Vor 30 Jahren: Das Krebsmaus-Patent

Zeitgeschichte Das Europäische Patentamt gibt grünes Licht für die „Onco-Mouse“ – ein Versuchstier, das zum Test von genetischem Material verwendet werden soll. Kann Leben patentiert werden?
Bis 2014 wurden 1.400 Tierpatente genehmigt
Bis 2014 wurden 1.400 Tierpatente genehmigt

Foto: SSPL/Getty Images

Sie hat es auf einen Eintrag im National Museum of American History gebracht, trägt den Objektnamen Mouse und gehört neben Klonschaf Dolly zu den wohl berühmtesten Versuchstieren der Welt. Äußerlich unterscheidet sich die Onco-Mouse von anderen Artgenossen nicht, nur dass sie ein Trademark-Zeichen begleitet. Ein Hinweis darauf, dass es sich hier angeblich um kein Naturwesen handelt, sondern um eine Handelsware aus dem Labor. Die beiden Harvard-Forscher Philip Leder und Timothy Stewart verfolgten in den 1980er Jahren die Theorie, dass Menschen mit bestimmten Genen an Brustkrebs erkranken, wofür es eine hohe Wahrscheinlichkeit gäbe. Um dies nachzuweisen, veränderten sie die entsprechenden Gene von Mäusen.

Das Experiment glückte. Nun züchteten Leder und Stewart gezielt ganze Maus-Linien, und die Harvard-Universität meldete ein Patent auf die seither so bezeichnete Krebsmaus an. 1988 wurde in den USA das erste Patent für einen Säugetier-Organismus erteilt. Dessen Nutzungsrechte fielen allerdings an den US-Konzern DuPont, der die Forschung der beiden Wissenschaftler mitfinanziert hatte. Vier Jahre später, am 13. Mai 1992, gab das Europäische Patentamt (EPA) ebenfalls grünes Licht. Unter der Patentnummer EP0169672 ist etwas umständlich vermerkt, dass es sich um ein Verfahren zur Herstellung eines transgenen Tieres handele. Es solle zum Testen von genetischem Material verwendet werden, das in Verdacht stehe, karzinogen zu wirken, oder Schutz vor Karzinogenen verspreche. Die Prüfer verbanden mit der Patenterteilung zum einen die Hoffnung, Arzneimittel gezielter testen zu können, zum anderen aber auch, dass Tierversuche reduziert würden.

Experimentelle Tierversuchsmodelle sind nicht neu in der Forschung. Ein Pionier auf diesem Gebiet war der deutsche Genetiker Hans Nachtsheim (1890 – 1979), der in der Versuchstierzuchtanlage in Berlin-Dahlem nach dem Ersten Weltkrieg massenhaft Kaninchen züchtete, um vergleichende erbpathologische Forschungen von Tier und Mensch zu betreiben. Seine Experimente fügten sich in der Zeit des Nationalsozialismus nahtlos in die staatlich gelenkte Eugenik ein, für die ein Name wie der des Rassenhygienikers und Zwillingsforschers Otmar von Verschuer steht. Zusammen mit dem KZ-Arzt Josef Mengele unterwarf dieser die von ihm so bezeichneten „Naturexperimente“ zielgerichteten und am Ende tödlichen Versuchen. Auch den NS-Forschern standen „Modellorganismen“ vor Augen, von denen hier die Rede ist.

Krebsmaus diente unmittelbar kommerziellen Interessen

Die Krebsmaus war jedoch das erste Tiermodell, das nicht nur zum Zweck der Krankheitserforschung (oder der Eugenik) gezüchtet wurde, sondern dessen Herstellung unmittelbar kommerziellen Interessen folgte. Mit dem neuartigen Versuchstier war die Tür zu immer mehr Tierpatenten aufgestoßen und ein völlig neuer Markt eröffnet. Während Versuchstiere früher weltweit zwischen den Laboren getauscht worden sind, müssen diese nun Lizenzgebühren an die Patentinhaber entrichten. Das benachteilige kleinere Einrichtungen und schränke sie in ihrer Forschungsfreiheit ein, so die Kritik aus der Wissenschaft. Oft sind die Verträge auch so gehalten, dass die Tiere – wenn sie bis zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht genutzt werden – getötet und gegebenenfalls neue gekauft werden müssen.

Der Protest gegen das Krebsmaus-Patent kam nach 1988 postwendend aus aller Welt. Tierschützer monierten die Versuche mit den Tieren: Das Leid gezielt krank gemachter Mäuse oder der „Leihmütter“, die vor der Entnahme gentechnisch veränderter Embryonen getötet werden, nehme man nicht nur in Kauf, sondern mache es zu einem lukrativen Geschäftsmodell. Eine noch generellere Kritik warf die Frage auf, inwiefern es überhaupt möglich sei, Leben zu patentieren. Leben lasse sich nicht „erfinden“. Eine Erfindung sei jedoch die Voraussetzung jeden Patents.

Kanada jedenfalls hatte das Maus-Patent abgelehnt. Auch im Europäischen Patentamt gab es anfangs große Bedenken, die aber nach und nach zerstreut wurden. Es handele sich, so die Argumentation, nur um ein einzelnes Tier, nicht eine ganze Tierart. Dennoch musste sich das EPA allein aus dem deutschsprachigen Raum mit 17 Einsprüchen befassen, deren Verhandlung sich über Jahre hinzog. Erst 2004 wurde das Patent endgültig bestätigt – da waren die Anspruchsrechte bereits erloschen.

Patente zur Kommerzialisierung von Leben

Die seit 1990 bestehende Initiative „Kein Patent auf Leben“ kämpft bis heute gegen die patentabhängige Kommerzialisierung von Organismen, seien sie auf natürliche Weise gezüchtet oder genmanipuliert. Auf ihrer Plattform lässt sich die rasante Ausweitung der angemeldeten Patente auf Tiere – neben Pflanzen und embryonalen Stammzellen – nachvollziehen. Waren es 1992 noch 48, erreichten sie 2003 mit 521 einen Höhepunkt, mit allmählich rückläufiger Tendenz. Zuletzt, in den Jahren 2020/2021, registrierte die Initiative immerhin noch 274. Einem Bericht von Greenpeace zufolge wurden von den 5.000 in Europa bis 2014 angemeldeten Tierpatenten 1.400 genehmigt.

Die Versuche mit gentechnisch veränderten Tiermodellen dagegen stiegen bis 2015 kontinuierlich an. Sie haben sich zwischen 2004 und 2013 verdreifacht und überschritten 2015 erstmals die Zahl von einer Million. Ein Grund dafür, vermutet Christoph Then von Testbiotech – einem Institut, das die Folgen des Einsatzes von Gentechnik auf Menschen und Umwelt untersucht –, sei die Entwicklung von Genscheren wie CRISPR-Cas. Sie ermöglichen es, in Versuchstieren gezielter und schneller als mit den herkömmlichen Methoden DNA einzubauen oder diese stillzulegen. Mit der Knockout-Maus und später der Anti-Onko-Maus sind immer neue Varianten von Maus-Modellen hinzugekommen. Sie werden von entsprechenden Firmen günstig angeboten und treffen auf eine florierende Nachfrage der Labore.

Die Erwartung freilich, dass mit der Krebsmaus und ihren späteren Verwandten Therapien und Arzneimittel für Krankheiten wie Brustkrebs oder Alzheimer entwickelt werden könnten, hat sich nicht erfüllt. Großprojekte wie das International Knockout Mouse Consortium oder das International Mouse Phenotyping Consortium konnten zwar wissenschaftliche Erkenntnisse sammeln, zu einem wissenschaftlichen „Durchbruch“ hat das Leid der Tiere bisher allerdings nicht beigetragen. Was auch damit zusammenhängt, dass die Annahme von Philip Leder und Timothy Stewart, dass ausschließlich DNA-Sequenzen für die Auslösung von Krebs verantwortlich seien, von der Forschung widerlegt wurde. Die Epigenetik hat gezeigt, dass äußere Umwelteinflüsse das Zusammenspiel unserer festgelegten Gensequenzen flexibel und vielfältig steuern können.

Ein gewisses Umdenken in Bezug auf Versuche mit gentechnisch veränderten Wirbeltieren deutet sich in den zurückliegenden Jahren an. 2016 hatte Testbiotech Einspruch gegen das von der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) angemeldete Patent EP2338918 eingelegt. Es handelte sich dabei um die Erforschung der Symptome von Parkinson, für die verschiedene genetisch veränderte Versuchstierarten – von Mäusen bis zu Schimpansen – herangezogen werden. Nachdem der Einspruch 2017 vom Europäischen Patentamt zunächst zurückgewiesen worden war, folgte das Gremium 2021 einer Beschwerde von Testbiotech und bezog sich nicht zuletzt auf die Europäischen Tierschutzgesetze. Schon im Jahr zuvor hatte das EPA in einem anderen Fall, in dem es ebenfalls um Schimpansen ging, ähnlich entschieden.

Die Max-Planck-Gesellschaft jedenfalls verzichtete daraufhin auf alle Ansprüche, die sich auf Wirbeltiere beziehen. Möglicherweise erinnerte sich die größte deutsche, staatlich geförderte Wissenschaftseinrichtung der von ihr selbst in Auftrag gegebenen historischen Studien, die das problematische Wirken der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWI) im Nationalsozialismus ans Licht gebracht hatten, der Vorläuferorganisation der MPG. In einem der KWI-Institute war auch der genannte Genetiker Hans Nachtsheim hochprominent tätig gewesen.

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