Erst nur Geplänkel

Gewalt Wie kam es zur Brutalisierung im Winter und Frühjahr 1918/19? Der Historiker Mark Jones findet neue Antworten
Erst nur Geplänkel
Ein Endkampf finde statt, war immer wieder zu hören. Besser, man hatte seine Waffe dabei

Foto: Imagno/AKG-Images

Keine 24 Stunden nachdem die Revolutionäre die Herrschaft in Kiel übernommen hatten, am frühen Nachmittag des 5. November 1918, wurde der Sparkassenlehrling Völkert auf einer Bahre aus seiner Arbeitsstätte herausgetragen. Eine Kugel war von der Seite in seinen Körper eingedrungen und hatte die Lunge aufgerissen. Die übrigen Angestellten hatten sich, nachdem draußen Schüsse gefallen waren und Soldaten und Matrosen das Gebäude besetzten, im Keller versteckt, während der Hausmeister gefangen genommen und vor ein „Revolutionsgericht“ gestellt wurde. Die Sache ging für alle glimpflich aus: Die Angestellten blieben unbeschadet, der Lehrling ist genesen und der Hausmeister kam frei. Später stellte sich heraus, dass die Revolutionäre glaubten, Offiziere hätten sich in dem Gebäude versteckt. Sie wähnten sich in einem „Kampf auf Leben und Tod“.

Es sind solche aus den Archiven gehobenen Geschichten, die Mark Jones’ Studie Am Anfang war Gewalt. Die deutsche Revolution 1918/19 und der Beginn der Weimarer Republik, die schon vor dem Jubiläumsjahr erschien, aus der Flut der Darstellungen zur Novemberrevolution herausheben. Sie handeln von Protagonisten, die zwischen die Fronten gerieten, weil sie sich zufällig auf der Straße, am umkämpften Schauplatz politischer Handlungshoheit, befunden hatten. So ist dem 1981 geborenen irischen Historiker die Straße der bevorzugte Beobachtungsraum. Er will erklären, auf welche Weise „die zunehmende Brutalisierung“ im Winter und Frühjahr 1918/19 aus der „Interaktion politischer, militärischer und kultureller Faktoren erwuchs“ und dies in der Überzeugung mündete, der neue Staat mit der SPD an seiner Spitze müsse rücksichtslos durchgreifen. Jones interessieren die bislang unterbelichtete Rolle blutiger Gewalt, die Reaktionen von Politikern und Meinungsmachern sowie die Rechtfertigung ungezügelter staatlicher Gegengewalt, die ihre dunklen Schatten auf die ausgehende Weimarer Republik warf.

In seiner streng chronologisch aufgebauten Untersuchung macht der Autor einen erstaunlichen Befund: Während des Matrosenaufstands in Kiel und der ihm folgenden revolutionären Auseinandersetzungen in anderen Städten kam es zu weit weniger Gewaltexzessen, als die spätere Propaganda glauben machen wollte. Weder gab es die „schwarzen Listen“ der Revolutionäre noch die befürchteten Racheakte. Selbst die am 9. November abgegebenen Schüsse vor dem Berliner Stadtschloss waren eher Geplänkel: „Es gab keine Gründungsgewalt“, konstatiert Jones. In den Winterhimmel wuchsen dagegen die in Umlauf gesetzten Vermutungen und Gerüchte, zwischen Revolutionären und königstreuen Garnisonen fände ein „Endkampf“ statt. Diese Vorstellung, lanciert in den aussichtslosen letzten Kriegswochen, befeuerte auch die unmittelbare Nachkriegszeit und mündete in der bekannten Dolchstoßlegende.

Angst vor dem Bolschewismus

Falschmeldungen, Gerüchte und Panikreaktionen spielten nach Jones’ Befund während der gesamten Revolutionsperiode eine bestimmende Rolle. Er stützt sich auf das von Georges Lefèbvre entwickelte Konzept der „Autosuggestion“, nach dem „selbstgeschmiedete Überzeugungen zu allen Zeiten politischen Akteuren dabei geholfen haben, daran zu glauben, dass bestimmte Dinge passierten“ oder passieren würden. Im Falle der Novemberrevolution war das die Vorstellung, die Revolution mit allen Mitteln gegen eine imaginäre Konterrevolution verteidigen zu müssen, sowie andererseits die Angst vor dem Bolschewismus, inkarniert im „Mythos Liebknecht“, die die SPD immer weiter in die Arme der ehemaligen kaiserlichen Generalität trieb. „Wir leben vollkommen ruhig und gleichmäßig“, beschrieb Victor Klemperer den bürgerlichen Erwartungshorizont Ende November. „Und doch ersieht man aus den Zeitungen, dass das Chaos überall zunimmt ... und wir in Kurzem Bürgerkrieg und alle möglichen Gräuel hier und in ganz Deutschland haben werden.“

Spätestens mit dem „blutigen Freitag“ im Dezember 1918, als an der Kreuzung Chaussee-/Invalidenstraße im Maschinengewehrfeuer 16 Menschen zu Tode kamen, und der folgenden „Blutweihnacht“, als der von Reichspräsident Ebert angeordnete Sturmangriff der Gardedivision scheiterte, begann sich die Kultur auf beiden Seiten zu radikalisieren. Die Regierung senkte die Einsatzregeln für das Militär und rechtfertigte die staatliche Gewalt in Erwartung eines baldigen Umsturzes.

Jones dokumentiert die einzelnen Stationen der Revolution bis zum Ende der Münchner Räterepublik aus der Perspektive„von unten“, farbig und empathisch, ohne an analytischer Schärfe zu verlieren. Die im Verteidigungsmodus handelnde und nach dem Spartakusaufstand – „eines der folgenschwersten Ereignisse in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts“ – nicht verhandlungsbereite SPD setzte immer stärker auf Gewalt als Mittel „symbolischer Kommunikation“. Bekräftigt wurde dies von einer Justiz, die nach der Ermordung Liebknechts und Luxemburgs die von Militär und Freikorps begangenen Morde und Erschießungen tolerierte, sekundiert von einer gelenkten Presse.

Jones’ Tiefenschürfungen in Archiven und seine akribische Presse- und Prozessaktensichtung legen Geschichten frei, die die Produktion jener Phantasmagorien begünstigten, die „Akte der Tabubrüche“ erst ermöglicht haben. Dass er deren Wirkkraft für den Verlauf der Weimarer Republik ins kollektive Gedächtnis holt, ist das Verdienst dieser von (fast) allen akademischen Attitüden entlasteten Studie.

Info

Am Anfang war Gewalt. Die deutsche Revolution 1918/19 und der Beginn der Weimarer Republik Mark Jones Propyläen 2017, 432 S., 26 Euro

06:00 19.12.2018
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

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