Arte: Homs – Ein zerstörter Traum

Biblisch Gestern war Arte-Thementag anlässlich des 5. Jahrestags des Arabischen Frühlings in Syrien. Ich sah "Homs – Ein Zerstörter Traum" und war sehr angerührt.
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Dieser ausgezeichnete Film, der die Ereignisse und die Eskalation in Syrien aus der Sicht des jungen Baset und seiner Freunde zeigt, veranschaulicht mit persönlichen tagebuchartigen Videofragmenten, Kommentaren und Ansichten, die örtlichen Zutaten, die für die tragische Forcierung in Homs während der Anfangszeit des sich bis heute entwickelnden Kriegs sorgten und diesen fast unausweichlich machten.

Zur Arte-Seite: www.arte.tv...Homs - Ein zerstörter Traum
Der Mp4-Link in die Mediathek: http://arte...mp4
Wikipedia-Link: Homs - Ein zerstörter Traum

Der Film steigt in die Dokumentation des sich entwickelnden Kriegs mit Bildern einer Demonstration am 1. August 2011 ein, bei der die Polizei die Demonstranten mit Tränengas auseinander zu treibt versucht.

Richtig. Tränengas. Keine Fassbomben.

Chorgesänge der Demonstranten: "Verdammt sei deine Seele, Hafez."

Hafez Assad hatte Anfang der 80er in Homs einen versuchten Putsch der Muslimbrüder blutig niedergeschlagen. Daher von Anbeginn der Unruhen der lockere Zungenschlag über den "Schlächter" Assad. Damit war der Vater gemeint.

Bei den Demos ist der junge Baset der – naja, man kann es nicht anders sagen – Aufpeitscher. Er fordert z. B. eine Flugverbotszone. Homs wurde bis dahin nicht von Flugzeugen oder Hubschraubern bombardiert. Die Syrer fanden aber toll, dass Gadafi mit der schamlos von der Nato überdehnten UN-Flugverbotszone von der Macht gebombt wurde. Baset beschwört das mutige Homs, die Einigkeit der Stadtviertel und fordert … eben die Flugverbotszone.

Baset ist ein jugendlicher Fußballer, der nicht viel von Politik weiß und versteht, aber er weiß, dass Abseitstore zählen, wenn kein Schiedsrichter guckt oder abpfeift.

Ich fühle mich anfangs des Films über weite Strecken an meine eigenen Fußballclubzeiten und Jubel-Klatsch-Slogans erinnert. Baset macht daraus (übersetzt holpert es): "Die Menschen wollen – Klatsch. Klatsch. Klatsch – eine Flugverbotszone. – Klatsch. Klatsch. Klatsch – Die Menschen wollen – Klatsch. Klatsch. Klatsch…"

Und: "Märtyrertod und Sieg. Bashar tötet seine eigenen Leute, um im Amt zu bleiben. – Klatsch. Klatsch. Klatsch – Schande über ihn. – Hohoho he – Hohoho – Mögest du siegen Homs, verdammt sei deine Seele Hafez. – Hohoho."

Auf eine furchtbare Weise ergibt das alles einen Sinn. Wenn auch weit ausgreifend, verdreht, sehr unversöhnlich und unheilschwanger.

Dazu muss man bedenken, dass Assad bereits im März 2011, mit Beginn der ersten Demonstrationen Reformen ankündigte und sie im Laufe des Jahres in Kraft setzte. 25 Jahre alte Notstandsverfügungen wurden aufgehoben. Politische Gefangene amnestiert. Ende Juli 2011 wurden Parteien- und Wahlgesetze geändert. 2014 wurde das Parlament neu gewählt. Unsere Leitmedien wetterten über die Veräppelung von Demokratie in Syrien. In der Ukraine, wo 2014 in der gleichen Woche gewählt wurde, lobten sie die demokratische Kultur, während in der Ostukraine die Freiwilligen-Bataillone die Pro-Russen einkesselten.

Es gab nie den gegen sein Volk tobenden Bashar Assad. Ja, die Staatsmacht übte ihr Gewaltmonopol aus.

Auch das Volk war nicht blind für das Entgegenkommen der Regierung. Der Film nennt die Absetzung des Gouverneurs von Deir al-Zor, den das Volk nicht haben wollte. Aber das Volk wollte immer mehr. Sah jedes Entgegenkommen der regierung als Schwäche, die ausgenutzt werden sollte.

Im Film ab Minute 7:15, Baset: "Die Menschen wollen in Würde leben. Sie haben Freiheit gefordert. Assad hat das Volk beraubt."

Ich frage mich, was hat Assad geraubt? Was hat er ihnen weggenommen?

Baset: "Sie haben den Sturz des Gouverneurs gefordert und er wurde gestürzt. Und nun fordern sie den Sturz des ganzen Regimes. Das ist ihr Recht."

Ich sage ja dazu. Als demokratisches Recht kann man das durchaus formulieren, aber dazu braucht es Wahlen.

Baset: "Anfangs haben die nicht den Sturz Assads gefordert, aber wir haben zu viel entdeckt, was wir vorher nicht wussten. Vielleicht haben es die Eltern gewusst, aber wir wussten es nicht."

Mich begeistert die Ehrlichkeit. Da ist sie, diese unselige Vermischung von Damals, Kürzlich und Jetzt.

1) Viele Sunniten, die den Muslimbrüdern nahe stehen, haben ihren Hass von Hafez Assad auf Bashar übertragen.

2) Dieser Hass führte zu Ausschreitungen und Unnachgiebigkeit gegen die jetzige Regierung.

3) Das führte zu Blutvergießen.

Vor dem offenen Widerstand und dem Blutvergießen war Bashar Assad viel weniger ein uneinsichtiger Autokrat, wie das andere Regenten in der Region waren und sind. Darum ist die Wahrheit, dass bis zu den Ausschreitungen die Mehrheit des Volkes ganz zufrieden mit Bashar Assad war. Nun wird aber die ursächliche Schuld für die Eskalation auf der Straße (1 + 2) allein der Regierung zugeschrieben.

Die hat aber bei 1+2+3 reagiert.

Das ist der mehrfache Logikbruch der Regierungsgegner, der diesen Krieg immer weiter antreibt.

Die Demonstrationen in der Türkei verlaufen nicht weniger harsch als die in Syrien. Nur gibt es in der Türkei keine breite ausländische Phalanx von Katar über Saudi Arabien, Türkei, Europa bis in die USA, die gegen die Regierung Stimmung macht und die Unzufriedenen im Lande unterstützt, wo sie nur kann.

Ab 9:05 wird erklärt, dass die Auftritte Basets bei den Demos live im syrischen TV zu sehen sind.

Ist das nun ein böses Regime oder ein übermäßig duldsames?

Sie erklären Baset zum Terroristen. Also böses Regime.

Ab 9:50 schildert Baset eine Jagd Auto gegen Panzer. Das ist krass. Aber dann kommen Funktionäre zu ihm und schlagen ihm vor, dass er sich mit der Regierung aussöhnt. Er lehnt ab.

Ab 10:40 Baset: "Was soll aus dem Land werden? Eine friedliche Lösung, das funktioniert sicher nicht. Denn wir haben es mit Leuten zu tun, die Gott nicht fürchten."

Aber sie fürchten doch die Demonstranten. Woher diese Gewissheit, wenn gerade noch Funktionäre da waren und ihre Hand zur Versöhnung ausstreckten?

Ab 10:51 dann: "Mit friedlichen Mitteln werden wir sie sicher nicht besiegen."

Wie beim Fußball geht es nur noch um den Sieg. Der Ball ist rund. Die Mittel werden immer schmutziger. Kein Schiedsrichter weit und breit, auf den einer hören würde.

Ab 10:59: Im Herbst 2011 wir Homs zum Zentrum des bewaffneten Widerstands.
29. Januar 2012 Nicht einmal Kinder werden verschont.
Ein totes, blutiges Kind liegt auf dem Boden.
Livekommentar: "Ein Kind als Märtyrer."

Oder einfach nur ein Opfer der brutalisierten Unruhen?
Der Film sagt selbst im vorausgehenden Satz, dass auch der Widerstand bewaffnet ist.

Der Film nimmt nun endgültig die Wende. Baset lässt sich von einem Internet-Bekannten Geld zusichern, für das er und seine Gruppe sich Waffen kaufen wollen. So geht es weiter. Es gibt keine Alternative. Es kann nicht gut sein, bevor die Regierung nicht den Bewaffneten weicht.

Ab 1:10:54 ist Sitzung, weil sie eine Niederlage hatten. Baset appelliert an seine Männer und sagt, dass er keine Heulsusen gebrauchen könne. Die Bärtigen sitzen nun da und Baset wird mit ihnen einig. Dazu und dass seine Seele unschuldig ist, beruft er sich auf die Zeugenschaft Gottes.

Ab 1:13:35. Die Fahrt geht aufs Land. Dort trifft er die Familie unter Obstbäumen. Dort macht er sich Sorgen und ist mehr als je entschlossen den Kampf fortzusetzen. Die Kriegerischen Gene hat er scheint's von seiner Mutter. Die sagt, dass wenn sie in Homs wäre, selbst Gott sie nicht von dort weg bringen könnte.

Ich erinnere mich zurück an Minute 24:30: Die Menschen verlassen Homs. Panzer, Messerstecher. Hunderttausende fliehen aus ihren Häusern und Wohnungen. Einige tausend Rebellen und arme Familien, die nicht wissen, wohin sie fliehen sollen bleiben zurück.

So kam die Mutter aufs Land. Das ist Politikvermittlung auf orientalisch. Das Gesicht muss gewahrt bleiben. Alles oder nichts. Verhandlungen wären viel zu unehrenhaft.

Auf der Rückfahrt nach Homs versorgen sie sich mit neuen Waffen und Munition.

Beim Kampf ab 1:18:00 haben die meisten ihre Adidas-Shirts durch Tarn ersetzt oder was Kleines in olivgrün drüber gezogen. Sie suchen die Konfrontation. Baset wird verletzt. Nach der Verarztung als die Betäubung weicht, beginnt er seine und die Sterblichkeit der anderen zu spüren und klagt und fordert: "Männer, lasst das Blut nicht umsonst vergossen sein. Um Gott willen, lasst es nicht umsonst vergossen sein." Das sind die präbiblischen Überlegungen eines jungen Menschen, der nie die Ruhe hatte, über gut geplanten Weg seines Landes in die Demokratie nachzudenken. Die unselige Blutrache bewog die Menschen vor 5000 Jahren, die ersten verbindlichen Gesetzeszeilen zu verfassen, die bis heute als "Auge um Auge, Zahn um Zahn" überlebt haben, weil sie essentiell wichtig für jede Zivilisation sind.

Es darf keine Eskalation geben. Die Eskalation nimmt im schlimmsten Fall allen alles. Das Leben ist kostbar. Blut kann auch mit Geld oder sonstiger Buße vergolten werden. Der einzige Weg aus der Barbarei.

Ab 1:20:50: Er gelobt dem Nusra(?)-Rebellenführer Abu Ammar, einen Weg zu finden. Seine Gefährten beruhigen ihn. Nun lobt er den Propheten und sagt, dass sie das Geld nicht brauchen. "Töte mich, aber öffne einen Weg für die Menschen"

Er genest.

Ich habe durch den arabischen Frühling gelernt, insbesondere beim ägyptischen, dass es nicht funktioniert, Menschen, die nie Demokratie gelernt haben, dem Schicksal freier Wahlen zu überlassen. Ebenso funktioniert es nicht, Parlamente aus dem Boden zu stampfen, die nie gelernt haben, dass ein demokratisches Land auch die Rechte seiner Minderheiten achten muss. Mursi hat gezeigt, dass die Muslimbrüder nicht für eine Konversion in Richtung Demokratie geeignet sind.

Der Film mit Baset hat mir verdeutlicht, dass die Syrer noch lange Zeit ein Abklingbecken wegen der Zeit mit Hafez Assad brauchen. Bashar Assad hätte der sein können, der die Syrer langsam in eine Demokratie überführt. Er wäre einer der wenigen Geeigneten bzw. bisher Bekannten in Syrien gewesen, die nicht das pathetisch-barbarische Alles-oder-Nichts/Dein-Blut-für-mein-Blut stets vor sich hertragen wie eine zweite Haut.

Wie Baset ist Bashar Assad eher aus Zufall in seine Rolle gerutscht. Baset ist ein Charismatiker, der das Bad in der Menge genießt und, ohne dass er sich hätte erwehren können, vom Strudel der Ereignisse erfasst und überwältigt wurde. Bashar Assad ist der Zahnarzt, der für seinen Bruder einspringen musste, von Anfang an vor übermäßiger Gewaltanwendung zurückwich, übergriffige Gouverneure und Polizei maßregelte, während der aufkochenden Unruhen Reformen begann, die ihm vom frühlingsbesoffenen Volk und der ausländischen Phalanx als Schwäche ausgelegt wurden.

Dumm gelaufen.

Der Film ist das Beste, was ich seit 2011 über Syrien im Fernsehen gesehen habe. Der Film hilft verstehen, dass die Eskalation zum Krieg unumgänglich war. Wegen den vielen Jungen, die sich von den Alten die Welt mit deren Ressentiments über vergangene Herrscher erklärten ließen. Wegen dem ausländischen Geld, das in Strömen zu denen floss, die kämpfen wollten. Wegen den Waffen, die ab 2011 massenhaft ins Land gebracht wurden. Wegen des Internets, das den Jungen das Gefühl gab, sie wären die Gladiatoren für eine weltweite Zuseherschaft. Die Jungen, die gepackt bei der Ehre, alles versichern, wie die Mutter, die vor ein paar Wochen geflohen war, beim Heiligsten versichert, dass sie nie weichen würde.

Der Krieg wurde auch unumgänglich, wegen der kraftvollen Chorgesänge und wegen der Glückshormone, die Menschen durchfluten, wenn sie in Chören singen. Der genaue Gesangstext interessiert das endokrine System nicht. Da unterscheidet sich der Sänger in der Kirche nicht sehr vom Sänger im Stadion oder vom Barbar von heute oder dem von vor 5000 Jahren.

15:49 16.03.2016
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