Am Anfang steht die Angst

Aus dem Rollenbuch einer Seuche Killervögel, Menschenzüge und vorsorglich Verdächtige

Auch wenn es gelegentlich den Anschein haben mag: Es ist nicht die Natur, die den Menschen nachahmt, vielmehr pflegt der Mensch sein mimetisches Verhältnis zur Natur. Deshalb ist der alljährliche Vogelaufmarsch am Frühjahrs- und Herbsthimmel keineswegs den militärischen Formationen von Flugschauen oder Luftinvasionen nachempfunden, vielmehr haben die Kriegsherren die Raffinesse der Natur abgekupfert, wenn sie ihre Bombergeschwader in Vogelordnung fliegen lassen. Wenn also jetzt zum wiederholten Mal die "Killer im Anflug" sind - womit die aus ihren Winterquartieren zurückkehrenden Zugvögel gemeint sind - und "den Tod auf leisen Schwingen" bringen, dann ruft dies die Erinnerung an die Bomberverbände im Zweiten Weltkrieg wach und an jenes im Stellungskrieg 1917 entstandene Lied, das von Wildgänsen handelt, die durch die Nacht gen Norden rauschen und die Menschen an das weltweite Morden erinnern. Kein Zufall dürfte es auch sein, dass ausgerechnet die Hamburger Wochenzeitung Die Zeit solche Erinnerungsbestände aufruft.

Die menschlichen Ängste, die die Wildvögel begleiten, sind - auch wenn sie nicht aller wissenschaftlichen Grundlage entbehren mögen - in erster Linie also Projektionen des kulturellen Gedächtnisses. Der Vogelzug birgt wahrscheinlich weniger Gefahren als die unkontrollierbaren Menschenzüge in der globalen Gesellschaft. Das vom Menschen abhängige und ihm dienende Federvieh lässt sich darüber hinaus einsperren, unter tierunwürdigen Bedingungen auf wenigen Quadratmetern halten und - wenn es gar nicht anders geht - millionenfach keulen. Was dabei herauskommt, wenn man versucht, ein ganzes Volk einzusperren, wissen wir spätestens seit dem Fall der Mauer.

Weil Menschen womöglich unberechenbarer sind als das neue Supervirus, von dem niemand weiß, ob und wann es kommt und wie es agieren wird, werden vorsorglich Verdächtige ausgemacht. Unter Generalverdacht steht momentan die Türkei, die sich, so wird suggeriert, offenbar unfähig - oder unwillens? - zeigt, ihr ostanatolisches Armenhaus unter epidemiologische Kontrolle zu bringen. Dort verendet das Geflügel von den Behörden unbeachtet auf der Straße, und die Menschen in ihren ärmlichen Behausungen warten, so der Berliner Tagesspiegel, "vergeblich auf den weißen Mann" - den Beauftragten vom Veterinäramt. In Rumänien dagegen, souffliert der Chor weiter, arbeiten die Regierung und ihr Seuchenstab vorbildlich gegen die Killerviren. Auch das gehört ins Rollenbuch der großen Europapolitik.

Dabei lehrt die Geschichte der Seuchen vor allem eines: Sie sind hausgemacht und haben mit Armut zu tun. Die Pest wurde vom Bevölkerungsanstieg und den damit verbundenen Ernährungsengpässen begünstigt; die Tuberkulose wütete - trotz aller schicken Bohemien-Erzählungen - vor allem in den Armenquartieren der überfüllten Städte; die Cholera bricht aus, wenn die Menschen keinen Zugang zu sauberem Wasser haben; und dass sich Aids vor allem auf dem afrikanischen Kontinent so dramatisch ausbreitet, hat ebenfalls mit der Armut der schwarzen Bevölkerung zu tun.

In gewisser Hinsicht, darauf macht der Medizinhistoriker Till Bastian aufmerksam, bereiten die Seuchen ihrerseits den Boden, auf dem sich neue Seuchen entwickeln können: Nachdem die Pest ein Drittel der Bevölkerung dahingerafft hatte, stellten die Menschen ihre Ernährung auf Fleischkonsum um, weil Tierhaltung weniger arbeitsintensiv war als Ackerbau. Damals begann die heute übliche Massentierhaltung, ohne die Phänomene wie die Vogelgrippe gar nicht denkbar wären.

Wie man es also auch dreht und wendet: Die Vogelgrippe ist wie der Bomber am Himmel ein Menschenprodukt. Das weiß auch der Mensch, denn vor nichts hat er solche Angst wie vor den eigenen Schöpfungen. Sie zu kontrollieren - vom Kriegswerkzeug über das gentechnologisch veränderte Getreide bis hin zur Seuche - gilt seine Mühe. Ein Kontrollwahn, von dem er weiß, dass er letztlich vergeblich ist, gleichgültig wie engmaschig die Netze geknüpft werden. Es sind immer die Menschen, die die Kontrolle hintergehen.


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Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Redakteurin „Politik“ (Freie Mitarbeiterin)

Ulrike Baureithel studierte nach ihrer Berufsausbildung Literaturwissenschaft, Geschichte und Soziologie und arbeitete während des Studiums bereits journalistisch. 1990 kam sie nach Berlin zur Volkszeitung, war im November 1990 Mitbegründerin des Freitag und langjährige Redakteurin in verschiedenen Ressorts. Seit 2009 schreibt sie dort als thematische Allrounderin, zuletzt vor allem zuständig für das Pandemiegeschehen. Sie ist außerdem Buchautorin, Lektorin und seit 1997 Lehrbeauftragte am Institut für deutsche Literatur der Humboldt Universität zu Berlin.

Ulrike Baureithel

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