Verschwende keine Jugend

Porträt Terry Reintke hat die #MeToo-Debatte nach Brüssel gebracht und redet nicht gern von Exportüberschüssen
Verschwende keine Jugend
Sie wollte nie Berufspolitikerin werden, aber 2014 zog es die Grüne aus dem Ruhrpott ins Europäische Parlament. Als Abgeordnete fiel sie dort auch dem Time Magazine auf

Foto: Presse

Sie war gerade 27 Jahre alt geworden und die jüngste Abgeordnete, als sie 2014 auf Platz 9 der bundesweiten Grünen-Liste ins Europäische Parlament einzog. „Ich wurde damals überhaupt nicht ernst genommen“, erinnert sich Terry Reintke, „und musste mir herablassende Sprüche gefallen lassen.“ Das hat sich mittlerweile sehr verändert, man hört ihr zu, setzt sich mit ihren Argumenten auseinander. 2017 wurde die aus Gelsenkirchen stammende „Ruhrpottpflanze“ mit anderen „Silence Breakers“ vom Time Magazine sogar als „Person of the Year“ ausgezeichnet für ihre Verdienste, sexuelle Belästigung im Parlament öffentlich gemacht zu haben. Eine der wenigen Gemeinsamkeiten, die sie mit Kanzlerin Angela Merkel verbinden dürfte, der diese Ehre zwei Jahre früher zuteilgeworden war.

Als Studentin hätte sich Terry, die eigentlich Theresa heißt, nicht vorstellen können, einmal Berufspolitikerin zu werden, und die eher konservativen Eltern waren auch nicht amused. „Erst als Sprecherin der Grünen Europäischen Jugend habe ich gemerkt, dass in vielen Debatten, die das Leben der Jüngeren mehr oder länger betreffen, Jugendarbeitslosigkeit oder Klimawandel, kaum junge Menschen an den Verhandlungstischen sitzen. Das hat mich motiviert zu kandidieren.“ Das Europa-Parlament ist es geworden, weil sie sich davon eine breitere Debattenkultur und größere Gestaltungsmöglichkeiten erhoffte. Als Mitarbeiterin eines Grünen-Abgeordneten hatte sie im Bundestag zuvor erlebt, wie alles, was aus der Opposition kam, niedergestimmt wurde.

Reintke ist eine lebendige Person. Meist erscheint sie mit lässig aufgezwirbeltem Haarkrönchen, das heute jede zweite Studentin spazieren führt, ihre Gestik ist lebhaft, besonders die Hände, die auch im Juni, als sie sich bei der NRW-Landesdelegiertenkonferenz der Grünen in Troisdorf ein weiteres Mal um die Kandidatur für die Europawahl 2019 bewirbt, keinen Augenblick stillhalten. Sie lacht oft, manchmal auch dann, wenn sich im Kopf noch der Satz formt, der dann über die Lippen fließt. Die Werbebranche würde sie wohl eine Sympathieträgerin nennen. Und sie wirbt viel. Nicht nur für die Positionen ihrer Partei, sondern auch für marginalisierte Gruppen wie Sinti und Roma. Aber vor allem für die Belange der Jüngeren. Mit einigen Abgeordneten anderer Fraktionen hat sie Anfang des Jahres das „Junge Manifest“ veröffentlicht. „Ich wollte klarmachen“, sagt sie, „dass junge Leute nicht angemessen an Entscheidungen beteiligt sind.“ Das sei ein parteiübergreifendes strukturelles Problem. Was aber nicht heiße, setzt sie hinzu, „dass junge Politiker automatisch eine progressive Politik vertreten“.

Diese Unterrepräsentanz spiegelt sich auch im Europäischen Parlament, wo das Durchschnittsalter der Abgeordneten bei 54 Jahren liegt. Noch immer, so Reintke, hafte den europäischen Gremien der Ruch an, „altverdiente Politiker unterzubringen, für die man im nationalen Parlament keine Verwendung mehr hat“. Sie findet es nicht verwunderlich, dass sie Bildungsprogramme wie Erasmus oder die Jugendgarantie, die jedem arbeitslos gewordenen jungen Menschen unter 25 ein qualitativ hochwertiges Ausbildungs- oder Arbeitsangebot verspricht, weniger im Blick haben.

Besonders stolz ist Reintke jedoch auf die Entsende-Richtlinie, an der sie mitgewirkt hat und der sie einen „grünen“ Stempel aufdrücken konnte. Das ist überraschend, denn die größte mediale Aufmerksamkeit hat ihr zweifellos das Engagement in der #MeToo-Debatte eingebracht. „Ich wünschte allerdings“, wehrt sie ab, „ich müsste das Thema nicht beackern. Und ich bin deprimiert, dass die Resolution, die mit so großer Mehrheit im EP verabschiedet wurde, bis heute nicht umgesetzt worden ist. Dabei hat das Parlament hier eine Vorbildfunktion.“

Für die Europa-Grünen beobachtet Reintke auch die Brexit-Verhandlungen. Sie habe den Ausstieg der Briten wohl realistischer eingeschätzt als ihr Umfeld, und sie ist überzeugt, dass sich die „Remain“-Kampagne zu sehr auf das „Beharrungsmoment“ verlassen habe und mit Daten und Fakten zu überzeugen versuchte. „Aber so funktioniert Politik nicht. Wir brauchen faktengestützte, aber emotionale Botschaften. Europa ist mehr als Exportüberschüsse. Zum Beispiel bedeutet Europa Frieden, Nationalismus Krieg.“

Wenn es darum geht, mit welchen Botschaften den rechtspopulistischen Lügen und Verdrehungen entgegengetreten werden kann und welche neuen Narrative entwickelt werden müssen, um Menschen zu erreichen, wird Reintke beredt, egal ob es sich um Frauenrechte handelt oder um Europa. Die Fliehkräfte, das weiß sie, werden stärker, und sie stellt sich auf die Herausforderungen ein, die die Veränderungen des politischen Spektrums mit sich bringen. „Wir müssen unsere Positionen zur Rechtsstaatlichkeit in der EU verteidigen, in Polen und in Ungarn. Es gibt starke Erosionsentwicklungen, die auch auf Österreich und Italien ausgreifen. Die Rolle des Europäischen Parlaments wird wichtiger werden.“

Terry Reintke ist viel unterwegs in Europa. Im Unterschied zu vielen jüngeren Abgeordneten, die Straßburg, Brüssel, Berlin und den eigenen Wahlkreis mit ihrer Familie unter einen Hut bringen müssen, ist sie ballastloser, und sie freut sich, wenn sie erlebt, wie in Polen Hunderttausende auf die Straße gehen, um die Demokratie zu verteidigen. Das gibt ihr Mut. Im eigenen Leben sorgen die Wohngemeinschaft in Gelsenkirchen und der Freundeskreis für Bodenhaftung. Reintke will eine Politikerin zum Anfassen bleiben und sieht sich in 30 Jahren nicht mehr in der Politik. Doch vorerst hofft sie, dass die Bundesdelegiertenkonferenz der Grünen am kommenden Wochenende ihr zutraut, noch einiges bewegen zu können.

06:00 10.11.2018
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

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