dame.von.welt
30.07.2011 | 12:27 18

Medienposse: Der doppelte Sarrazin

Güner Balci und Thilo Sarrazin spazierten bekanntlich neulich im Auftrag von aspekte durch Kreuzberg. Mit einer Mission - laut Güner Balci: Wir wollten ein ernsthaftes, tiefergehendes Gespräch zwischen Sarrazin und den Menschen, über die er in seinen Statistiken schreibt.

Das absehbare Scheitern dieser Mission ist bekannt. Auf dem Markt am Maybachufer wollte das 'ernsthafte, tiefergehende Gespräch' nicht recht in Gang kommen, da es offenbar mit den Obst- und Gemüsehändlern vorher gar nicht abgesprochen war, sie also völlig unvorbereitet in die Lage gerieten, Sarrazin vor laufender Kamera Paroli bieten zu sollen. Und wohl auch, da Sarrazin nicht nur in Worten, sondern auch in seiner Körperhaltung alles andere als offen wirkte - immerhin fühlte er sich auf Güner Balcis Nachfrage hinreichend willkommen.

Nicht so in der Adalbert-, Ecke Oranienstraße: Sarrazin wurde von zwei Passanten lautstark begleitet, als Balci und er mit dem Geschäftsführer des Restaurant Hasir eine türkische Tellerwäscher-zum-Millionär-Geschichte rekapitulieren wollten. Es gab einen erregten Wortwechsel von Dieser Mann hat Menschen beleidigt! bis zu Sie sind ein ganz widerwärtiger Linksfaschist!. Woraufhin Hasir den schlecht gelittenen Gast wieder hinaus komplimentierte.

Auf seiner letzten Station wurde Sarrazin von der kurdisch-alevitischen Gemeinde unter 'Hau ab!'-Rufen das 'ernsthafte, tiefergehende Gespräch' verweigert, da man sich dem interkulturellen Dialog verpflichtet fühle und auch lediglich ein ehrenamtlich arbeitendes Mitglied der Gemeinde Balcis Telefonanfrage positiv beschieden habe, dazu aber nicht autorisiert gewesen sei, bzw. die Zusage ohne jede Rücksprache erfolgt sei. Sarrazin verließ also, unter Bestätigung all seiner Ressentiments, Kreuzberg wie 'ein geprügelter Hund'.

So weit, so schräg.

Der nächste Eklat folgte wenige Tage später: der rbb stoppte vergangenen Dienstag die Produktion eines langen Fernsehbeitrags 'Thilo Sarrazin - ein Jahr danach', da sich Güner Balci mit dem kurzen Beitrag für aspekte nicht an die mit dem rbb vereinbarten Exklusivrechte gehalten habe und 'selbst zum Gegenstand der Debatte' geworden sei. Das wäre nicht über alle Maßen beachtenswert, wäre die bespiegelte Person nicht Sarrazin und die Bespiegelnde nicht Güner Balci. 

Richtig irre wird die ganze Geschichte aber mit der vom rbb beauftragten Produktionsfirma Lona Media. Die nämlich ließ verlauten, die bereits abgedrehten Filmbeiträge seien gestohlen worden und man bitte darum, kurzfristig - ohne Güner Balci - ein weiteres Mal drehen zu können. Was sich als eingestandene 'Notlüge' herausstellte, auaweia. 

Also schickte sich am Donnerstag Frank Schirrmacher in der FAZ an, Güner Balci als Ritter auf dem weißen Pferd zur Seite zu eilen. Er zeichnete sie als „role model“ für aufstiegswillige junge Türkinnen und bei Reaktionären deshalb unbeliebt, als im Fadenkreuz von Extremisten und bekundete Einer gefährdeten Journalistin wird die Solidarität entzogen und Kein Zweifel, was für diese jungen Leute (aufstiegswillige junge Türkinnen) die traurige Lektion dieses abenteuerlichen, rufschädigenden Vorgangs sein wird. 

Und so wird aus der dreckigen Finte einer Produktionsfirma ganz großes politisches Kino, bei dem sich einzig Thilo Sarrazin vor Lachen in die Hose machen dürfte. Hätten wir so etwas wie einen Sommer, könnte man das Ganze glatt für 1a Sommertheater halten...


Kommentare (18)

dame.von.welt 30.07.2011 | 15:58

Ähöh, nein, liebe Alien.
Die Produktionsfirma war in BEIDEN Fällen Lona Media und die Vereinbarung der exklusiven Rechte für den rbb wurde mit denen getroffen - mir erklärt es deren Verhalten nicht wirklich. Einfacher wäre m.M.n. gewesen, Güner Balci den Job als Co-Autorin für den rbb-Beitrag zu entziehen - die aber wußte offenbar von gar nix.

Mein Eindruck ist, daß Lona Media angesichts der Diskussion bereits im Vorfeld des aspekte-Beitrags und der Person Güner Balci kalte Füße bekam und ihre wirtschaftlichen Felle schwimmen sah und sie Balci deswegen auf schäbige Weise und mit dieser extrem bescheuerten 'Notlüge' ausbootete.

Ich sehe Güner Balci ziemlich kritisch, mir mißfiel 'Kampf im Klassenzimmer', in dem sie alles Positive der Schule wegließ und Schüler und Rektorin mißbrauchte, mir mißfiel ihr Gegifte gegen das 'Manifest der Vielen' und gegen deutsch-türkische Intellektuelle und Künstler in der Welt - hier aber ist sie m.M.n. abgelinkt worden.

Was aber Schirrmachers Pose nicht mal ein bißchen besser macht.

goedzak 30.07.2011 | 16:37

Kann es sein, dass große Teile der Medien bei ihrem suchenden Tasten, ihren Weg in der sich seit 1989/90 abzeichnenden nationalkonservativen Revolution zu finden, nach dem Motto 'zwei Schritte vor, einer zurück' bzw. 'nach der Methode 'Versuch/Irrtum' vorgehen?

Es läuft natürlich auf einen 'modernen' Nationalismus/Nationalkonservatismus hinaus, libertär, europäisch offen, amerikafreundlich, demonstrativ anti-semitisch und, obwohl es heute gar nicht so aussieht, in gewissem Sinne auch multi-kulturell. Wir werden es erleben, da passen auch ganz gut brave Muslime rein, die fleißig als Unternehmer wirken, Arbeitsplätze schaffen, auf ihre Mitbrüder einen paternalistischen, d.h. disziplinierenden Einfluss ausüben und selbstverständlich ihrer Religion unauffällig nachgehen dürfen. Denn jede Religion ist besser als keine.
Sarrazin wird eines nicht sehr fernen Tages auf den Müll geworfen werden, weil es dann nicht mehr nützlich erscheint zu unterscheiden, ob einem in bestimmten Gegenden der Großstädte von einem Blut-und-Boden-Deutschen oder von einem Deutschen mit Migrationshintergrund die Brieftasche abgenommen wird.

dame.von.welt 30.07.2011 | 17:06

Huhu Tycho...;-)...
Ehrlich gesagt fand ich den gesendeten aspekte-Beitrag gar nicht sooo schlimm wie vorher befürchtet. (ein link dazu steckt ganz oben im Blog hinter 'aspekte')
Ich fand eigentlich, daß Güner Balci Herrn Sarrazin recht realistisch, nämlich gar nicht überlebensgroß, hat aussehen lassen.

Der ganze Angang von aspekte war aber ganz zweifellos eine Farce. Daß weder mit Sarrazin noch mit seinen Gläubigen 'ernsthafte, tiefergehende Gespräche' möglich sind, sollten eigentlich die zahllosen Diskussionen der letzten Jahre im Fernsehen und allen möglichen Foren gezeigt haben. Irgendwann ist dann auch gut, insofern sind mir die Reaktionen der Passanten und die der alevitisch-kurdischen Gemeinde mehr als nachvollziehbar.

Es hängt mir auch zum Hals raus, daß Kreuzberg ständig als Kulisse für 'MiGraHu', 'rechtsfreien Raum', 'Ghetto' und andere pseudo-sozialkritische Bespiegelungen herzuhalten hat.

j-ap 30.07.2011 | 17:38

Was Du meinst, goedzak, gibt es doch schon längst. Nicht ganz am Rand, sondern ganz und gar in der Mitte, sogar mit Aplomb der Bundesregierung (und zwar seit rot-grüner Zeit).

Schau mal hier: Vielfalt als Chance

Beispiel: www.vielfalt-als-chance.de/data/downloads/bildmaterial/MotiveBKAmtNhantumbo_k.JPG

Sehr wahrscheinlich wollte Adriano Nhantumbo ursprünglich mal einfach nur Semmeln und Brot backen.

In Deutschland reicht das aber nicht, und deshalb arbeitet Adriano jetzt nicht etwa für den Bäckermeister oder ganz prosaisch, weil halt irgendwo das Geld herkommen muß, mit dem man die Wohnung, das Essen und vielleicht mal einen Kino-Besuch bezahlen kann, sondern: Adriano »arbeitet für Deutschland«.

Und solange er ebenso kreuzbrav wie notgedrungen bei der Selbstverwertung des Werts hilft, solange er also nicht auf die Idee kommt, am geordneten Gang der kapitalistischen Dinge auch nur ein Iota zu ändern, solange verspricht ihm der militante Garant des Kapitals (der Staat), daß er mit ihm vorübergehend nicht so verfährt, wie er normalerweise mit Ausländern verfahren würde, wenn die Arbeit am Nationalreichtum happig wird.

Roger Tecumseh 30.07.2011 | 18:19

Sarrazin hier - Sarrazin dort...! Ist es nicht merkwuerdig, dass keineswegs unintelligente Menschen sich immer wieder fast zwanghaft mit dieser traurigen Figur beschaeftigen, gegen die selbst Spitzweg als Kosmopolit erscheint? Man spricht von seinen "Thesen", als haette er ein Gebaeude an Gedanken errichtet. Dabei hat er doch nur ein paar Statistiken gefaelscht und ueberdies bewiesen, dass er von Biologie und Genetik keine Ahnung hat!

Kaum ein Politiker (oder gar Denker) darf sich in D in aehnlicher Medienwirksamkeit baden, kann sich als helle LED-Leuchte traeumen, wo er eigentlich nur eine blakende Petroleumfunzel mit zu kuerzem Docht ist. Was ist so mitreissend an diesem verrutschten Laubenpieper (die Schrebergaertner moegen mir verzeihen!), dass er nun quasi zur Inkarnation des Zeitgeistes stilisiert wird?
Der Mann hat gesagt, was er fuer wichtig hielt, hat es wirksam getimed, viel Geld verdient - nun ist er Wer! Ich finde, seine 15 Minuten dauern zu lange! (Warhol waere wahrscheinlich der gleichen Meinung.) Koennte denn in dem, was man ihm jetzt noch entgegnen sollte, irgend etwas Neues liegen?

Ihr allein seid es, die aus einer geschmacklosen Substanz einen Dauerlutscher machen! Irgendwie scheint mir, dass dieser verhuschte Autor eine reine Internet-Figur ist. Ohne dieses Medium wuerde man sein famoses Elaborat laengst auf verstaubten Wuehltischen finden und ihn vielleicht freundlich gruessen, wenn er auf der Parkbank sitzend die Enten fuettert!

(Ja, es stimmt - ich lebe nicht in Deutschland! ;-) )

Vadis 30.07.2011 | 18:21

Hurrrrrah. Der Buchhandel hat ein neues PR-Format ›Buchgurken-Jahrestag‹. Dass soviel schlechte Abluft durch frisches Gemüse getragen werden darf... Es ist unglaublich, mit welch gestriegelter Unverschämtheit sich Sarrazin da auf dem Wochenmarkt seiner Eitelkeit bewegt und am Ende noch über das Temperament derer sinniert, die er notorisch zu provozieren versucht.

»Wenn Hartz IV gestrichen würde, müssten hier die Händler auf 40 % ihrer Kundschaft verzichten.«

So doof wie er kann selbst Vater Staat nicht sein, wenn man zB. an diverses Steueraufkommen denkt, das Obst- und Gemüsehändler erwirtschaften und rückfließen lassen, oder was an ALG-Geldern nahezu 1:1 der Binnenwirtschaft zugutekommt.

Die Geduld, mit der die zum Gespräch genötigten ›Zielpersonen‹ auf den Populisten reagierten, war ebenso vorbildlich wie beschämend für den, der sich wie ich zunächst nicht von Kandidaten wie Sarrazin angesprochen fühlen muss, dennoch durch diesen Kaspar mit seiner Verbal- oder Hirnklatsche betroffen geschrieben wird.

goedzak 30.07.2011 | 18:28

Hübsch.
Ist schon richtig, das gibt es. Derzeit steht aber noch der 'Sarrazinismus' im Vordergrund, daran ändern ein paar Imagekampagnen und Gabriel-Sprüche erstmal noch nichts, zeigen aber schon, wie es ästhetisch aussehen könnte. :)

Es hat natürlich auch mit 'Fraktionsinteressenkämpfen' zu tun, denn nicht nur die Arbeit wird immer mal wieder knapp, sondern vor allem auch die 'Mehrwertschöpfungsmöglichkeiten'.

Tycho 30.07.2011 | 21:27

yup. wem nicht? ich muss aber schnell nochn bisschen bubu machen werte dame, weil ich die zweite hälfte von 1200km fahren muss. aber soviel noch: am geilsten fand ich den polen am maybach ufer der, nachdem thilo meinte:"polen sind anders als [..] fast schon im off ihm entgegnete:"ich find ihr buch xxx." thilo ist halt ein stöckeropa und man weiß bald gar nicht mehr wohin mit ihm.~ Schade auch, dass die alevitische gemeinde nicht das feine besteck für ihn rausgeholt hat. ganz entgegen seinen eigenen bekundungen schlägt er ja doch haken.
man wird sich mal an diesen mann erinnern...

Tycho 30.07.2011 | 21:27

yup. wem nicht? ich muss aber schnell nochn bisschen bubu machen werte dame, weil ich die zweite hälfte von 1200km fahren muss. aber soviel noch: am geilsten fand ich den polen am maybach ufer der, nachdem thilo meinte:"polen sind anders als [..] fast schon im off ihm entgegnete:"ich find ihr buch xxx." thilo ist halt ein stöckeropa und man weiß bald gar nicht mehr wohin mit ihm.~ Schade auch, dass die alevitische gemeinde nicht das feine besteck für ihn rausgeholt hat. ganz entgegen seinen eigenen bekundungen schlägt er ja doch haken.
man wird sich mal an diesen mann erinnern...

dame.von.welt 31.07.2011 | 01:03

Nicht nur, daß mein Interesse nicht in der xten Sarrazin-Diskussion, sondern in der Posse rund um Güner Balci, Lona Media, rbb und Schirrmacher liegt - ich wohne genau da, wo er jüngst auf der Suche nach 'ernsthaftem, tiefergehenden Gespräch' flanierte - genoß ihn also bereits 8 Jahre als politisch unfähigen Finanzsenator. Da fällt das mit der Einhaltung seiner 15-Minuten-Berühmtheit ein bißchen schwerer.