Verena Schmitt-Roschmann
16.03.2012 | 18:05 13

Was uns Arbeit wert ist

Billiglöhne Fast acht Millionen Menschen in Deutschland schuften für Minieinkommen. Mindestlöhne können helfen. Aber darüber hinaus stellt sich noch eine viel grundsätzlichere Frage

Es sind die Pförtner in den Eingangslogen der Glas­paläste, die von morgens sechs bis abends acht den Bankern und Versicherungsmanagern ein wohliges Bewachtsein suggerieren. Es sind die Putzfrauen in deren Büros, die Warenscanner an den Supermarktkassen. Aber es sind auch die Kulturwissenschaftler, die sich im Callcenter verdingen, und die arbeitslosen Ingenieure, die für Zeitarbeitsfirmen schuften. Knapp acht Millionen Menschen in Deutschland erhalten Billiglöhne von weniger als 9,15 Euro, die Hälfte davon sogar weniger als sieben Euro. 1,4 Millionen Arbeitnehmer ackern für weniger als fünf Euro die Stunde.

Diese Ergebnisse der Universität Duisburg-Essen sind nicht überraschend. Vom ausufernden Niedriglohnsektor war in den vergangenen Jahren zur Genüge die Rede, von Hunderttausenden Aufstockern, die sich ihre Armutslöhne vom Staat aufs Existenzminimum auffüttern lassen müssen. Es ist ein Massenphänomen, das ganz normale Menschen betrifft, das von heute auf morgen jeden betreffen kann, der wahlweise unter 25 Jahren als zu gering qualifiziert oder über 50 als zu alt aussortiert und für einen auskömmlichen Lohn als zu unproduktiv befunden wird. Zwischen 1995 und 2010 ist die Zahl um 2,3 Millionen in die Höhe geschnellt.

Es gibt keinen Markt für diese Jobs

All das ist bekannt. Es nochmals einen Skandal zu nennen, ist zwar richtig, wirkt aber ermüdend. Ebenso wie die nicht enden wollende Debatte über den Mindestlohn, den Union und FDP immer weiter hinauszögern. Die Wahrheit ist doch: Es gibt keinen echten Markt für diese Jobs. Niemand würde eine Bezahlung unterhalb des Existenzminimus akzeptieren, wenn nicht das Amt mit Hartz-Sanktionen drohte. Es ist ein künstlich geschaffenes Billig­proletariat ohne Rechte, das für uns Arbeit erledigt, die uns nichts wert ist.

Ist Sicherheit wichtig? Dann bezahlt den Wachmann anständig. Ist es essentiell, nachts um eins die kaputten Schuhe zu reklamieren? Dann gebt dem Mann an der Beschwerde-Hotline gescheites Geld. Was ist was wert? Das ist die fundamentale Frage, die auch ein Mindestlohn nicht lösen wird. Auch wenn der den ärmsten der Niedriglöhner zunächst einmal weiter hilft.

Kommentare (13)

luggi 17.03.2012 | 23:47

Ich würde den Beitrag an Stelle der Autorin mal tiefgründiger durchdenken und eigene Gedanken sprießen lassen.
Warum?
Na deshalb: "Es ist ein künstlich geschaffenes Billig­proletariat ohne Rechte, das für uns Arbeit erledigt, die uns nichts wert ist."

- ohne Rechte - -Arbeit erledigt, die uns nichts wert ist- -> ich und viele andere sind nicht uns, bitte in Ihr Stammbuch ->>> also, wer bitte schön ist uns???

Mensch, das ist einfach nur eine neue Benennung eines jahrhunderte alten Unrechts des kapitalistischen Systems.

Malte Krøgergaard 18.03.2012 | 01:11

Der Mindestlohn und seine adäquate Höhe sind die eine Seite der Medaille. Keine Frage, die Löhne müssen nach oben korrigiert werden.

Ich hätte aber das Problem der wachsenden Unsicherheit, ins finanzielle Nirvana abzurutschen, gerne noch mehr in den Vordergrund gestellt. Gerade die Unmöglichkeit für viele, einen Job dauerhaft und "krisensicher" (um es mal finanzfachmännisch auszudrücken) auszuführen, macht sie zu Sklaven des Arbeitsmarktes.

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Ehemaliger Nutzer 18.03.2012 | 11:36

Vom ausufernden Niedriglohnsektor war in den vergangenen Jahren zur Genüge die Rede, von Hunderttausenden Aufstockern, die sich ihre Armutslöhne vom Staat aufs Existenzminimum auffüttern lassen müssen.

Dieses Aufstocken der Löhne durch den Staat ist eine relativ raffinierte Form der Umverteilung von Vermögen von unten nach oben. Raffiniert ist diese Umverteilung, weil sie im Grunde offen vor unseren Augen geschieht, dennoch aber von kaum einem als Umverteilung wahrgenommen wird.
Die Vollzeit-Erwerbsarbeit eines voll leistungsfähigen Menschen, die den Arbeitenden nicht ernähren kann, ist keine Erwerbsarbeit, sondern mehr oder weniger eine Freizeitbeschäftigung. Ein voll leistungsfähiger Mensch ist ganz offensichtlich in der Lage, seinen Lebensunterhalt durch seine Arbeit zu sichern. Wäre es anders, so wäre die Menschheit längst aus der Evolution geworfen worden.
Im Kapitalismus ist es so, daß jeder Lohnarbeiter weniger erhält, als er erwirtschaftet. Den Differenzbetrag streicht sein Arbeitgeber ein, der genau besehen ein Arbeit(skraft)nehmer ist. Dieses Vorenthalten von Lohn ist im Kapitalismus absolut normal, es ist sogar das Grundgesetz des Kapitalismus. Wer immer Einkommen aus Kapitaleinkünften hat, streicht arbeitsloses Einkommen ein. Er bekommt Geld, das er nicht selbst erwirtschaftet hat und er kann dieses arbeitslose Einkommen nur deshalb haben, weil anderen Menschen Einkommen, das sie durch Arbeit erwirtschaftet haben, vorenthalten wird. Das ist, wie gesagt, konstituierend für den Kapitalismus, ohne dieses Mechanismus würde das System nicht laufen.
Nun ist die (verschleiert) katastrophale Arbeitsmarktsituation derzeit (und das schon seit langem) aber so, daß man aus dem Spiel von Angebot und Nachfrage nach Arbeitskraft Arbeitslöhne so weit drücken kann, daß die Arbeitenden von ihrer Arbeit nicht mehr leben können. Der Unternehmer, der solche Billig-Arbeitskräfte beschäftigt, streicht also mehr an unentlohnter Arbeit ein, als er dies sonst tun könnte. Den fehlenden Betrag zum Existenzminimum schießt der Staat zu. Der Staat, das ist die Allgemeinheit, der sogenannte Steuerzahler. Das heißt, die Menschen mit niedrigem, durchschnittlichem oder etwas höheren Einkommen finanzieren den Menschen mit ganz niedrigem Einkommen einen Teil von dessen Lebensunterhalt. Das wiederum heißt, die Armen und ein bißchen Wohlhabenden finanzieren den wirklich Reichen den Zusatzgewinn, den sie durch den Niedrigstlohn ihrer Beschäftigten erzielen.
Das meinte ich mit Umverteilung von unten nach oben.
Bei der Gelegenheit möchte ich noch auf eine andere Methode der Umverteilung von unten nach oben hinweisen.
Ich habe mich schon als Jugendlicher gewundert, wie das sein kann, daß sich der Staat jedes Jahr neu verschuldet und ob jene verrückt sind, die eine geringere Neuverschuldung bereits als gelungene Sparmaßnahme verkaufen.
Inzwischen weiß ich die Lösung:
Die Staatsverschuldung ist nämlich eine feine und kluge Sache. Wenn der Staat verschuldet ist, was macht er? Er zahlt Zinsen. Wer zahlt die Zinsen? Die Allgemeinheit, also 4 alle. Wer kassiert die Zinsen? Banken und sonstige Leute, die mehr Geld haben, als sie brauchen, so daß sie es liebend gerne verleihen, damit sie noch mehr Geld haben, das sie nicht brauchen.
So also wird durch Staatsverschuldung Vermögen umverteilt, von unten nach oben, wie es sich gehört. Und jetzt weißt du auch, warum man vor einer Haushaltssanierung, gar einem schuldenfreien Staat eine Höllenangst hat (nicht, daß dergleichen Katastrophe akut drohen würde).

Es ist ein künstlich geschaffenes Billigproletariat ohne Rechte, das für uns Arbeit erledigt, die uns nichts wert ist.

Diese Aussage ist teil richtig, teils aber arg verkürzt. Worin diese Verkürzung besteht, habe ich oben dargelegt.
Was mich an dem Satz aber zusammenzucken läßt, das ist die Wortwahl. Da ist zum einen das Billigproletariat, da sind zum anderen "wir", die wir Leistungen entgegennehmen, die uns nicht viel wert sind. Wo verläuft die Trennlinie zwischen uns und denen? Wer ist eigentlich dieses "wir"? Sind wir die Unternehmer, die ihren Schnäppchen-Proleten zu wenig Lohn zahlen? Ich gebe zu Protokoll, daß ich nicht zu diesem Wir gehöre. Oder sind wir die Staatsbürger? Und wer sind dann die Billig-Proletarier, wenn wir ja schon die Staatsbürger sind?
Vor vielen, vielen Jahren hat mal Hermann L. Gremliza in der "konkret" einen Artikel aus der ZEIT zerlegt. Der ZEIT-Artikel hatte die Überschrift "Der Arbeiter, das unbekannte Wesen" (oder so ähnlich). Im Artikel selber hatte der Autor geschrieben, es werde derzeit viel über den Arbeiter geschrieben und geredet, kaum einer aber kenne den Arbeiter wirklich.
Gremliza hat nun sehr sarkastisch drauf hingewiesen, daß die Arbeiter die Mehrheit der Bevölkerung stellten. Wer nun behaupte, kaum einer kenne den Arbeiter, der konstruiere sich eine Gemeinschaft, eine Allgemeinheit, in welcher Arbeiter nicht vorkämen, bzw. nur als außerhalb der Allgemeinheit stehende Gruppe. Denn klar: Wären die Arbeiter Bestandteil dieser Gemeinschaft, so wäre die Behauptung, kaum einer kenne die Arbeiter, Bockmist der Sonderklasse. Ich muß jetzt nicht erklären, warum das Bockmist wäre, oder?

Ciao
Wolfram

claudia 18.03.2012 | 12:54

>>Was mich an dem Satz aber zusammenzucken läßt, das ist die Wortwahl. Da ist zum einen das Billigproletariat, da sind zum anderen "wir"...

Ja, die Worte wirken verschleiernd. Von der Unterscheidung zwischen "Normalproletariat" und "Billigproletariat" ist der Weg nicht allzu weit zu der heute verbreiteten Behauptung, dass es gar kein Proletariat mehr gäbe. Weil die Arbeit so vielschichtig sei: Da gibt es neben den Restbelegschaften die Leiharbeiter, die Scheinselbständigen, die "sozial Schwachen", denen unter dem Druck der Arbeitslosigkeit so wenig für ihre Arbeit bezahlt wird, dass sie davon nicht leben können...
Und alle haben ihre eigene "Daseinsberechtigung", da sind unsere Ausbeuter ganz demokratisch und freiheitlich. Oder wurde schon mal einem/r Leiharbeiter/in verboten, sich ausbeuten zu lassen? Neinein, ganz grosse Freiheit.

Das beliebte "wir" suggeriert, dass eine Mehrheit nach den heutigen Verhältnissen gelechzt habe und die Kapitalherren ja nur den drängenden Wünschen des Volkes nachgekommen seien. Wer erinnert sich nicht an die grossen Demos für den "Niedriglohnsektor", für die Herrschft der Leiharbeitsfirmen über den Arbeitsmarkt und für die Ausweitung von "Werkverträgen" und Dauerpraktika? Das haben wir jetzt davon, ätsch.

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Die SPD/Grün-Regierung bzw. ihre Lobbyisten haben die grosse Mehrheit, die auf den Verkauf ihrer Arbeitskraft angewiesen ist, endgültig in die Defensive gedrängt.

Was heute noch in "regulären Arbeitsverhältnissen" üblich ist, war der Erfolg von streikfähigen Gewerkschaften im Kampf um den Mehrwertanteil. Ich betone: War.
Diese einstigen Erfolge werden Stück für Stück abgerissen, als "nicht mehr fortschrittskompatibel".

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Wir können über neue Kampfformen nachdenken, um den Niedergang aufzuhalten.
Längerfristig werden wir aber doch nicht darauf verzichten können, den Kaputalismus auf den Müllhaufen der Geschichte zu entsorgen, um mal in der gesellschaftlichen Entwicklung einen Schritt weiter zu kommen. Den Stillstand können wir uns nämlich immer weniger leisten.
Deswegen können wir genausogut heute damit anfangen:
Was Du heute kannst besorgen
das verschiebe nicht auf morgen

Malte Krøgergaard 24.03.2012 | 13:11

Die Vorstellung, dass es nur mit Waffengewalt geht oder gar nicht, finde ich ziemlich betrüblich.
Wenn wir uns unsere Demokratie stärker zu Nutzen machen würden, wären solche Hirngespinste überflüssig.

Das Problem, liebe Claudia, ist doch das, dass der Ruf nach mehr, von denen, die wenig haben, schnell und laut verbreitet wird.
Stimmen, die zum gemeinsamen Verzicht aufrufen, haben dagegen wenig Chance. Dabei ist es genau dieser Verzicht, den wir in den westlichen Ländern üben müssen, wenn wir wirklich Gerechtigkeit wollen.

Ein Kampf gegen den Kapitalismus ist in Deutschland alleine nicht zu machen. Und die Abschaffung des Kapitalismus bedeutet auch nicht, dass am Ende die vielen am Ende alle reich sind.