Überzeugt von sich

Porträt Christian Lindner gibt den einsamen Kämpfer gegen das Siechtum in NRW. Die FDP steht bei zwölf Prozent
Überzeugt von sich
Der immer FDP- Chef Christian Lindner steht vor seinem größten Erfolg
Foto: imago/IPON

Macht was aus eurem Leben! Wir machen euch stark durch Bildung. Wir schützen euch vor Bürokratie!“ Mit diesem Aufruf zur Selbstermächtigung zieht FDP-Chef Christian Lindner in gleich zwei Wahlkämpfe. Wie das geht, demonstriert er in seinem aktuellen Clip: Leichtfüßig springt er dort als lonely Cowboy eine lange Treppe hinauf: Schaut, so viel könnt ihr erreichen, wenn ihr nur an euch glaubt und an die unbegrenzten Möglichkeiten, die ein liberal arrondierter Kapitalismus bereithält. „Haben Sie schon mal etwas gemacht“, fragt er bis aufs Unterhemd entblößt, „von dem Sie überzeugt waren, dass es richtig ist?“

Christian Lindner hat gezeigt, wie das geht. 2013, als seine Mannen ob des Rauswurfs aus dem Bundestag waidwund ihren Parteitag begingen, hatte der einstmals erfolglose Generalsekretär das liberale Banner aus dem Dreck gezogen und seiner Partei versprochen: „Ich führe euch zurück in den Bundestag!“ 34 Jahre war er damals alt, die liberale Idee 150 und total abgewirtschaftet. Die Brüderles, Dörings, Zastrows oder Bahrs von damals hat der junge Parteichef Lindner hinter sich gelassen. Außer Wolfgang Kubicki, der wie er in Schleswig-Holstein vor einer Landtagswahl steht und gleichzeitig seinen Sprung in den Bund vorbereitet, defiliert kein prominentes liberales Gesicht mehr über den Catwalk. Die FDP ist längst eine „Ein-Mann-Kapelle“ (SZ), eine „One-Man-Show“ (Spiegel Online) geworden. Sie intoniert nicht Seit’ an Seit’ wie die SPD mit Martin Schulz ihr altes neues Lied, sondern erhebt ganz nach liberalem Motto nur noch eine Einzelstimme.

Der liberale Song forciert wie gehabt das Individuum, das sich auf dem Markt der Möglichkeiten durchsetzt, möglichst frei von allen Fesseln. Doch man grabscht nicht mehr wie bei Brüderle unter die Röcke und dealt nicht mehr offen mit den Hoteliers, sondern macht auf Widerstandskämpfer gegen das Establishment. Dazu legt man den teuren Maßanzug auch schon einmal ab und posiert in Turnschuhen, in denen es sich besser laufen lässt. Auch wenn die Grünen als Feind Nummer eins gelten, ein bisschen lässt sich auch von ihnen erben.

Und Lindner läuft voran. In Nordrhein-Westfalen ist die FDP in Wählerumfragen inzwischen auf schwindelnde zwölf Prozent geklettert. Für eine Partei, die sich noch vor kurzem in der Asche wälzte, geradezu sensationell. Unfreiwillig hat ihr Martin Schulz dabei geholfen, indem er öffentlich über die Ampel nachdachte – und die FDP damit wieder in die Nähe einer Regierungsbank rückte. Wie eine launenhafte Braut hat Lindner ihn, den er für einen Compagnon von François Hollande hält, abblitzen lassen, obwohl er zumindest in NRW mit der SPD vielleicht ein Nest bauen würde, vorausgesetzt, das grüne Kuckuckskind würde rausgeworfen.

Was die liberale Idee betrifft, gibt sich Lindner geschmeidig. Thema: Sicherheitspolitik: Wir wollen, sagt Lindner, dass der Staat viel über ganz wenige weiß, aber nicht alles über alle. Also sollen sogenannte Gefährder mittels elektronischer Fußfesseln in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt und gegebenenfalls abgeschoben werden, auch wenn nicht klar ist, wie diese Personengruppe rechtsstaatlich zu fassen ist. Für Flüchtlinge gilt, dass sie prinzipiell in ihre Heimat zurückkehren müssen. Sichere Herkunftsstaaten sind auch für die FDP eine Sache der Definition. Und wer bleiben darf, weil „wir“ ihn brauchen, soll ein Einwanderungsgesetz regeln.

Jeder ist seines Glückes Schmied, das wusste der Jungliberale Lindner, als er sich sein erstes Auto zusammengespart und seine ersten Firmen gegründet hat. Die Letzte nicht ganz ohne die staatliche Förderung von 1,4 Millionen Euro, die dem Staat leider durch Insolvenz flöten gegangen sind. Die Erinnerung daran provozierte bei dem demobilisierten Jungunternehmer einst eine Wutrede im Landtag. Im Moment singt er – im Netz nachhörbar – lieber: „Hurra, wir leben noch!“

Sein politischer Spagat ist beträchtlich. Im Land streitet Lindner für die digitale Schule, im Bund für die „digitale Emanzipation von den USA“. „Nur weil Kinder gerne im Dreck spielen“, sagt er, „müssen die Schulen nicht so aussehen.“ Aber ist dem Niedergang einer ganzen Region durch die Sanierung von Schultoiletten zu begegnen? Schafft der liberale Bildungsfuror neue Arbeitsplätze, entreißt er Leute, die keine Perspektive mehr sehen, der AfD? Ausgerechnet mit der FDP soll es im Land bergauf gehen? Darüber hinaus muss Lindner seinen Wählern in Nordrhein-Westfalen erklären, wer die FDP überhaupt noch ist, wenn er in den Bund aufrückt, um dort die Grunderwerbsteuer und den Soli zu kassieren, die Griechen aus dem Euro zu werfen und die Türkei gar nicht mehr vor die Pforte der EU kommen zu lassen. Er will erklärtermaßen an der Koalition im Land mitstricken, wie Kubicki aber eigentlich gar nicht mitregieren.

Im Bund hält sich Lindner ohnehin alles offen – nie wieder eine Koalitionsaussage, die schiefgeht. Wie hoch er dort steigt, ist ohnehin noch offen. Der Überflieger Möllemann hatte den Fallschirm, Westerwelle das 18-Prozent-Guidomobil, Lindner dagegen sitzt mit dem Kollegen von Mobil in einem VW-Käfer Baujahr 1967, den er eigenhändig anschieben muss. Wenn das kein Symbol ist.

Lindners Wahlspot endet mit einer Szene, in der er aus dem Off sagt: „Und du hast das alles vorher gewusst. Und trotzdem gemacht.“ Er steht vor einem Spiegel und sagt: „Weil es um etwas geht.“ Das suggeriert den Zuschauern, dass der FDP-Chef ein Anpacker, ein Macher und Veränderer ist. Im Hintergrund wird eingeblendet: „Es geht um unser Land.“ Weil es um etwas geht.“ Das „Etwas“ ist nicht das Programm, sondern „das Land“. Doch diesem wird Lindner nicht mehr dienen. Denn ihm geht es um etwas ganz anderes.

06:00 10.05.2017
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

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