Die empfindliche Atmosphäre

Klimawandel Warum die Gesetze der Natur stärker in der Ökonomie verankert werden müssen
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Die empfindliche Atmosphäre
Oberhausen

Foto: Lukas Schulze/Getty Images

Das Klima ist über einen unvorstellbar langen Zeitraum stabil geblieben, weil die infraroten Wärmestrahlungen der Sonne beispielsweise durch die Antarktis reflektiert werden. Durch die Treibhausgase erhöht sich das Rückhaltevermögen für infrarote Wärmestrahlungen in der Troposphäre. Die Erde heizt sich auf, dadurch schmelzen die Polkappen ab und es kommt ein gefährlicher Kreislauf in Gang. Hinsichtlich des Klimas werden Mittelwerte über einen sehr langen Zeitraum erhoben.

Der menschliche Organismus kann extreme Wetterveränderungen aushalten. Wir kommen mit 40 Grad Außentemperatur genauso klar wie mit 15 Grad minus. Nach den Lehrsätzen der Hydrotherapie kann ein gesunder, menschlicher Körper sogar kurzfristig minus 180 Grad Celsius oder plus 120 Grad Celsius aushalten. Unsere innere Temperatur lässt solche Schwankungen nicht zu, denn ein Mensch stirbt bei einer langfristigen Körpertemperatur von 33 Grad beziehungsweise 42 Grad Celsius. Wenn wir die Natur als Organismus begreifen, dann ist eine Temperaturdifferenz von 2 Grad Celsius eine große Zahl. Ein menschlicher Organismus, der dauerhaft statt 37 Grad 39 Grad Celsius ertragen müsste, würde nach einer gewissen Zeit kollabieren und vermutlich sterben. Unseren empfindlichen Organismus kennen wir gut, vom Organismus der Erde und der Funktionsweise der Natur haben wir uns aber weit entfernt. Die Naturgesetze setzen uns klare Grenzen. Diese Erkenntnis ist wieder stärker in der Ökonomie zu verankern. Der englische Philosoph Francis Bacon (1561–1626) meinte: »Man kann die Natur nur dadurch beherrschen, indem man sich ihren Grenzen unterwirft.« Die gegenwärtige Ökonomie unternimmt ständig den Versuch, die Naturgesetze zu überwinden beziehungsweise die Grenzen zu verschieben. Diese kapitalistische Dynamik muss ausgebremst werden und das Wachstumsmodell gehört dringendst auf den Prüfstand.

Als Dennis Meadows im Jahre 1972 sein Buch »Die Grenzen des Wachstums« veröffentlichte, gab es vor allem von Ökonomen erhebliche Einwände, da das Wirtschaftswachstum angeblich der zentrale Motor für unseren Wohlstand ist. Teilweise wurde die Veröffentlichung von einigen Vertretern der Ökonomie als Schwarzmalerei betrachtet. Unstrittig ist, dass die CO2 - Konzentration im Jahre 1860 circa 293 ppm (parts per million; in einer Million Liter Luftgemisch befinden sich 293 Liter CO2) betrug. Im Erscheinungsjahr des oben genannten Buches betrug sie circa 315 ppm. Dennis Meadows unterstellte ein exponentielles Wachstum und sagte im Jahr 1972 für das Jahr 2000 eine CO2 - Konzentration von 380 ppm voraus. Damit lag er richtig. Im Jahre 2017 betrug die Konzentration 410 ppm. Wenn sich der Wert auf 430 ppm erhöht, ist dass 2-Grad-Ziel nicht mehr zu erreichen. Prozentual ausgedrückt betrug die Steigerung von 1860 bis 1972 (also innerhalb von 112 Jahren) 7,5 Prozent; von 1972 bis 2017 (innerhalb von nur 45 Jahren) 30,16 Prozent.

Seit dem Zweiten Weltkrieg stieß die Menschheit 85 Prozent des gesamten Kohlenstoffs aus. Das heißt, innerhalb nur einer Generation führt uns die Erderwärmung an den Rand der Katastrophe. Wie die oben genannten Zahlen belegen, hat sich der C02 – Ausstoß ab den 1980er Jahren überproportional erhöht. Seit dieser Zeit wurde die (Soziale) Marktwirtschaft sukzessive durch die entfesselte markt- und wachstumsorientierte Logik der neoliberalen Ökonomie verdrängt. Offensichtlich gibt es hier einen signifikanten Zusammenhang.

13:12 17.08.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Udo Köpke

Buchpublikation: Die Vergötterung der Märkte
Udo Köpke

Kommentare 15

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community