Der Körper als Verräter

Bühnenreif Den Regisseur Milo Rau interessiert nicht die Ikone Lenin, sondern der pessimistische Kranke
Der Körper als Verräter
Ursina Lardi als Lenin in der Inszenierung von Milo Rau

Foto: Kevin Gräber

Seine größten Provokationen, bekundet Milo Rau gelegentlich, seien auf Missverständnisse zurückzuführen. Als sein Stück Die letzten Tage der Ceausescus in Rumänien und Russland gezeigt wurde, warf man ihm etwa vor, er habe das Ehepaar zu positiv gezeichnet. Dabei, so erklärte es der Schweizer Regisseur in einem Interview (Freitag 48/2012), habe er doch lediglich die Menschen hinter den Politmasken zeigen wollen.

Einen ähnlichen Vorwurf wird sich Rau für seine neueste Inszenierung an der Berliner Schaubühne gefallen lassen müssen. LENIN hebt, die Ereignisse der frühen Revolutionsphase verdichtend, einen einzigen Tag im Sommer 1923 auf die Bühne. Nicht die Ikone Lenin – die der 13-jährige Milo, Sohn eines überzeugten Trotzkisten, als Poster über dem Bett hängen hatte – ist das Zentralmotiv, sondern der dahinsiechende, bettlägerige und zu Pessimismus neigende Mann, der von seinem Widersacher Stalin isoliert und von seinen Politgroupies, die sich am „Trägheitsgesetz der Geschichte“ abarbeiten, fürsorglich belagert wird. Spielort ist die naturalistisch nachempfundene Sommerresidenz Lenins bei Gorki, bei deren Anblick man sich zurückversetzt fühlt zu Tschechows Sommergästen.

Die Räume des Hauses rotieren auf einer Drehbühne, von Live-Kameras umstellt, die die Figuren auf einer darüber installierten Leinwand heranzoomen, spielen die Schauspieler hier nicht nur ihre Rollen, sondern gelegentlich auch sich selbst, wenn sie nebenan an einem Schminktisch hergerichtet werden und – so jedenfalls in der ursprünglichen Textfassung – ihre Rolle kommentierend begleiten. Innen- und Außenperspektive, räumlich und historisch, sind auf diese Weise ständig präsent.

Das Unheimliche des Privaten

Das Irritierendste an dieser dokumentarisch sich gebenden Inszenierung ist aber, dass dieser sieche Lenin, dessen Körperfunktionen nach einem Hirnschlag irreversibel ausfallen, von einer Frau, der Schweizerin Ursina Lardi, verkörpert wird, mit langen blonden Haaren und feinen Zügen, die so gar nicht das breitflächige Gesicht des Revolutionsführers wiedergeben. Dass als Krupskaja, Lenins Gefährtin, ein ganz anderer, herberer Frauentyp, nämlich Nina Kunzendorf, figuriert, wäre historisch plausibel, würde diese nicht so extrem zurückgenommen, fast kleinmütig agieren.

Der Fokus verschiebt sich dann auch vom großen Revolutionsführer, den der von Damir Avdic performte Stalin gegen den Willen Krupskajas zur Einbalsamierung freigeben will, auf den Kranken, dem alle Wissenschaftlichkeit und aller Empirismus, für die er steht, nicht mehr aus seinem politischen und existenziellen Dilemma helfen können. Zwar verfällt er, sich aufbäumend, immer wieder noch einmal in gewalttätige Posen, die für den Regisseur offenbar ein fortlaufendes Faszinosum sind, weil Brutalität und Selbstkasteiung durch die „dritte Sache“, den Sieg des Sozialismus, legitimiert scheinen. Doch zunehmend wird Lenins Wille vom Körper verraten und brüskiert so den propagierten „neuen Menschen“ Sowjetrusslands.

Als Gegenfigur posiert Felix Römer als Trotzki, der, redegewandt und zynisch, nicht nur die historische Figur verkörpert, sondern auch als Erzähler fungiert. Bei aller Loyalität zu Lenin ist er – vielleicht mehr als Stalin – die Figur, die das Machtfeld Lenins diffundiert, obwohl er weiß, dass er auf verlorenem Posten steht. Zusammen mit Lenins überliefertem Personal und einigen erfundenen Domestiken befördert er die klaustrophobisch-paranoide und teilweise homoerotisch grundierte Atmosphäre in der Datsche, die sich als dominantes Feeling auf das Publikum überträgt.

Er habe das Unheimlich-Metaphysische des Privaten herausstellen wollen, erklärt Rau und mit der Besetzung Lenins herausfinden wollen, was zur Komplizenschaft zwischen Politführer und Volk, zwischen Schauspieler und Publikum führt. Doch seine „Verweiblichung“ Lenins geht konzeptionell nicht auf, denn das kulturelle Ordnungsmuster Geschlecht wiegt – insbesondere wenn es um „große Männer“ geht – zu schwer und zielt entweder auf symbolische Erhöhung oder Depravation. In diesem Fall bleibt Lenin, auch wenn er sich wieder zum Mann wandelt, dem Mitleid des Publikums ausgesetzt, ohne kathartische Wirkung, auch wenn er noch einmal – und in sichtlichem Einverständnis mit dem Regisseur – eine große Rede hält. „Dort, wo die ‚Demokraten‘ herrschen“, so die verbürgte Ansprache an Moskauer Arbeiter, „dort herrscht unverhüllter offener Raub.“ Es röche „kein bisschen nach Freiheit und Gleichheit“. Daraufhin Raus Datscha-Bewohner ans Publikum: „Ihr sogenannten Demokraten, ihr seid klägliche Einzelerscheinungen.“ Nichts kann bleiben, wie es ist, so die wohlfeile Botschaft. Wohin aber bitte soll die Reise denn gehen?

Zwitterhaft bleibt die Inszenierung auch ästhetisch zwischen gewolltem Naturalismus und Verfremdungsbemühen, Bühnenspiel und filmischer Verdoppelung, wobei wahrnehmungstechnisch eindeutig die Kamera obsiegt. Diesen Lenin verlässt man jedenfalls nicht „links oder rechts“, wie Milo Rau prophezeit, sondern nur mit einem starren Genick.

Info

LENIN Regie: Milo Rau Schaubühne, Berlin

06:00 29.10.2017
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

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