Schule Salem: Hoch gesteckte Charakterziele?

Elite-Internate | Als "ganz normale Schule" mit "sehr hoch gesteckten Charakterzielen", vermarktet sich die Schule Schloss Salem am Bodensee. Das Ziel: Erziehung zur "Verantwortungselite".
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

"Wir sind eigentlich eine ganz normale Schule – nur mit sehr hoch gesteckten Charakterzielen. Salem will zur Verantwor- tungs-Elite erziehen", sagt Bernhard Bueb, der das Internat von 1974 bis 2005 leitete." So verbreitete es einer der vielen Medienberichte zum 90-jährigen Bestehen der Schule Schloss Salem. Gebetsmühlenartig wird in solchen und ähnlichen Beiträgen stets dasselbe PR-Material aufgearbeitet: Die teure Wohnschule am Bodensee sei "für ihr ganzheitliches Konzept international bekannt", habe viele prominente Absolventen, und nicht nur Kinder betuchter Eltern, sondern auch Begabte aus weniger privilegierten Verhältnissen dürften dank großzügiger Stipendien dort lernen. Vor allem aber stehe nicht die schulische, sondern die Charakterbildung im Mittelpunkt der pädagogischen Arbeit.

Eine Edelschule zur Optimierung von Musterkindern?

Bei Amtsantritt des neuen Salemer Schulleiters Bernd Westermeyer im August 2012 schien sich jedoch eine grundlegende Veränderung anzukündigen. "Westermeyer will geistige Elite nach Salem holen", titelte BILD. Qualität habe jetzt Vorrang vor Quantität, auch wenn deswegen Plätze unbesetzt blieben. Westermeyer wolle "neue Akzente setzen" – mehr Stipendien vergeben und die Schule für Kinder aus der Region und Förderer aus der lokalen Wirtschaft öffnen. Und mit einer gewissen Härte wird verkündet: "Wir stehen nicht zur Verfügung als Hafen für solche, die problembeladen, aber mit Geld daherkommen."

Muss sich "eine der [angeblich] besten Schulen Deutsch-lands" gegen den Ansturm der Problembeladenen aus gut situierten Elternhäusern wehren, um - wie es in Westermeyers Antrittsrede vom 15.08.2012 hieß - ihrer "international wirksamen Vorbildrolle" im 20. Jahrhundert weiterhin gerecht zu werden und im 21. Jahrhundert ihre "Führungsrolle als "herausragendes Internatsgymnasium mit besonderem Anspruch" zu behaupten?

Die hier unterstellte Vorbildrolle Salems (und der übrigen Landerziehungsheime) entspringt allerdings weniger der tatsächlichen Rolle der reformpädagogischen Internatsschulen innerhalb des deutschen Erziehungs- und Bildungswesens als vielmehr einem realitätsblinden Selbstbild, das die grandiosen Ankündigungen ihrer oft wie Sekten-Gurus auftretenden Gründergestalten für bare Münze nimmt. Der Berliner Bildungshistoriker Heinz Elmar Tenorth dagegen registriert in der Retrospektive lediglich "immer neue[n] Nachrichten über die gravierende Diskrepanz von Anspruch und Wirklichkeit reformpäda-gogischer Versuche". Eine Einschätzung, die der heutige Vorstand der Schule Schloss Salem, Robert Leicht, durch das Eingeständnis bestätigt, die Geschichte des Instituts könne "nicht nur als Erfolgs-, sondern auch als Krisen-, in wesentlichen Phasen sogar als reine Überlebensgeschichte geschrieben werden."

Der Züricher Bildungsforscher Jürgen Oelkers bestreitet grundsätzlich das von Salem & Co. beanspruchte "Monopol auf gute Ideen". Ihre Legende bestehe aus pseudoreligiösen Vorstellungen von einer Rettung der Jugend durch Erneuerung der Erziehung, die über eine "neue Generation" zur Erneuerung der ganzen Gesellschaft habe führen sollen. Ausgerechnet die wegen ihres "inhärenten Pennalismus" (Übergriffe der Älteren gegenüber Jüngeren) stets anrüchige englische Boardingschool sei zum Modell der "Rettungsinsel" stilisiert worden (siehe Abbotsholme als Vorbild der ersten Landerziehungsheimgründungen in Deutschland durch Hermann Lietz). Allein aufgrund der Unmöglichkeit, "wertvolle Lehrer" zu gewinnen, der hohen Personalfluktuation und der problematischen Schülerschaft habe laut dem Urteil fachkundiger Zeitzeugen von "irgendeiner Pionierarbeit" der Landerziehungsheime weder auf unterrichtlichem noch auf erzieherischem Gebiet jemals die Rede sein können.

Über viele Jahrzehnte diente in Salem die Charakterbildung als Feigenblatt, um trotz lausiger Unterrichtsergebnisse den Anspruch einer Eliteschule aufrecht erhalten zu können. Die Verwendung des Begriffs "Verantwortungs-elite" erfüllt denselben Zweck, weil Verantwortungs- oder soziale Dienstbereitschaft in Salem auf dem Wege der Charakterbildung vermittelt werden sollen. Zugleich galt Charakterbildung (siehe Kurt Hahns "Erlebnistherapie") seit den Anfangsjahren immer auch als Heilmittel gegen die "Dekadenz" (heute spricht man von Luxus- oder Wohlstandsverwahrlosung) der überwiegend aus Adelshäusern und großbürgerlichen Familien stammenden SchülerInnen. Doch die Luxusverwahrlosten erwiesen sich bereits in der Gründungszeit Salems als weitgehend erziehungsresistent, was maßgeblich dadurch verursacht war, dass die sozial privilegierten Eleven in dem nach außen abgeschotteten Internat weitgehend unter sich blieben. So musste Kurt Hahn zehn Jahre nach Eröffnung der Schule (1930) im Kommentar zu dem 7. Salemer Gesetz frustriert feststellen:

"Solange sie auf ihre Kreise beschränkt sind, haben die 'armen' Jungen und Mädchen der Reichen keine Möglichkeit, sich zu Männern und Frauen zu entwickeln, die überleben können. Lasst sie die Erfahrungen eines faszinierenden Schullebens mit Söhnen und Töchtern teilen, deren Eltern um ihre Existenz zu kämpfen haben. Keine Schule kann eine Tradition von Selbstdisziplin und tatkräftiger, freudiger Anstrengung aufbauen, wenn nicht mindestens 30 Prozent der Kinder aus Elternhäusern kommen, in denen das Leben nicht nur einfach, sondern sogar hart ist."

Charakterlich gefestigte und leistungsbereite Kinder aus "einfachen oder sogar harten" Lebensverhältnissen (in heutiger Diktion: Hartz IV) blieben in Salem immer eine Ausnahme. Stattdessen füllte man die Plätze in späteren Jahren mit Problemfällen, für deren Unterbringungskosten Jugendämter aufkamen. Kein Wunder, dass der langjährige Gesamtleiter Bernhard Bueb trotz einer Mitte der 1980er Jahre eingeleiteten "neuen Stipendienpolitik" noch 1999 "freimütig" einräumen musste, kein sehr schweres Gymnasium zu führen. In der Mittelstufe genieße "Charakterbildung" Vorrang. Diese scheint allerdings nie recht angeschlagen zu haben, denn der damalige Leiter des im Jahr 2000 mit großem Pomp eröffneten "Salem International College", Otto Seydel, stellte bei seinen Oberstufenschülern dieselbe Leistungsverweigerung fest wie bei den Pubertierenden der Mittelstufe. Die hierdurch bedingte"Marginalisierung des Unterrichts", beklagte der Pädagoge, könne man sich in der Oberstufe des Gymnasiums schlicht nicht leisten. Eine Ehemalige erinnert sich:

"Die Oberstufe gefiel mir besser, weil man näher an einer Stadt gewohnt hat und alles viel wohnlicher war. Aber dort haben viele Schule geschwänzt. Ich bin am Ende nur noch in jede zweite Stunde gegangen. Daran waren die Lehrer aber auch selbst Schuld. Oft wurde in den Stunden Kaffee getrunken oder man wurde in die Bibliothek geschickt. Die Lehrer waren eigentlich schon alle sehr engagiert, aber sie haben in Salem wohl so viel zu tun, dass sie den Unterricht nicht mehr richtig vorbereiten können. Es ging eigentlich die ganze Zeit nur um Party und Saufen."

Wenn man die neueren Verlautbarungen der Schule Schloss Salem richtig interpretiert, soll die Charakterbildung nunmehr eine neue Funktion erhalten. Sie soll nicht Sozialtherapie für luxusverwahrloste Reichenkinder sein, sondern "neben einer sehr ordentlichen akademischen Ausbildung" dafür sorgen, dass die Zöglinge ihr Internat als "dienstbereite Mitglieder der Gesellschaft und pflichtbewusste Staats-, ja Weltbürger" verlassen: als "Krankenschwester in der 3. Welt", als "Ingenieur im Klimaschutz", als "sozial sensibler Unternehmer", als "engagierter Lehrer, Forscher oder Politiker". Denn solche Leute brauche das Land und brauche die Schule statt derer, die "mit ihrem Einkommen protzen und sich als Elite aufspielen" (Schulvorstand Robert Leicht im "Südkurier" vom 21.10.2011).

Sprache der guten Absichten

Das klingt auf den ersten Blick sympathisch, zugleich aber auch in einer grotesken Weise weltfremd. Als wüsste man in der Salemer Leitungsetage nicht, welche Gesellschaftsschichten diese Schule "tragen", welches deren typische Nachfragemotive sind und welche Funktion das Institut - gewollt oder ungewollt - im Prozess der Refeudalisierung unserer Gesellschaft spielt. Da werben die Gutmenschen aus der Schulleitung einerseits ein paar zusätzliche Stipendien für minderbemittelte Musterschüler ein, denen später wohl nichts anderes übrig bleibt als Krankenschwester, Klimaschützer oder eben "engagierte Politiker" zu werden, während der Plutokratennachwuchs trotz aller charakterbildenden "sozialen Dienste" später selbstverständlich "Wirtschaftsführer oder Lobbyist" wird, weil das bei geringerem Aufwand mehr einbringt. Gleichzeitig etabliert sich eine "neue Elite" undurchsichtiger Transformationsgewinnler (sog. "Businesmeny") aus Russland und parteitreuer Frühkapitalisten aus China als einflussreiche Premiumkundschaft, von deren Zahlungen die Schule mehr und mehr abhängig wird. Darum zeigen die Salemer Repräsentanten auch keinerlei Scham, den Transfer russischer Vermögen, die wohl kaum auf redliche Weise erworben sein können, in die mittelständische deutsche Wirtschaft quasi als provisionspflichtige Maklerleistung der Schule zu bewerben. Originalzitat aus dem Beitrag "Salem: Verbindungen fürs Leben" (Wirtschaftsblatt 3/2012):

"Georg, Spross einer alteingesessenen schwäbischen Unternehmerfamilie, war zwölf Jahre alt, als sie sich kennen lernten. Kolja, ein Jahr älter, stammte aus einer nach der Wende wohlhabend gewordenen russischen Familie, die sich kulturell und wirtschaftlich nach Westeuropa orientierte. Heute ist Kolja Geschäftsführer des Maschinenbauunternehmens, für das Georg im Gesellschafterkreis die Familieninteressen vertritt. Dazwischen lag – Salem."

Fast noch absurder mutet der Versuch des Salemer Leitungsduos Leicht und Westermeyer in derselben Ausgabe des Wirtschaftsblatts an, den Einsatz der Salemer Jugendfeuerwehr während der Überlinger Flugzeugkatastrophe im Sommer 2002 (Reutlinger Generalanzeiger: "Es regnete tote Kinder vom Himmel") unter dem Stichwort "Erlebnispädagogik" zu vermarkten (Titel des Beitrags: "Wie aus Kindern Führungskräfte werden"). Tatsächlich hatte man Jugendliche der 8. bis 10. Klasse nächtens zum "Leichenteile-Einsammeln", wie es später hieß, in den Überlinger Wald geschickt. Wer dies als erwachsener Katastropfenhelfer erlebt hatte, war noch zehn Jahre später schwer traumatisiert.

Die "Sprache der guten Absichten", kritisiert Jürgen Oelkers die Rechtfertigungs-Rhetorik der Landerziehungsheime, "[...] schützt sich mit einer Pädagogik, die ihr affin ist und die guten Absichten expliziert, aber über das wirkliche Geschehen keinen Aufschluss gibt". Wenn Charakterbildung in der hier von Robert Leicht beschriebenen Form überhaupt zu den erwarteten Ergebnissen führen soll, bedarf es wohl schon bei der Aufnahmeprozedur eines "Wesenstests" der Bewerber, um sich ihrer charakterlichen Eignung zu versichern. Denn ansonsten instrumentalisiert die Elite-Kundschaft die von ihr finanzierten Bezahlschulen kurzerhand im Sinne ihrer schichtspezifischen Interessen. Will sagen: Dem eigenen Nachwuchs soll über das Internat der Zugang zur Elite erkauft werden. Niemand zahlt 30.000 Euro und mehr pro Jahr, um seine Sprösslinge mit dem Abiturzeugnis als Inkarnation von Mutter Theresa oder Imitatio Christi nach Art des Hl. Franz von Assisi wieder in Empfang zu nehmen.

Aufschluss darüber, inwieweit eine Schule wie Salem in der Lage ist, ihre Schüler statt nach dem Einkommen der Eltern unter dem Gesichtspunkt gesellschaftlicher Verantwortungsbereitschaft auszuwählen, hätte ein Interview der "Welt am Sonntag" mit dem erst kürzlich von der Landesschule Pforta an den Bodensee gewechselten Schulleiter Bernd Westermeyer (verheißungsvoller Titel: "Bildung ist nicht käuflich", vgl. WamS vom 25.11.2012), erbringen können. Denn es eröffnete sogleich mit der provozierenden Frage, ob Internate wie Salem nicht eher Parkplätze für Patchwork-Kinder und Schulversager seien oder für psychisch stark belastete Kinder aus zerbrochenen Ehen.

Schulversager nehme man nicht auf, lautete die lakonische Antwort Westermeyers. Allerdings ließ er offen, wer als Versager zu gelten habe. Und die schulischen Anforderungen blieben bewusst vage. Man wähle nur Schüler aus, die sich fordern wollten, die Interesse und den Willen hätten, das Abitur zu schaffen. Solche Absichtserklärungen sind Bewerbern mit entsprechendem sozialen Background, die ohnehin zumeist eine hohe Meinung von sich haben und eloquente Selbstdarsteller sind, im Aufnahmegespräch sicherlich leicht zu entlocken. Und wer hätte - als Tochter oder Sohn aus begütertem Haus - wohl kein "Interesse, das Abitur zu schaffen"? Oft folgen entsprechenden Beteuerungen allerdings keine Taten, so dass dem Nachwuchs "ein Internat vorgeschlagen" wird, wie die Tatsache der Landverschickung in eines der "Jugendstraflager der Eliten" gern umschrieben wird.

Auch für schwierigere Fälle lassen Westermeyers Ausführungen das berühmte Hintertürchen. Pro Lerngruppe, so zierte sich der Pädagoge, könne man immerhin ein oder zwei Kinder mit ADHS oder anderen Schwierigkeiten verkraften. Mehr nicht, sonst "kippe das System". Aber genau nachzählen wird da im Zweifelsfalle wohl niemand, zumal es der Spendenbereitschaft betuchter Eltern enorm aufhilft, wenn sich ihnen die Möglichkeit eröffnet, den eher weniger elitären Nachwuchs dort unterzubringen, wo er eigentlich nichts verloren hat: in einem imageträchtigen "Eliteinternat". Und auch im Hinblick auf die hohe Zahl von Trennungs- und Scheidungswaisen, die in allen Internaten zuverlässig die Plätze füllen, aber eben auch erhebliche Verhaltensstörungen zeigen, äußert sich Westermeyer sybillinisch. Salem sei in dieser Hinsicht "ein Spiegelbild der Gesellschaft". Man helfe, "Spannungen abzubauen", indem man "Kinder aus dem Szenario" herausnehme. Das helfe auch"bei Stress in der Pubertät". Womit dann wohl das traditionelle Geschäftsfeld einer "normalen" Internatsschule vollständig abgegrast wäre.

Was das böse Wort von der Käuflichkeit angeht, gibt es für die positive schulische Entwicklung im Internat selbstverständlich keine Erfolgsgarantie (Frage: "Was kann ein Internat nicht geben?" Antwort: "Erfolg. Den muss sich jeder selbst erarbeiten. Bildung ist nicht käuflich.") Käuflich scheint dagegen eine gewisse Konzilianz des pädagogischen Personals im Umgang mit Erziehungs- und Schulproblemen zu sein. O-Ton Westermeyer: "Aber wir machen Kinder stark, damit sie aus eigener Kraft ihren Weg gehen. Jeder darf hinfallen, jeder darf scheitern. Wir müssen sie ermutigen, wieder aufzustehen."

Am Schluss des Interviews wird noch das professionelle Wohlwollen der dienstbaren Geister beschworen, das Eltern sich per Dienstvertrag sichern. Wie oft hat man schon dieses Loblied auf den entsagungsvoll sich aufopfernden Internatslehrer gehört, der zum gleichen Gehalt wie der Kollege an der staatlichen Tagesschule "in seinem Beruf noch dazu eine deutlich höhere Belastung" auf sich nehme, dafür aber "mit einer viel besseren Atmosphäre", "Kleingruppen von 15 bis 20 Schülern", sowie einer "großartigen Ausstattung" entschädigt und zusätzlich dadurch "beflügelt" werde, dass er jedes Kind fördern und fordern dürfe.

Hochgesteckte Charakterziele? Irgendwie drängt sich mir da folgendes Bild auf: Die Sportlehrer haben die Latte "ganz oben" aufgelegt und warten nun auf die Stabhochspringer. Doch stattdessen erscheint eine Truppe von Limbo-Tänzern. Die amüsieren sich königlich bei der Bewältigung der inszenierten "Herausforderungen".

Zuerst erschienen bei Suite101
14:12 02.11.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare