Simon Rothöhler
13.07.2013 | 06:00 2

Ordnung, äh, Sinn und, ähem, Struktur

Bühne Im Rahmen des Foreign Affairs Festivals ruft das Nature Theater of Oklahoma zum Mitmachen auf. In mehreren Episoden kommt das Ich ausführlich und ungefiltert zu Wort

Wer vergangenen Freitag zur Eröffnung der dreiwöchigen Belagerung des HAU durch die New Yorker Gruppe Nature Theater of Oklahoma erschienen war, stand in der Stresemannstraße erst einmal vor ausdrücklich verschlossenen Türen. Die Performance hatte da aber schon mit einer Open-Air-Beschallung begonnen, die Inklusion versprach: „Das große Theater von Oklahoma ruft euch! Wer an seine Zukunft denkt, gehört zu uns! Wer Künstler werden will, melde sich. Wir sind das Theater, das jeden brauchen kann!“

Ein auf den Bürgersteig gemaltes Geheimzeichen wies dem Besucher den Weg in einen Kreuzberger Hinterhof. Das Theater war also gar nicht zugesperrt, sondern nur alternativ geöffnet. Wer wollte, konnte sich zu einem als Nummernrevue zelebrierten Casting anmelden. Screen-Test-Skeptiker wurden gebraucht, um den gleichfalls mit großem Ernst aufgezogenen Barbecue-Betrieb auszulasten.

Breite Partizipationsangebote in den Theaterraum zu stellen, gehört nicht nur zur äußerlichen Programmatik der Gruppe, sondern bereits zur Genese der Stücke. So wird aus dem Berliner Casting-Material in drei Wochen die sechste Episode der mit Life and Times überschriebenen Naturtheaterserie entstanden sein. Diese nahm ihren Anfang mit der internen Befragung des Company-Mitglieds Kristin Worrall. 16 Stunden lang, so will es die Legende, antwortete sie in zehn Telefonaten auf die Frage, ob sie ihre bisherige Lebensgeschichte erzählen könne. Sie konnte und wollte, aber das würde dauern – und Theatergeschichte schreiben.

Aus dem exzessiven Gedächtnismonolog entstand ein Libretto der eigenen Art, weil nichts gestrichen oder gekürzt wurde. Füllwörter, Abschweifungen, Redundanzen wurden so exakt transkribiert wie potenzielle Urszenen einer US-amerikanischen Vorstadtadoleszenz. Ähs und Ähems sind die Pathosformeln dieses Bühnenversuchs, Sinn, Ordnung und Struktur in eine autobiografische Erinnerung zu bringen.

Wie man sich selbst erzählt und welche narrativen und popkulturellen Vorbildformate dafür überhaupt zur Verfügung stehen, ist das Sujet der multimedial ausgreifenden Serie, die schließlich auch Animationsfilme und mittelalterliche Bildhandschriften zu Illustrationszwecken mobilisiert. Dass es dabei nicht um ein Lamento der „Grenzen der Mitteilbarkeit“ geht, sondern im Gegenteil permanente Anschlussfähigkeit erzeugt und gefeiert wird, kann man postdramatisch oder post-postmodern nennen. Jedenfalls lassen die Episoden ein Ich derart ausführlich und ungefiltert zu Wort kommen, bis maximal viele andere Ichs sich in Geschichten (und deren Leerstellen) wiederfinden, die mit Selbsterlebtem auf den dritten und vierten Blick erstaunlich viel zu tun haben.

Über die geniale Vertonung findet die mündliche Überlieferung in die Aufführungsform eines leidenschaftlich performten Amateurmusicals, bei dem Ukulele und Orgel zentrale Instrumente sind und heftige Gymnastikübungen die choreografische Basis bilden. Einige Teile der Life and Times-Serie sind schon in den vergangen Jahren in Berlin zu sehen gewesen. Dank des „Foreign Affairs“-Festivals besteht aber jetzt die Möglichkeit für eine dringend empfohlene Komplettsichtung aller Episoden: in Einzelaufführungen oder als „Marathon“, am 12. Juli von 14 Uhr bis 5 Uhr morgens.

Kommentare (2)

Magda 14.07.2013 | 11:33

"Dass es dabei nicht um ein Lamento der „Grenzen der Mitteilbarkeit“ geht, sondern im Gegenteil permanente Anschlussfähigkeit erzeugt und gefeiert wird, kann man postdramatisch oder post-postmodern nennen. Jedenfalls lassen die Episoden ein Ich derart ausführlich und ungefiltert zu Wort kommen, bis maximal viele andere Ichs sich in Geschichten (und deren Leerstellen) wiederfinden, die mit Selbsterlebtem auf den dritten und vierten Blick erstaunlich viel zu tun haben."


Das ist schon seltsam. Gestern habe ich ein kurzes Interview mit dem Dramaturgen Bernd Stegemann gehört, der in seinem Buch "Kritik des Theaters" Entwicklungen beklagt, die er da postmodern und postdramatisch nennt. 

Er kritisiert am Theater, dass es nur noch ewige Gegenwart "performt", dass überhaupt die Performance an die Stelle der Schauspielkunst getreten sei, dass keine Entwicklungen weder rückwärts, noch nach vorn mehr gezeigt würden. Stegemann nennt das "die Feier von Präsenz und Authentizität". Es ginge andauernd nur um die Darstellung des eigenen Ichs und nicht um die Darstellung anderer Figuren und deren Entwicklung. Er plädiert da für die "Wiedergewinnung der mimetischen Kraft des Schauspielens als einer dialektischen Kunst".
Ich weiß nicht, ob das so stimmt, aber dass es da eine Debatte gibt erkenne ich auch aus einigen Passagen dieses Berichts, der - so erscheint es mir - genau ein Theater in der von Stegemann beklagten Richtung vorstellt. Ohne Stegemanns Interview hätte ich diese Passagen hier in dem Bericht auch gar nicht so wahrgenommen oder verstanden, er setzt professionelles Wissen  und Sachkenntnis über die gegenwärtig laufenden Diskurse voraus, die ich nicht habe. 

Hier ist ein Link zur Buchvorstellung, die aber erst im September stattfindet mit einer ausführlichen Ankündigung.

Ich fand das alles hochinteressant, gerade weil es ja auch eine Debatte über den Zeitgeist ist.