ERLEBNISBAUSTEINE

Berliner Abende Halb gestützt, halb über dem Klapprad hängend, fuchtelt er mit einer Hand in unbestimmte Richtung. Auf dem Leib Präsent 20, blau-verschossen. »Also, ...

Halb gestützt, halb über dem Klapprad hängend, fuchtelt er mit einer Hand in unbestimmte Richtung. Auf dem Leib Präsent 20, blau-verschossen. »Also, dort, dorthinten, hinter det DDR-Ferjenheim am See ... also, früher, Se wissen schon ...« Sinnierend bricht er ab, ein Finger tropft auf unsere Karte, verirrt sich auf den winzigen Punkten, die hierzulande selten Orte, meist nur Weiler oder Gehöfte markieren. »Ne, vielleicht besser dortrum, dit is doch, also ...« »Nee«, schüttelt er schließlich den Kopf, »der Weg is jesperrt seit die Wende... det is privat.« Kurzsichtig blinzelt er uns an, kapituliert. Dass er eigentlich eine Brille bräuchte, um uns weiterzuhelfen, können wir nur ahnen, und an einem Sonntagnachmittag, hier draußen in der Pampa, hat schon das eine oder andere Bierchen seinen Weg gefunden.

Resigniert kehren wir um, vorbei an dem verwilderten Seegrundstück, das nie erfüllbare Begehrlichkeit weckt. Morbider Charme einstiger Funktionärs-Herrlichkeit oder Intellektuellen-Größe: das verglaste Halbrund einer Terrasse, von hohen Kiefern abgeschirmt das Dach, unter dem nur noch Schwalben hausen und auf ihm wildwüchsige Gräser. Ein Stück weiter oben steht schon die Abrissbirne hinter dem verrammelten Tor.

Siedlung am See nennt sich die illustre Ansammlung von Alt-Datschen und neureichen Villen. Der englische Rasen, gepflegt, weist den Bauunternehmer aus, der als Einziger eine aufklärende Lichtung geschlagen hat. Undurchdringlich daneben die Wildnis, in der sich eine heruntergekommene Wohnbaracke behauptet. Hundert Meter weiter das Löwentor zu Mykene, Attrappe versteht sich, und einheimisch aufgeladen mit beidseitig röhrenden Ebern. Dazwischen unauffälliges Kleinbürgertum, vorher und nachher und garantiert unverwüstlich.

Ich gestehe: Ich bin eine Ächterin von Paraden. Nicht nur militärische Formationen lassen mich flüchten, sondern auch solche, die der globalen Liebe gewidmet sind und den Radetzky-Marsch in Techno-Rhythmen übersetzen. Also gehöre ich zu der großen Minderheit von Berlinansässigen, die seit Jahren an einem Wochenende Mitte Juli fluchtartig die Stadt verlässt, um sich in beschaulicher Einsamkeit - wahlweise in Brandenburg oder Meckpom - zu gratulieren, kein Politiker zu sein und behaupten zu müssen, schon immer als Raver sein Wesen entfaltet zu haben.

Das beschauliche Glück allerdings endet meist schon in Oranienburg (wahlweise Bahnhof Lichtenberg oder Wannsee, denn Stadtflüchtige wissen natürlich bei derlei Anlässen die Bahnhöfe Zoo und Friedrichstraße zu meiden), wenn Tour-de-France-verdächtige Fahrradumzüge sich in die zweiwagigen Regionalbahnen pressen und via Potsdam, Rheinsberg oder - wie wir - in die Uckermark verschieben lassen.

Grunewald, Wilmersdorf oder Stegelitz nennen sich hier die Orte, und zu unserem Vergnügen auch Kuckucksheim oder Groß Väter. Nach der Wende hat das verblüfft, weil »wir« Westberliner daran erinnert wurden, dass die Berliner Stadteile auch ein Hinterland haben, dem sie ihre Namen verdanken. Mittlerweile dient das »Hinterland« den Großstädtern als Erholungsraum. Das klingt heutzutage natürlich viel zu bieder, und so bietet die »Perle der Uckermark« ihre Attraktionen als »Erlebnisbausteine« an. Die obligatorische Kremser-Fahrt zum Beispiel, aber auch eine Templiner »Candle-Night«, bei der ein »Original-Nachtwächter«, wie der Prospekt verspricht, die Gäste spätabends in einer Schummerkneipe ihrem Schicksal überlässt. Gar nicht zu reden von der Uckermärker Nudelwoche, die das ostdeutsche Kartoffel-Erlebnis krönt.

Rrruummm. Aus dem Schilf erschreckte Entenschreie, zwei Schwäne flattern auf. Unmittelbar entlang der Schutzzone schießt ein Motorboot vorbei. Vom Deck wummert Techno herüber. Seitdem die märkische Seenplatte für den motorisierten Wassersport entdeckt ist, hat es mit dem verwunschenen Idyll ein Ende. Zwar wirbt das Templiner Land mit der dünnsten Bevölkerungsdichte Ostdeutschlands, doch die Parade auf den Seen hält jeden Rekord. Den Seensprint preist unser Prospekt übrigens ganz oben auf der Hitliste der »Erlebnisbausteine«.

Was aus dem Land wohl geworden wäre, wenn im 14. Jahrhundert rechtmäßig die Wittelsbacher das Regiment übernommen hätten und nicht der hochstapelnde Waldemar, der von Königs Gnaden zum Markgraf gekürt wurde? Vielleicht hätten die Folge-Ludwigs lauter Märchenschlösser gebaut: Leda und der Schwan, ein wenig bajuwarischer Glanz gegen grundherrlichen Stumpfsinn und spießige Datschen-Kultur.

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Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Redakteurin „Politik“ (Freie Mitarbeiterin)

Ulrike Baureithel studierte nach ihrer Berufsausbildung Literaturwissenschaft, Geschichte und Soziologie und arbeitete während des Studiums bereits journalistisch. 1990 kam sie nach Berlin zur Volkszeitung, war im November 1990 Mitbegründerin des Freitag und langjährige Redakteurin in verschiedenen Ressorts. Seit 2009 schreibt sie dort als thematische Allrounderin, zuletzt vor allem zuständig für das Pandemiegeschehen. Sie ist außerdem Buchautorin, Lektorin und seit 1997 Lehrbeauftragte am Institut für deutsche Literatur der Humboldt Universität zu Berlin.

Ulrike Baureithel

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