Arbeit am Blau

Metaphysik Leander Scholz´ neuer Roman "Fünfzehn falsche Sekunden"

"Immer sieht man in den Dingen", heißt es recht früh in Leander Scholz´ neuem Roman, "ein unheimliches Schicksal am Werk, das am Ende das eigene sein könnte." Ein Auftakt nach Maß für eine total abgedrehte Geschichte, die irgendwo und irgendwie zwischen solchen Filmen wie Philip Kaufmans Invasion of the body snatchers oder denen der Coen-Brüder, etwa The Big Lebowsky, angesiedelt ist. Genremässig ausgedrückt: ein Krimi, angereichert mit Science Fiction-Elementen, vor allem aber auch ein bisschen Science hier, mächtig Philosophie und Metaphysik dort. Es geht um nicht weniger als Zeit und Zeitwahrnehmung, um das Verhältnis von Bewusstsein und Subjektivität, um die Möglichkeiten von Bewusstseinsveränderung durch Drogen und Psychopharmaka (Prozac), um Biopsychiatrie, nicht zuletzt auch und vor allem: um die stets schwankenden Verhältnisse von Realität, Fiktion und Konstruktion.

Mit Rasanz und einer notwendigen Suspense-Technik geht es los, wenn der Leser an die amerikanische Westküste versetzt wird, wo eine junge deutsche Austauschstudentin unmittelbar vor der geplanten Rückreise ihren Bekannten Christopher nach einem Ausflug in die Wüste Nevadas plötzlich und spurlos aus den Augen verliert. Seine Wohnung ist völlig leer, ebenso die der Erzählerin. Und wo kommt das Gehirn im Kühlschrank her? Eigenartige Menschen tauchen aus dem Nichts auf, ein blinder Hausmeister etwa, dann diese Viola mit ihrem Kind - aber wessen Kind eigentlich? Handelt es sich um eine Verschwörung, ein Komplott, eine Entführung, um politische oder andere kriminelle Hintergründe? Dunkel das alles. Der Leser sucht nach Zusammenhängen und Strukturen, schmökert begierig weiter, um dann allerdings in der zweiten Hälfte des Romans ob der wachsenden Irrungen und Wirrungen ungehaltener zu werden, bis schließlich und tatsächlich die Suche nach dem (Beinahe-) Freund Christopher im Umland von San Francisco schlichtweg versackt und versandet.

Die Physik der festen wohlgerundeten Erde, die zuvor einmal - mit raunenden Andeutungen beschrieben - von einem heftigen Erdbeben erschüttert worden ist, muss der endgültigen Metaphysik weichen: "Woran erkennt man, daß man nicht mehr lebt? Nicht daran, daß man aufstehen und einfach weggehen kann. Vielleicht, wenn man seinen eignen Atem nicht mehr hört. Ich konnte mich nicht erinnern, wann das zuletzt der Fall war. Keine Ahnung, wann ich zum letzten Mal geatmet hatte." Aus - Ende - Feierabend. Letzte Sätze einer Erzählung, die bis dahin immerhin noch beunruhigen mag - trotz eines strahlenden Himmels über Kalifornien: "Ich schaute in den Himmel, den das alles nicht kümmerte und der mit der Arbeit an einem derart durchdringenden Blau beschäftigt war, dass ich mir nicht vorstellen konnte, jemals wieder einen anderen zu sehen. Es gibt Länder, da können die Leute nicht glauben, daß blauer Himmel depressiv macht." Soweit so gut oder so schlecht.

Dann der Absturz: Scholz schickt seinem Roman nämlich noch einen Anhang hinterher, in dem die kunstvoll an- und ausgelegten Abgründe, Holzwege und Fallstricke komplett wieder aufgehoben werden. Die medizinische Erklärung des Zustands der Erzählerin nämlich: "Ich war beinahe ein ganzes Jahr in medizinischer Behandlung", bügelt alle Falten und Widerstände wieder aus, rationalisiert und ratifiziert die Dunkelheit. Denn sie suggeriert dem Leser mindestens, dass er es mit einer Krankengeschichte, der Geschichte einer Kranken und am Ende Wiedergenesenen zu tun. Es scheint so, als habe Scholz der eigenen Geschichte und seiner Erzählerin nicht so recht getraut, wenn mit auktorialer und damit imperativischer Geste Erklärungsmuster nachgeliefert werden. Womit auch die zahlreichen Allusionen auf das US-amerikanische Kino der letzten Jahre wieder zerplatzen. Schade eigentlich, denn der steile und fesselnde Anstieg der Geschichte steht in einem solch krassen Missverhältnis zum dramaturgisch missratenen Ende.

Leander Scholz: Fünfzehn falsche Sekunden. Roman. Hanser, München 2005, 216 S., 19,90 EUR


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