Die Prophezeiung

Familiendrama Das furiose Debüt des nigerianischen Schriftstellers Chigozie Obioma kombiniert Elemente von Tragödie und Fabel
Daniel Windheuser | Ausgabe 10/2015
Die Prophezeiung
Chigozie Obioma erzählt eine Geschichte von vier Brüdern
Bild: Benedicte Kurzen/Noor/laif

Der heutige Staat Nigeria ist im Grunde nur eine Erfindung britischer Offiziere. Im Jahr 1861 zogen sie ein paar Linien auf der Landkarte und tauften das umrissene Gebiet nach einem willkürlich benannten Fluss, der durch die Region fließt. Nicht unbedingt ein sinnvoll identitätsstiftender Gründungsakt, denn in vorkolonialer Zeit existierten innerhalb der Grenzen so verschiedene Staaten wie die Yoruba-Königreiche Oyo und Ife im Süden, Benin im Südwesten, das Kalifat von Sokoto im Nordwesten und die Emirate der Hausa im Norden, aber auch Gesellschaftsformen ganz ohne zentrale politische Autorität.

Und so ist es wenig überraschend, dass dieses Land, bei dessen Erschaffung weder auf räumliche noch sprachliche oder kulturelle Gegebenheiten Rücksicht genommen wurde, nach Erlangung seiner Unabhängigkeit 1960 in postkolonialem Chaos versank. Genau betrachtet gibt es Nigeria eigentlich gar nicht, und es gibt auch keine Nigerianer. Eine gemeinsame Identität als etwas kulturell über einen langen Zeitraum Gewachsenes ist beim besten Willen nicht erkennbar.

Nach einer kurzen Episode mit föderaler Verfassung lösten zwischen 1966 und 1998 mehrere Militärdiktaturen einander ab, eine brutaler als die andere. Statt das Land zu stabilisieren, verstärkte ein massiver Ölboom in den 1970er Jahren diese Instabilität sogar noch. Und auch nach der Demokratisierung Ende des 20. Jahrhunderts sieht sich Nigeria weiterhin starken innenpolitischen Unruhen ausgesetzt.

Ein bezeichnendes Beispiel dafür sind die immer wieder vorkommenden Öl-Raubzüge, bei denen Banden Pipelines anzapfen und das so entwendete Öl auf dem Schwarzmarkt verkaufen. Da dies sehr oft mit Billigung der Bevölkerung geschieht, kommt es häufig zu Menschenansammlungen an den illegalen Entnahmestellen, wobei es, ausgelöst durch Funkenbildung, schon eine Vielzahl von Explosionen gab, die teilweise mehrere hundert Menschenleben forderten.

Vor diesem Hintergrund erzählt das Debüt von Chigozie Obioma, der 1986 im nigerianischen Akure geboren wurde, aus der Perspektive des neunjährigen Benjamin die Geschichte von vier Brüdern, deren Vater von seinem Arbeitgeber, einer großen Bankgesellschaft, während der 1990er Jahre in eine weit entfernte Stadt versetzt wird. Dadurch plötzlich für sich selbst und ihre Mutter verantwortlich geworden, gehen die Geschwister an dem Fluss fischen, der sich durch ihre Gegend zieht, was ihnen der nun abwesende Vater zuvor immer verboten hatte.

Unter anderem wohl, weil es in der Nähe des mythenumrankten Gewässers einen Ort gibt, dessen Betreten den Bewohnern der Nachbarschaft untersagt ist, weil dort einer lebt, den alle als verrückt bezeichnen. Auf ihn treffen die Brüder, und der seherisch begabte Schamane prophezeit ihnen, dass einer der vier von seinem eigenen Blut getötet werden würde. Diese Voraussage von tragischem Ausmaß bringt, ähnlich wie in den Dramen der klassischen Antike, die Dinge auf ungeahnte Weise in Bewegung.

Chigozie Obioma, der in Nordzypern und den USA – an der University of Michigan – Englisch, Literatur sowie Kreatives Schreiben studierte, verknüpft in seinem Roman Elemente des Familiendramas mit denen der Fabel und erschafft so ein allegorisches Panorama seines Heimatlands, das auch gewisse biografische Übereinstimmungen zwischen Erzählstimme und Autor aufweist.

Auf originelle Art reflektiert dieser Coming-of-Age-Text die Erzähltradition vorhergehender Schriftstellergenerationen der modernen afrikanischen Literatur und gibt ihr einen zeitgenössischen Twist. Zugleich gelingt es Chigozie Obioma, den Kontinent mit all seinen ökonomischen, politischen und religiösen Gegensätzen abzubilden – und trotz (oder gerade wegen) diesem Chaos dessen Schönheit festzuhalten.

Der dunkle Fluss Chigozie Obioma Übersetzt von Nicolai von Schweder- Schreiner, Aufbau 2015, 313 S., 19,95 €, als E-Book 15,99 € 

06:00 05.03.2015
Geschrieben von

Daniel Windheuser

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Daniel Windheuser

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