Sohn der Gewalt

Lenin Er war doch so großzügig und höflich. Wie wurde er zum gefährlichsten Revolutionär der Welt?
Sohn der Gewalt
„Die geschälte Banale“ heißt die Reihe der Illustratorin Jill Senft. Mehr über die Künstlerin in der Infobox

Mit Ausnahme von Steve Bannon („Lenin wanted to destroy the state, and that’s my goal too“) wagt es heute kaum noch jemand, sich als Leninist zu bezeichnen. Der „reale Sozialismus“ ist wohl historischer Müll geworden. Nicht recycelbar. Zumindest nicht im Westen. Aber auch auf dem Roten Platz werden die Schlangen vor dem Mausoleum kürzer. Putin mag keine Revolutionäre. Er zieht offensichtlich die Militärparade zum 9. Mai und die Feiern zum Dynastiejubiläum der Romanows vor.

Warum also eine weitere Biografie? „Er ist weiterhin eine bedeutende Figur“, lautet das Urteil des Historikers Victor Sebestyen. Vor über 100 Jahren stellte Lenin Fragen, die uns auch heute in einer krisengeschüttelten Welt „auf Schritt und Tritt begleiten“. Allerdings führten seine Antworten in die Katastrophe.

Die Geschichte beginnt mit dem historischen Moment des Staatsstreichs im Oktober 1917. Lenin hat sich (wieder einmal) gegen seine Genossen durchgesetzt. Noch vor dem zweiten Sowjetkongress muss die Kerenski-Regierung gestürzt werden. Eine kleine Gruppe Rotgardisten und Matrosen nimmt das Winterpalais ein und verhaftet die Minister. In der tumultuarischen Sowjetversammlung verkündet Lenin das „Dekret über den Frieden“. Er ist am Ziel.

In 54 Kapiteln zeichnet Sebestyen den Weg Lenins vom Sohn eines respektablen, in den Kleinadel erhobenen Schulinspektors zur „säkularen Erscheinung“ (Thomas Mann) nach. Hundert Jahre nach der Oktoberrevolution ist ein politisch ungetrübter Blick möglich. Lenin kann auch als Mensch, der liebt und leidet, dargestellt werden. Allerdings, so der Autor, für einen Biografen ist das Politische das Persönliche. Lenin war das Produkt seiner Zeit und seines Landes: eines gewalttätigen, tyrannischen und korrupten Russlands. Und das trifft den 18-Jährigen mit voller Wucht. 1887 wird sein geliebter Bruder Sascha wegen Verschwörung hingerichtet. Damit ist der Weg vorgezeichnet. Detailliert beschreibt Sebestyen die bekannten Stationen der Politisierung Lenins: Ausschluss von der Universität Kasan, intensives Studium des Widerstands gegen die Zarenherrschaft, der Dezembristen, Narodniki, der Narodnaja Wolja des Anarchisten Netschajew und schließlich des Marxismus.

Im Jahr 1900 gehört Lenin zu der großen Gruppe exilierter russischer Revolutionäre (und Revolutionärinnen), die fast alle einen parallelen Lebenslauf vorweisen, zu dem Gefängnis, lange Verbannung und oft auch Folter gehören. Aber Lenin hat etwas, das ihn für den zaristischen Geheimdienst zum „gefährlichsten und fähigsten aller Revolutionsführer“ macht: die unerschütterliche Überzeugung, das jeweils Richtige zu tun, die „wissenschaftlich“ gesicherte „Sache des Sozialismus“.

Immer im Kampfmodus

Lenin ist politisch immer im Modus des Kampfes. Das trifft auch die „versöhnlerischen“ Genossen. 1905 ruft er zum Aufstand gegen das Zarenregime auf: Wer gegen den bewaffneten Kampf ist, den muss man rücksichtslos aus der Zahl der Anhänger der Revolution streichen.

Ausführlicher beschreibt Sebestyen Lenins Verhältnis zu Frauen. Sehr detailliert beschäftigt er sich mit der Amour fou zwischen dem Revolutionsführer und der schönen Feministin Inessa Armand, die sich – man stelle sich vor – zu einer Ménage-à-trois entwickelt. Und spätestens hier stellt sich der politisch interessierte Leser die Frage, ob die penible Darstellung des Privaten wirklich wichtiger ist als die kontextuelle Analyse der Lenin’schen Schriften. Ist die Raucherordnung, die Lenin im versiegelten Zug in Richtung Revolution entwirft, relevanter als die Aprilthesen, die nur kurz gestreift werden? Manchmal „töten“ zu viele Details.

Keine Gnade findet der politische Lenin nach der Machtergreifung. Die Folge: Zensur, Tscheka, Terror, Ermordung der Zarenfamilie (sehr ausführlich geschildert), Krieg. Sebestyen spricht von einem Wahn, den er seinen Nachfolgern vermachte. Die anständigen Seiten seines Charakters hielten keinen Einzug in die öffentliche Sphäre. Allerdings hätte er auch hier kontextualisieren sollen. Die Sowjetunion ist als „violent society“ nun wahrlich nicht nur aus Lenins Charakter ableitbar, sondern aus der Kontinuität russischer Gewaltgeschichte, der Verwüstung durch den Ersten Weltkrieg, den ökonomischen Interessen der Akteure und auch durch das Eingreifen der Alliierten. Es war kein Geringerer als Churchill, der für Giftgaslieferungen an die „Weißen“ sorgte. Schließlich seien die Bolschewisten „bereits in der Wiege“ auszurotten.

Die Informationsfülle des Buches ist beeindruckend. Die Lektüre erfordert Geduld, die aber bekanntlich die Tugend des revolutionären Lesers ist. Und der muss seine eigenen Schlüsse ziehen können. Zum Beispiel über die „richtigen“ Antworten auf die von Lenin gestellten Fragen.

Info

Lenin – Ein Leben Victor Sebestyen Henning Thies, Karin Schuler, Norbert Juraschitz (Übers.), Rowohlt 2017, 704 S., 29,95 €

Die Bilder des Spezials

Die geschälte Banale, das sind absurde Kurzgeschichten der Berliner Illustratorin Jill Senft. „Warum einfach nur die Wirklichkeit wiedergeben?“, fragt Senft. „Illustration erlaubt es mir, mir alles vorzustellen.“ Die geschälte Banale ist eine Kombination aus dem, was sie sieht und erlebt. Bei Senft verrutschen die Größenverhältnisse, winzig klein, riesig groß, korrekte Perspektiven werden gebrochen. Senft arbeitet zuerst im Skizzenbuch mit Acrylfarben. Das lässt ihr die Freiheit, unverfänglich auszuprobieren, und fühlt sich weniger endgültig an. Danach werden die Entwürfe auf Papier oder Pappe überarbeitet.

Entstanden ist die Reihe Die geschälte Banale als Abschlussarbeit an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, Acryl auf Pappe und Papier, 2017

Wolfgang Walkiewicz bloggt auf freitag.de

06:00 12.10.2017

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