Sergej Lawrow, der Sekundant

Diplomatie Russlands Außenminister Sergej Lawrow stand für den Dialog mit dem Westen. Seine Rhetorik jetzt aber zeigt: Der Krieg ist keine Selbstermächtigung Wladimir Putins, wie viele im Westen denken. Ein Porträt
In Moskau stand Lawrow nie im Geruch, ein „Westler“ zu sein. Das empfahl ihn 2004 für das Amt des Außenministers
In Moskau stand Lawrow nie im Geruch, ein „Westler“ zu sein. Das empfahl ihn 2004 für das Amt des Außenministers

Foto: Brendan Smialowski/AFP/Getty Images

Er sitzt seit 18 Jahren und damit länger als jeder andere Minister im russischen Kabinett. Sergej Lawrow ist hochgewachsen und steht trotz seiner 71 Jahre auf Pressekonferenzen notfalls stundenlang kerzengrade. Er ist Fußballer, Raucher und Gitarrenspieler. Sein ruhiger Bass und sein trockener Sarkasmus machen ihn zu einem ebensolchen Markenzeichen der russischen Diplomatie, wie es einst Andrej Gromyko für die sowjetische war. Wenn man nicht wüsste, einen Außenminister vor sich zu haben, könnte man denken, dieser Russe mit der randlosen Brille ist Professor für Physik oder Musiker in einem Sinfonieorchester.

Sergej Lawrow, 1950 in Moskau geboren, ging auf eine Eliteschule mit vertieftem Englischunterricht. Dass er Diplomat wurde, mag auch auf seine Familiengeschichte zurückzuführen sein, in der sich die Vielvölkerkultur der Sowjetunion spiegelt. Der Vater war ein Armenier aus Tbilissi in Georgien, seine Mutter eine Russin, die jahrzehntelang im Ministerium für Außenhandel arbeitete. Der junge Lawrow kam nach seinem Schulabschluss an die Moskauer Diplomatenakademie MGIMO, wo er internationale Beziehungen und Singhalesisch studierte. Die erste Berufung als Sekretär einer Botschaft führte ihn dank seiner Sprachkenntnisse nach Sri Lanka, den südasiatischen Inselstaat mit seinerzeit guten Beziehungen zur Sowjetunion. 1981 folgte der Wechsel in die westliche Hemisphäre zur Ständigen Mission der UdSSR bei den Vereinten Nationen. Ab 1994 vertrat er im New Yorker UN-Hauptquartier für ein Jahrzehnt die Russische Föderation als Botschafter und hatte einen Platz im Sicherheitsrat. Er sprach in Sondersitzungen des Gremiums nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 und zu Beginn des Irak-Krieges 2003. Und er war zugegen, als Ende Dezember 2001 das erste UN-Mandat für die ISAF-Verbände in Afghanistan beschlossen wurde.

In Moskau stand Lawrow nie im Geruch, ein „Westler“ zu sein, was wohl ein Grund dafür war, dass ihn Wladimir Putin 2004 zum Außenminister ernannte. Das Gespann aus Putin, Lawrow und Verteidigungsminister Sergej Schojgu kann man derzeit getrost als politische Führung Russlands bezeichnen. Alle drei standen bis zum Beginn des Krieges in der Ukraine für einen Kurs, der den Dialog mit dem Westen befürwortete, aber auf substanzielle Fortschritte in Kernfragen drängte. Im von Lawrow geführten Ministerium war lange Zeit die Expertise russischer Denkfabriken gefragt, die Strategien entwickelten und die Agenda einer multipolaren Welt vertraten, in der sich Macht und Einfluss auf mehrere Zentren verteilten.

Sergej Lawrow mit rauem Ton und harscher Rhetorik

Auf der denkwürdigen Sitzung des Russischen Sicherheitsrates am 21. Februar, die live bei Perwy Kanal übertragen wurde, unterstützte Lawrow die Anerkennung der „Volksrepubliken“ Donezk und Lugansk in der Ostukraine, ebenso ein Nachrücken eigener Militärverbände in den Donbass. Er sprach direkt nach Präsident Putin und erklärte, die russischen Vorschläge für Sicherheitsgarantien hätten die westlichen Staaten „vom Tisch gewischt“. Stattdessen „wurden zweitrangige Punkte aus den russischen Vorschlägen angenommen, die eine Fortführung des Dialoges ermöglichen“, aber die wichtigste Frage sei von den USA und ihren Verbündeten stets ausgeklammert worden: „die Frage der leichtsinnigen Erweiterung der NATO“. Lawrows rauer Ton schien im Widerspruch zu seiner monatelangen diplomatischen Agilität zu stehen, doch war wohl zu diesem Zeitpunkt die Entscheidung über den Einfall in die Ukraine längst gefallen. Als dann die Panzer rollten, erinnerte man sich, dass es eine abrupte Gewalt des russischen Staates schon früher gegeben hatte, um als unumgänglich erachtete Exempel zu statuieren, wie in den beiden Tschetschenien-Kriegen 1996 bzw. zwischen 1999 und 2009. Auch damals fühlte sich Russland in seinem Bestand bedroht. Separatismus und von arabischen Ländern finanzierter radikaler Islamismus drohten sich auszuweiten. Ein militärisches Zurückschlagen galt als Ultima Ratio staatlicher Macht, ohne eventuell vorhandene Möglichkeiten auszuloten, die sich für eine gewaltlose Lösung anboten.

Einen Tag nach seinem Statement im Kreml blieb Lawrow gegenüber dem Fernsehkanal Rossija 24bei seiner harschen Rhetorik. Kiew habe „in den vergangenen sieben Jahren öffentlich erklärt, dass es das Minsker Abkommen nicht umsetzen wird“. Das heiße, „dass die Bemühungen der europäischen Länder zur Wiederherstellung des Friedens im Donbass keinen Groschen wert waren“.

Radikale außenpolitische Entscheidungen sowjetischer Führer waren zuweilen vom Wechsel im Außenministerium flankiert. Maxim Litwinow musste im April 1939 Wjatscheslaw Molotow weichen, als Stalin eine Annäherung an Deutschland für opportun hielt. Michail Gorbatschow glaubte, dass seine Öffnung zum Westen mit einem Chefdiplomaten wie Andrej Gromyko zu wenig glaubwürdig erschien und ersetzte ihn 1985 durch Eduard Schewardnadse. Für Sergej Lawrow steht angesichts des vorläufigen Verzichts auf Diplomatie in der Ukraine-Frage keine Demission in Aussicht. Viele Beobachter in Deutschland glauben zu wissen, dass die Entscheidung zum Einmarsch eine Selbstermächtigung Putins war. Wer allerdings genauer hinschaut, wird sehen, dass kein Blatt zwischen den Präsidenten und seinen Außenminister passt.

Die westlichen Länder seien gegenwärtig besessen von Sanktionen gegen sein Land, meinte Lawrow zu Wochenbeginn vor dem UN-Menschenrechtsrat in Genf. Er beschwerte sich vor einem fast leeren Auditorium. Die meisten Diplomaten hatten den Sitzungssaal in einer zuvor abgestimmten Aktion längst verlassen.

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