Wer erschoss Siegfried Buback?

Kulturkommentar Unter diesem Motto wird ein neuer RAF-Prozess stehen, sollte die Klage gegen Verena Becker angenommen werden

"I shot the Sheriff“: Als Bob Marleys lyrisches Bekenntnis über Eric Clapton 1974 auch den popkulturellen Resonanzraum des Westens erreichte, kursierte dort bereits eine Befreiungstheologie, die das ursprünglich auf die unterdrückten Kolonien bezogene Notstandsrecht umdeutete in eine allgemeine Widerstandspflicht. Daraus leitete eine kleine Minderheit das Recht ab, den Guerillakrieg auf die Metropolen auszuweiten. Statt Worten intervenierten nun Waffen und diktierten blutrünstige Fußnoten in die bundesdeutsche Nachkriegsgeschichte. Bei allem Vorhutverständnis und narzisstischem Gehabe legten die Urheber dieser gewaltsamen Aufklärung großen Wert auf die kollektive Inszenierung dieser „Befreiungsschläge“, mit weit reichenden Folgen. Die spektakulärsten anonymen Schüsse auf die „Lakaien des Systems“ fielen am 7. April 1977 auf Generalbundesanwalt Siegfried Buback, denen er und seine beiden Begleiter erlagen.

33 Jahre später erheben die Amtsnachfolger Bubacks nun Anklage gegen die vermeintliche Mittäterin Verena Becker. Während der Sohn des Opfers, Michael Buback, in der 57-Jährigen noch immer die angeblich von Zeugen gesichtete „zierliche Person“ auf jenem Motorrad sehen will, von dem aus die Schüsse fielen, scheint bislang nur gesichert, dass sich auf dem 1977 verschickten Bekennerschreiben der RAF die DNA-Spuren Beckers finden und sie offenbar von dem Anschlag wusste. Der im vergangenen Jahr ausgestellte Haftbefehl wurde aufgehoben, nachdem der Bundesgerichtshof nicht von einer engeren Mittäterschaft Beckers, sondern nur von Beihilfe zur Tat ausgegangen war. Da keine Fluchtgefahr bestand, wurde Becker Weihnachten 2009 aus der Haft entlassen.

Beichtritual

Allerdings lagen die Verfassungsschutzakten, von denen sich die Bundesanwaltschaft weitere Aufschlüsse über die Tat erhoffte, zu diesem Zeitpunkt noch unter Verschluss; erst der neue Innenminister Thomas de Maizière stellte die Unterlagen, die Protokolle über die Kooperation Beckers mit den Staatschützern während ihrer Haftzeit in den achtziger Jahren enthält, „gerichtsverwertbar“ zur Verfügung. Die Anklageschrift wurde bislang noch nicht zugestellt, doch sollen die Bundesanwälte im Gegensatz zum BGH mittlerweile wieder von der Mittäterschaft Beckers ausgehen. Wird die Klage angenommen, steht Stuttgart, womöglich in Stammheim, ab Herbst ein neuer RAF-Prozess ins Haus.

Das dort zu erwartende Spektakel wird unter dem Motto stehen: Wer erschoss Siegfried Buback? Aufgefahren werden nicht nur die VS-Akten, sondern auch die damaligen Akteure, mit Peter-Jürgen Boock als Hauptbelastungszeugen. Über den juristischen Auftrag hinaus wird diese Wahrheitsfindung coram publico aber auch erproben, wie strapazierfähig das Schweigekartell der RAF noch ist. Das öffentliche Beichtritual gehört zur medialen Kultur; doch den größten Kitzel verspricht noch immer der politische Verrat.

Und wenn einst im Untergrund agierende militante Politaktivisten, sich (wie in der taz gerade enttarnt) als „Ede“, Paula“ oder „Hans“ auf kleinkriminellem Niveau gegenseitig anschwärzen, schwindet, so das Kalkül, womöglich auch die Aura der RAF. Schon heute gehen Beobachter davon aus, dass der Prozess, gleichgültig, wie er endet, keine Folgen für Becker haben wird, die bereits eine lebenslange Haft abgesessen hat und begnadigt wurde. Es geht alleine darum, dass das Kollektivbild RAF endlich zerfällt und irgend jemand bekennt: „I shot the Sheriff“.


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13:00 16.04.2010

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