Göttlich

GENE UND ETHIK Die Genindustrie macht Dampf, die Politik hinkt hinterher

Vier Buchstaben, das ist das Leben. Man muss sie nur richtig zusammensetzen, "lesen" und "entziffern", dann ließe sich, so Präsident Clinton, "die Sprache verstehen, in der Gott das Leben geschaffen hat." Am vergangenen Montag haben die Vertreter des Human Genom Project (HUGO) und Craig Venter, Chef des Gentech-Unternehmens Celera, im Weißen Haus ihre säkularisierte Bibel vorgestellt. Sie gibt vor, "das Buch des Lebens" entschlüsselt zu haben und dem "Geheimnis der Menschheit" dicht auf den Fersen zu sein. Woran es noch mangele, so die modernen Bio-Exegeten, sei die "richtige" Interpretation, die Auslegung des "Textes", von der abhänge, ob die Menschheit von ihren Krankheitsübeln befreit werden könne.

Das Politikum dieser triumphalen Präsentation besteht allerdings weniger im Gehalt der "wissenschaftlichen Tatsachen" - mit den vorgelegten Gen-Karten ist in dieser Form in der medizinischen Praxis momentan wenig anzufangen-, als darin, dass die staatlich finanzierte internationale Forschergemeinschaft und der privatwirtschaftlich operierende Venter ihre Konkurrenz - vorerst zumindest - eingestellt haben.

Der Streit um die Dokumentation und den öffentlichen Zugang zu den Gen-Daten ist zwar nicht beigelegt und wird, je mehr das Projekt in die Vermarktungsphase eintritt, zum politischen Dauerbrenner werden. Doch im Unterschied zur Mondlandung, die dieser Tage gerne als Vergleich zitiert wird, gibt es heutzutage keine Systemkonkurrenz mehr, die einen solchen Wettlauf motiviert: Venter hat sich lediglich als Beschleuniger einer Entwicklung erwiesen, die, so scheint es, alle wollen und die dasselbe Ziel verfolgt: Die Exkursion in die profitablen Segmente "des Lebens".

Das ist zumindest aus einer kapitalistischen Logik heraus nicht ehrenrührig, und die Ökonomisierung der Wissenschaft hat gewiss nicht erst mit der Gentechnologie begonnen. Gerade die Atomenergie ist ein trauriges Exempel dafür, mit welchen Spätfolgen sich eine Gesellschaft auseinandersetzen muss, die die Risikoabschätzung in den ökologischen Wind schlug zugunsten der Illusion, von arabischen Ölquellen unabhängig zu werden.

Die Risiken der Gentechnologie sind heute noch weit weniger abschätzbar und umkehrbar, als es in den siebziger Jahren die Folgen der Atomenergie waren, nicht zuletzt, weil die gentechnologischen "Kettenreaktionen" völlig unabwägbar sind. Das Leben ist eben kein "Text", den man der Interpretation und Manipulation durch wissenschaftliche Hohepriester überlassen darf. Bislang hinkte die Politik den gentechnologischen "Durchbrüchen" hoffnungslos hinterher. Hohe Zeit, darüber nachzudenken, ob wir uns einer "Tyrannei der Gene" ausliefern wollen, denn der "Gen-Müll" wird nicht in Zwischenlagern "entsorgt" werden: In diesem Fall werden wir alle das Endlager sein.

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Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Redakteurin „Politik“ (Freie Mitarbeiterin)

Ulrike Baureithel studierte nach ihrer Berufsausbildung Literaturwissenschaft, Geschichte und Soziologie und arbeitete während des Studiums bereits journalistisch. 1990 kam sie nach Berlin zur Volkszeitung, war im November 1990 Mitbegründerin des Freitag und langjährige Redakteurin in verschiedenen Ressorts. Seit 2009 schreibt sie dort als thematische Allrounderin, zuletzt vor allem zuständig für das Pandemiegeschehen. Sie ist außerdem Buchautorin, Lektorin und seit 1997 Lehrbeauftragte am Institut für deutsche Literatur der Humboldt Universität zu Berlin.

Ulrike Baureithel

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