Uns gehört die Fabrik

Proletarischer Mai Arbeiter und Studierende kamen sich um 1968 vielerorts näher, als die gängige Geschichtsschreibung behauptet

Universität Paris-Nanterre im Mai 2018: Das Prüfungsgebäude ist blockiert, auf der einen Seite Studierende, auf der anderen Polizisten, die Tränengassalven absetzen. „Keine Prüfungen, keine Selektion“, so die Forderung. Die Studierenden kämpfen gegen die Neoliberalisierung der Hochschulbildung und sehen sich in einer Front mit den Beschäftigten bei der französischen Bahn oder in den Krankenhäusern, die sich gegen die Privatisierung des Öffentlichen Sektors stemmen. Scheint in Frankreich auf, was im Mai 1968 schon einmal den politischen Horizont erhellte, die Einheitsfront zwischen Intelligenz und Werktätigen, wie das damals genannt wurde? Dieser kurze Atemzug gelebter Solidarität, der einen Möglichkeitsraum eröffnete?

Schon einmal wurde die Pariser Vorortuniversität von Studierenden besetzt und geschlossen. Im Mai 1968 griffen die Unruhen auf die Sorbonne über, die Polizei ging hart gegen die Studierenden vor, es kam zum Barrikadenbau und zu Straßenschlachten. Zehntausende Demonstranten gingen auf die Straße. Gleichzeitig brodelte es in der Provinz. Schon im Januar waren die Beschäftigten des Renault-Zulieferers Saviem in einen unbefristeten Streik getreten. Die meist jungen Arbeiter blockierten die Fabrik, die Polizei griff ein, 250 Arbeiter wurden verletzt. In vielen anderen Betrieben kam es zu Ausständen.

Im heißen Pariser Mai flossen beide Bewegungen zusammen: In der Nacht vom 10. auf den 11. Mai der Barrikadenbau, am 13. Mai reagierten die Arbeiter mit einem Generalstreik, um gegen das Vorgehen der Polizei zu protestieren. Es könne passieren, erklärte der damalige Nanterre-Aktivist Daniel Cohn-Bendit in einem Interview mit Jean-Paul Sartre, das in einer Textsammlung von Angelika Ebbinghaus nachzulesen ist (Die 68er, Schlüsseltexte einer sozialen Revolte), „dass ein Streik, der wegen eines begrenzten Ziels ausbricht, sich in einen Aufstand verwandelt“. Trotz des „verständlichen Misstrauens“ der Arbeiter gegenüber den Studenten, so Cohn-Bendit weiter, seien diese den Studierenden doch zu Hilfe gekommen.

Es gibt nur sehr wenige Untersuchungen, die den „proletarischen Mai 1968“ in Europa beleuchten, die wichtigste ist bereits vor zehn Jahren erschienen (Bernd Gehrke/Gerd-Rainer Horn, 1968 und die Arbeiter). Die Herausgeber wandten sich gegen die gängige These, dass es der 68er-Bewegung lediglich um kulturelle Erneuerung, um die Veränderung von sozialen Beziehungen und Lebensstilen gegangen sei, die sich in hierarchiekritischen Haltungen, freizügigem Sex oder antiautoritärer Erziehung ausgelebt und nur eine winzige Schicht der Bevölkerung erfasst habe.

Fliegen lernen

In abgestufter Analysetiefe lässt sich das heute bei der AfD oder bei Didier Eribon nachlesen: Die Studentenbewegung habe die Bedürfnisse der Arbeiter vernachlässigt und sei mitverantwortlich für alle politischen und kriminellen Auswüchse der Ära nach 1968. Modernisierungstheoretiker wiederum gestehen den Akteuren nicht einmal den Nimbus der Schuld zu, sie betrachten 1968 ohnehin nur als Effekt einer laufenden Entwicklung, die die fordistisch gelenkte Industriegesellschaft in eine individualistisch ausgerichtete Dienstleistungsgesellschaft überführt habe.

Doch es gab, bleibt man einmal beim Beispiel Frankreich, viel mehr Brücken zwischen den revoltierenden Studenten und den Arbeitern als man meinen könnte. Autogestion hieß das seit den frühen sechziger Jahren kursierende Zauberwort, (Arbeiter-)Selbstverwaltung, das sie zusammenbrachte. „Die industrielle und administrative Monarchie muss von demokratischen selbstverwalteten Strukturen abgelöst werden“, heißt es in einem Dokument der sich radikalisierenden Gewerkschaft CFDT vom Mai 68. Es ging darum, das extrem hierarchisch organisierte Fabriksystem mit seinen Bandlaufzeiten und Zeitkontrollen, dem rigiden Top-Down-Regime und den insgesamt entfremdeten Arbeitsstrukturen zu verändern. Nicht nur um mehr Lohn oder verbesserte Arbeitsbedingungen wurde bei den zahlreichen Fabrikbesetzungen dieser Jahre gekämpft, sondern um die Kontrolle über den Arbeitsprozess.

Das Konzept der Selbstverwaltung war das Anschlussstück, das aus den beiden Bewegungen kommunizierende Röhren machte. Das Sit-In oder das Teach-In an der Hochschule fand seinen Widerhall in der Fabrikbesetzung und der Produktion in Eigenregie, in Frankreich, Belgien und vor allem in Italien. Als der Elan der französischen Studenten erlahmte, kämpften die Arbeiter weiter. Signalwirkung weit über die französischen Grenzen hinaus hatte die Übernahme der Uhrenfabrik LIP in Bescancon 1973, und vielerorts richtete sich der Kampf gegen die verbürokratisierten Gewerkschaften. Immer waren junge Leute die Träger, sie kamen im Zuge der Bildungsexpansion aus der Arbeiterklasse und verbündeten sich als Techniker oder Intellektuelle mit den Fabrikarbeitern.

Es war eine Zeit des Aufbruchs. Zeitzeugen berichten, wie sich junge Arbeiter eine Luftmatratze schnappten und wochenlang in der Werkshalle campierten: „Wir waren“, zitiert Gerd-Rainer Horn den Fiat-Arbeiter Rino Brunetti, der die Kämpfe in Turin miterlebt hatte, „wie in Käfigen aufgezogene Vögel, die, wenn man sie freilässt, nicht mehr wissen, wie man fliegt.“ In den Maitagen 1968 veränderte sich alles: „Wir brachen aus den Käfigen aus, und wir fingen wieder an, fliegen zu lernen.“

Im Kern verfolgte die Arbeiterselbstverwaltung – und es gibt, wenn auch unter anderen Bedingungen, interessante Parallelen zu Osteuropa, etwa in Polen und Tschechien – ein anderes sozialistisches Konzept, das sich von der „alten“ Linken absetzte. Italien entwickelte dabei eine Leuchtkraft, die über ein Jahrzehnt fortstrahlte. Dort gelang es, die Verbindung zwischen Studenten und Arbeitern über eine relativ lange Zeit aufrechtzuerhalten, nicht zuletzt weil die nachgeholte Taylorisierung in Italien ein besonders repressives Fabriksystem hervorgebracht hatte.

Richtungsweisend war das unter anderem von Antonio Negri mit der Gruppe potere operaio entwickelte Konzept der Arbeiterautonomie (Operaismo). Mittels „Arbeiteruntersuchungen“, die nicht nur die konkrete Lage in den Fabriken ins Visier nahmen, und eines basisdemokratisch organisierten Delegationssystems sollten die Arbeiter befähigt werden, sich autonom, also durch „wilde“ Streiks, Besetzungen etc. der kapitalistischen Zurichtung zu entziehen. Die Zahl der Streiktage stieg in Italien von 10.500 (1958 – 1968) im folgenden Jahrzehnt auf 22.550.

Ein Moment der Einheit

Was in der Petrochemie in Porto Marghera 1963 seinen Ausgang nahm – zunächst der Kampf um mehr Lohn und schließlich, so Negri rückblickend, bis zur Frage, „was es bedeutet, in der Fabrik Macht auszuüben“ – verbreitete sich in den nächsten Jahren insbesondere im italienischen Norden. Im März 1968 legten die Arbeiter bei Fiat in Turin und in vielen anderen Fabriken die Arbeit nieder, während die Studierenden die Universitäten besetzten und bei Fiat Streikposten organisierten. In der zweiten Phase bildeten sich dann die Organisationen der Neuen Linken heraus, die im folgenden Jahrzehnt größeren Einfluss als anderswo in Europa gewannen.

Dagegen nahmen sich die Kämpfe der Arbeiter in der Bundesrepublik harmlos aus. Zwischen 1968 und 1976 kam es zwar vermehrt zu „wilden“, also gewerkschaftlich nicht abgesegneten Streiks, die oftmals von „Gastarbeitern“ oder Frauen, die sich gegen die „Leichtlohngruppen“ wehrten, getragen wurden, doch eine vergleichbare Bewegung wie in den Mittelmeerstaaten kam so wenig in Gang wie ein Bündnis mit der Studentenbewegung. Ein Grund, so der Sozialhistoriker Peter Birke, der dies mehrfach untersucht hat, war sicher der ausgeprägte Antikommunismus.

Warum die südeuropäischen Länder eine Vorreiterrolle im „proletarischen Mai“ übernahmen, ist ungeklärt. Insgesamt aber erreichten die Arbeiter mit ihren Aktionen, dass sich die Arbeitsbedingungen verbesserten und die Arbeitszeiten verkürzten. In der Bundesrepublik wurden die Mitbestimmungsrechte ausgeweitet und Reformprogramme wie die „Humanisierung der Arbeitswelt“ aufgelegt mit dem Ziel, eine menschengerechte Fabrik zu schaffen. Doch der kurze historische Augenblick im Mai ’68 hat nicht nur die Bündnisfähigkeit zweier ursprünglich voneinander entfremdeter Schichten – „repressiv getrennt, aber organisch verbündet“, so der Slogan – vorgeführt, sondern auch aufscheinen lassen, wie das, was die Studierenden zu ihrem Programm machten, herrschaftsfreie Räume, in der Arbeitswelt hätte realisiert werden können. Das hat auch in der nachfordistischen Ära noch Beweiskraft.

06:00 07.06.2018
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

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