Politik mit Öh und Äh

Porträt Cem Özdemir weicht aus, wenn er unter Druck gerät. Keine schlechte Voraussetzung für Schwarz-Gelb-Grün
Politik mit Öh und Äh
Ein Vorbild der Anpassung – wenn Cem Özdemir von den Menschen spricht, die heute nach Deutschland kommen, schlägt seine Vergangenheit als Erzieher durch

Foto: Zuma Press/Imago

Er bezeichnet sich gern als „anatolischen Schwaben“ oder als „säkularen Muslim“. Das sind scheinbar sich ausschließende Gegensätze, denn Schwaben pochen aufs Reinheitsgebot – nicht nur beim Bier, als dessen Botschafter die Brauer ihn 2014 auserkoren haben –, und Muslime sind gemeinhin religiös. Der Vegetarier Cem Özdemir, männlicher Part im grünen Spitzen-Duo, scheint diese Widersprüche jedoch in seiner Brust zu vereinen, zumindest auszuhalten und daran nicht zu verzweifeln. Er hat gute Aussichten, als erster Deutscher mit türkischen Wurzeln in die vorderste Reihe einer Bundesregierung aufzusteigen. Gemessen an den hier lebenden gut drei Millionen Menschen türkischer Herkunft wäre das dann ein reichlich spät vollzogener Normalisierungsprozess.

Özdemirs Partei, Bündnis 90/Die Grünen, hat die Herausforderungen der Integration anders bewältigt. Wer nicht mehr ins Profil passte, wurde in den letzten Jahrzehnten sukzessive ausgefiltert, grundsätzliche Unverträglichkeiten gibt es nur noch wenige. Von einer neuen „Geschlossenheit“ berichtet der Parteichef, kleine Ausreißer – Kretschmanns Laudatio für den Verbrennungsmotor und die kapitalismuskritische Bilderstürmerin Canan Bayram in Berlin-Kreuzberg – inbegriffen. Die grüne Anschlussstelle zur Union hat Özdemir jedenfalls gut vorbereitet.

In Anpassung kennt sich der 1965 in Bad Urach am Fuß der Schwäbischen Alb als Sohn türkischer Einwanderer geborene Sozialpädagoge aus. Sein Vater unterhielt eine Änderungsschneiderei, die Eltern hatten nicht viel Zeit. Auf seiner Wahlkampftour erzählte Özdemir gerne vom Gastarbeiterkind in der schwäbischen Provinz, das ausgelacht wurde, weil es aufs Gymnasium gehen wollte und die Mittlere Reife nur durch die freundliche Förderung einiger Lehrer erreichen konnte, ein typischer Bildungsaufsteiger auf dem steinigen zweiten Bildungsweg. Gerne lässt sich Özdemir launig darüber aus, dass er seine pädagogischen Fähigkeiten durchaus in seiner Partei gebrauchen kann. Er dürfte der einzige männliche Spitzenpolitiker in Berlin sein, der einmal als Erzieher gearbeitet hat.

Biografische und berufliche Erfahrung schlägt durch, wenn Cem Özdemir von den Menschen spricht, die heute nach Deutschland kommen. Das mit erhobenem Zeigefinger betont Erzieherische ist immer präsent. Sie sollen fleißig arbeiten, die Amtssprache sprechen, die Gleichheit von Mann und Frau akzeptieren. Bei Özdemir selbst lagen die Sekundärtugenden Sparsamkeit und Ehrlichkeit schon im Clinch, privat verbrauchte Bonusmeilen katapultierten ihn 2002 aus dem Bundestag; heute will er jungen afghanischen Flüchtlingen, die sich auf die deutsche Wertewelt einlassen, eine Chance geben.

„Abschiebungen gehören dazu“

Mit „Gefährdern“ – ein Begriff, der noch vor fünf Jahren bei den Grünen zum Aufstand geführt hätte – würde Özdemir allerdings rabiat umgehen. Und „nicht jeder, der zu uns kommt, kann bleiben“: Diesen Satz im grünen Wahlprogramm untergebracht zu haben, darauf ist er stolz. „Abschiebungen“, sagt er, „gehören dazu.“ Macht sich da einer hart, der 1981 mit 16 Jahren den Grünen beitrat und nicht, wie ältere grüne Spitzenleute, machtpolitische Stählung in stalinistischen oder halbstalinistischen Organisationen hinter sich hat? Gegen die ist Özdemir – zum Beispiel gegen Reinhard Bütikofer in der Konkurrenz um die Parteiführung – durchaus schon unterlegen.

Auf offener Bühne gibt sich er nun demütig. Gefragt, ob er sich als künftigen Außenminister sieht, pflegt er den ehemaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Erwin Teufel zu zitieren: „Das Amt kommt zum Manne.“ Und der Mann hat sich derart mit einem weitaus mächtigeren Mann, dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdoğan, angelegt, dass ihn heute Sicherheitsleute begleiten müssen, denen Özdemir öffentlich stets artig dankt. In die Türkei wagt er sich derzeit nicht.

Spannend also, wie ein grüner Außenminister mit türkischen Wurzeln „Klartext“ mit Erdoğan reden würde. Die Zeit des Prüfens sei vorbei, sagt er mit strafendem Blick auf die Bundesregierung und fordert, dass nun Taten folgen, die Hermes-Bürgschaften ausgesetzt und die Rüstungsexporte eingefroren werden. Vom Abbruch der Beitrittsgespräche hält er nichts, weil das die Opposition in der Türkei schwächen würde. Zu seinem Programm gehört allerdings die Überlegung, den Kurden im Nordirak deutsche Milan-Raketen zu liefern, was nicht von der Parteilinie gedeckt ist. Offen tritt er für ein starkes europäisches Verteidigungsbündnis ein, die Ausgaben für die NATO will er nicht erhöhen.

Egal, worüber Özdemir spricht, über Osteuropa, das von Deutschland nicht „mit der Dampfwalze“ überrollt werden dürfe, über die „Versöhnung von Wirtschaft und Ökologie“ oder über Klimaschutz („Schicksalsfrage“): Immer überwiegt das Floskelhafte in seiner Rede, er reagiert formelhaft auf die stereotyp sich wiederholenden Fragen auf Wahlveranstaltungen oder von Journalisten. Gerät er unter Druck wie beim Thema Tempolimit oder der zahmen Umweltpolitik in den von Grün mitregierten Ländern, weicht er aus, reißt Witze oder verliert sich in Allgemeinplätzen.

Dass die Grünen nun weder dritte Kraft geworden sind, noch allein am Verhandlungstisch mit Angela Merkel sitzen werden, dürfte den Parteichef allerdings doch kalt erwischt haben. Es fehle ihm an Fantasie, an eine Koalition mit der FDP zu glauben, hatte er noch im Wahlkampf gesagt und die kohlefreundliche Energiepolitik in NRW als Relikt der Verganenheit gegeisselt. Doch, wie gesagt, herausstechend in Özdemirs Biografie ist seine Anpassungsleistung. Schon jetzt gibt er sich staatsmännisch; den Obergrenzen-„Kompromiss“ will er sich von der Union „erklären“ lassen. Klare Worte klingen anders.

06:00 18.10.2017
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

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