Helfer ohne Hilfe

Notstand Um die Arbeit in der Pflege attraktiver zu machen, braucht es Willen, Geld – und eine Wahrnehmungswende
Helfer ohne Hilfe
Notfallpatient Pflege: Was sich in Krankenhäusern und Altenheimen ändern muss

Foto [Montage]: H. Armstrong Roberts/Classic Stock/Getty Images

In den 1970er Jahren, als das Fliegen noch exklusiv war, gehörte der Beruf der Stewardess zu den weiblichen Traumberufen. Sich an der Seite männlicher Piloten in die Lüfte zu erheben, statt hinterm Ladentisch oder am Krankenbett zu versauern, hob die jungen Frauen aus der gesichtslosen Masse der Babyboomer. Doch mit der Demokratisierung der Mobilität und dem Preisverfall des Reisens hat auch der Sex-Appeal der despektierlich als „Saftschubsen“ abqualifizierten Flugbegleiterinnen gelitten. Umgekehrt sind, glaubt man Umfragen, Krankenschwestern auf dem Heiratsmarkt ausgesprochen begehrt. Möglicherweise steht dieser Befund in reziprokem Verhältnis zur weiblichen Emanzipation, weil sich die Nachfrager von den „Schwestern“ mehr Empathie und, wenn nötig, pflegerische Zuwendung versprechen als von „Karrierefrauen“, die auf der Männerautobahn auf die Überholspur gewechselt sind.

Der Status von Berufen ist also ein sensibler, wenn auch sehr widersprüchlicher Seismograf gesellschaftlicher Wirklichkeit. Dass eine pflegerische Ausbildung seiner Künftigen für manchen Mann attraktiv sein mag, auf dem Arbeitsmarkt aber weniger wert ist als ein üblicherweise von Männern ausgeübter Facharbeiterberuf, gehört zu den Paradoxien der nach wie vor geschlechtsspezifisch arrondierten Berufsfelder. Aktuelle Jobangebote zeigen, dass eine Altenpflegerin in Berlin derzeit zwischen 22.000 und 35.000 Euro im Jahr nach Hause bringt. Dafür arbeitet sie meist im Schichtdienst und übernimmt viel Verantwortung nicht nur für Sachen, sondern für Menschen.

Im Land der Minutenpflege

Womit die von Feministinnen schon vor Jahrzehnten aufgeworfene Frage, ob der Beruf die Person oder die Person – in diesem Fall die Frau – den Nimbus der Profession macht, wieder einmal auf der Tagesordnung steht. Es gibt ja viele Beispiele dafür, dass Berufe, die ursprünglich von Frauen ausgeübt wurden – im aufsteigenden Chemie- oder IT-Bereich beispielsweise –, plötzlich an Ansehen gewannen, als die ursprünglichen Pionierinnen von Männern verdrängt wurden. Möglicherweise begannen sich Männer aber auch erst für diese Felder zu interessieren, als absehbar war, dass sie ihnen Ansehen und gutes Einkommen verschaffen würden, wie es in der Informationstechnologie der Fall war. Auf die Pflege gewendet, wäre also zu fragen: Ist die Arbeit am Menschen einfach weniger wert, weil in ihr kein „Ding“ vergegenständlicht wird, oder wird sie schlechter bezahlt, weil sie haushaltsnah ist und von Frauen verrichtet wird? Wenn aber Letzteres der Fall wäre, müssten Männer, wenn sie zunehmend in „weibliche“ Berufe einsickern, für deren Aufwertung sorgen.

Tatsächlich findet die Stimme von Pflegern, die sich selbstbewusst zu Wort melden und auf den Notstand in Krankenhäusern und Heimen aufmerksam machen, in der Öffentlichkeit offenbar mehr Gehör als die von Frauen. Eindrücklich vorgeführt wurde das, als Kanzleranwärterin Angela Merkel vor versammeltem TV-Publikum von einem jungen Mann nachdrücklich daran erinnert wurde, dass auch alte Menschen im Heim eine Menschenwürde haben.

Die öffentlich Aufmerksamkeit ist wohl auch darauf zurückzuführen, dass der von den Vorgängerregierungen weitgehend ignorierte Personalmangel inzwischen schon so eklatant ist, dass im deutschen Fernsehen zur besten Sendezeit darüber geredet werden darf, dass „pflegebedürftige Menschen stundenlang in ihrer Scheiße liegen“. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz hat kürzlich darauf aufmerksam gemacht, dass sich in den vergangenen 25 Jahren zwar die Zahl der Krankenhausärzte von rund 95.200 (1991) auf 158.100 erhöht hat, die Zahl der verfügbaren Pflegekräfte aber auf dem damaligen Niveau von rund 325.000 stagniert. Gleichzeitig müssen sie statt 14,6 Millionen Patienten inzwischen 19,5 Millionen Patienten versorgen.

Die Arbeit für das Pflegepersonal hat sich in dieser Zeitspanne also um ein Drittel verdichtet. Der dann eilig erhobene Einwand, dass die Verweildauer im Krankenhaus pro Patient um fast die Hälfte gesunken sei, ist kein Gegenargument. Gerade weil viele Patienten zu früh, „blutig“, entlassen werden, steigt der Pflegebedarf in der kurzen Liegephase von durchschnittlich sieben Tagen – zumal die Patienten immer älter werden und hilfsbedürftiger sind. Der Pflegenotstand, trieb die wahlkämpfende grüne Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt die Union in die Enge, sei inzwischen zu einem ernsten Gesundheitsproblem geworden.

Noch dramatischer ist die Situation in der Altenpflege. Es genügt ein Blick auf die sicher nicht übertriebenen Zahlen des Bundesgesundheitsministeriums. Zwischen 1999 und 2015 ist die Zahl der pflegebedürftigen Personen von 2 auf 2,9 Millionen gestiegen, bis 2050 wird mit 5,3 Millionen gerechnet, das sind sieben Prozent der Gesamtbevölkerung. Unter dieser Voraussetzung rechnet die Regierung mit einem zusätzlichen Bedarf von mindestens 140.000, wahrscheinlich aber 200.000 Pflegekräften. Und das beschreibt nur die Situation unter den heutigen – schlechten – Rahmenbedingungen. Gleichzeitig, auch darauf weist das Ministerium hin, kommen auf 100 gemeldete Stellen rechnerisch 32 Arbeitslose, eine freie Stelle bleibt schon heute 167 Tage unbesetzt – mit allen Folgen für die verbleibenden Beschäftigten.

Doch was sagen diese dürren Zahlen schon aus über die Realität? Hinter jedem dieser 2,9 Millionen steht ein meist hilfloser Mensch, der krank ist oder alt und ein langes Leben hinter sich hat. Der meist gerne in seinen eigenen vier Wänden wohnen bleiben würde und wenn es gar nicht mehr geht und keine Angehörigen seine Pflege übernehmen, ein Plätzchen finden will, wo er gut versorgt wird und ihm das Gefühl gegeben wird, dass er nicht nur ein „Ding“ ist, das abgefüttert und (ab-)geputzt werden muss.

Die allermeisten Pflegekräfte würden diese Erwartung auch gerne erfüllen, viele haben ihren Beruf gewählt, weil er nah am Menschen ist und weil sie Fürsorge als sinnhaftes Tun erleben. Wenn sie denn die Zeit hätten, fürsorglich zu sein. Als sie in den Pflegeberuf gegangen seien, hört man oft von Betroffenen, hätten sie gewusst, dass er schlecht bezahlt würde, doch das sei aufgewogen worden von einem Berufsinhalt und -ethos, die sich von „instrumentelleren“ Professionen unterscheiden. Privatisierung und das Regime der „Minutenpflege“, das sich auch mit der letzten Pflegereform zumindest für die in der Pflege Tätigen nicht geändert hat, haben die Illusion zerstört.

Zuneigungsgefangenschaft

In gewisser Weise kann das Positive, das den Beruf ausmacht, aber auch zur Falle werden. Denn wer „nah am Menschen“ arbeitet, überlegt sich zweimal, ob er seine Schutzbefohlenen im Stich lässt. Wolfgang Schroeder vom Berliner Wissenschaftszentrum nennt das „Zuneigungsgefangenschaft“. Er hat herausgefunden, dass Altenpfleger kaum gewerkschaftlich organisiert sind, und es in den Einrichtungen oder Pflegediensten selten einen Betriebsrat gibt. Oft teilzeitbeschäftigt, überlastet und schlecht bezahlt, haben die Beschäftigten keine Energie, um für ihre Rechte einzutreten. Die Verbandslandschaft der Pflege ist zersplittert, und sie hat, anders als die Ärzteschaft, wenig politischen Einfluss.

In den Krankenhäusern sieht die Lage etwas besser aus, doch der Streik an der Charité hat auch offenbart, mit welchem moralischen Druck die Klinikleitung arbeitet, wenn es darum geht, Krankenschwestern am Bett zu halten. Dass inzwischen an vielen Krankenhäusern gestreikt wird, offenbart, wie dramatisch die Lage ist – kündet aber auch von einem neuen Selbstbewusstsein der Beschäftigten, die sich von der öffentlichen Solidarität getragen sehen. 22 Prozent der Bundesbürger fordern von der neuen Bundesregierung, die Situation der Pflege zu verbessern, das sind mehr als diejenigen, die sich gegen den Zuzug von Flüchtlingen aussprechen. In den einschlägigen Leserbriefspalten machen sich die Menschen mit den Forderungen der Pflegekräfte gemein: „Mehr Respekt für das Pflegepersonal“, heißt es beispielsweise, „eine gute Bezahlung, bessere Arbeitsbedingungen, mehr Stellen schaffen und Unternehmen verbieten, die Pflege von Menschen nur aus reiner Profitgier zu betreiben.“ Besser könnte es keine Gewerkschaft zusammenfassen. Und Letzteres weist darauf hin, dass sich mit schlechter Pflege Geld verdienen lässt, gute aber ein Zuschussgeschäft ist.

Niederungen der Wirklichkeit

Und die angesprochene Bundesregierung in spe? Verhandelt demnächst, auch über Pflege. Hinterlassen hat ihr Hermann Gröhe ein umfangreiches Maßnahmenpaket, das von einer Ausbildungsoffensive über bessere Rahmenbedingungen bis hin zu einer Anwerbungskampagne in Drittstaaten reicht. Im Kern geht es zum einen darum, den Pflegeberuf aufzuwerten, indem er deutlich besser bezahlt wird. Vielleicht noch wichtiger – und nicht von den Tarifparteien zu bewerkstelligen – ist die Verbesserung und Vereinheitlichung des Pflegeschlüssels, also das Verhältnis von Pflegevollzeitstellen zu den zu betreuenden Personen. Das ist auch eine Kernforderung der aktuellen Streiks. Nicht nachvollziehbar ist, warum in Nordrhein-Westfalen oder Baden-Württemberg eine Pflegekraft acht Heimbewohner in Pflegestufe 1 zu betreuen hat, in Berlin durchschnittlich 7,25, in Bayern 6,7.

Die noch von der Großen Koalition beschlossene Personaluntergrenze in einzelnen Krankenhaussektoren – zum Beispiel in der Intensivpflege – wird die Arbeitsbedingungen nicht durchgreifend ändern. Die FDP und die Grünen machen sich für eine gesetzlich verbindliche Mindestbesetzung in allen Bereichen stark. Allerdings bezieht sich das vor allem auf die Krankenhäuser.

Wie aber wird der Pflegeberuf so attraktiv, dass er mit angesagten Traumberufen wie Fußballer oder Tierärztin konkurrieren kann, wenn Jugendliche in den Niederungen der Wirklichkeit angekommen sind? Oder für Seiteneinsteiger, die ihren einstigen Traumberuf – Pilot! Stewardess! – an den Nagel hängen müssen, weil ihre Fluggesellschaft pleite macht? Indem man perspektivlose Frauen aus dem Ausland anwirbt und damit signalisiert, dass es sich um eine Arbeit handelt, die hierzulande keiner machen will? Indem man den Mindestlohn etwas anhebt? Indem man Flüchtlingen die Pflegeausbildung erleichtert, wie die SPD es will? Indem man die „Bürokratie abbaut“ (FDP)?

Das Image von Berufsbildern hat auch etwas mit ihren Gegenständen zu tun. Der Mechatroniker mit dem Auto, der Apotheker mit verheißungsvollen Pillen – tja, und die Krankenschwester oder der Altenpfleger mit kranken und alten Menschen, die als unproduktiv (Todsünde!), kostspielig und wenig sexy gelten. Bevor sich am Ansehen dieser Berufe etwas ändert, müssen sich kollektive Wahrnehmungsmuster verändern. Das wird wahrscheinlich erst passieren, wenn die Warenästhetik des Dings endgültig entzaubert ist (ressourcenlastig, umweltschädlich) und damit auch der Reiz, an seiner Produktion beteiligt zu sein. Vielleicht unterstützt dabei auch die technische Entwicklung, wenn zum Beispiel Pflegeroboter den körperlich schweren Teil der Arbeit übernehmen und der Beruf wieder ein „sprechender“ wird. Bis dahin bleibt nur, für mehr Geld und Anerkennung zu kämpfen und dafür zu sorgen, dass alte oder kranke Menschen kein „Geschäftsmodell“ sind.

06:00 12.12.2017
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

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