Blut ist dünner als Sein

Ausstellung „A Living Man Declared Dead and Other Chapters“ heißt das Projekt, mit dem die Künstlerin Taryn Simon in der Neuen Nationalgalerie Berlin Familiengeschichten erkundet

Die Bilder ähneln sich zum Verwechseln. Menschen, auf einem Stuhl sitzend, vor dem immer gleichen neutralen Hintergrund, die Hände in den Schoß oder auf die Schenkel gelegt, das Gesicht ausdruckslos. Und obwohl die Situation standardisiert ist und es sich um Blutsverwandte handelt, strahlt jede der kleinen Fotografien Individualität aus. Arrangiert ist das Ganze als Triptychon: Den Porträtreihen einer Familie folgt auf einer Texttafel die Geschichte des jeweiligen Protagonisten, die kommentiert wird durch sogenannte „Fußnoten-Bilder“, Dokumente und Fragmente.

Eine dieser Geschichten handelt von Schivdutt Yadev, der auf dem Grundbuchamt im indischen Uttar Pradesh feststellen musste, dass er, seine Brüder und einige seiner Cousins als Tote geführt werden. Land ist in Indien die wichtigste Einkommensquelle, deshalb werden Beamte bestochen, Lebende für tot zu erklären und das verwaiste Land neuen Eigentümern zu übertragen. Die Geschichte von Yadevs Familie gibt der bemerkenswerten Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie Berlin ihren Titel: A Living Man Declared Dead and Other Chapters.

Vier Jahre lang hat die 1975 geborene New Yorker Konzeptkünstlerin Taryn Simon in der ganzen Welt gesammelt. Sie ist den „Blutslinien“ der vielfach dramatischen Geschichten nachgegangen, hat Beziehungen hergestellt, die Familien der Opfer fotografiert und nach Indizien gefahndet. Wo ein Bildrahmen leer bleibt, durfte Simon aus religiösen, politischen oder persönlichen Gründen keine Aufnahme machen.

Schicksal aus Zufall

In Kenia stieß sie auf Joseph Nyamwanda Jura Ondijo, der Patienten behandelt, die unter Unfruchtbarkeit, bösen Geistern und psychischen Beschwerden leiden. Dafür nimmt er nicht nur Geld und Tiere, sondern gelegentlich manche Patientin als Bezahlung. 32 Kinder und 33 Enkel sind aus den Verbindungen hervorgegangen. Die Fußnotenbilder zeigen sechs seiner neun Ehefrauen und eine der Kühe.

Erzählt wird auch die Geschichte von Dorothy Galagher, die nach der Einnahme von Thalidomid (Contergan) Drillinge mit Missbildungen an den Armen geboren hat. Oder das Schicksal von Sunina Shakya, die mit drei Jahren zum Kumari-Mädchen auserkoren wurde. In Nepal werden Kumaris, die bestimmte körperliche Vorzüge aufweisen müssen, als Inkarnation der Göttin Taleju verehrt. Bis zur Menstruation werden die Mädchen in Tempeln isoliert.

Die Porträtierten verbindet ein gemeinsames Schicksal, das dem Zufall geschuldet ist: das Blut, der genetische Code, die Herkunft. Latif Yahia etwa sah Uday Hussein so ähnlich, dass er als Körperdouble eingesetzt wurde, um den Sohn Saddams vor Attentaten zu schützen.

Simon, die durch die amerikanische Justizirrtümer thematisierende Serie The Innocents weltbekannt wurde, unterläuft die fotografisch-genealogische Systematik, indem sie sie mit der realen Willkür konfrontiert: Gewalt, Raub, Korruption, aber auch Widerstand. In Form einer experimentellen Anordnung lotet sie den Zusammenhang zwischen angeblich schicksalsträchtigem „Blut“ und gemachten Verhältnissen aus und leistet damit einen kritischen Beitrag zur modernen Form der „Blutsgläubigkeit“, die unter dem Stichwort genetischer Code firmiert.

A Living Man Declared Dead and Other Chapters Taryn Simon Neue Nationalgalerie Berlin. Bis 1. Januar 2012, der Katalog kostet 60

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10:00 23.10.2011
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

Ausgabe 25/2021

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