Immun gegen Panik?

Normalisierung Als SARS und die Vogelgrippe umgingen, war der Alarmismus hierzulande am Limit. Heute bleibt der Erregungspegel bislang erstaunlich niedrig

Corona, deutsch: Krone, lässt sich genießen als mexikanisches Bier. Im Medizinerlatein kann sie einen aber auch einholen als fieser Ableger der gleichnamigen kronenförmigen Virusfamilie und dem Menschen, wie die böse Königin im Märchen, ziemlich übel mitspielen. Coronaviren nisten sich ein in Wirbeltiere wie Vögel oder Fische und haben die unangenehme Eigenschaft, die Artengrenze zu überspringen wie im Jahr 2002 bei SARS (Severe Acute Respiratory Syndrome), einer hoch ansteckenden Lungenerkrankung, der weltweit 774 Menschen zum Opfer fielen. Als das Virus in Singapur erstmals auftrat, war es so unbekannt wie das jetzt in China grassierende Coronavirus 2019-nCoV, allerdings dauerte es damals viel länger, bis es identifiziert werden konnte. Auf den Menschen gehen Coronaviren überall dort über, wo Tiere und Menschen eng zusammenleben oder wo sich Letztere auf bislang unberührten Flächen niederlassen.

Coronaviren besiedeln normalerweise nur den Nasen-Rachen-Raum und führen beim Menschen zusammen mit anderen viralen Störenfrieden zu einer banalen Erkältung. In den aggressiveren Varianten wie SARS dringen sie allerdings in die Schleimhaut und in den Magen-Darm-Trakt ein und lösen eine Vielzahl von Symptomen aus – nicht zuletzt der Grund, warum man ihnen damals so spät auf die Schliche kam. Nun stellt das Coronavirus ein weiteres Mal sein Potenzial zur Mutation unter Beweis, in der aktuellen Version befällt es die unteren Atemwege und macht sich in der Lunge breit. Durch den längeren Weg sinkt zwar die Ansteckungsgefahr, doch die Lage zumindest in China ist ernst. Nach drei identifizierten Fällen in Frankreich wurden bis Mitte dieser Woche die ersten Infektionen hierzulande, in Bayern, bestätigt.

Im Unterschied zu 2002/03, als China lange bestrebt war, die Epidemie zu vertuschen und erst die im Jet-Tempo auftretenden Fälle außerhalb des Landes dieser Strategie ein Ende setzten, bemüht sich die chinesische Regierung derzeit um Transparenz und setzt dabei sogar rigorose Maßnahmen ein wie die Abriegelung der Elf-Millionen-Metropole Wuhan und einiger benachbarter Städte – in Europa bislang undenkbar. Behörden und Wissenschaftler bemühen sich um Austausch, fragen etwa in Berlin neu entwickelte Tests nach, fahnden nach einem Impfstoff. Grundlegend für die Eindämmung einer Infektionskrankheit sind Prophylaxe und die Identifizierung und Isolierung von Infizierten. Das scheint aufgrund optimierter globaler Notfallpläne dieses Mal besser zu funktionieren.

„Grauen aus der Entenbrust“

Verändert hat sich aber auch der Panik-Pegel in den nicht unmittelbar schwer betroffenen Regionen, auch in Deutschland. Liest man damalige SARS-Schlagzeilen als Seismografen der Angst („Grauen aus der Entenbrust“, „biologischer Hexenkessel“, „Seuche am Scheideweg“), schlug das Erregungspendel – wie auch später bei der Vogelgrippe – ziemlich früh aus. Noch sieht man die Massen, die sich tagtäglich durch die U-Bahn-Schächte wälzen, nicht hinter Schutzmasken versteckt, niemand redet über das „neue Aids“ oder fürchtet, dass Köln oder Frankfurt abgeriegelt werden könnten, obwohl die Reisebewegungen von und nach China erheblich zugenommen haben. Das mag auf einen gewissen Normalisierungseffekt zurückzuführen sein. Vielleicht ist es aber auch ein Hinweis darauf, dass das „Zeitalter der Immunität“, von dem der Gesundheitshistoriker Malte Thießen spricht, seinen Zenit überschreitet und den Menschen das Gefühl der allgemeinen Gefährdung – nicht nur in Sachen Klima – in Fleisch und Blut übergeht. In China könnte das politische Folgen haben, nie drückte sich die Unzufriedenheit mit den Machthabern so unverhohlen – und momentan auch weitgehend unzensiert – aus wie seit dem Ausbruch von Corona.

Die Erregungskurve, der momentan am meisten Aufmerksamkeit geschenkt wird, ist die Fieberkurve an der Börse. Dow Jones und Dax rutschen ab, melden einschlägige Plattformen, Lufthansa verliert fünf Prozent, der Goldpreis steigt. Epidemien und Wirtschaftsentwicklung sind von jeher eng verzahnt, und es gibt nicht nur Verlierer: Während der Ebola-Epidemie im Kongo strichen Anleger bis zu 13 Prozent Rendite aus den von der Weltbank ausgegebenen Pandemie-Fonds ein.

Bei alldem sollte nicht vergessen werden, dass wir mit den Viren in einem Wirtsverhältnis leben, das normalerweise sogar friedlicher und evolutionär förderlicher ist als das Verhältnis der Menschen untereinander. Angst schürt nur deren Unberechenbarkeit, das latente Risiko, mit dem wir zunehmend ohnehin werden leben müssen.

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 31.01.2020
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

Ausgabe 27/2020

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