Schmerzende Krisensätze

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Jeder hat sie! Jeder! Jeder hat Schmerzwörter. Meine momentanen Favoriten sind "Kultur" ("Hundekotentsorgungskultur") und "Kompetenz". Beonders gemeine Sadisten steigern meine Pein mit Begriffen wie: "Kompetenz-Team". Das kann so richtig weh tun. Schlimmer noch sind Schmerzsätze. Sätze wie: "Die Hoffnung stirbt zuletzt." Einen ziemlich hohen Wert auf der nach oben offenen Schmerzsatzskala hat folgende Sentenz:

Wir müssen die Krise als Chance begreifen.

Sie müssen Ihren Infarkt auch als Chance sehen, aus Ihrer Krise herauszukommen. Stellen Sie einfach Ihr Leben um! sagt der Kardiologe zum wehrlosen Patienten.

Der nichts mehr ersehnt, als diese "Chance" endlich wahrnehmen zu können. Er sieht schon das schmallippige Lächeln seiner toughen Chefin vor sich, hört sie sagen: "Die Zahlen sind noch schlechter geworden seit Ihrem ... eh ... Vorfall. Sie sind doch wieder gesund? Wie alt sind Sie, wenn ich fragen darf?" Er imaginiert schon des Kollegen spöttisches Grinsen. "Ja, ja, Herr Doktor, natürlich, Chance, das Leben umzustellen." Der Arzt bedankt sich mit einem wohlwollenden Blick. "Alles Gute!"

Sie müssen Ihre momentane Erwerbslosigkeit als Chance begreifen, sich neu zu orientieren. Krisen bringen auch weiter. Es gibt ein Licht am Ende des Tunnels, sagt der Coach der lokalen Arbeitsagentur dem momentan Erwerbslosen. "Ja, ja, als Chance ergreifen, Tunnelende", murmelt der, bevor er seine Mappe mit den Bewerbungen ergreift und geht. Der Coach nickt zufrieden.

Weniger ist oft mehr. Die gegenwärtige Krise gibt uns die Chance, dies zu begreifen! schreibt Frau Müller-Vonderheide-Auftenbusch in ihrer Wahlkampfbroschüre (ab). Für wen kandidiert sie eigentlich? Für die SPD? Gar die FDP? Oder doch für die Grünen? Für die Linke? Ach, für die CDU? Hätte ich nicht gedacht! Arbeitet sie nicht bei der "Tafel" mit? Hat sie nicht sogar eine Gesamtschule für unseren Ort gefordert - bei Beibehaltung der zwei Gymnasien, versteht sich? War da nicht neulich ein Bericht über ihre zahlreichen Ehrenämter in der Zeitung?

Wir sollten die größte ökonomische Krise seit 1929 als Chance sehen und uns von der Wachstumsökonomie verabschieden, schreibt der sehr linke Ökonom. Schon bei Keynes finden wir Hinweise auf diese Notwendigkeit. Vielleicht wäre den hundertfünfzig "Mitarbeitern" des größten Unternehmers meines Ortes, die nun auf der Arbeitsagentur erwartet werden, ihr Schicksal erspart worden, wenn sie zum "Wir" des Autors gehört hätten. Der Unternehmer hat allerdings seine Krisenchance gesehen.

Die mögliche Abkehr vom Neoliberalismus eröffnet die Chance, die emanzipatorische Botschaft der Neuen Frauenbewegung mit neuem Leben zu erfüllen, schreibt die feministische Professerin, nachdem sie sehr klug die Konvergenz eben dieser neuen Frauenbewegung und der neoliberalen Abkehr vom Fordismus hergeleitet hat. Ich höre schon das mutige Bestehen der Kassiererinnen und Verkäuferinnen auf den "neuen Chancen", bevor sie sich beim männlichen Filialleiter die Papiere holen.

Krise und Chancen! Paroles! Paroles! Paroles! schleudert in einem Chanson Dalida ihrem männlichen Widerpart Alain Delon entgegen. Gerede! Das Gerede von den Chancen, die es in der Krise zu ergreifen gelte, ist die Chance einiger, die Krise zu bewältigen und zu verwerten! Schmerzendes Gerede.

Wo bleibt das Positive?Hier ist es: In der Gefahr wächst das Rettende auch. Ein schöner Hölderlinsatz. Ich höre ihn immer häufiger. Ich fürchte allmählich, da kündigt sich ein neuer Schmerzsatz an.

15:35 02.08.2009
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