Fundstücke

Berliner Abende Noch immer wirkt die Potsdamer Brücke wie eine unsichtbare Bannmeile, die die neue Berliner Mitte vom alten Westen trennt. Die hippe Shopping- und ...

Noch immer wirkt die Potsdamer Brücke wie eine unsichtbare Bannmeile, die die neue Berliner Mitte vom alten Westen trennt. Die hippe Shopping- und Büromeile im Rücken, tauche ich unversehens ein in den multikulturellen Schmuddelkiez längs der Potsdamer Straße. Fast zehn Jahre hat die Freitag-Redaktion hier residiert und den immer überhitzteren Wechsel von Second Hand-Shops und Billigheimern verfolgt. Gäbe es nicht den türkischen Händler- und esoterischen Starrsinn, die Gegend wäre schon längst verloren. Beruhigt orientiere ich mich an den Fixsternen: Das Ave Maria vertreibt unverdrossen seine Devotionalien, der Mittagstisch in der Joseph-Roth-Diele kostet noch immer knapp vier Euro, aus dem Birlik-Markt lächeln mir sonnige Orangen entgegen und in der Kurfürstenstraße die Straßenmädchen.

Vor der Potsdamer 89, unserem ehemaligen Domizil, ist das Gebrüll der Marktschreier verebbt. Der Hubschrauber im zweiten Hinterhof hat noch immer nicht abgehoben, das Haus die winterfaule Schlafmütze aufgesetzt. In der Stille im dritten Geschoss krame ich in meinem ehemaligen Schreibtisch nach vergessenem Plunder, Papieren, abgelagerten Resten: Jahresringe einer langen Redaktionszeit.

Dieser Schlüssel zum Beispiel, ein Prachtstück der Schlosserkunst, gehörte zum schmiedeeisernen Tor in der Oranienstraße, wo die Geschichte des Freitag begann. Ich erinnere mich noch genau, wie ich, aus dem vergleichsweise ruhigen deutschen Südwesten kommend, erstmals über die Adalbertstraße stolperte, auf der der türkische Bazar dem kalten Wintertag trotzte. Das damalige SO 36 war ein Kulturschock, und nicht nur diese typischen Berliner Durchsteckschlösser machten mir Probleme. Aber das Umfeld passte zu unserem Zeitungsexperiment: Die Bewohner von verschiedenen Winden hergeweht, zusammengewürfelt wie unsere fremdelnde Ost-West-Redaktion. Jeder Tag dieser Wendezeit war eine Herausforderung.

An Treptow erinnert in meinen Habseligkeiten nur eine kleine Postkartenansicht vom Sowjetischen Ehrenmal, auf deren Umseite eine Autorin vermerkt, das Denkmal sei frauenfeindlich. Die Fabriketage, die wir dort bewohnten, war ganz anders als die in Kreuzberg, und wie der ganze Stadtteil befand sich damals auch der Freitag auf Transit: Die Redaktion veränderte sich, die Eigentümer wechselten. Merkwürdigerweise verbinde ich mit Treptow bis heute den ewig defekten Fettabscheider in der miefigen Kantine. Journalistischen Charme hatte das nicht.

In der "Potse" dämmert mittlerweile die zwielichtige Ewigkeit dieses Winternachmittags dem Abend entgegen. Die leer gefegten Eisenregale greifen dürr ins Dunkel, und die verwaisten Stühle warten auf keine Besucher mehr. Heimelige Unheimlichkeit, die fast tröstlich wirkt. Ich packe meine Kiste, die endgültig letzte hier, und breche auf in umgekehrter Richtung. Das Roth hat seine Mittagskarte eingezogen, das Ave Maria schwelgt gülden. Gleich passiere ich die unsichtbar schwärende Wunde zwischen Ost und West.

Die Vergangenheit hinter sich, spreizt sich vom Potsdamer Platz zukunftssicher das andere Berlin. In seinem philosophischen Herzen, am Hegelplatz gegenüber der alten Humboldt-Universität, liegen die Redaktionsräume des neuen Freitag. Wieder einmal unterm Dach, wegen des Überblicks, und zu seinen Füßen studentisches und touristisches Volk. Auch das multikulturell, aber ganz anders.

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