Der Autoriese VW wankt

Abgas-Affäre Ein kleines Software-Modul – entwickelt von Bosch - bringt es an der Tag und stürzt VW und damit die komplette deutsche Automobilindustrie in die Krise.
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Der Sachverhalt

Seit Frühjahr 2014 ermittelt die US-amerikanische Umweltbehörde EPA in Sachen Abgaswerte bei Dieselmotoren in VW-Modellen. Der Behörde fiel dabei auf, dass die angegebenen Schadstoffwerte im Echtbetrieb erheblich, d.h. bis zum zwanzigfachen, von den Werten abwichen, die von VW angegeben wurde. Trotz mehrfacher Nachfrage erhielt die EPA keine zufriedenstellende Antwort von den VW-Verantwortlichen. Das machte die Behörde natürlich nachdenklich und sie stocherte weiter, bis sie die Ursache für die signifikanten Abweichungen ermitteln konnte. Eine in den PKWs eingebaute Software konnte zwischen dem Echtbetrieb und dem Prüfmodus unterscheiden. Mit dieser Software wurden somit die Abgaswerte manipuliert und zwar in einem Ausmaß, dass in diesem Fall schon von krimineller Energie ausgegangen werden muss. Jeder Verbrennungsmotor entwickelt so genannte Stickoxidverbindungen, auch NOx-Verbindungen genannt, die Atemwegserkrankungen bis hin zu Karzinomen auslösen können. Gerade Dieselfabrikate weisen einen besonders hohen Stickoxid-Anteil auf. Die Manipulationen sind also kein Pappenstiel, sondern müssen wegen ihrer gesundheitsgefährdenden Dimension sehr ernst genommen werden.

Wer wusste was und vor allen Dingen wann?

Als der Vorstandsvorsitzende von VW, Prof Dr. Martin Winterkorn, sich erstmals zu den Vorgängen äußerte, schien er sichtlich betroffen. Wusste er wirklich nichts von den Manipulationen? Jetzt ist ein Konzernchef immer verantwortlich für das was in seinem „Laden“ passiert, also war klar, dass er seinen Hut nehmen musste. Winterkorn galt als eine Person, die sich um die Belange seiner Mitarbeiter kümmerte. Sicher, sein Salär war mehr als üppig. Aber in diesen Dimensionen ist das Gehalt nur noch eine Randerscheinung. Hier geht es um Macht, Einfluss und vor allem um Reputation. Als Winterkorn vor ca. einem halben Jahr die Machtprobe gegen den damaligen Aufsichtsratschef Ferdinand Piech gewann, schien der Machtkampf entschieden, weil Ferdinand Piech sich aus dem Aufsichtsrat zurückzog. Es stellt sich jetzt die Frage, wie die Umweltbelhörde EPA von der Manipulation der VW-Diesel-Modelle erfahren hat. Natürlich würde ich niemals so weit gehen und dem „Alphamann“ Piech etwas unterstellen, zumal die Familie Porsche/Piech 50% des Aktienpakets von VW hält und in den vergangenen Tagen fast 20 Mrd. Gesamtverluste, gemessen am Börsenkurs, verkraftet werden mussten. Aber das sind Petitessen für die Hauptanteilseigner von VW, weil ihre Beteiligung strategischer Natur ist und der Börsenkurs nur eine Momentaufnahme darstellt. Jedenfalls kann jetzt Ferdinand Piech seinen Favoriten, den Porschechef Matthias Müller wieder in Position bringen, der schon damals als Nachfolger für Winterkorn in Frage kam. Jetzt müssen ja weitere Manager bei VW ihren Hut nehmen, darunter die Entwicklungs-Chefs bei VW und Audi und u.U. auch der Bereichsvortand in den USA. Weitere Bereichs- und Abteilungsleiter werden folgen. Bei VW ist also Großreinemachen angesagt. Das wird die Headhunter wieder auf den Plan rufen, die sich bei der personellen Neubesetzung schon jetzt die Hände reiben. Auch wird die Abgas-Affäre ein gerichtliches Nachspiel haben, weil VW alles daran setzen wird, einzelne Personen für dieses Desaster verantwortlich zu machen. Für derartige Verfahren gibt es nur wenige fähige Anwälte, die einen solchen Job übernehmen können. Das Karussell dreht sich also weiter und die vereinigte deutsche Presse wird noch Jahre darüber zu berichten haben. Des einen Freud, des anderen Leid.

Die politische und wirtschaftliche Dimension

VW ist ja nicht irgendwer. Hier geht es um 400.000 Arbeitsplätze. Das Land Niedersachsen hält ein Aktienpaket von 20%. Die Einnahmen, sprich Dividenden von VW sind in den niedersächsischen Haushalt fest eingeplant. Aber nicht nur das. VW ist der weltgrößte Automobilkonzern und sorgt mit den Konkurrenten, Daimler und BMW dafür, dass der Exportüberschuss zu über 90% aus dem Automobilverkauf stammt. Wenn also die deutsche Automobilindustrie in eine Glaubwürdigkeitskrise käme, hätte dies verheerende Auswirkungen auf die Exportwirtschaft, aber auch auf die Binnenkonjunktur. Schon jetzt sind die Verkäufe deutscher Nobelmarken nach China rückläufig. Nachdem aber der europäische Absatz wieder zulegen konnte, konnten die Ausfälle mit China kompensiert werden.

Wie geht es weiter?

Es ist für mich kein Zufall, dass gerade die US-amerikanische Umweltbehörde den größten Automobilproduzenten der Welt auf die Hörner nahm. Die TTIP-Verhandlungen sind ja aufgrund massiver Bürgerproteste etwas ins Stocken geraten. Auch kann es den USA nicht gefallen, dass allzu viel Kritik von Seiten Deutschlands in der NSA-Affäre geäußert wird. Da liegt es nun nahe, seinen wichtigsten Handelspartner in Europa etwas zur Raison zu rufen. VW wird mit einem blauen Auge davonkommen. Die bereits rückgestellten 6 Mrd.€uro werden wohl ausreichen, um die US-amerikanische Umweltbehörde milde zu stimmen, sofern TTIP jetzt schnell unter Dach und Fach gebracht und der BND die Schützenhilfe liefert, die von ihm von US-amerikanischer Seite erwartet wird. Bundeskanzlerin Merkel wird die deutsche Automobilindustrie nicht hängen lassen.

Was den deutschen Verbraucher – den Chinesen im Übrigen auch - betrifft, ist er ohnehin leicht irritiert über eine derartige Diskussion von Abgaswerten. Die stolzen Besitzer von SUVs (= sauft unverschämt viel) wohnen bevorzugt in Gegenden, deren Stickoxidbelastung sich in Grenzen hält. Ja, und wer sich eine solche Wohnumgebung nicht leisten kann, ist ja schließlich selber schuld.

19:47 25.09.2015
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Geschrieben von

blog1

i sog nix
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