Leinen los!

KOMMENTAR »Befreite Gebiete« für Neonazis

Während die animalen Kampfhunde das diesjährige Sommertheater füllen, bleiben die Kampfhunde der menschlichen Spezies vergleichsweise unbeachtet. Wenn diese durch Stadtparks streunen und ganz nebenbei und eher zufällig einen Deutschen schwarzer Hautfarbe anfallen und erschlagen wie im Juni Alberto Adriano aus Dessau; wenn sie wie Bulldoggen mit triefenden Lefzen durch Magdeburg mar schieren und »Mehmet, Ali, Mustafa, geht zurück nach Ankara« brüllen; oder wenn sie Feuer speien wie kürzlich auf die Synagoge in Erfurt und - vermutlich - auf das Asylbewerberheim im Ludwigshafen am Wochenende, dann ist dies allenfalls als Sensations»spitze« einen eintägigen Aufmacher wert, begleitet vom pflichtschuldigen politischen »Entsetzen«.

Den scharfgemachten Kampfhunden wurde mittlerweile ein Maulkorb und Leinenzwang verpasst; die ausgesetzten herrenlosen Streuner werden eingefangen und unter allgemeiner Billigung eingeschläfert. Ein Maulkorberlass existiert zumindest theoretisch auch für die Kampfhunde menschlicher Provenienz, sie an die Leine zu legen, fällt offensichtlich schwerer; die letztgenannte, ultimative Maßnahme verbieten die Menschlichkeit und die bürgerliche Verfassung. Doch wenn der gesellschaftliche »Humus« für den Rechtsradikalismus, den die Sonntagsreden immer wieder geißeln, nicht rasch und nachhaltig auszutrocknen ist und sichtlich auch sozialpädagogische Maßnahmen nicht mehr greifen; wenn der Lichtstrahl der Demokratie die verblendeten Jünglinge nicht mehr erreicht; warum gibt die Politik den jungen Kampfbullen dann nicht das, was sie offenbar so dringend wünschen: Befreite Gebiete. Frei von Menschen anderer Hautfarbe, frei von Juden, frei möglichst auch von Frauen - frei von all dem »Anderen« eben, das die eigene »national-männliche« Identität so tief zu bedrohen scheint.

In den alten Sperrgebieten Brandenburgs oder den Weiten Mecklenburgs (Süd deutschland: zu zersiedelt, das Boot ist voll!) ließen sich solche selbstverwalteten »Republiken« denken. Ein politisches Sommerlager sozusagen, winterfest gemacht und möglicherweise sogar alimentiert, wo sich die jungen Kämpfer austoben und vorführen könnten, wie sie sich »ihr« Deutschland vorstellen. Die inneren Gesetze bestimmten sie selbst, nur die bilateralen Beziehungen wären an den bürgerlichen Kodex gebunden.

Nenne das niemand einen Zwinger, ein Ghetto oder gar ein Internierungslager! Angeboten würde lediglich ein politisches Laboratorium, in dem die neonazistische Szene ganz auf sich zurückgeworfen wäre und unter Beweiszwang stünde. Beweisen müsste sie nicht nur ihre politische Intelligenz, sondern auch die Fähigkeit, ohne das Gegenüber, das »Andere« zu existieren.

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Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Redakteurin „Politik“ (Freie Mitarbeiterin)

Ulrike Baureithel studierte nach ihrer Berufsausbildung Literaturwissenschaft, Geschichte und Soziologie und arbeitete während des Studiums bereits journalistisch. 1990 kam sie nach Berlin zur Volkszeitung, war im November 1990 Mitbegründerin des Freitag und langjährige Redakteurin in verschiedenen Ressorts. Seit 2009 schreibt sie dort als thematische Allrounderin, zuletzt vor allem zuständig für das Pandemiegeschehen. Sie ist außerdem Buchautorin, Lektorin und seit 1997 Lehrbeauftragte am Institut für deutsche Literatur der Humboldt Universität zu Berlin.

Ulrike Baureithel

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