Zur Philosophie des Zen-Buddhismus

Anmerkungen Bertram - Die spannende Frage bleibt, ob die Zen-Philosophie eine Politik des Anderen Anfangs bereichern könnte.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Autonomes Seminar an der Humboldt-Universität zu Berlin - seit 1998 - Lektürekurs „Entsubjektivierung Heidegger/Zen“

eMail: autonomes.seminar@t-online.de -

Fri, 13 Jul 2012 – Anmerkungungen von Bertram

„Ich […] möchte zur ZEN-Buddhismus-Rezeption in eurem Seminar ein paar Gedanken beisteuern.

Der ZEN-Buddhismus ist eine japanisierte Variante des chinesischen Ch'an-Buddhismus. Dieser bildete sich durch eine Assimilation des aus Indien importierten Mahayana-Buddhismus unter Einbezug von Elementen des autochthonen Daoismus (Taoismus).

....................................

Zu Byung-Chul Han: ZEN-Buddhismus - 1. Kapitel Religion ohne Gott

Zu Hegels Zeiten war die Quellenlage zum Buddhismus noch sehr dürftig, und die wenigen Übersetzungen in westliche Sprachen eher suboptimal. Hegel standen nur Quellen aus Tibet und China zur Verfügung. Er erwähnt in seinen Vorlesungen nur den "Lamaismus" und eine Religion des "Fo" (Buddha auf Chinesisch), kennt aber keine Unterschiede zwischen dem tibetischen Buddhismus (Vajra-Yana) und chinesischen Ausprägungen des Buddhismus. Pali- und Sanskrit-Quellen des Hinayana-Buddhismus waren ihm offenbar nicht bekannt.

Die Besonderheiten des japanischen ZEN-Buddhismus waren der westlichen Welt bis 1893 unbekannt. Es ist von Han ungenau, in einer Diskussion über ZEN-Buddhismus Autoren wie Hegel einzubeziehen, die den ZEN-Buddhismus gar nicht kannten.

...........................

Koan-Technik im japanischen Rinzai-Zenbuddhismus

Die Koan-Technik des Rinzai-ZEN ist einzigartig in der Religionsgeschichte. Charakteristisch für das Koan ist, dass es rational nicht gelöst werden kann. Man könnte sagen, es ist ein Mittel, das rationale Denken zu dekonstruieren.


Soto-Zen

Es sollte allerdings auch darauf hingewiesen werden, dass der Rinzai-ZEN, in dessen Zentrum die paradoxen Kommunikationstechniken des Koans stehen, in Japan nie die Hauptschule darstellte, sondern der von Meister Dogen (1200-1253) in Japan propagierte meditative Soto-ZEN. Für diesen ist das Shikantza, das "Nur-Sitzen", die empfohlene Versenkungtechnik.

Meister Dogens berühmte Meditationsanweisung ist das "Fukanzazengi":

FUKANZAZENGI - Universelle Aufforderung zum Zazen – von Dogen Zenji (1200 - 1253 n.u.Z.) - Lehrer des Soto-Zen - Übersetzt von Muho, dem Abt des Antaiji. - Fundstelle: http://antaiji.dogen-zen.de/deu/fzgi.shtml

"Von Beginn an war der Weg vollkommen gegenwärtig, warum sollten wir ihn erst noch üben und bezeugen müssen?

Das Gefährt der Lehre bewegt sich frei und von selbst, welchen Sinn hätte da unser eifriges Üben?

Im ganzen Universum gibt es nicht das geringste Staubkorn, wie könnten wir je versuchen, uns selbst durch die Übung zu reinigen?

An diesem Ort ist alles offenbar, wohin sollten wir die Füße unserer Übung richten?

Wenn du auch nur ein Haarbreit von Unterscheidung machst, wird sich eine Kluft wie zwischen Himmel und Erde auftun. Wenn du dem einen folgst und dem anderen widerstrebst, wird dein Geist wie Pulver vom Wind verweht.

Auch wenn du stolz auf dein Wissen und deine große Erleuchtung bist, auch wenn deine intuitive Weisheit Buddha erschaut hat und du den Weg erlangt und den Geist geklärt hast, selbst wenn deine entschlossene Gesinnung zum Himmel durchbricht: Selbst dann zappelst du nur so wie einer, der mit dem Kopf in der Schale feststeckt, während der Leib den Ausweg zum Leben fast vollkommen vergessen hat.

Shakyamuni wurde als Weiser geboren. Dennoch saß er für sechs Jahre im Gion-Park. Siehst du seine Spuren nicht? Bodhidharma brachte das Siegel des Geistes aus Indien. Hörst du nicht das Echo der neun Jahre, die er im Shorin-Tempel gegen die Wand gerichtet saß? Wenn es selbst bei den Alten so war, wie könnten wir Heutigen uns da vor der Übung drücken? Suche nicht nach Buchstaben, verstricke dich nicht in Worte, lass endlich ab von deinen Kommentaren. Dreh' das Licht um und beleuchte dich selbst, lerne, einen Schritt zurück zu tun. Von selbst werden sich Körper und Geist lösen, dein Urangesicht wird ganz offenbar. Wenn du die Dinge sehen willst, so wie sie sind, musst du - hier und jetzt - ganz du selbst sein, so wie du bist.

Für die Zenübung ist ein stiller Ort geeignet. Halte Maß beim Essen und Trinken und löse dich aus allen Bindungen, lasse die zehntausend Angelegenheiten ruhen. Denke nicht an "gut" und "böse", urteile nicht über "richtig" oder "falsch". Dein Geist und Bewusstsein drehen sich im Kreis - lass sie zur Ruhe kommen. Hör' auf alles mit deinen Gedanken und Meinungen abzuwägen. Versuche auch nicht einen Buddha aus dir zu machen, gib dich nicht ab mit "Sitzen" oder "Liegen".

Breite eine dicke Sitzmatte aus. Darauf lege dein Sitzkissen. Sitze entweder im halben Lotussitz oder im vollen Lotussitz. Beim vollen Lotussitz lege den rechten Fuß auf den linken Oberschenkel und dann den linken Fuß auf den rechten Oberschenkel. Beim halben Lotussitz lege einfach den linken Fuß auf den rechten Oberschenkel.

Trage dein Gewand locker und ordentlich. Lege die rechte Hand auf den linken Fuß und die linke Hand auf die rechte Hand. Die Spitzen der beiden Daumen sind gegeneinander gestützt.

Sitze gerade, in der richtigen Haltung. Sitze nicht nach links oder rechts gekrümmt, vornüber gebeugt oder zurückgelehnt. Ohren und Schultern sollten in einer Linie sein, während die Nase in einer Linie mit dem Nabel ist. Die Zunge sollte am Gaumen anliegen. Halte Lippen und Zähne geschlossen und die Augen stets geöffnet. Atme leise durch die Nase.

Ist der Körper auf diese Weise eingestimmt, dann atme einmal tief durch den Mund aus. Schwinge deinen Oberkörper erst nach links und rechts. Dann sitze reglos wie ein mächtiger Berg in Konzentration und denke auf dem Grund des Nicht-Denkens. Wie denkt man auf dem Grund des Nicht-Denkens? Es ist die Loslösung vom Denken (Undenken). Dies macht die Kunst des Zazen aus.

Zazen ist keine Meditationstechnik - es ist das Dharmator großer Zufrieden- und Gelassenheit. Es ist das übende Erweisen des endlosen Dharmaweges. Hier verwirklicht sich das offenbare Geheimnis, es gibt kein Netz mehr, in dem du dich verfangen könntest.

Wenn du dir dies zu eigen gemacht hast, bist du wie ein Drache, der zurück ins Wasser taucht, du bist wie ein Tiger, der durch die Berge streift. Die wahre Lehre verwirklicht sich von selbst, und deine Müdigkeit und Zerstreutheit werden sich auflösen.

Wenn du aus Zazen aufstehst, bewege deinen Körper erst langsam, und richte dich dann in Ruhe auf. Tue es nicht Hals über Kopf.

Siehe, dass all die, die über das Gewöhnliche wie das Ungewöhnliche hinausgehen und im Sitzen wie im Stehen sterben, sich dieser einen Kraft überlassen. Das gilt auch für den Finger und den Mast, die Nadel und den Schlegel, mit denen das Rad der Lehre gedreht wurde. Der Erweis, der mit dem Wedel und der Faust, dem Stock und dem Schrei erbracht wurde, lässt sich durch Gedanken und Urteile nicht verstehen. Wie sollte ihn je einer erkennen, der sich mit übendem Erweisen um das Erlangen übernatürlicher Kräfte bemüht? Dein Handeln muss sich von Klang und Gestalt lösen, es muss sich auf die Ordnung gründen, die vor intellektuellem Sehen und Verstehen liegt.

Mache dir keine Gedanken darüber, ob du mehr weißt als die anderen oder nicht. Glaube nicht, dass der Kluge besser ist als der Dumme. Gib' dich einfach hin an die Übung: Das ist es, was Beschreiten des Weges genannt wird. Nichts könnte das übende Erweisen beflecken - sich nach dem Weg zu richten bedeutet, den Alltag zu leben. In dieser wie in allen anderen Welten, in Indien wie in China, wird das Buddhasiegel auf gleiche Weise bewahrt, und der Wind der Wahrheit weht frei und ungehindert. Gib' dich einfach hin an das Sitzen, geh' auf im unbeweglichen Zustand des Zazen. Auch wenn es tausend Wege mit zehntausend Unterschieden gibt, beschreite den einen Weg in dem du einfach nur Zen übst. Welchen Sinn hat es, das Sitzkissen bei dir zuhause zu verlassen, um in der Fremde umherzuirren? Ein falscher Schritt, und du wirst den Boden unter deinen Füßen verlieren. Als Mensch geboren, hast du die seltene Gelegenheit den Weg zu gehen - verschwende deine Zeit nicht!

Dem Buddhaweg in diesem Leben begegnet - wie könntest du die Gelegenheit ungenutzt lassen und fliegenden Funken nachblicken? Dein Leben ist wie das Tau am Gras. Das Schicksal schlägt zu wie ein Blitz. Dein Körper hat keinen Bestand, in einem Augenblick musst du ihn aufgeben. Ich hoffe, dass du, der du die Lehre so gelernt hast wie ein Blinder, der an einem Elephanten tastet, nicht in Angst und Schrecken versetzt wirst, wenn du dem wirklichen Drachen begegnest. Übe den direkten Weg der Wahrheit mit Leib und Seele, respektiere den Müßiggänger, der jenseits jedes Lernens ist. Teile die Weisheit mit Buddhas und Buddhas, erbe das Samadhi von Patriarchen und Patriarchen. Auf diese Weise geübt - auf diese Weise verwirklicht. Die Schatzkammer öffnet sich von selbst - es liegt an dir, sie auszuschöpfen."

........................

Über den in Berlin geborenen Abt Muho erfährt man auf der Webpräsenz des Klosters Antai-ji: http://antaiji.dogen-zen.de/deu/abtmuho.shtml

Muho - Der Abt von Antaiji

http://www.3sat.de/page/?source=/scobel/127840/index.html

Muho - ehemals Olaf Nölke aus Berlin - ist jetzt Zen-Meister in Japan. Bis zu 15 Stunden am Tag, fünf Tage die Woche, widmet er sich dem Zazen. Das ist die Bezeichnung für die Sitzmeditation im Zen-Buddhismus und der Weg zur Erleuchtung. "Letztlich muss man da schon bereit sein, durch die Hölle zu gehen. Oder um es ganz extrem auszudrücken: Man muss bereit sein, zu sterben auf dem Kissen, wenn man da richtig durch will und das richtig machen möchte," so Abt Muho über seine Tätigkeit.

Der Name Muho bedeutet so viel wie "offen für alle Richtungen sein“. Ihn wählte Nölke, als er vor 15 Jahren als buddhistischer Mönch in Japan ordinierte. Schon als Kind hatte sich Muho damit beschäftigt, warum man überhaupt lebt und was für einen Sinn das Leben hat. Daraus ergaben sich dann Fragen wie: "Wenn ich sowieso sterben muss, warum versuchen alle Leute, möglichst lang zu leben, und bis dahin möglichst viel Geld anzusammeln und einen guten Job zu bekommen?"

Diese Fragen wurden vom frühen Tod seiner Mutter ausgelöst. Als Jugendlicher lernte Nölke die Meditation kennen. Diese Erfahrung wird für sein späteres Leben wegweisend: "Als ich diese Entdeckung gemacht habe, war mir schnell klar, dass das die eine Sache ist, die ich für mein ganzes Leben machen wollte. Und da Zen oder Zazen, historisch gesehen, über Japan in den Westen gekommen ist, war mein Auge dann auf Japan gerichtet."

"Ein Tag ohne Arbeit ist ein Tag ohne Essen"

Mittlerweile ist Nölke der Abt des Klosters von Antaiji. Doch auch sein Mönchsleben folgt dem Motto: "Ein Tag ohne Arbeit ist ein Tag ohne Essen." Für den Zen-Meister bedeutet das Pflügen, Mähen, Ernten - egal bei welchem Wetter. Er muss sich und seine Familie ernähren. Der Abt von Antaiji hat nämlich Frau und Kinder. Zen-Mönche unterliegen nicht dem Zölibat. Doch für das Familienleben bleibt kaum Zeit, denn Meditation geht vor. Schließlich steht der Abt anderen Menschen bei der Suche nach Erleuchtung und Erkenntnis bei. "Ich glaube, dass es andere Wege zur Erleuchtung gibt als Zazen. Aber für mich ist Zazen die einfachste und reinste Art, diese Antwort zu geben. Deshalb bin ich selber nach Antaiji gekommen, deshalb biete ich jetzt als Abt anderen Leuten an, denselben Weg zu gehen. Aber ich behaupte nicht, dass das der einzige Weg ist. Und ich weiß noch nicht mal, ob es der einfachste Weg für jeden ist", so Muho.

Muho hat nach seiner Anerkennung als ZEN-Meister in Japan unter Obdachlosen gelebt und für diese eine ZEN-Gruppe geleitet. Muho ist manchmal in Berlin und hält Vorträge.

........................................................

Eine interessante Interpretation der kommunikativen Aspekte des ZEN-Buddhismus (insbesondere bei der Koan-Technik) liefert die Luhmannsche Systemtheorie: „Vom Zweitlosen. Paradoxe Kommunikation im Zen-Buddhismus“ – In: Niklas Luhmann/Peter Fuchs, Reden und Schweigen (stw, Frankfurt 1989)

„Vom Zweitlosen: Paradoxe Kommunikation im Zen-Buddhismus“ – Zitat auf Seite 46:

„Der Zen-Buddhismus dagegen will die immanente Erfahrung der primordialen [ursprünglichen] Differenzlosigkeit, das Erleben der Nichtzweiheit, den Direktkontakt mit dem Zweitlosen. Der darauf bezogene Schlüsselbegriff ist Satori [= Erkenntnis vom universellen Wesen des Daseins, des Urgrunds des Daseins]. Er bezeichnet die Kombination von Immanenz und Transzendenz, oder genauer: deren Identität; er bezeichnet die Kombination von Subjekt und Objekt, oder genauer: deren Identität. Das bedeutet: Ausschaltung jeglichen dualistischen Denkansatzes und damit auch die Unmöglichkeit einer auf Satori bezogenen Begriffsbildung. Deshalb scheint es ausgeschlossen, sich an Satori heranzudenken. Es geschieht und ist erreichbar nur im existentiellen Sprung. Gesichert bleibt auf diese Weise, daß Satori sich nicht kommunizieren lässt, aber die darauf bezogene Kommunikation verwickelt immer noch den Adepten so in die Paradoxie, hinter der sich Satori verbirgt, daß sie ihn an die Schwelle psychischer Sonderzustände treibt. Ihm bleibt dann nur der Sprung. Entweder er springt aus der Kommunikation und läuft weg, um weitere Jahre verzweifelt angestrengten Denkens auf sich zu nehmen, oder - er springt durch die Kommunikation mitten in die Paradoxie hinein, und zwar so daß er des Prä-differentiellen aller Differenzen ansichtig wird, des Urgrundes, der sich nicht beobachten lässt und zu dem man deshalb nur auf dem Weg sein kann. Dieser Weg (tao), so heißt es von altersher, ist auch schon das Ziel."

Die ZEN-Meister nichtbeobachten die Welt. Die paradoxe Kommunikation der Koan-Technik der Rinzai-Schule hat viele westliche Intellektuelle angezogen (vgl. Hofstaetter: Gödel, Escher, Bach), wird aber von diesen in der Regel missverstanden.

.......................................

ZEN und das Gehirn

Interessant ist, was die moderne neurowissenschaftliche Forschung zum ZEN-Buddhismus sagt. Größte Autorität auf diesem Gebiet ist der Neurologieprofessor und ZEN-Meister James H. Austin: (ZEN and the Brain) 137 Emptiness (p. 570)

"Zen emptiness implies *no* mental constructs and none of this feelings. Philosophical considerations aside, it is the absence of the psychic self." - "A second aspect is an existential emptiness. This is perceived to be the essential nature of *all things*".

Quellen:

James H. Austin: ZEN and the Brain (full text): (Seite 10 Table 1: The Two Major Zen Schools)

http://www.holybooks.com/wp-content/uploads/Zen-The-Brain-by-James-Austin.pdf

James H. Austin: ZEN Brain Reflections (full text):

http://elibrary.ibc.ac.th/files/private/Zen-Brain%20Reflections.pdf

James H. Austin: Zen and the Brain - Lecture (Video 1h):

http://www.youtube.com/watch?v=vEIXijQctlQ&feature=related#

............................................ Finis .........................................

14:35 14.07.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Wolfgang Ratzel

Aus einem drängenden Endbewusstsein entsteht der übermäßige Gedanke an einen anderen Anfang.
Avatar

Kommentare