Röhlsche Familienfehde

RAF Wie der neurotische deutsche Familienroman um eine Epoche reicher wurde

Viel haben die katholische Kirche und die RAF, sollte man denken, nicht gemeinsam. Es sei denn, man würde den Papst in eins setzen mit seiner politisch säkularisierten Form, dem linksautoritären Kader, zu dem man die Untote Ulrike Meinhof vielleicht zählen darf. Vereint sind beide nun in einem Skandalon, der, wie die kürzlich verstorbene Publizistin Katha­rina Rutschky betonte, geeignet ist zum allfälligen Missbrauch.

Seit Mai dieses Jahres, also zur Hochzeit der Missbrauchsdebatte, die zuerst die Einrichtungen der katholischen Kirche, dann die in der liberalen Erziehungstradition von 1968 stehenden freien Schulen und Heime erfasste, verbreitet Anja Röhl, die „Stieftochter“ von Ulrike Meinhof, ihr Vater Klaus Rainer Röhl habe sie als Kind sexuell bedrängt. Zudem ließ sie durchblicken, Gleiches sei auch den jüngeren leiblichen Zwillingstöchtern der Meinhof, Bettina und Regine Röhl, widerfahren. Sekundiert wurde diese „Aufklärungskampagne“ seitens der Meinhof-Biografin Jutta Ditfurth, der es um den Nachweis geht, Mutter Meinhof habe mit der Entführung ihrer beiden Kinder im Mai 1970 nach Sizilien und ihrer geplanten Unterbringung in einem Guerilla-Lager im ­Nahen Osten nur im Auge gehabt, sie vor ihrem Ex-Mann zu schützen.

Daraufhin wies in einer langen, bizarren Auseinandersetzung, die in der der Taz gerade einen neuen Höhepunkt fand, Bettina Röhl ihre Halbschwester in ihre Grenzen: Sie dementierte zwar nicht grundsätzlich die pädophilen Neigungen ihres Vaters, allerdings den von Anja Röhl genannten Zeitraum zwischen 1962, Bettina Röhls Geburtsjahr, und 1970 und den ursächlichen Zusammenhang mit der Entführung. Die Halbschwester, die sich als „Meinhof-Jüngerin“ das Etikett „Stieftochter“ anheftete, könne überdies gar keine Geheimnisse ausplaudern, da sie selten in der Villa in Hamburg-Blankenese war. Auch der betagte Klaus Rainer Röhl, als Konkret-Herausgeber einst an der publizistischen „Sexfront“, heute am rechten Blätterrand tätig, wehrt sich gegen die „Verleumdungskampagne“. Wie Bettina sieht er darin den Versuch, „die RAF-Ikone Ulrike Meinhof weiß zu waschen“. Das mag sogar stimmen: Um Kopf und Erbe der Meinhof gibt es reichlich Konkurrenz. Man kann das Ganze durchaus auch als geschickte Vermarktungsstrategie lesen, bei der es um den Absatz von Büchern geht und den Anspruch, die „einzig dokumentierte Biografie der Meinhof“ (B. Röhl) geschrieben zu haben. Tochter oder auch nur „Stieftochter“ der Meinhof zu sein, garantiert Zinsen.

Doch diese nachgetragene Missbrauchsgeschichte ist mehr. Sie verlängert, was der Publizist Gerd Koenen in Bezug auf RAF und Staat den „neurotischen deutschen Familienroman“ nennt. Der schrille Tonfall Bettina Röhls etwa, die gegen die angeblich noch immer ihr Unwesen treibende RAF eifert, erinnert fatal an den hohen Ton ihrer angeblich lieblosen, „nicht mutterfähigen“ Mutter. Doch was befähigt eine Frau zur Mutter? Taugen Frauen im politischen Untergrund per se nicht? Das Röhlsche Entführungs- und Rückentführungsszenario war kein Einzelfall, erinnert sei an den Sohn von Gudrun Ensslin und Bernward Vesper. Erinnert sei aber auch an die vielen Kinder der Inhaftierten, die – weniger privilegiert als die Röhl-Töchter – im Abseits aufwuchsen. Manche zwischendurch sogar als Fürsorgezöglinge, über die Ulrike Meinhof in ihren ­Büchern und Filmen berichtet hatte. In Heimen möglicherweise, in denen Missbrauch zum Alltag gehörte, über den wir uns heute empören.

16:23 30.07.2010
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

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