Daniel Martienssen
06.02.2013 | 10:47 39

Der Spießrutenlauf beginnt

Annette Schavan Die Bundesbildungsministerin will nicht zurücktreten und klagt gegen den Entzug des Doktortitels. Das wird nicht lange gutgehen. Ein Lager hat noch eine Rechnung offen

Der Spießrutenlauf beginnt

Gute Laune!

Foto: Sean Gallup / Getty

Die Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) spricht heute an der Universität von Johannesburg in Südafrika. Es geht unweigerlich auch um den Wissenschaftsstandort Deutschland. Sie repräsentiert gerade den Wissenschaftsstandort Deutschland im Ausland.

Derweil hat der Fakultätsrat der Heinrich-Heine-Universiät Düsseldorf gestern Abend ihr nicht nur den Doktortitel aberkannt sondern gleichzeitig ihren höchsten Abschluss auf ein Abitur mit theologischen Kenntnissen zurückgeschraubt. Die Entscheidung ist  noch nicht rechtskräftig. Schavan will nun das Verwaltungsgericht bemühen und hofft auf ein anderes Ergebnis in einem Zweitgutachten.

Sie konnte 1980 mit gerade einmal 25 Jahren ohne jeglichen Studienabschluss direkt promovieren. Ein erstes tragendes Gremium hat nun beschlossen, dass der Doktortitel aberkannt werden müsse. Die Vielzahl der Stellen, an denen Schavan fremde Gedanken nicht mit Fußnoten und Zitaten kenntlich gemacht habe, sei so immens, dass eine leitende Täuschungsabsicht erkennbar sei.

Juristen sprechen vom sogenannten Eventualvorsatz, bei dem Schavan es für möglich gehalten habe, mit einer Vielzahl fremder Gedanken die eigene Arbeit aufzuhübschen und diesen Umstand billigend in Kauf genommen habe. Damit steht sie juristisch mit Karl-Theodor zu Guttenberg und vielen anderen aus dem schwarz-gelben Lager, die in dieser Legislatur ihren Doktortitel abgeben mussten, auf genau der gleichen Stufe: leitende Täuschungsabsicht hüben wie drüben.

Von der "heimlichen Scham" und Parteisolidarität

Schavan will jetzt kämpfen. Sie kalkuliert es so, mit dem Rückhalt der Kanzlerin muss sie nun die stürmischen Tage im politischen Berlin überstehen. Die Oppositionsparteien haben ihr zwar schon unisono den Rücktritt nahegelegt, "sie kann nicht mehr glaubwürdig Wissenschaft in Deutschland vertreten. Das wird sie auch selbst erkennen", sagte die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Renate Künast, im ARD-Morgenmagazin.

Aber die Opposition muss Schavan dabei gar nicht so sehr fürchten. Über Wohl und Wehe der Ministerin wird das eigene Lager befinden. Wenn sie überhaupt eine Chance haben will, im Amt der Bildungsministerin zu verbleiben, müssen die eigenen Reihen geschlossen sein.

Ein Teil des eigenen Lagers ist  aber noch sehr verschnupft. Denn nun holt Schavan auch ihre jüngere Vergangenheit aus dem Frühjahr 2011 wieder ein: "Ich schäme mich - nicht nur heimlich" ist das Zitat Schavans, das ihre Amtszeit überdauern wird.

Sie sagte das im Zuge der Promotionsaffäre um den damaligen Verteidigungsminister zu Guttenberg. Sie scherte als Vertreterin des Wissenschaftsstandorts Deutschland von der Parteisolidarität aus. Nun reiben sich die Guttenberg-Anhänger aus Bayern die Hände. Auf deren Solidarität sollte Schavan nicht bauen. Dabei braucht sie jetzt jeden Beistand.

Auch ganz unabhängig von der Berliner Erosionsdynamik, die jetzt ganz unweigerlich ihre Bahnen zieht, sollte Schavan zurücktreten. Sie wird die kommenden Tage in Berlin kaum überstehen können, nun aber den Käßmann-Moment verpasst haben. Das Bildungsministerium und auch den Wissenschaftsstandort Deutschland wird sie beschädigt zurücklassen.

Schavan fühlt sich ungerecht behandelt und will kämpfen. Dabei übersieht sie, dass ihre aktuelle Verantwortung darin besteht, das Bildungsressort, die Institution zu schützen. Sie muss die Interessen an eine integere Wissenschaft über ihre persönliche Vorstellung stellen, unfair behandelt worden zu sein. Das geht nur, wenn sie zurücktritt -unverzüglich- selbst wenn sie am Ende des verwaltungsgerichtlichen Verfahrens den Doktortitel behalten sollte.

Kommentare (39)

seriousguy47 06.02.2013 | 12:33

Parteipolitik und Wahlkampf sind das eine. Was aus dieser Ecke kommt, muss man hier nicht allzu ernst nehmen.

Eine andere Frage wäre ernster zu nehmen: Welche Ansprüche werden/ wurden üblicherweise an eine Doktorarbeit in nicht-empirischer Erziehunghswissenschaft gestellt? Und da könnte ich mir vorstellen, dass im Falle Schavan etwas hohe Ansprüche gestellt werden. Aber ohne die Arbeit und die Vorwürfe im Detail zu kennen, kann man sich da schwerlich ein Urteil erlauben. Sollte allerdings vielfach unseriös zitiert worden sein, so wäre die Aberkennung wohl zu rechtfertigen.

Der entscheidende Punkt im Falle Schavan scheint mir aber die Frage zu sein, ob hier wieder einmal ein(e) konservative(r) Jemand an sich selbst weniger hohe Ansprüche stellt als an andere. Und da scheint mir die arrogante Pharisäerhaftigkeit gegenüber Guttenberg typisch für Schavan zu sein:  "Ich schäme mich - nicht nur heimlich".

Denn die Dame steht beispielhaft für überzogene Leistungsansprüche -  allerdings offenbar nur gegenüber anderen. Dazu ein bisschen Wikipedia :

"Referentin bei der bischöflichen Studienförderung Cusanuswerk .... kehrte sie als Geschäftsführerin zum Cusanuswerk zurück und war von 1991 bis 1995 dessen Leiterin.

Seit dem Wintersemester 2009/10 lehrt sie als Honorarprofessorin katholische Theologie an der Freien Universität Berlin

 .....

Von 1995 bis zu ihrem Einzug in den Bundestag am 5. Oktober 2005 war Schavan baden-württembergische Ministerin für Kultus, Jugend und Sport. In dieser Zeit führte sie eine Bildungsplanreform durch und den Fremdsprachenunterricht an Grundschulen ein. Sie setzte auch das umstrittene Abitur nach zwölf Jahren in Baden-Württemberg durch. Unter ihrer Verantwortung wurde 2004 dem im linksextremen Spektrum engagierten Lehrer Michael Csaszkóczy die Einstellung in den Schuldienst verweigert, was als Wiederaufleben des Radikalenerlasses kritisiert wurde.[10] Das Land Baden-Württemberg war dann aufgrund von Gerichtsurteilen gezwungen, Csaszkóczy letztlich doch einzustellen[11][12] und ihm zudem 33.000 Euro Schadensersatz zu zahlen..."

Wer an so prominenter Stelle darüber entscheidet, wer eine Studienförderung bekommt und wer nicht. Und wer an so prominenter Stelle meint, anderen gegen vielfachen Widerstand erhöhte Leistung aufzwingen zu müssen, der muss in der eigenen Person/ Biographie für solche Leistung stehen.

Bei Schavan steht nun der Verdacht, dass sie anderen abverlangt, was sie selbst nicht bieten mag. Das mindeste wäre also, dass sie nun tätige Reue und Einsicht zeigt und sich gegen die nunmehr vielfach belegten verlogenen Leistungs- und Bildungs-Ansprüche der Konservativ-Liberalen engagiert.

Leider scheint sie typisch konservativ reagieren zu wollen: die Lüge verteidigen oder untergehen. Hauptsache die Lüge bleibt unangetastet.

 

 

 

Idefix 06.02.2013 | 12:46

Am meisten erschrocken  bin ich bislang über die (für mich) unerwartete Unterstützung von Seiten der linksliberalen Presse. Dass ausgerechnet die Frankfurter Rundschau (1, 2, 3) und die Süddeutsche Zeitung (1, 2) meinen, man solle Frau Schavan den Titel nicht aberkennen bzw. sie brauche nicht zurücktreten, erstaunt mich wirklich.

 

Es sollte doch klar sein, dass eine Bildungs(!)- und Forschungs(!!)ministerin, die nachweislich betrogen hat, zum Gespött wird – in welchem Umfang auch immer betrogen wurde und sie nun will oder nicht Welche Universität, welcher Professor, welches Landesministerium für Bildung und Forschung soll die Dame jetzt noch ernst nehmen? Das geht schlicht nicht mehr. 

 

Spannend wäre aber durchaus über die Konsequenzen, die die steigende Zahl von Doktortiteln und die prominenten Plagiatsfälle, für die Promotion als solche haben.

Oberham 06.02.2013 | 12:49

Das einzige was den verkauften Bürgern bleibt, die Schadenfreude über das widerliche Ränkespiel im Marionettenstadl.

Nur, Schadenfreude ist eine hämische Sache, der Preis dafür sind absolut unfähige Politiker und eine destruktive Gesellschaft an sich.

Nur drei Beispiele:

Krankenkassen die gegeneinander um die Versichterten kämpfen.

Schulen die um die Schüler kämpfen.

Energieriesen die um ihre Wandlungsmethodik kämpfen.

Dabei geht das Gesundheitssystem total den Bach runter.

Dabei geht das Schulssystem immer mehr in Richtung Zuchtstation.

Dabei werden die etablierten Kohlebarone mit ihren alten Beziehungen noch lange die innovativen neuen Ideen blockieren und verzögern, einzig um ihres Profits Willen.

Die Politik steht dabei immer auf der Seite der Rendite!

Der Geldrendite - nicht der Rendite für das Leben und die Zukunft der Menschen!

Dieses Possenspiel um eine windige, kleine Betrügerin, die wohl schon im Gymnasium sehr effektive Methoden gehabt haben dürfte (Unterstellung!!! ja, ich weiß), ist doch nichts weiter als eine weitere Beldgranate, eine von Dutzenden, die uns täglich vor die Köpfe geworfen werden.

Menschen, besinnt Euch, hört auf gegeneinander zu treten und tretet aus, aus aus dem Wettkampfspiel.

Vernetzt Euch, helft Euch und lasst den Staat links liegen!

Verweigert die Steuerzahlungen, kauft nirgends mehr Mehrwertsteuerpflichtig - tauscht, tauscht und tauscht nochmal, lernt, lernt und lernt nochmal, macht die Augen auf, auf und nochmal auf!

Es gibt viel zu tun, packt es auch an - ich pack schon an!

balsamico 06.02.2013 | 12:53

Sie wird die kommenden Tage in Berlin kaum überstehen können, nun aber den Käßmann-Moment verpasst haben.

Diesen Moment hat sie längst verpasst; sie will es nur nicht wahrhaben. Aber es wird ihr gehen wie es Wulff ging. Die Medien lassen sich das nicht entgehen. Jetzt kommt es nicht mehr auf sie selbst an, sondern nur noch darauf, wann Frau Merkel den Daumen senkt. Und das wird, wenn mich mein Eindruck nicht trügt, nicht lange auf sich warten lassen.

 

anne mohnen 06.02.2013 | 13:06

@ Martienessen

Nicht nur Frau Schavan konnte mit "25"promovieren! Die alten Studienordnungen ließen das für alle zu. Im Gegensatz zum Magister war die Promotion neben dem Staatsexamen eher die Regel denn die Ausnahme als Abschluss eines Geisteswissenschaftlichen Studiums. Insofern lag Herr Busche in der dF-Print Ausgabe daneben, als er den Fall Schavan als Petitesse abtat, indem er ihre Promotion sinngemäß als schmückendes Beiwerk bezeichnete. Von Anfang an war bekannt das Schavan nur diesen einen Abschluss hat.

Die Kriterien für wissenschaftliches Arbeiten sind nach wie vor, heute wie früher bekannt und müssen nicht erst durch Blender thematisiert werden. Bei welchem Abschluss auch immer wurden bzw. werden sie jedem/r nochmals ausgehändigt resp. ins Gedächtnis gerufen.

Ärgerlich ist, dass der Doktorvater wieder außen vor bleibt. Aber ich habe  keine Zeit zu prüfen, ob der noch lebt. Das wäre dann eher Ihre Aufgabe, denn Schavan hat mit ihm ja noch mindestens ein Buch veröffentlicht.

Ich halte Ihre Anspielung auf „offene Rechnungen“ oder „Spießrutenlauf“ zwar für weniger interessant in Bezug auf ihre Einstellungen zu wissenschaftlichem Arbeiten, auch finde ich die damit einhergehende populistische Anbiederung nicht wirklich bemerkenswert.

Bemerkenswert sind sie allein wegen des Politverständnisses. Es ist nun die dritte Amtsbeschädigung, die Merkel nach Guttenberg und Wulff zu verantworten hat. Im Falle von Schavan ist es besonders makaber, rief Merkel doch einst mit ihr zusammen „die Bildungsrepublik Deutschland“ aus.

Nun machen Sie aus Schavan ein Opfer. "Lustig"!

 

 

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Ehemaliger Nutzer 06.02.2013 | 13:20

Ja, wenn das Image das fehlende Selbstbewusstsein ersetzen muss... :-)

Selbstbewusstsein vorzutäuschen ist ja das Lieblingsspiel dieser Polit-Marionetten...

Inzwischen scheint es aber so zu sein, dass jede Lüge zur Wahrheit werden kann, wenn man das Spiel nur konsequent fortsetzt?!

Ekelerregend...

Terrich 06.02.2013 | 14:13

Person und Gewissen – Studien zu Voraussetzungen, Notwendigkeit und Erfordernissen heutiger Gewissensbildung.

… wurde 1955 in einer römisch-katholischen Familie …

… als Referentin bei der bischöflichen Studienförderung …

… Vizepräsidentin des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken (ZdK) …

… Schavan unterstützte die im April 2009 gescheiterte Berliner Pro-Reli-Kampagne …

und weiter:

Kinder und Jugendliche hätten einen Anspruch darauf, „dass sie erfahren, worauf Menschen seit über zweitausend Jahren ihre Hoffnung setzen“.

Die degoutante Hybris, mit der heutzutage Politiker das Volk verarschen, geht auf keine Haut eines aktuell auf der Erde lebenden Tieres; da müsste man schon 65 Mio. Jahre zurückgehen und einem Brontosaurus das Fell abziehen und auch dann würde sich noch die Frage stellen, ob dies denn wirklich groß genug ist.

Was jedoch besonders kotzig einher kommt, ist dieses katholisch, dieses Berufen auf den Glauben einer Kirche, die die Wahrhaftigkeit des Menschen zum zentralen Thema sich erkor und offenbar der Unterstützung verlogener, widerlicher Charaktere bedarf, um ihre ebenso verlogene wie verblödende Botschaft an die Menschen im Lande heraus zu posaunen.

Konnten die Apologeten dieser Posse Katholizismus im Mittelalter noch Scheiterhaufen aufschichten, um die Häretiker zu veraschen, ist dieser Weg heute zum Glück Schavanikern versperrt. Da sie ohnehin weder in den Himmel noch in Hölle kommen können, werde ich das perfide Spiel, dem diese Dame nunmehr ausgesetzt ist, voller Schadenfreude beobachten und keine ihr gegenüber zur Anwendung gebrachte Niedertracht als überzogen einstufen.

Kinder und Jugendlich haben einen Anspruch darauf, das verlogene Gesoxe an den Spitzen der Gesellschaft an der eigenen Sch…. ersticken zu sehen, als Voraussetzung, Notwendigkeit und Erfordernis heutiger Gewissensbildung

in Ewigkeit AMEN

Terry Rich

Tad Baste 06.02.2013 | 15:35

„Dabei übersieht sie, dass ihre aktuelle Verantwortung darin besteht, das Bildungsressort, die Institution zu schützen.“

 

Mit Unterstützung von Frau Merkel, letztere bekannt lt. Stand 06.02.2013 15:34 Uhr MEZ, sieht Frau Schavan ihre aktuelle Verantwortung darin, eine höherrangige Institution, die Bundesregierung als solche, zu schützen. Da Frau Schavan gegen die noch nicht rechtskräftige Entscheidung des Fakultätsrats der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf vor dem Verwaltungsgericht zu klagen angekündigt hat, ist sie formal absehbar bis zur Bundestagswahl Frau Dr. Schavan und kann als nominierte Kandidatin im Bundestagswahlkreis Ulm dann am 22.09.2013 nicht unberechtigt auf eine Wiederwahl in den Bundestag hoffen. 2009 wäre sie über Platz 2 auf der CDU-Landesliste Baden-Württemberg ja abgesichert gewesen, und gerade 2013 braucht die Parteifreundin nun Sicherheit…

 

Ein Amtsverzicht seitens Frau Dr. Schavans könnte als ein Schuldeingeständnis verstanden werden und eine Neubesetzung des Bundesforschungsministeriums vor der Bundestagstagswahl noch weitere Begehrlichkeiten wecken.

Warum sollten Frau Dr. Schavan oder Frau Dr. Merkel dies tun, wenn juristischer Beistand im schwebenden Verfahren und etwas Teflon über die Zeit retten…

pleifel 06.02.2013 | 16:17

Frau Schavan wird nicht bis zur kommenden Wahl im Amt bleiben können. Warum?
Sie wird für die CDU, insbesondere für Frau Merkel zum Ballast. Die Integrität als Bundesbildungsministerin ist absolut beschädigt und in Verbindung mit der Verantwortung für "Bildung und Lehre" kann es einfach nicht statthaft sein, so, als ob es sich um eine Bagatelle handelt.Die Wissenschaftsgemeinde wird sicher ihren Teil dazu beitragen.

Den eigenen Anspruch auf "Korrektheit" hatte sie zu Guttenberg formuliert: "Schavan hatte sich von Guttenberg in dessen Plagiatsaffäre distanziert: „Als jemand, der selbst vor 31 Jahren promoviert hat und in seinem Berufsleben viele Doktoranden begleiten durfte, schäme ich mich nicht nur heimlich“, sagte sie Anfang 2011 in der „Süddeutschen Zeitung“.

Diese Aussage wird auf sie zurückfallen.

ed2murrow 06.02.2013 | 16:57

Lieber Daniel Martienssen,

Sie schreiben: "Juristen sprechen vom sogenannten Eventualvorsatz" und unterliegen damit möglicherwiese einem grundlegenden Verständnisfehler. Frau Schavan ist nicht Person in einem strafrechtlichen Verfahren -auch wenn das die Menschen irgendwie damit assoziieren-, sondern die gegen sie gerichtete Maßnahme ist die Rücknahme bzw. der Widerruf eines Verwaltungsaktes, §§ 48 f. BVerwVerfG, insoweit sind die Regelungen in NRW parallel, in Verbindung mit § 21 Promotionsordnung der Fakultät). Entsprechend kommt es bei der Beurteilung u.a. auf die verwaltungsrechtlichen Prinzipien von Verhältnismäßigkeit und Vertrauensschutz an, wohl aber nicht auf eine bestimmte Form des Vorsatzes.

poor on ruhr 06.02.2013 | 19:17

Ich mag zu diesem Thema schon gar keinen Kommentar mehr abgeben:

Rein formal bin ich natürlich auch für Einhaltung der wissenschaftlichen Regeln  und halte alleine schon deshalb die Aberkennung des Doktorgrades durch die Heinrich Heine- Universität für richtig, aber Ich habe zwar mit der CDU wirklich rein  gar nichts zu tun, doch kann Frau Schavan einem rein menschlich gesehen nicht doch ein klein wenig leid tun? 

  

rechercheuse 06.02.2013 | 19:36

"Ich möchte mal wissen, woher die wiederholt verbreitete Annahme kommt, dass ein Verwaltungsgericht die souveräne universitäre Fachentscheidung zur Aberkennung von Frau Schavans Doktorgrad aufheben könnte ...? Die Richter können allenfalls die Rechtmäßigkeit des Verfahrens prüfen, d.h. die Frage behandeln, ob das Verfahren zur Aberkennung des Doktorgrades überhaupt eingeleitet werden durfte und ob dieses Verfahren rechtlich einwandfrei durchgeführt wurde. Das ändert aber NICHTS an der offenkundigen und für jeden universitär vorgebildeten Menschen augenscheinlichen Tatsache, dass Frau Schavan ihren Doktorgrad durch eine vorsätzliche Täuschung verliehen bekommen hat."

 

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/doktortitel-weg-merkels-laesst-schavan-ruecktritt-offen-a-881762.html#spCommentsBoxPager

Daniel Martienssen 06.02.2013 | 21:53

Lieber ed2m,

Sie haben vollkommen recht, dass es sich nicht um ein Strafverfahren handelt. Das ist mir auch bewusst. Gleichwohl wird für "Täuschungsabsicht" auch Vorsatz vorausgesetzt. Das Zivilrecht wie das öffentliche Recht lehnt sich bei der Abstufung am Vorsatzbegriff des Strafrechts an.

So werden für die Täuschung i.S.d. § 48 Abs. 2 Nr. 1 VwVfG (nicht der Fall Schavan!) die Maßstäbe des Eventualvorsatzes herangezogen: 

"Um eine arglistige Täuschung handelt es sich z.B. , wenn der Adressat des VA durch Angaben, deren Unrichtigkeiter für möglich hielt, jedoch in Kauf nahm"... usf. Kopp/Ramsauer VwVfG § 48 Rn. 112

Ich wollte in meinem obigen Absatz deutlich machen, dass die Promotion bei Schavan wie auch bei Guttenberg deshalb entzogen werden musste, weil hier mindestens mit Eventualvorsatz getäuscht wurde. Die eher abstrakten Begriffe "Vertrauensschutz"und "Verhältnismäßigkeit" müssen ja inhaltlich ausgefüllt werden.

 

Viele Grüße


DM

 

Daniel Martienssen 06.02.2013 | 22:00

Ich finde, menschlich kann man Anteil nehmen. Wenn man sich aber wiederum überlegt, dass sie doch mit einiger Raffinesse getäuscht hat, sinkt das Mitgefühl wiederum. Sie hat sich mit dem Thema schlicht übernommen. Mir ist leider nicht bekannt, ob die Promotion als einphasiger Studienabschluss alternativlos gewesen ist oder ob falscher Ehrgeiz den Antrieb gegeben hat.

KalleWirsch 07.02.2013 | 00:06

Sicherlich liegt der Fall noch etwas anders, und zugegebnermaßen auch pikanter, als bei Gutenberg. Doch wieder einmal beschleicht mich das Gefühl, dass sich die Republik aufregt über einen Nebenschauplatz. Es ist etwas die Boulevarisierung des Politikbetriebes. Wenn die Ministerin zurücktreten sollte, dann doch bitte wegen einer völlig verfehlten Bildungspolitik. Schon bei Gutenberg hat mich das so aufgeregt. kein Hahn krähte danach, dass Gutenberg mit kerner in Afghanistan Jubel Kriegs TV machte, schnell war die Kritik an seiner Amtführung wieder abgeflaut. Aber die Plagiatsvorwürfe, die brachen ihm das Genick und blieben in den Schlagzeilen.Finden wir es wirklich schlimmer, wenn jemand bei seiner Doktorarbeit bescheißt, als wenn er/sie verantwortungslose Politik betreibt???

rechercheuse 07.02.2013 | 09:33

Die Richter können allenfalls die Rechtmäßigkeit des Verfahrens prüfen, d.h. die Frage behandeln, ob das Verfahren zur Aberkennung des Doktorgrades überhaupt eingeleitet werden durfte und ob dieses Verfahren rechtlich einwandfrei durchgeführt wurde...

 

ich bin kein jurist ... vielleicht habe ich deshalb diesen kommentar eines spiegel-users reingestellt, weil er zeigte, dass es nur um verfahrensfragen geht und die fakten juristisch nicht berührt

rechercheuse 07.02.2013 | 11:37

naja, vielleicht haben sie ja recht mit ihrer forderung nach belegen und begründungen ... jedoch lese ich ihrerseits auch keine gegenbelege und begründungen, die ja dann inhaltlich der sache weiterhelfen würden ... der von mir zitierte leserkommentar deckt sich jedoch mit kompetenten aussagen aus radio-interviews ... für die ich jedoch auch keine belege habe ...

 

schön wäre ein inhaltlicher beitrag dazu, falls da interesse besteht

rechercheuse 07.02.2013 | 15:08

na prima ... es geht um die rechtmäßigkeit eines verwaltungsaktes ... und das ist genauso bei grundbucheinträgen, die auch nach 100 jahren "nachgemessen" werden können und entweder sie stimmen oder auch nicht ... genau wie bei quellenangaben von texten ... entweder sie sind da oder nicht ... also ein ganz simpler logischer vergleich zu dem  aus meiner sicht keine gerichtliche abwägung erforderlich ist, nur die rechtskräftige bestätigung oder ablehnung unter beachtung von ermessensspielräumen, deshalb kommt mir die aussage von schavan sehr spitzfindig vor, so als ob ich gegen einen mietvertrag klage, indem ein wohnraum von 100qm zugrunde gelegt wird, jedoch jeder nachmessen kann, dass es real nur 70qm sind

 

 

Baloo 07.02.2013 | 15:15

Hübsch "erhellend", der Artikel in der FAZ, der alles durcheinander würfelt, was sich beim Googeln so finden lässt. Hier ein bisschen Strafrecht ("Verjährung", der Entzug des Titels eine angebliche "Sanktion"), dort etwas Verwaltungsgerichtsordnung...

Das erhellendste an dem Artikel ist der Querverweis auf Margarita Mathiopoulos, die sich gerade durch die Instanzen der Verwaltungsgerichtsbarkeit klagt, nicht weil dies Aussicht auf Erfolg hätte, sondern weil sie aufgrund der aufschiebenden Wirkung der Klage noch über Jahre hinweg ihren Professoren- und Doktortitel führen darf. Das kündigt sich für Frau Schawan auch an...

anne mohnen 07.02.2013 | 16:42
@ Matrienssen Die Promotion als Studienabschluss war nicht alternativlos. Frau Schavan hätte sich in einer Magisterarbeit im wissenschaftlichen Arbeiten üben können. Warum und weshalb Frau Schavan „via directa“ zum Abschluss kommen wollte, entzieht sich unserer Kenntnis bzw. bleibt Spekulationen. Hat sie der Doktorvater dazu ermuntert? Wie auch immer. Fakt ist, dass diese Art der "Einwegpromotion" schon seit langem abgeschafft ist und auch Studienregelzeiten eingeführt wurden. Die Gründe dafür liegen mit dem Fall Schavan auf der Hand. Die wenigsten schafften den Abschluss via anvisierter Promotion auf Anhieb. Produziert hat diese Möglichkeit allerdings u.a. Langzeitstudenten und Studienabbrecher. Warum Sie, Herr Martienssen, aber von „Spießrutenlauf“ reden, wird mit dem Verweis auf sich ändernde Sprachkonventionen nicht klarer: „Als „Spießrutenlauf“ bezeichnet man heute im übertragenen Sinn eine Situation, in der jemand hintereinander von mehreren Menschen (seltener auch Institutionen, z. B. Behörden) aus einem einheitlichen Grund starke Gegnerschaft bis hin zu Schikane erfährt. Der Grund wird vom Sprecher dabei nicht als gerechtfertigt oder ungerechtfertigt beurteilt. Dabei wird der Ausdruck meist auf Situationen angewandt, die im weitesten Sinne noch eine Bewegung (einen „Lauf“) beinhalten, etwa das Vorbeigehen an einer Menge von lautstarken Kritikern oder auch den Gang zu mehreren Behörden; seltener wird er aber auch für Fälle ohne Fortbewegung, wie unangenehme Besprechungen in einem Unternehmen oder politische Diskussionen, eingesetzt.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Spie%C3%9Frutenlaufen)
Daniel Martienssen 07.02.2013 | 17:06

Liebe AM,

es ist richtig, dass objektiv gerechtfertigte Gründe dafür bestehen, warum Schavan zurücktreten muss. Und trotzdem kann durch eine einsetzende mediale Empörungsmaschine eine Vielzahl von Rücktrittsforderungen zum Spießrutenlauf hochgejazzt werden. 

Ich finde, das kann man so vertreten. Das entlässt Schavan sicherlich nicht aus der Verantwortung aus den Fakten heraus ihr Amt zur Verfügung zu stellen.

Herzlich

DM

Richard Zietz 07.02.2013 | 22:21

Sicher muss man beim Aspekt Spießrutenlaufen differenzieren. Auch wenn es um die Fälle mit den äh, kreativ zusammenkompilierten Doktorarbeiten geht. Im konkreten Fall kann ich die Korkodilstränen für Frau Schavan nicht so recht nachvollziehen. Mit Abi-12 in BW ist die Frau für den angezogenen Leistungsterror mit verantwortlich, dem Kinder und Jugendliche seit einigen Jahren ausgesetzt sind. Hinzu kommen Studiengebühren, mindestens ein Fall, wo Frau Schavan für ein Berufsverbot in BW ursächlich mit verantwortlich war, und, und, und.

 

Ich hege hier lediglich Schadenfreude. Diese Frau ist ein Mitglied der herrschenden Klasse. Und meiner Meinung nach bekommt sie derzeit exakt das, was sie verdient.

rose 08.02.2013 | 00:36

"Dabei übersieht sie, dass ihre aktuelle!!! Verantwortung darin besteht, das Bildungsressort???, die Institution??? zu schützen!!!. Sie muss die Interessen!!! an eine integere!!!Wissenschaft über ihre persönliche!!! Vorstellung??? stellen, unfair???!!! behandelt worden zu sein."

Mit Verlaub, Herr M, was für ein Gesülze, merken Sie das denn nicht?

Abitur werden Sie haben, haben Sie einen Doktor? Nein, dann mal los, ich schlage Ihnen ein Fernstudium vor, zu Mathematik wird es nicht reichen, dann Journalistik + eine ECHTEN Abschluss mit Doktor.

rose 08.02.2013 | 02:28

"Die Oppositionsparteien haben ihr zwar schon unisono den Rücktritt nahegelegt, "sie kann nicht mehr glaubwürdig Wissenschaft in Deutschland vertreten. Das wird sie auch selbst erkennen", sagte die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Renate Künast, im ARD-Morgenmagazin."

Inwie weit muss sie" glaubwürdig Wissenschaft in Deutschland " vertreten? eine Wichtigtuerin Künast ist intellektuell eingeschränkt, niemals darf man diese opportunistische Partei der Grünen wählen, die CDU ist mir lieber.