieser verfolgt.
Lerne wie er dieses Ziel erreicht.
Lerne mit ihm umzugehen.

Und erst dann kann ich mir ein Urteil über diesen erlauben.
Und dann mit der entsprechenden Agitation reagieren.
Demokraten sollten zu einem sachlichen Umgang in der Lage sein.

Dieser kindische Umgang liegt hauptsächlich an an folgender Person:

Herrn Holter:

Lebenslauf:

de.wikipedia.org/wiki/Helmut_Holter

Und eins findet kaum Beachtung ->

Die NPD hat das Medium Internet für Ihre Parteiarbeit ausgiebig genutzt.
Lückenlose Videobeiträge der Reden der Landtagsabgeordneten der NPD.
Dann genaueste Protokollierung der Arbeit der Fraktion.
Mir ist keine andere Partei bekannt die so akribisch die Parteiarbeit dokumentiert hat.

Das Medium Internet war/ist bei einem Flächenland wie M/V ein wichtiges Mittel um ihre Propaganda zu betreiben.

Tom Bombadil 06.09.2011 | 01:14

>>>Mir ist keine andere Partei bekannt die so akribisch die Parteiarbeit dokumentiert hat.>>>

Und auch das, dabularasa, ist ja wohl einer der Punkte, die die NPD für sich verbuchen kann. Offensichtlich scheinen ja die "Volksparteien" dererlei nicht für nötig zu erachten. (Ich könnte kotzen!)

Und da wundert sich noch irgendwer, wieso, weshalb, warum...

Gruß
Tom

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Projekt vergessen

Dabularasa 06.09.2011 | 13:24

Wünschenswert wäre ein Projekt das sich ausschließlich auf der Sachebene bewegt.
Mit einem Pressemedium als Plattform.(gerne ein bekannt linkes Medium wie der Freitag)
Ohne "Emotionales Ostgezeter" etc.
Das vernebelt nämlich den Verstand.
So soll es jedenfalls nicht aussehen:

www.storchheinar.de/

Das Projekt wird doch nur am Leben gehalten um die Werbe-Artikel an den Mann zu bringen.
Das Angebot des Storchen-Shop zeigt das dieser rein kommerzielle Aspekte hat.
Soll sicherlich Geld in die SPD Kasse spülen.

Was mir beim betrachten aufgefallen ist:

Genauso wie die Braunen benutzen die Störche auch gerne die Fraktur-Schrift.
Eigentlich Strunz-Dumm.
Warum?
Die Frakturschrift fällt unter das NS-Frakturverbot (1941).(
Hintergrund war der ungeklärte Ursprung der Schwabacher Frakturschrift.
Diese wurde in einem internen Schreiben der Reichskanzlei als"Judenlettern" bezeichnet.

Hier haben wohl beide eine Bildungslücke.
Daher kann die Fraktur weder als Parodie auf das NS-System noch als ideologisches Erkennungsmerkmal des NS-Systems herhalten.
Daher erst studieren dann probieren.:-)

zelotti 06.09.2011 | 21:27

Ist doch ganz nett gemeint, nur eben nicht sonderlich wirksam und nur gaaaanz begrenzt lustig.

Ich fing, dass der Fehler ist, dass es keine Partei rechts von der CDU gibt, die irgendwie noch bürgerliche Politik der Zeit macht und noch Teil des demokratischen Diskurses ist. Nennen wir sie mal die Rechtspartei. Drum konnte sich die NPD in ihrem extremistischen retrobraunen Paria-Markenkern stärken.

Dobrindt und Demagogen mögen das öffentlich anders sehen aber wenn jemand aus der Partei Die Linke mal einen Kommunismuskongress besucht, dann wird da ja nicht der Genosse Stalin gehuldigt und selbst wenn dann wär's ein Witz. Das ist gefährlich, diese Ausgrenzung, weil es eben genau zu der komischen Mannschaft führt, die sie gerade haben.

Wir haben es geschafft die Altnazibeamten in die BRD zu integrieren, wie der Wehler neulich anmerkte, eine bemerkenswerte Leistung.

Tom Bombadil 06.09.2011 | 22:06

Hallo @Dabularasa,

vielen Dank für die Infos zum Heinar seinem Storch. Mir war bis dato nicht bekannt, dass das eine SPD-Veranstaltung ist. Ich hatte das bisher für eine nette Idee gehalten, von unabhängiger Seite, die Braunen zu verarschen und sie in guter alter Tradition der Lächerlichkeit Preis zu geben. Wenn ich mir allerdings Ihre Links anschaue, kommen mir da schon massive Zweifel. Und wenn das ganze Theater lediglich eine Merchandising-Veranstaltung ist.... - kann man nur noch konstatieren: Thema verfehlt; wenn nicht schlimmeres.

Das mit der Fraktur-Schrift war mir bekannt, aber nicht mehr präsent. Wenn schon die Gegner der Braunen genau so unwissend sind wie diese, kann man schon Angst kriegen ob der Kompetenz jener.

Was ich nicht verstehe, ist Ihr "Emotionales Ostgezeter" etc.. Wenn Sie das vielleicht erläutern würden....

Im übrigen finde ich es schwach, dass der Artikel-Autor David Begrich hier nu gar nix mehr von sich gibt. Bei seiner Stellenbeschreibung

„Mitarbeiter der Arbeitsstelle Rechtsextremismus Magdeburg des Vereins Miteinander“

sollte er doch eigentlich a. Ahnung haben (jedenfalls mehr als die meisten Leser inklusive meiner Wenigkeit!) und b. auf die Anwürfe hier reagieren. Oder sollte der FREITAG bereits so mainstreamig sein, dass er die Unsitten der Rest-Presse angenommen hat, irgendwelche Artikel rein zu klatschen, ohne dass die Autoren sich zu der anschließenden Diskussion äußern?

(Die Beiträge der Guardian-AutorInnen nehme ich von meinem Vorwurf ausdrücklich aus! Das ist eine andere Baustelle.)

Gruß
Tom
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Projekt: Storch-Watching ist notiert

zelotti 07.09.2011 | 00:28

Fraktur heisst einfach nur, dass die einzelnen runden Striche der Lettern abknicken. Die Schwabacher, Rontunda und "Fraktur" sind die wichtigsten in der Familie gebrochener Schriften.

Die Nazis haben kaum "echte" Frakturschrift eingesetzt sondern Antiqua und frakturartige Zwitterschriften. Besonders interessant finde ich die Schriftart, in der die Feldpost-Heftchen der Nordland-Bücherei, harte ideologische Kost, gedruckt wurden, eine sehr eckige Schrift aber keine Antiqua. Ich habe noch nicht herausgefunden, wie die heißt.

Insbesondere bei Büchern aus den 20ern lohnt es sich die in Fraktur zu lesen, weil Texte in ihrem Satz plötzlich anders wirken. Gibt es möglicherweise eine Intertextualität der Schrift? Ich denke z.B., dass bestimmte Wörter sich in bestimmten Schriften einfach sehr schön motorisch schreiben ließen oder der Einsatz von bestimmten Schriften die Sprache regelrecht verändert.

Daniel Domeinski 07.09.2011 | 02:50

Liebe Leute

Die NPD ist kein karativer Verein. Auch wenn es von Teilen der Extremismusforschung oder Historikern wie Götz Aly oft suggeriert wird, besteht kein direkter Zusammenhang zwischen der gesellschaftlichen Stellung eines Individuums und seiner politischen Ausrichtung. Rassismus und Autoritarismus sind schichtenübergreifende Probleme.
Es wird daher nicht ausreichen, den Lebensstandard zu heben, mehr eine Politik "für die Leute" zu machen. Die Sympathien für die NPD speisen sich nicht nur aus ihren "sozialen Engagement", sondern auch aus dem offenen Bekenntnis zum Rassismus und einem äußerst platten Antikommunismus, Einstellungen die in der "Mitte der Gesellschaft" weit verbreitet sind.

Dabularasa 07.09.2011 | 14:09

Schön das hier doch Fraktur-Liebhaber dabei sind.
Hauptsächlich wenn man sich NS-Propaganda Material ansieht kommen die Schrift "Tannenberg" und "Wallau" zur Anwendung.

Hier etwas zu Tannenberg:
https://secure.wikimedia.org/wikipedia/de/wiki/Tannenberg_(Schriftart)
(siehe auch die Sonderzeichen)

Hier etwas zu Wallau (Rudolf Koch):
https://secure.wikimedia.org/wikipedia/de/wiki/Rudolf_Koch_(Schriftk%C3%BCnstler)

Mich ärgert nur die ständige Assoziation der schönen Frakturschriften mit dem Nationalsozialismus.

Horsti 07.09.2011 | 20:21

Na hoffentlich auch Projekt : Strorch-Informiering.

Ich gebe zu, daß ich auch etwas enttäuscht war, als ich sah, wer dahintersteckt.

ABER! Vielleicht wäre es eine gute Idee, wenn mehr Leute so weinselige Ideen ausbrüten würden. Das könnte selbst einer SPD wieder zu Unterscheidungsmerkmalen von den C-Parteien verhelfen.

Unmöglich finde ich die aktuelle Entwicklung des Storches zum direkten Parteimitglied und Wahlhelfer. Dadurch wird er wohl böse abgewertet. Schade drum.

Nachdem Stralsund gradezu in NPD-Plakaten zu ertrinken drohte, empfand ich die storchige Gegenplakatierung doch als sehr angenehm.

Allein das wäre eigentlich ein Grund, ein Storchenhemdchen zu kaufen.

Die wirtschaftlichen Vorwürfe erscheinen mir doch etwas weit hergeholt.
Selbst wenn es zu mehr als Gerichts- und Anwaltskosten reichen sollte, so seis gegönnt und tritt wohl neben der sonstigen Parteienfinanzierung in den Hintergrund.

Tom Bombadil 07.09.2011 | 22:18

@Horsti

Sie haben ja Recht. Vor allem hiermit:

>>>Nix - nur FC-Geschwätz.
Ich warte dann noch auf den Artikel: "Vögeln unterm Hakenkreuz - haben sich Oma und Opa dadurch mitschuldig gemacht?">>>>

Das ist ganz offensichtlich eines der Merkmale hier in der FC, aber, m.M.n. zu einem nicht geringen Teil, auch der hiesigen Software geschuldet. (Nicht, dass die anderswo auch nur einen Deut besser wäre...!) Die Blogs und Artikel verschwinden halt einfach sehr schnell aus dem Fokus und damit relativ fix in der Versenkung. Das könnte man seitens der Betreiber sicherlich ändern; hat aber zweifellos was mit dem Angebot am Softwaremarkt und natürlich mit „Kohle“ zu tun.

(Bei Ihrem „Vögeln unterm Hakenkreuz...“ :-))) sind mir ein paar ziemliche Gemeinheiten hinsichtlich mancher Blogs hier im FREITAG eingefallen – das möchte ich aber an dieser Stelle nicht weiter ausbreiten.....)

>>>...auch Projekt : Strorch-Informiering.>>>

Ist bereits abgearbeitet :-)))

Im Ernst:
>>>Vielleicht wäre es eine gute Idee, wenn mehr Leute so weinselige Ideen ausbrüten würden.>>>

Ja. Ich verurteile die Aktion „Storch Heinar“ ja auch gar nicht grundsätzlich. Mir scheint es nur, dass, wenn Dabularasa Recht hat, diese an sich hervorragende Idee am üblichen Politmarketingquatsch zu Grunde geht. Wie so viele ursprünglich gute Projekte (denke gerade an Wikileaks).

Eine Kritik an Ihren Beiträgen hab' ich aber noch:

>>>Das könnte selbst einer SPD wieder zu Unterscheidungsmerkmalen von den C-Parteien verhelfen.>>>

Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Aber das glaub' ich erst, wenn die Sonne morgen im Westen aufgeht.

Gruß Tom
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Kein Projekt nirgends

Horsti 08.09.2011 | 00:40

Lieber Tom,

auch ich denke nicht, daß morgen die Sonne im Westen aufgeht, nehme aber die Kritik an meiner verhaltenen Kritik gern an.;-)

Mein Fehler ist der, daß es mir derzeit gelingt, meinen Ärger etwas im Zaume zu halten. Daher könnte manchmal der Eindruck entstehen, daß ich Kreide gefressen hätte.
Ich kann versichern, daß das täuscht. Ich bin sehr wütend. Doch mit lautem Gebrüll erreicht man wenig.

Wenn ich mich mit meinen vorpommerschen Nachbarn über solche Dinge unterhalte, dann kann ich auch da nur mit ruhiger Argumentation ankommen.
Ich freu mich schon immer sehr, wenn ich da ein verständiges Lichtlein zu erkennen glaube.
Anfangs war ich schon froh, wenn man in meiner Gegenwart ausdrücklich auf all zu billige "nationale" Grußbezeugungen verzichtete.

Ansich mache ich dort nichts anderes, als die NPD auch. Ich nutze Freiräume und zeige Alternativen.
Das nur ohne jede Parteizugehörigkeit, weil ich es da mit Groucho Marx halte.

Überdies fällt mir auf, daß wir viel zu sehr einer Meinung sind. ;-)
In diesem Sinne war bitte auch die Vorlage für die "Gemeinheiten" zu verstehen.

Mich packt die schiere Wut, wenn ich das Lamentieren über eine NPD hören muß.
Warum plappert man nicht über die eigenen Unzulänglichkeiten, die einer NPD erst den Raum geben?

Sowas kommt in den Wahlwelten der CDUSPDFDPGRÜNEN leider nicht vor.

Ich möchte nicht schiere Dummheit unterstellen. Anderes fällt mir aber zur Entschuldigung nicht ein, wenn ich von Lobbyismuszwängen absehe.
Die wären allerdings auch nicht entschuldbar, wenn man noch glauben möchte.

Viele Grüße!

Tom Bombadil 08.09.2011 | 22:09

Lieber Horsti,

erstmal vielen Dank für die ausführliche Antwort. Ist - unter anderem der Struktur der „doofen“ Software sowie der stark gewachsenen Anzahl der Blogger und Kommentatoren geschuldet - selbst hier in der FC nicht mehr üblich. Ich weiß das zu würdigen.

>>>...nehme aber die Kritik an meiner verhaltenen Kritik gern an.;-)
.
Überdies fällt mir auf, daß wir viel zu sehr einer Meinung sind. ;-)

Also, sooo richtig kritisch wollte ich da auch gar nicht sein. Ich wollte aber auch nicht von „Blauäugigkeit“ oder „Naivität“ reden, weil ich das Ihnen gegenüber als unangemessen empfinde (ich halte Sie auch weder für das eine noch das andere...), dienen doch beide Begriffe in Foren oft eher dazu, als Vorspiel zum großen „Haudrauf“ verwendet zu werden. Das will ich nicht, und daher mein Sonnenvergleich. (Man kann ja auch hier in der FC tagtäglich beobachten, wie die „Selbstdarsteller“ ganz schnell zu „beleidigten Leberwürsten“ mutieren; unabhängig von der sonstigen Qualität der von mir gemeinten. Ich hab' da einfach keinen Bock darauf. Was mitnichten bedeutet, dass ich nicht selbst manchmal ziemlich ätzend und aggressiv sein kann.). Und damit komme ich zu Ihrem

>>>Ich bin sehr wütend. Doch mit lautem Gebrüll erreicht man wenig.
.
Mich packt die schiere Wut, wenn ich das Lamentieren über eine NPD hören muß.
Warum plappert man nicht über die eigenen Unzulänglichkeiten, die einer NPD erst den Raum geben?
.
Sowas kommt in den Wahlwelten der CDUSPDFDPGRÜNEN leider nicht vor.


Eben. Und das sind genau die Punkte. Das geht mir zu oft genau so; beim Thema des Hauptartikels zum Beispiel. Dieses ewige Gejammere und Genöle des Mainstreams, der saturierten, aufgeklärten, liberalen und auch der linken Bürgerlichkeit, geht mir das Messer in der Tasche auf.

Ich verweise da erneut auf den großen Gordian Troeller, mit seinen Fernsehreihen „Kinder der Welt“ und „Frauen der Welt“. Leider ist, meiner Kenntnis nach, nie was auf DVD erschienen; mit „alten“ Wahrheiten und klaren Aussagen lässt sich halt kein Geschäft machen. Es ist eben ausschließlich Kapitalismus heute. Bücher bekommt man von Troeller immerhin noch, auch bei den amazoniern. (Ich selbst hab' keine mehr; alles verliehen, verschenkt. Muss da Weihnachten mal erneuern....). Auf youtube können Sie übrigens ein paar Ausschnitte der Troeller-Filme sehen. Macht vielleicht Appetit auf mehr.

Was ich damit sagen will: es sind die kleinen, einfachen Verhaltensweisen, die nun wirklich jeder Mensch an den Tag legen kann, wenn er denn will. Einfach sagen, was notwendig ist. Aufklären und Standpunkt beziehen. Freundlich, höflich, aber bestimmt. Und Sie tun das ja offensichtlich! Damit tun Sie zweifellos mehr, als die Masse; als die Masse der Journaille in jedem Fall. Das zumindest verbale Entgegentreten gegenüber dem alltäglichen Faschismus jeglicher Couleur. Einfach sagen, dass das so nicht geht. Sagen, dass die „Schwatten“, die „Araber“ und die „Türken“ und überhaupt die „Musels“ eben nicht daran Schuld sind, wenn hier alles den Bach runter geht und der ganze Rest auch noch Scheiße ist. Das und das „Kümmern“ um die alltäglichen Belange der Bürger ist Politik! Alles andere ist Geschwätz!

Das eben gesagte gilt natürlich auch für die „Migrationshintergründler“ (auch so ein grauenhafter Begriff).

Ich weiß nicht, wie viele Migranten bei Ihnen in der Gegend überhaupt ansässig sind; dürften meiner Kenntnis nach eher weniger sein (typisches Wessi-Vorurteil; schreibe es trotzdem). Aber so ist das nun mal leider: Die Einheimischen haben umso mehr Ressentiments, je weniger die Zielgruppe derselben überhaupt physikalisch anwesend ist. Und zwar überall.

Ich persönlich bin Pendler. Bin in Ostwestfalen wohnhaft, bin aber unter der Woche in einem Ort am arbeiten, der ist so tief im Westen, dass, von dort aus gesehen, Bochum schon in der Nähe von Frankfurt/Oder verortet werden könnte. In dem Viertel, in dem ich eine kleine Butze habe, sind Bio-Deutsche in der Minderheit. Idioten jeglicher Couleur gibt’s hier nur wenige. Nur manche Russen, Araber und Bulgaren machen hin und wieder Ärger (liegt in der Hauptsache am Drogenkonsum und an der allgemeinen Armut und Verwahrlosung). Aber die alteingesessenen Türken haben das ganz gut unter Kontrolle. Ich habe schon deutlich schlechter gehaust.

>>>Das nur ohne jede Parteizugehörigkeit, weil ich es da mit Groucho Marx halte.

Sehr schön! Ich will auch in keinem Verein sein, der Leute wie mich als Mitglieder aufnimmt. :-))

>>>Ich möchte nicht schiere Dummheit unterstellen. Anderes fällt mir aber zur Entschuldigung nicht ein, wenn ich von Lobbyismuszwängen absehe.
Die wären allerdings auch nicht entschuldbar, wenn man noch glauben möchte.>>>

An den 3 Sätzen knabbere ich immer noch. Ob mir da heute noch was Gescheites zu einfällt, weiß ich nicht. Ich überleg' jedenfalls noch....

Lassen Sie es sich gut gehen.

Lieben Gruß
Tom

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Kein Projekt nirgends

zelotti 09.09.2011 | 17:37

In der Tat, es war "Tannenberg". Eigentlich gefällt mir Tannenberg sehr gut, weil es keine Fraktur sondern mehr eine Groteske ist. Tannenberg sieht für bestimmte Zwecke richtig gut aus, man sollte diese Schrift ein bisschen runder weiterentwickeln. Die Schrift lässt sich hervorragend lesen. Ich kann nur empfehlen die Schrift zu entideologisieren und weiter zu entwickeln. Was ich zum Beispiel richtig prima finde, das ist das z.

Mit entideologisieren meine ich, naja wie eben der Käfer ein Hippie und ein Naziauto ist.

Die Wilhelm-Klingspor-Schrift war ja auch sehr verbreitet, auch das ist keine Fraktur.

Horsti 11.09.2011 | 00:23

Lieber Tom,

ungeachtet des nun wohl obig eingeordneten FC-Schriftgeschwafels, möchte ich mich wieder melden und mich für die Verspätung (FC-konform: réponse tarde) entschuldigen.

Nicht, daß jemand auf die Idee käme, daß ich zu solch unwichtigen Intellektualitäzbeweisen nicht fähig wäre. :p

Heute Abend hatte ich ein Nachwahlgespräch.

Das war schon erstaunlich, weil man mir sagte, daß man eigentlich NPD wählen wollte, als direkte Alternative dann die Linke gesehen hätte, das Kreuz aber bei der CDU gemacht hätte.

Interessant war dann die Begründung:

NPD geht nicht, weil man nicht weiß, ob man deren Knüppel nicht bald selbst im Nacken haben könnte.

Die Linke, zu der fühlt man die meisten Übereinstimmungen, traut denen aber wegen der unabschüttelbaren Vergangenheit nicht. Kann man aber nicht wählen. (Seine Frau hat sie gewählt, was er völlig akzeptiert)

Bis dahin konnte ich noch folgen. Entwaffnend war die Begründung für die Entscheidung zur CDU. "Die haben eh die meiste Kohle, da schadet meine Stimme am wenigsten"

Nun gibts in dem Wahlkreis noch ne Nachwahl. Er sagt, daß er seine Stimme nur noch ungültig machen wird.

Dazu fällt mir nur noch eines ein.

"Wenn Wahlen etwas verändern würden, wären sie schon lange verboten."

In diesem Sinne, noch immer am Projekt MV,

herzliche Grüße!

Horsti 11.09.2011 | 00:54

Es ist sicher richtig, daß es den Zusammenhang so nicht gibt.
Das bedeutet aber nicht, daß Armut und Existenzängste in weiten Teilen der Bevölkerung allein ursächlich für das Annehmen simpler "Lösungen" wäre.

Man sollte durchaus geistige Armut unterscheiden.
Und diese werfe ich eben auch den etablierten Parteien vor.

Nem reichen Idioten, der sich von Opa hat erzählen lassen, wie toll es damals war, wird die wirtschaftliche Komponente, die für ihn eh ne ganz andere ist, ziemlich egal sein.

Tom Bombadil 12.09.2011 | 20:37

Lieber Horsti,

>>>möchte ich mich wieder melden und mich für die Verspätung (FC-konform: réponse tarde) entschuldigen.>>>

Also, jetzt ist aber gut. So weit kommt dat noch, dass man sich hier auch noch dafür entschuldigen muss, nicht "always on" zu sein! :-)) "réponse tarde)" ist natürlich seeehr schön...*grins*

Zu der Nachwahl-Geschichte hatte ich ein deja vu, von dem ich zunächst gar nicht so recht wusste, wo es eigentlich herkommt. Und dann fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren:

"Die haben eh die meiste Kohle, da schadet meine Stimme am wenigsten"

Das hatte ich mal vor ca. 20 Jahren, als es um die erste "freie" Wahl in der "vereinigten" BRD ging. Einer meiner Schwipp-Schwäger aus der "Ehemaligen" argumentierte ähnlich. Ich konnte das damals so gar nicht verstehen, trotz nachgeschobenem "Argument", der Kohl hätte ja schließlich die "Freiheit" gebracht etc. etc.

Jedenfalls hielt ich das damals für ziemlich eklig, obrigkeitshörig und eben auch völlig daneben. (Und ich erinnere diesen Abend auch deshalb noch ganz gut, weil ich meine Frau nur mit Mühe davon abhalten konnte, a. den Bruder Ihrer Schwester und b. die Schwester selbst, die zustimmte, verbal "zur Sau zu machen"). Wessi-arrogant, wie ich damals war, hielt ich deren Haltung für ein natürliches Ergebnis der pöhsen pöhsen DDR-Diktatur, die solches Denken ja wohl befördert haben musste...

Nun ja, die Zeiten waren andere, die DDR war befreit, Fischer war Links, Kohl war Rechts, Mitterand war Sozialist und Jelzin war ein demokratischer Revolutionär. Und ich war auch noch ziemlich dämlich, trotz selbst gestrickter "linker" Haltung....

Aber, wie handelt man nun, wenn man mit "sowas", wie Sie es schildern und ich es erfahren habe, konfrontiert wird? Wie handelt man? (Ist immer noch mein Lieblingsgedicht vom Meister Brecht.)

Der Zweifler
Immer wenn uns
Die Antwort auf eine Frage gefunden schien
Löste einer von uns an der Wand die Schnur der alten
Aufgerollten chinesischen Leinwand, so daß sie herabfiel und
Sichtbar wurde der Mann auf der Bank, der
So sehr zweifelte.

Ich, sagte er uns
Bin der Zweifler, ich zweifle, ob
Die Arbeit gelungen ist, die eure Tage verschlungen hat.
Ob was ihr sagt, auch schlechter gesagt, noch für einige Wert hätte.
Ob ihr es aber gut gesagt und euch nicht etwa
Auf die Wahrheit verlassen habt dessen, was ihr gesagt habt.
Ob es nicht vieldeutig ist, für jeden möglichen Irrtum
Tragt ihr die Schuld. Es kann auch eindeutig sein
Und den Widerspruch aus den Dingen entfernen; ist es zu eindeutig?
Dann ist es unbrauchbar, was ihr sagt. Euer Ding ist dann leblos.
Seid ihr wirklich im Fluß des Geschehens? Einverstanden mit
Allem, was wird? Werdet ihr noch? Wer seid ihr? Zu wem
Sprecht ihr? Wem nützt es, was ihr da sagt? Und nebenbei:
Läßt es euch auch nüchtern? Ist es am Morgen zu lesen?
Ist es auch angeknüpft an Vorhandenes? Sind die Sätze, die
Vor euch gesagt sind, benutzt, wenigstens widerlegt? Ist alles belegbar?
Durch Erfahrung? Durch welche? Aber vor allem
Immer wieder vor allem andern: Wie handelt man
Wenn man euch glaubt, was ihr sagt? Vor allem: Wie handelt man?

Nachdenklich betrachten wir mit Neugier den zweifelnden
Blauen Mann auf der Leinwand, sahen uns an und
Begannen von vorne.

Mir fällt nur ein: Weitermachen. Irgendwie.

Freue mich auf weitere Berichte aus MeckPom,

Lieben Gruß
Tom
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Projekt: Aufklärung