Jenseits des Thrills

Sachbuch Spezial Auch 20 Jahre nach der Auflösung der RAF bleiben Rätsel. Eines davon ist Gudrun Ensslin
Ulrike Baureithel | Ausgabe 12/2017

N un ist es 40 Jahre her seit den tödlichen Schüssen in Karlsruhe, Frankfurt und Frankreich. Es sind nicht die noch offenen Fragen, die umtreiben: Wer war die dritte Person auf dem Motorrad in Karlsruhe, wer gab die Schüsse auf Siegfried Buback und im Herbst auf Hanns Martin Schleyer ab? Was steht in den Akten über Verena Becker, die der Verfassungsschutz nicht herausrückt? Wer von der Bewegung 2. Juni war an der Entführung der Air-France-Maschine beteiligt? Und wo steckt das nie gefasste RAF-Mitglied Friederike Krabbe?

Im 40. Jahr nach den Schüssen und fast 20 Jahre nach der offiziellen Auflösung der RAF liegt die Herausforderung nicht mehr in der Aufklärung von Details, sondern in den Schuldzusammenhängen, die die selbsternannte Rote Armee Fraktion und den deutschen Staat wohl für immer zusammenschweißen. Alle Dokumentationen und Filme der letzten Jahrzehnte, die nachträglich zu Pop-Ikonen aufgebürsteten Protagonisten und ihr „Thrill, all diese Bilder, die das kollektive Gedächtnis verkleistern“, haben lange Zeit verdeckt, dass damals, wie der Schriftsteller Friedrich Christian Delius 1977 notierte, „ein kleiner Epochenbruch“ stattgefunden hat.

Schuld, Pflicht, Moral

Erst die Historisierung der Ereignisse erlaubt nun eine allmähliche Vergegenwärtigung, die Auslotung des Erfahrungsraums und der Kollateralschäden, die mit der Proklamation unnachgiebiger Stärke in beiden Lagern verbunden waren. „Trage ich Schuld am Tod von Hanns Martin Schleyer?“, fragt sich heute Hans-Jochen Vogel, der als damaliger Bundesjustizminister der berühmten „Kleinen Lage“ mit Kanzler Helmut Schmidt im entscheidenden Beraterkreis saß. Und Gerhart Baum denkt öffentlich darüber nach, ob der Staat nicht in der moralischen Pflicht gewesen wäre, die Häftlinge auszutauschen.

Solche Überlegungen finden sich in Anne Ameri-Siemens’ Protokollen Ein Tag im Herbst. Die RAF, der Staat und der Fall Schleyer. Wie beim umfangreichen Band von Butz Peters RAF gegen Bundesrepublik, steht im Mittelpunkt das Entscheidungsjahr 1977, das bei Ameri-Siemens von der Beerdigung Schleyers her aufgerollt wird, während der Herbst 77 bei Peters wie eine notwendige Folge der langen Vorgeschichte erscheint. Dabei stellt sich der Jurist von vornherein auf die sichere Seite der offiziellen Deutung, indem er vorwiegend aus der Sicht der Ermittler erzählt, routiniert und manchmal detailversessen bis zur Ermüdung. Aber auch Ameri-Siemens’ polyperspektivische, teilweise höchst aufschlussreiche und geschickt zusammenmontierte Gespräche mit Zeitzeugen, die an ihren Bestseller über die Angehörigen der RAF-Opfer anschließen, bewegen sich nicht auf wirklich gefährlichem Grund, schon deshalb, weil sie wie auch Peters das Personal der RAF nur im Spiegel der anderen – oder mittels ihrer sattsam bekannten Dokumente – aufrufen kann. Am liebsten, schreibt Peters, hätte er mit Brigitte Mohnhaupt gesprochen. Doch diese schweigt, so wie (fast) alle anderen ehemaligen RAF-Mitglieder.

Um ihnen näher zu kommen, muss man sich also auf risikoreicheres Terrain begeben, wie die ungewöhnliche Biografie der Literaturwissenschaftlerin Ingeborg Gleichauf mit dem aufstörenden Titel Poesie und Gewalt über Gudrun Ensslin beweist. Indem die Autorin „ihre“ Protagonistin aus dem „Kollektiv RAF“ herauslöst und ernst nimmt, setzt sie sich bei ihrer Spurensuche selbst aus, in einer Form der „Selbstverunsicherung“, wie sie einleitend schreibt. Es ist das weitaus klügste, aber auch heikelste Experiment dieser neuerlichen Aufarbeitungswelle über den „RAF-Komplex“.

Im Jahr 1977 befand sich die deutsche Gesellschaft im Ausnahmezustand. Die „Offensive 77“, die am Gründonnerstag mit dem Anschlag auf Generalbundesanwalt Siegfried Buback eröffnet wurde, begann mit Ansage, aufgefunden in den Papieren, die bei der Verhaftung von Siegfried Haag und Roland Mayer gefunden worden waren. Ziel der Offensive war es, die in Stammheim einsitzenden RAF-Gefangenen freizupressen. Die Namen der möglichen Opfer waren zwar verschlüsselt, doch das Establishment der Bundesrepublik geriet in nie gekannte Panik. Wenn sie an den Deutschen Herbst denke, erinnert sich Times-Korrespondentin Patricia Clough, vergesse sie nie „diese unglaubliche Anspannung, die alle ergriffen hatte“.

Generation der Frontschweine

Die Anspannung rührte von einer seit dem Nationalsozialismus nie wieder dagewesenen Form des unversöhnlichen „Lagerdenkens“, das auch allen Unbeteiligten „Entscheidung“ abtrotzte. Nach den Erfahrungen der Lorenz-Entführung wollte sich der Staat nie mehr von Terroristen erpressen lassen: Die Generation der „Frontschweine“ zog in einen Krieg, als ob es darum ginge, sich für die verlorenen Schlachten der Vergangenheit zu exkulpieren. Die RAF wiederum forderte die Väter mit ebender Logik heraus, die sie im Namen einer gerechteren Gesellschaft zu bekämpfen vorgab, und nahm alle in solidarische Geiselhaft, die sich diesem Ziel irgendwie verbunden sahen.

Ob die Isolationshaft, an der sich der „faschistische Staat“ zu entlarven schien, wirklich nur Mythos und eine „Erfindung der Anwälte“ war, wie manche Zeitzeugen heute glauben, oder die Haftbedingungen die „Vorzeigehäftlinge“ tatsächlich in einen Zustand völliger Deprivation brachten, wie Ingeborg Gleichauf in Bezug auf Gudrun Ensslin insinuiert – sie war, zusammen mit den immer schneller verabschiedeten Ausnahmegesetzen, jedenfalls geeignet, die nächsten Generationen von RAF-Kämpfern hervorzubringen. Die schon von Helmut Schmidt beschworene „Alternativlosigkeit“ erreichte nicht den gewünschten Effekt – und was sie für die gezielt in die Irre geführte Familie Schleyer bedeutet hat, lässt sich in den bewegenden Interviewpassagen von Hanns-Eberhard Schleyer nachlesen.

Diesen „Möglichkeitshorizont“ aufzureißen, unternimmt Ingeborg Gleichauf am „Fall der Pfarrerstochter“ Ensslin, die von allen Führungsköpfen der RAF am meisten zum Klischee geronnen ist. Da ihr die Porträtierte ebenfalls keine Auskunft mehr geben kann, versucht sie sich mit den Mitteln der Literaturwissenschaftlerin einer Frau anzunähern, die in Tübingen selbst Germanistik studiert hat und deren Dissertation über Hans Henny Jahnn in der Schublade blieb, weil sich das, was den Dichter visionär umtrieb, plötzlich auf die Berliner Straßen ergoss in einer eruptiven Bewegung.

Der Biografin geht es im Unterschied zu den anderen Chronisten, die nur vom Ende der nicht mehr änderbaren Geschichte her erzählen können, darum, die Wendepunkte in Ensslins Leben, das auch als das einer Studienrätin, Lektorin oder Journalistin hätte enden können, freizulegen, denn das Schreibtalent, darauf insistiert Gleichauf wiederholt, war unübersehbar. Ob in der schwierigen Beziehung mit Bernward Vesper oder später mit Andreas Baader, die für ihre Entwicklung fraglos entscheidend waren, immer gab es für Ensslin die Möglichkeit: „Springen oder Bleiben“.

Die Faszination, die von der Revolte ausging, führte sie „alternativlos“ in die Gewalt? Wann war der Moment der Radikalisierung, und ist er überhaupt festzumachen? An Ensslin zeichnet Gleichauf nach, wie das Erbe der Väter, deren Versessenheit auf „die Tat“, überging auf die nächste Generation, sich verselbstständigte und sie am Ende überwältigte, obwohl sie glaubte, die Kontrolle zu haben. Diese Verwandlung der so vielschichtigen wie fantasiebegabten Person Ensslin und ihre Auflösung in ein „Wir“-Kollektiv namens RAF lesen sich überraschend und beklemmend zugleich.

Überraschend, weil Ingeborg Gleichauf auf einige unerschlossene Quellen – zum Beispiel Ensslins farbige Berichte an die Studienstiftung des deutschen Volkes – zurückgreift; beklemmend, weil jeder „Sprung“ für die Nachgeborenen schon historisch ist. Heikel ist dieser biografische Versuch indessen im Hinblick auf die Rettungsversuche der Autorin, die Ensslin nicht als „emotional verarmte, Gewalt verherrlichende Politkriminelle“ stehen lassen will. Gerade weil Ensslins Stimme aber mit zunehmender Haftdauer erlischt, ist auch Gleichauf auf Vermutungen – sie sagt: „Einfühlung“ – angewiesen, und eben auf die vielen Fremdaussagen, aus denen sich ihr Bild zusammensetzt. Dennoch taucht Gudrun Ensslin, die das selbst nicht mehr tun kann, in dieser Geschichte nicht nur als Erzählte auf, sondern auch als Erzählerin. Ihre noch lebenden Genossen aus der RAF könnten, wenn sie wollten, dieses Bild ja noch korrigieren.

Info

Ein Tag im Herbst. Die RAF, der Staat und der Fall Schleyer Anne Ameri-Siemens Rowohlt 2017, 320 S., 19,95 €

Poesie und Gewalt. Das Leben der Gudrun Ensslin Ingeborg Gleichauf Klett-Cotta 2017, 350 S., 22 €

1977. RAF gegen Bundesrepublik Butz Peters Droemer 2017, 576 S., 26,99 €

Die Bilder des Spezials

Nadine Kolodziey, Jahrgang 1988, zählt zu Deutschlands talentiertesten Illustratorinnen. Ihre Perspektive ist laut, grell und rätselhaft: „Ich mag es, wenn meine Arbeiten einen schmutzigen, leicht punkigen Stil haben“, sagte die Grafikdesignerin dem Magazin Page. Für Salto Magazine bereist Kolodziey in jeder Ausgabe eine neue Stadt und dokumentiert ihre Beobachtungen grafisch und mit Texten. Dabei legt sie nicht nur die Zeichnung in vielen Ebenen übereinander – auch der Text der Kurzgeschichten ist zur Hälfte in Deutsch, zur Hälfte in Englisch gehalten und kann einzeln wie zusammen gelesen werden. Erschienen, in limitierter Auflage, sind: Salto #1 Berlin und Salto #2 Tokyo. Für das kommende Salto #3 ging es nach Osaka. Mehr Informationen auf nadinekolodziey.com

06:00 23.03.2017
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

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