Vergesst uns nicht

Schutzengel In ihrem Roman "Fremde Signale" versucht sich Katharina Faber an einer Poetik des Biografischen

Manchmal sehe ich am Himmel einen endlos weiten Strand - so lautete der verführerische Titel ihres Romanerstlings aus dem Jahr 2002. Dafür erhielt seine Schweizer Autorin ein Jahr später den Rauriser Literaturpreis. Nicht minder aufregend klang der Titel eines Bandes mit Liebesgeschichten: Mit einem Messer zähle ich die Zeit aus dem Jahr 2005. Nun hat die 1952 geborene Schweizer Schriftstellerin Katharina Faber einen neuen Prosaband veröffentlicht. Während der Verlag auf dem Außentitel das Buch werbewirksam noch als Roman annonciert, nennt die Autorin im Innentext ihre Prosa selbst "ein Album". Damit weist sie auf die Machart des Textes hin, der so etwas wie eine Collage oder Montage vieler einzelner Bilder und Momentaufnahmen darstellt - Serien von Aufnahmen aus einem Fotoalbum.

Beim Durchblättern dieses Albums entstehen flüchtige Fragmente einer Biographie, Stationen eines Lebenswegs. Doch verfremdet die Autorin sogleich ihre Erzählung wieder dadurch, dass sie die größtmögliche Distanz zu ihrer Protagonistin schafft; denn sie lässt drei Tote, die gleichsam als (Schutz-)Engel der Figur Katharina, oder, wie sie auch genannt wird, Ali oder Attali dienen, berichten.

Das ist gewiss nicht neu - Friedrich Christian Delius oder Uwe Timm haben auch schon Tote Geschichten erzählen lassen. Aber es ist ein hübscher Einfall, dessen zusätzlicher Gewinn darin liegt, dass hier die übliche Biographik aufgehoben und strikt ans Äußerliche, ans Sicht- und Wahrnehmbare rückgebunden wird. Kein Orakeln also, keine Zeichendeuterei und Interpretation, sondern das genaue Beobachten und Beschreiben.

Katharina, deren Lebensdaten nicht von ungefähr identisch sind mit der Autorin selbst, hat keine eigene Stimme, sondern erscheint einzig in den Erzählungen ihrer Engel, Michail Sledin, Linette Grandchance und Boris (Bob) Tomba, die, aus drei verschiedenen Gesellschaften stammend, alle bereits im jugendlichen Alter ums Leben gekommen sind: Michail, 17-jährig, in den Wirren des stalinistischen Terrors in der Sowjetunion, Boris, das Einwandererkind, 13-jährig in den USA, und Linette, das Kind der Aufklärung, 16-jährig an den Blattern im Jahre 1776.

Alternierend lässt Faber die drei Erzählstimmen einzelne Episoden aus dem eher unauffällig-gewöhnlichen Leben Katharinas wiedergeben: eine mehr oder minder unbeschwerte Kindheit und Jugend in der Schweiz, die 68er Erfahrung, neue alternative Lebensformen, Beziehungen, schließlich eigene Kinder, das Verarbeiten einer Krebserkrankung, das Schreiben. Diese Berichte werden dann im Spiegel jeweils eigener biographischer Erfahrungen mit weit unruhigeren, ja gefährlicheren Zeiten und Gesellschaftssystemen gebrochen. Durch diese Konfrontation der Biographien ergibt sich ein Spiel um Möglichkeiten und die so genannte Wirklichkeit. Es geht also um Erinnerung und den Prozess des Erzählens und Schreibens, um eine Poetik des Biographischen nicht zuletzt.

Daher auch an zentraler Stelle der Hinweis auf Prousts Recherche, auf diesen "gigantischen Roman in sieben Bänden über das Vergessen", der das große Vorbild für Katharina beziehungsweise Alis eigenes Schreiben darstellt: "Und weil sie nie etwas Merk-würdiges aufschreibt, weil sie nichts festhält, ballen sich all die erzählten Leben und die winzigen Details aus diesen Leben wie riesige Staubkugeln in ihrem Hirn zusammen und fallen eines Tages einer ihrer Gestalten zu, einer ihrer erfundenen Personen. Die lässt Ali dann erzählen, was sie vor Jahren gehört und gesehen haben."

Dennoch: So fragwürdig und nachvollziehbar das Projekt einer "Selberlebensbeschreibung" auf dem Hintergrund modern-postmoderner Erfahrungen auch ausschauen mag, so problematisch wirkt in Fabers Text die Auflösung in wechselseitige Spiegelungen und Perspektivierungen, weil die Figuren dadurch, gewollt oder nicht, etwas Schemenhaft-Blasses, Unkonturiertes erhalten. Schade!

Katharina Faber Fremde Signale. Roman. bilgerverlag, Zürich 2008, 329 S., 23 EUR

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