Unwort-Klauberei

Unwort des Jahres Die Gedankenpolizisten der "Sprachkritischen Aktion" haben ihr Neusprech-Register um ein weiteres Unwort erweitert. Mit Gutmensch langen sie mal wieder gründlich ins Klo.
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Nun ist es also heraus, das „Unwort des Jahres“. Dieses Mal trifft es den Begriff „Gutmensch“. Ausgerechnet. Und wie alle Jahre zuvor trete ich die eigene Favoritenliste in den Acker wie einen wertlos gewordenen Wettschein auf der Pferderennbahn. Klarer Fall von Schiebung, natürlich. Warum sollte in Zeiten, wo die asiatische Glücksspielmafia schon Freundschaftsspiele in den arabischen Luxus-Trainingscamps tabellenvorletzter Bundesligaclubs manipulieren lässt, ausgerechnet bei der Unwort-Kür alles mit rechten Dingen zugegangen sein?

Gerade für 2015 hatte ich den ultimativen Tipp! „Willkommenslager“ stand für mich ganz oben auf der Ekelwort-Agenda. Wahrlich das Unwort- Ungetüm des Jahrhunderts, bei dem ich das Lager-Orchester von Theresienstadt assoziiere oder eine imaginäre Filmszene, in der dem Lagerkommandanten (gespielt von Thomas De Maizière) die versteinerten Bürokratenzüge entgleisen, während er beim Mensch-Ärgere-Dich-Nicht mit abgelehnten Asysbewerbern mal „so richtig die Sau raus“ lässt.

Was ist dagegen dieses blöde „Gutmensch“? Wie kann denn überhaupt der ironisierende Ausdruck für den sozialpsychologischen Typus des absolut humorfrei schulmeisternden Moralisten, der in seinem eifernden Bemühen um die optimale Sprachhygiene und den politisch korrekten Lebensstil stets über das Ziel hinausschießt, auf die „Bä-Bä-Liste“ der Yoghurtbecher-Spüler und * Innen geraten? Liest man die weitschweifige Laudatio der Darmstädter Neusprech-Kommission auf das Schmähpreis-gekrönte Bannwort nach, so muss man zudem feststellen, dass deren Unwort-Verdikt einer Fehldeutung des Begriffs „Gutmensch“ aufsitzt. Denn zu Unrecht wird dieser mit einem denunziatorischen Naivitäts-Vorwurf gegenüber solchen Mitbürgern gleichgesetzt, die tatsächlich Gutes tun und ihr soziales Engagement (z.B. in der Flüchtlingshilfe) ohne Rücksicht auf die Bedenken derjenigen praktizieren, deren Argwohn zu Recht oder Unrecht darauf gerichtet ist, dass das gut Gemeinte sich am Ende doch als das schlecht Gemachte erweisen könnte.

Welche perfide Strategie verbirgt sich hinter diesem gewillkürten Missverständnis? Ganz ohne Verschwörungshysterie: Das Böse tarnt sich oft mit scheinbar naiven Statements und gespielter Harmlosigkeit. Schauen Sie zum Beweis nur mal in das Pitbull-Gesicht des neuen VW-Vorstands Matthias Müller, wie er angesichts der eindeutig kriminellen Manipulation der Abgaswerte diverser Konzernmodelle gegenüber der Presse treuherzig Schuldbewusstsein heuchelt, aber gleichzeitig die bei Vorständen großer Unternehmen äußerst populäre Pantomime von den drei Affen aufführt.

Warum wohl nennt sich die Mafia selbst „Ehrenwerte Gesellschaft“? Warum heißen die Beute-Anteile der Deutsche-Bank-Manager „Boni“? Und warum werden in vielen journalistischen Beiträgen das Verdienst und der Verdienst immer häufiger verwechselt? Achten Sie mal drauf! Was vielleicht als Bildungsmangel unbeholfener Redaktions-Volontair*Innen und Praktikant*Innen begann, wird bereits schon (wurde früher auch rot angestrichen, hat sich aber bereits schon völlig eingebürgert!) bald in den allgemeinen Neusprech-Gebrauch einfließen, um den Werteverfall einer zunehmend korrupten Gesellschaft aus dem Bewusstsein zu tilgen.

Und um einen ähnlich manipulativen Vorgang geht es auch bei der nur scheinbaren Fehlleistung der Ächtungs-Jury von der "Sprachkritischen Aktion"! Das ist sogar meiner Heimatzeitung aufgefallen:

"Trotz wechselnder Zusammensetzung nämlich", schreibt Jens Frederiksen im Lauterbacher Anzeiger, "zeichnet sich die Jury durch eine giftige Aufpassermentalität aus. [...] Gutmenschen eben. Indem sie das Wort aber zum 'Unwort' erklärt, adelt sie nur das eigene Treiben. Dabei ist der Begriff ein guter, denn er benennt präzise wie kein zweiter, wer derzeit am nachhaltigsten den freien öffentlichen Diskurs verhindert."

Richtig! Indem so idealtypische Gutmenschen die Deutungshoheit an sich reißen und dem auf sie selbst gemünzten Begriff einen falschen Inhalt injizieren, stülpen sie sich selbst die Tarnkappe über, um fortan – unbehelligt vom Spott der Gutmenschen-Hasser – weiterhin den politisch korrekten Wortschatz der Nibelungen zu bewachen.

18:35 13.01.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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