Ha-Joon Chang
11.02.2013 | 09:00 40

Penner und Gammler

Mythos Faulheit Wie uns die Eurokrise und die unverschämten Reichtümer der Privilegierten erklärt werden, damit die neoliberalen Glaubenssätze zu ihrem Recht kommen

Penner und Gammler

Espressoschlürfen vs. Maloche? Die Legende der faulen und fleißigen Europäer in der Krise

Foto: Alberto Pizzoli/ AFP/ Getty Images

Ein Gespenst geht um in Europa.“ Mit diesem berühmten Satz leiten Karl Marx und Friedrich Engels das Manifest der Kommunistischen Partei ein. Heute wird Europa erneut von einem Gespenst heimgesucht. Aber anders als 1848, als Marx und Engels ihr Traktat schrieben, ist es nicht der Kommunismus, sondern die Faulheit. Vorbei sind die Tage, als sich die Oberklassen vor einem wütenden Pöbel fürchteten, der ihnen die Schädel einschlagen und die Besitztümer rauben würde. Heute besteht ihr größter Feind in den Heerscharen fauler Penner, deren hedonistischer Lebensstil – finanziert durch erdrückende Steuern für die Reichen – den Lebensnerv der Wirtschaft lähmt.

In Großbritannien zieht die Cameron-Regierung permanent über die Wohlfahrts-Gammler aus den Vororten her, die sich nach einer harten Nacht mit Sky Sports und Online Casino ausschlafen. Deren schamloses Verlangen nach „Etwas für Nichts“, dem einst die Labour-Regierung nachgab, habe für das gewaltige Defizit gesorgt, dem Britannien jetzt ausgesetzt sei, lautet die Legende.

In der Eurozone glauben viele, die Euro-Krise müssten faule mediterrane Typen in Griechenland und Spanien verantworten. Die hätten jahrelang auf Kosten hart ranklotzender Deutscher gelebt und ihre Zeit mit Espresso-Schlürfen verbracht. Solange diese Leute nicht hart arbeiten müssen, werde es mit der Eurozone nichts. Das Problem an dieser Geschichte besteht darin, dass sie bloß eine Geschichte ist.

Das L’Oreal-Prinzip

Zunächst einmal resultieren Haushaltsdefizite der EU-Länder vorrangig aus fallenden Steuereinnahmen, wie sie für eine Rezession typisch sind, und nicht aus wachsenden Sozialausgaben. Überdies arbeiten ärmere Leute normalerweise im Großen und Ganzen härter – und länger. Der OECD zufolge gingen die Menschen in Griechenland, dieser Nation von Drückebergern, im Jahr 2011 durchschnittlich 2.032 Stunden arbeiten. Sie lagen damit nur knapp hinter den Workaholics in Südkorea mit 2.090 Stunden. Im gleichen Jahr „schufteten“ die Deutschen nur 1.413 Stunden (30 Prozent weniger als die Griechen), während die Niederlande offiziell die „faulste“ Nation der Welt waren und es lediglich auf 1.379 Arbeitsstunden im Jahr brachten.

Wenn diese Faulheits-Legende derart fadenscheinig ist, warum wird sie dann so oft geglaubt? Weil in den Jahrzehnten marktliberaler Dominanz viele dem Mythos erlagen, wonach das Individuum für sein Schicksal vollständig selbst verantwortlich sei. Das beginnt mit den Disney-Trickfilmen, die wir als Kinder sahen und die uns erzählten: Wenn du an dich glaubst, kannst du alles erreichen! Wir wurden mit der Botschaft bombardiert, dass Individuen – und nur sie – dafür zuständig seien, was sie im Leben bekämen. Das L’Oreal-Prinzip eben: Wenn Einige mehrere Millionen Euro im Jahr verdienen, liegt es daran, dass sie das „wert sind“. Wer stattdessen arm bleibt, ist entweder nicht gut genug oder hat sich zu wenig bemüht. Da es politisch riskant ist, die Armen für ihre Inkompetenz zu kritisieren, wird stellvertretend der träge Gammler attackiert, dem es an Moral fehlt. Am Ende werden im Namen des Kampfes gegen die Faulen Institutionen geschleift, die bisher den Armen geholfen haben.

Per Herkunft diskriminiert

In den Augen jener, die vom heutigen System unverhältnismäßig profitieren, liegt der Vorteil dieser Weltsicht auf der Hand: Sie reduziert alles auf den Einzelnen und lenkt von den strukturellen Ursachen der Armut und Ungleichheit ab. Es ist bekannt, dass schlechte Ernährung, fehlende Lernanreize in sozial benachteiligten Elternhäusern und schlechte Schulen arme Kinder daran hindern, ihre Fähigkeiten und ihre Zukunft zu entdecken. Wer so aufwächst, muss sich ständig gegen Vorurteile behaupten, die entmutigen und klein machen, vor allem wenn jemand das falsche Geschlecht oder die falsche Hautfarbe hat.

Mit dieser Last auf ihren Schultern fällt es den Armen selbst auf dem gerechtesten Markt schwer, das Rennen zu machen. Ohnehin werden Märkte häufig zugunsten der Reichen manipuliert. Wir sahen das bei so vielen Skandalen, als Finanzprodukte unter Vorspiegelung falscher Tatsachen verkauft und Aufsichtsbehörden belogen wurden.

Insofern ist es unerlässlich, dass Armut und Ungleichheit auf ihre strukturellen Ursachen hin abgeklopft werden. Ein wichtiger erster Schritt wäre es, die Debatte vom schädlichen Mythos des faulen Mobs zu befreien.

Kommentare (40)

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Ehemaliger Nutzer 11.02.2013 | 11:19

Ganz so einfach ist es nicht. Begriffe wie "arm oder reich" beim Bürger und "zahlungskräftig oder mittellos" beim Staat haben in anderen Ländern Europas nicht die selbe Bedeutung wie in Deutschland. Das gilt besonders für die Verhältnisse in Griechenland, die ich näher kenne. Dort ist der Staat arm oder eigentlich pleite. Die Bürger sind es keineswegs. Jeder versucht den Staat nach Kräften auszunutzen und selbst möglichst wenig dazu beizutragen. Die Korruption unter der Sonne von Hellas ist klassenlos immerhin. Gemeinsinn war für große wie kleine Griechen ein Fremdwort.

Auf Druck der EU, insbesondere auf Betreiben der Bundesregierung, wollen die griechischen Behörden die Bürger jetzt zur Kasse bitten. Dabei halten sie sich vornehmlich an die kleinen Leute. Die Großkopferten wissen sich dagegen zu wehren. Das Ergebnis ist wachsende Ungerechtigkeit unter Griechen durch die "Rettung Griechenlands". Kein Wunder, wenn die "Nazi, Nazi"-Rufe hier nicht verstummen wollen.

Die Statistiken der OECD können Sie vergessen, jedenfalls die über Griechenland.

 

Rupert Rauch 11.02.2013 | 12:08

Ein interessantes Modell. Durchaus überdenkenswert.

Ein Problem sehe ich bei der Ermittlung der Mitarbeiter. Als Nicht-Steuer-Fachmann sieht folgende Situation für mich problematisch aus:

In Firma1 produzieren 8 Mitarbeiter das Produkt1 für je 250k Euro

Der Einfachheit halber verkauft die Firma 4 davon an Firma2 zu einer Umsatzsteuer von 0%

In Firma2 schraubt ein Mitarbeiter die 4 zusammen und will sie verkaufen und muss dafür dann 200% Umsatzsteuer zahlen. Da an dieser Stelle nicht mehr transparent ist, wieviele Arbeitskräfte vorher daran gearbeitet haben.

Man muss auch bedenken:

1) die Zahl 8/Umsatzmillion ist imho sehr willkürlich

2) wenn Vollbeschäftigung herrscht, werden manche Produkte uU unbezahlbar

3) einen so starken Wettbewerb um Arbeitskräfte anzufachen, ist durchaus riskant, solange Zuwanderfragen ungeklärt sind und die Grenzen offen

4) starke Inflationsgefahr, derart offen in einer Machtposition zu sein, kann die Löhne vermutlich allgemein stark steigen lassen, insbesondere wenn gleichzeitig auch die Preise teilweise stark steigen

5) das Geld kommt nicht aus dem nichts, irgendjemand muss sich höher dafür verschulden

6) wie sieht es bei Importen aus?

Insgesamt nicht sehr treffgenau, aber sein Ziel würde es schon erreichen, schätze ich.

Was mir gefällt: es nutzt den Binnenmarkt als Hebelwirkung und setzt den Focus auf eine Beschäftigungssicherung für die AN.

 

Rupert Rauch 11.02.2013 | 12:17

Es macht nicht Arbeit überflüssig,sonst wären längst alle arbeitslos.

im Gegenteil, da es immer neue Bedürfnisse weckt, sorgt es dafür, dass immer genug Arbeit da ist. Die Kommunisten dachten auch, es gäbe so eine Art Grundversorgung und danach käme dann nichts mehr. Dieser Theoriefehler hat sie letztlich die Macht gekostet...

Man kann darüber streiten, ob die heutigen "Innovationen" und Produkte sinnvoll sind oder nicht (imho von beidem etwas), nicht darüber, dass genug Arbeit da ist.

Allerdings sollte man tatsächlich einen gesetzlichen Rahmen schaffen, der Freizeit einen höheren Stellenwert einräumt. Mit der 35h-Woche-Forderung war man da schonmal weiter als heute.

 

fahrwax 11.02.2013 | 14:15

Dann bin ich beruhigt.

Wie wäre es mit Eulen aus Athen?

"Da wir ja wissen, dass reales Leiden von den Regierungen selbst verursacht wird, dies im Wege von Gesetzen, Beschlüssen und Verordnungen zum Schutz der Hochfinanz, der Banken und aller Ausplünderungsmethoden die eine moderne, sich zum Kapitalismus bekennende Demokratie zu bieten hat, muss hier einfach gezyndelt werden. Was also kann man hier empfehlen? Richtig, das Verbot solcher Regierungen könnte dann am Ende nicht nur das „verbotene“ virtuelle, sondern sogar das reale Leid abschaffen."

http://qpress.de/2013/02/11/verbotene-bilder-griechenlands-erfolgreicher-kampf-gegen-das-elend/

 

Phineas Freek 11.02.2013 | 14:25

"Die Liebe zur gut durchgeführten Arbeit und der Wunsch nach einem Vorwärtskommen in der Arbeit sind heute unauslöschliche Zeichen von Stumpfheit und allerdümmster Unterwerfung.

Deswegen bahnt sich überall dort, wo Unterwerfung gefordert wird, der alte ideologische Furz seinen Weg,

von dem "Arbeit macht frei" der Konzentrationslager bis zu den Reden von Henry Ford und Mao Tse-Tung."

 

(Raoul Vaneigem , Handbuch der Lebenskunst für die jungen Generationen, 1967)

 

 

„Unser Leben ist der Mord durch Arbeit,

 wir hängen 60 Jahre lang am Strick und zappeln,

 aber wir werden uns losschneiden.“

 

(Georg Büchner, Dantons Tod, 1835)

 

 

„Die “Arbeit” ist ihrem Wesen nach die unfreie, unmenschliche, ungesellschaftliche, vom Privateigentum bedingte und das Privateigentum schaffende Tätigkeit. Die Aufhebung des Privateigentums wird also erst zu einer Wirklichkeit, wenn sie als Aufhebung der “Arbeit” gefasst wird.“

 

(Karl Marx, Über Friedrich Lists Buch “Das nationale System der politischen Ökonomie”, 1845)

 

„Die Arbeit bekommt immer mehr alles gute Gewissen auf ihre Seite: der Hang zur Freude nennt sich bereits “Bedürfnis der Erholung” und fängt an, sich vor sich selber zu schämen. “Man ist es seiner Gesundheit schuldig” – so redet man, wenn man auf einer Landpartie ertappt wird. Ja es könnte bald so weit kommen, daß man einem Hange zur vita contemplativa (das heißt zum Spazierengehen mit Gedanken und Freunden) nicht ohne Selbstverachtung und schlechtes Gewissen nachgäbe.“

 

(Friedrich Nietzsche, Muße und Müßiggang, 1882)

 

 

„Im Grunde fühlt man jetzt [...], daß eine solche Arbeit die beste Polizei ist, daß sie jeden im Zaume hält und die Entwicklung der Vernunft, der Begehrlichkeit, des Unabhängigkeitsgelüstes kräftig zu hindern versteht. Denn sie verbraucht außerordentlich viel Nervenkraft und entzieht dieselbe dem Nachdenken, Grübeln, Träumen, Sorgen, Lieben, Hassen.“

 

(Friedrich Nietzsche, Die Lobredner der Arbeit, 1881)

 

 

„Furchtbares hat die Menschheit sich antun müssen, bis das Selbst, der identische, zweckgerichtete, männliche Charakter des Menschen geschaffen war, und etwas davon wird noch in jeder Kindheit wiederholt.“

 

(Max Horkheimer/Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung)

 

 

 

 

Und bei den folgenden Zitaten bekommen bekennende und domestizierte Packesel vermutlich einen Ständer…

 

 

 

Sozial ist, wer Arbeit schafft.

 

(Alfred Hugenberg)

 

 

Jeder Job ist besser als keiner.

 

(Bill Clinton, 1998)

 

Kein Job ist so hart wie keiner.

 

(Motto einer Plakatausstellung der Bundekoordinierungsstelle der Erwerbsloseninitiativen in Deutschland, 1998)

 

Jeder muß von seiner Arbeit leben können, heißt der aufgestellte Grundsatz. Das Leben können ist sonach durch die Arbeit bedingt, und es gibt kein solches Recht, wo die Bedingung nicht erfüllt worden.

 

(Johann Gottlieb Fichte, Grundlagen des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, 1797)

 

Der Gauner hatte die Arbeit zerstört, trotzdem aber den Lohn eines Arbeiters sich weggenommen; nun soll er arbeiten ohne Lohn, dabei aber den Segen des Erfolgs und Gewinnes selbst in der Kerkerzelle ahnen. [...] Er soll zur sittlichen Arbeit als einer freien persönlichen Tat erzogen werden durch Zwangsarbeit.

 

(Wilhelm Heinrich Riehl, Die deutsche Arbeit, 1861)

 

Arbeit steht, sei sie auch noch so niedrig und mammonistisch, stets im Zusammenhang mit der Natur. Schon der Wunsch, Arbeit zu verrichten, leitet immer mehr und mehr zur Wahrheit und zu den Gesetzen und Vorschriften der Natur, welche Wahrheit sind.

 

(Thomas Carlyle, Arbeiten und nicht verzweifeln, 1843)

 

Der Barbar ist faul, und unterscheidet sich vom Gebildeten dadurch, daß er in der Stumpfheit vor sich hin brütet, denn die praktische Bildung besteht eben in der Gewohnheit und in dem Bedürfen der Beschäftigung.

 

(Georg W. F. Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts, 1821)

 

 

Die Arbeit muß das Szepter führen,

Knecht soll nur sein, wer müßig geht,

Die Arbeit muß die Welt regieren,

 Weil nur durch sie die Welt besteht.

 

(Friedrich Stampfer, Der Arbeit Ehre, 1903)

 

Das moralische Grundprinzip ist das Recht des Menschen auf seine Arbeit. [...] Für mein Gefühl gibt es nichts Abscheulicheres als ein müßiges Leben. Keiner von uns hat ein Recht darauf. Die Zivilisation hat keinen Platz für Müßiggänger.

 

(Henry Ford)

 

 

Neben den materiellen können einfache, personenbezogene Dienste auch den immateriellen Wohlstand erhöhen. So kann das Wohlbefinden der Kunden steigen, wenn ihnen Dienstleister belastende Eigenarbeit abnehmen. Zugleich steigt das Wohlbefinden der Dienstleister, wenn sich ihr Selbstwertgefügl durch die Tätigkeit erhöht. Einen einfachen, personenbezogenen Dienst auszuüben ist für die Psyche besser als arbeitslos zu sein.

 

(Bericht der Kommission für Zukunftsfragen der Freistaaten Bayern und Sachsen, 1997)

 

Halte Dich fest an die Kenntnis, die sich beim Arbeiten bewährt, denn die Natur selbst bestätigt diese und sagt Ja dazu. Eigentlich hast Du gar keine andere Kenntnis, als die, welche Du durch das Arbeiten erworben, das übrige ist alles nur eine Hypothese des Wissens.

 

(Thomas Carlyle, Arbeiten und nicht verzweifeln, 1843)

 

 

Es hat sich gezeigt, daß infolge der unvermeidlichen Gesetze der Menschennatur manche menschliche Wesen der Not ausgesetzt sein werden. Diese sind die unglücklichen Personen, die in der großen Lebenslotterie eine Niete gezogen haben.

 

(Thomas Robert Malthus)

 

 

 

 

 

 

Alle Zitate (außer dem ersten), diesem mehr als lesenswerten Beitrag entnommen:

 

 

 

 

http://www.krisis.org/1999/manifest-gegen-die-arbeit

 

 

Proletarier aller Länder, macht Schluss!

 

 

Oberham 11.02.2013 | 14:33

Ich behaupte mal ganz frech, dass die untersten 10 % unserer Bevölkerung mehr Steuern zahlen, als die obersten 1 % - aber netto!

D.h. wir ziehen die ganzen Überlebensgroschen bei den unteren 10% ab, .- logisch es bleibt ein Sollbetrag - sie bekommen netto mehr als sie zahlen.

Nur - beim obersten Prozent ziehen wir sämtlich "Gehälter", "Diäten" und Subventionen sowie die geldwerten Voreile die durch tägliche Gratisleistungen gewährt werden, die Beträge die durch Umsatzsteuerbetrug (hier dürften sicher keine armen die Begünstigten sein - ich verorte diese beim Top 1%), und andere Großbegtrügerei gegenüber der Allgemeinheit, erworben werden von der Steuerzahlung ab - ergo - wir bekommen wieder einen negativen Betrag.

Einen der wohl pro Kopf das tausendfache höher sein dürfte.

Der Artikel ist schlicht zu schlicht, man müsste vielmehr als Bezahltschreiber mal etwas regergieren und genau die Zahlungsströme aufdröseln - man könnte so ganz transparent zeigen, was z.B. die 800.000 reichsten Deutschen so absahnen (auch mit Namen - gerne) - und was den "faulen" 8.000.000 Sozialschmarotzern wirklich bleibt.

Man könnte gerne auch den findigsten Sozialschmarotzer im unteren Segment - dem findigsten Sozialschmarotzer im oberen Segment gegenüberstellen - das wäre mal eine interessante Reportage.

Doch ich fürchte - der liebe Bezahltschreiber ist selber etwas faul und formuliert die gleichen Allgemeinplätze die ja schon von tausenden von gratis Blogs bedient werden - ich nehm mich da nicht aus.

Ich bin auch zu faul die ganzen Zahlen genau zu regergieren.

Doch ich bin sicher meine Behauptung trifft zu.

Bei den Spitzenpositionen Unten und Oben - tippe ich auf

1 Euro zu sagen wir 10. Mio. Euro

Das ist jetzt nur die materielle Geldwaage - die Umweltvernichtung dürfte in etwa im selben Verhältnis zu betrachten sein - diesen Preis zahlen wohl andere Menschen - die etwas später kommen - vielleicht aber auch noch wir.

GEBE 11.02.2013 | 14:34

Ich würde schon einen Unterschied machen zwischen fremdbestimmter Erwerbsarbeit zur Produktion von Gütern und Dienstleistungen, welche letztendlich nur einen Verdrängungswettbewerb beinhaltet, weil es solche Güter und Dienstleistungen schon hundertfach in allen möglichen Varianten gibt, und zwischen dem, was Arbeit als Verwirklichung individueller intrinsischer Motive ist.

Oberham 11.02.2013 | 14:39

.... nur so am Rande - die große Bilanz - die Vermögensverteilung und deren Entwicklung bestätigt ohnehin das obige - nur - da wird eben vorgegaukelt, die großen Vermögen würden erarbeitet - bzw. "verdient" - daher mein Vorschlag auch die öffentlichen Geldströme mal genauer zu untersuchen.

Ein verantwortungsvoller Unternehmer kann unmöglich reich werden, so er seine Angestellten angemeßen bezahlt und eine umsichtige Rücklagen- und Risikopolitik betreibt, sowie die "Umweltkosten" (Umwelt ist Allgemeingut) angemessen berücksichtigt.

Er wird bestenfalls das Doppelte seines Facharbeiters verdienen.

(Das unternehmerische Risiko trägt auch die Belegschaft, ja die hat sogar noch das Entlassungsrisiko zu tragen!!)

Heinz Boxan 11.02.2013 | 16:45

Wären es andere, wärmre Breiten,

ein Fass würd ich mir besorgen,

wär Diogenes bei Zeiten,

ganz ohne täglich Sorgen.

 

Sollt Alexander mich dann fragen

Philosophenpenner, was wünschest du

Bescheiden würd ich es ertragen

Ne dicke Rente in aller Ruh.

 

Ne Flasch vom besten Rot

und Sonne alle Tage

bis hin zum Tod

könnt ich’s so ertrage

 

inribonax

Baszlo 11.02.2013 | 18:07

Die Bezeichnung von Armen als "Arbeitsscheue" hat in Deutschland ja eine lange und traurige Tradition.

Schon die Nazis rechtfertigten damit die Zwangsarbeit und die "Vernichtung durch Arbeit" und auch die SPD bezeichnete in dieser Tradition Arbeitslose als "Parasiten" um die Hartz IV Reformen mitsamt der wiedereingeführten Zwangsarbeit zu rechtfertigen.

Leider fallen diese Vorwürfe in Deutschland immer wieder auf fruchtbaren Boden, daher wurde das Konzept auch auf Europa ausgedehnt und daher müssen heute auch Griechen und Spanier, u.a.,  mit diesen Diffamierungen leben (und sterben).

Und weil es so praktisch ist, wird dieses Konzept sicherlich weiterverfolgt, eine Abkehr davon ist jedenfalls nicht zu erkennen.

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Ehemaliger Nutzer 11.02.2013 | 18:54

Die Eurokrise ist eine Geldsystemkrise und diese Krise ist im System nicht lösbar, am Ende stand immer Chaos oder Krieg. Die Reichen werden im Zinseszinsystem von selbst reicher, weil die Geldmenge wächst aber auch weil die Umverteilung beschleunigt wird. Das darf das Volk nicht wirklich wissen und am Schluss muß das dann wertlose Geld in wertvolles verwandelt werden, zum Beispiel das Wasser kaufen oder die Agrarflächen.

Rupert Rauch 11.02.2013 | 21:15

Mal davon abgesehen, dass man einen Tag braucht um die Seite ganz durchzulesen, sind mir beim Überfliegen viele Widersprüchlichkeiten aufgefallen. Wenn die neoliberalen Arbeitsfetischisten das eine Extrem sind, dann ist das die extreme Gegenposition. Beide liegen mE weit außerhalb der Realität.

Arbeit ist notwendig und wird es weiterhin bleiben, sei es der Zahnarzt der uns behandelt oder der Bauer, der sein Feld beackert. Sei es der Musiker/Künstler der uns unterhält oder der Handwerker der mein Dach repariert, der Forscher der eine neue Medizin entwickelt oder der Lehrer der meine Kinder unterrichet usw.

Und Arbeit wird nicht weniger, das ist ein Fehleindruck der neoliberalen Epoche, in der Arbeit nur dann einen Wert hat, wenn sie Profite abwirft, daher ist ja auch der staatliche Sektor ausgehungert worden und es grassiert Massenarbeitslosigkeit, während paradoxerweise viele Menschen trotzdem ihre Grundbedürfnisse nicht befriedigen können.

 

Nil 11.02.2013 | 23:41

Vielen Dank für den Beitrag.)

Gut, dass einige Akademiker jetzt doch mal auf die Idee gekommen sind, sich zusammen zu tun und einen offenen Brief zu verfassen, um sich gegen weitere Verelendung zu wenden. Es ist richtig, dass gerade Wissenschaftler solch ein Verhalten an den Tag legen müssen. Es wird immer sehr viel über Rechte gesprochen? jetzt wird es Zeit über die Pflichten zu sprechen, die Menschen haben, die mehr Wissen als andere. Anderenfalls würde Wissenschaft wohl auch gar keinen Sinn ergeben. Ich bin gespannt.)

Rupert Rauch 12.02.2013 | 00:06

Ja, ich begrüße einen solchen Vorstoß, aber er wird natürlich wirkungslos verpuffen.

Er krankt an einem (typisch linken) ungeklärten Widerspruch: die Arbeitslosigkeit und niedrige Löhne werden offiziell mit "der Globalisierung" begründet. Der angeblichen Konkurrenz "jeder gegen jeden" auf dem Weltmarkt, die uns Sachzwänge aufbürdet.

Solange man dieses Argument nicht zuerst und schlagkräftig entkräftet (und ich kenne keine Linken die das tun), werden alle Vorschläge aus dieser Ecke noch nichtmal vom geneigten Publikum wirklich ernst genommen. Wenn wir weniger arbeiten (bei gleichem Lohn) verlieren wir dann nicht Wettbewerbsfähigkeit? So wird die erste Frage lauten.

Ein überzeugter deutscher Linker ist aber gegen die Nation als (vor dem Markt) schützende Institution, er ist für Wohlstandsverteilung (auch ans Ausland) und kann daher auf diese Frage nicht ernsthaft antworten, er ignoriert sie oder weicht aus.

Davon abgesehen: ein etabliertes Paradigma kann man auch nicht mit einem gutgemeinten Brief kippen, das macht richtig viel Arbeit und man hat fast alle Medien gegen sich:

http://www.heise.de/tp/artikel/38/38515/1.html

und

http://de.wikipedia.org/wiki/Propagandamodell

 

 

Nil 12.02.2013 | 02:12

Naja, jetzt haben zu mindestens einige Individuen den Anfang gemacht. Der Rest könnte gemeinschaftlich erarbeitet werden (Arbeitsgruppen bilden). Zum Beispiel könnten diese sich zusätzlich professionelle Hilfe von integralen Denkern, die bereits seit Jahren an einer integralen Kultur arbeiten, persönlich einholen. Es gibt seit mehr als ein Jahrzehnt das integrale Institut. Die beschäftigen sich mit allen Bereichen unserer Wirklichkeit simultan. In einer permanenten Gesamtschau. Im Gegensatz zu deren Leistungen, geben die Weltweiten Amtsinhaber ein richtiges Armutszeugnis ab. Kein Wunder, dass der Planet, samt allen Lebewesen, vor einem Kollaps steht. Bäume sind nichts nichts mehr wert, Tiere sind nichts mehr wert, Menschen sind nichts mehr wert. Aber schlimmer geht immer ? Und das ist eben nicht alternativlos. 

Marxismus und die Grünen

(aus: Eros Kosmos Logos, Krüger 1996,S. 245)

Die einzige ernstzunehmende soziale Bewegung von globaler Natur ist bis heute die internationale Arbeiterbewegung (Marxismus), der ein großes und bleibendes Verdienst zukommt, die aber auch eine fatale Schwäche hat. Das Verdienst besteht in der Entdeckung eines gemeinsamen Zugs aller Menschen, unabhängig von Rasse, Glaubensbekenntnis, Nationalität, Mythologie oder Geschlecht: Wir alle müssen unser körperliches Überleben durch gesellschaftliche Arbeit dieser oder jener Art sichern: Wir alle müssen essen. So sind wir aufgrund der gesellschaftlichen Arbeit alle im selben Boot, alle Weltbürger. Diese Bewegung war echt und ernsthaft und für sehr viele Menschen einleuchtend und glaubwürdig genug, um die ersten wirklich global gemeinten Revolutionen von Rußland bis China und bis nach Südamerika auszulösen.

Soweit die wirklich anerkennenswerte Seite. Die fatale Schwäche bestand darin, daß diese Bewegung die höheren kulturellen Bestrebungen nicht nur auf die Grundlage des ökonomischen und materiellen Bereichs, der gesellschaftlichen Arbeit und des materiellen Austauschs stellen wollte, sondern sie darauf zu reduzieren versuchte; sie wollte Kultur auf den kleinsten gemeinsamen Nenner reduzieren, auf materielle Produktion, materielle Werte und materielle Mittel, und alle Produktion höherer Art, insbesondere alles spirituelle, war nur noch Opium fürs Volk.

Der Marxismus stellte also die Noosphäre nicht allein auf die Grundlage der Physiosphäre (was wegen des zusammengesetzten Charakters der Individualität entscheidend wichtig ist), sondern reduzierte die Noosphäre auf die Physiosphäre - was sich als derart abwegig herausstellte, daß sich die Evolution jetzt nach kaum einem Jahrhundert ernsthaft daran gemacht hat, diesen Irrtum aus der Welt zu schaffen. Da die reduktionistische Seite des Marxismus keinerlei Rückhalt im Kosmos fand, mußte das Ganze in eine religiöse Mythologie umgedeutet und dann unter imperialistischem Zwang durchgesetzt werden.

Eine zweite große Bewegung, die eine gewisse Eignung als Träger einer Weltbürgerschaft besitzt oder zu besitzen vorgibt, ist die der Grünen. Ich habe sehr viel Sympathie für diese Bewegung, solange sie sich als ein Unterfangen neben anderen versteht, aber ich glaube, sie besitzt nicht im entferntesten die nötige Integrationskraft für eine globale Föderation von Weltbürgern, die sich ihre Grundsätze freiwillig zu eigen machen (unter Zwang vielleicht,aber das wäre kein ungehinderter globaler Diskurs, sondern wieder nur gewaltsame Einigkeit).

Die Grünen machen im Grund den gleichen Fehler wie die Marxisten, weil sie die unbestrittene und unbestreitbare Tatsache, dass niedrigere Ebenen grundlegender sind als höhere, zum Anlaß einer Reduzierung des Höheren auf das Niedrigere nehmen. Aber das Grundlegendere ist allein nicht ausreichend für das Leben des Höheren und Tieferen. Wo die Marxisten alles auf materielle Austauschprozesse der Physiosphäre zurückzuführen versuchen, reduzieren die Grünen alles auf ökologische Austauschprozesse der Biosphäre. Das ist zwar ein Schritt über den Marxismus hinaus, bleibt aber eine Wissenschaft des kleinsten gemeinsamen Nenners, die zwar (wie der Marxismus) in ihrem Geltungsbereich wichtiges leistet, aber jenseits eines gewissen Punktes katastrophal wird und vor allem völlig außerstande ist, Weltbürgerschaft über diesen Punkt hinauszutreiben.

Zu ihrer philosophischen Plattform machen die Grünen a) den Gedanken, daß die Kultursphäre oder Noosphäre Teil des größeren Ganzen der Biosphäre ist, und b) die Systemtheorie als Wissenschaft vom Gewebe des Lebens. Der genannte Gedanke ist, wie wir gesehen haben, schlicht falsch, und die Systemtheorie stellt, wie wir ebenfalls gesehen haben, eine etwas martkschreierische Form des subtilen Reduktionismus dar. Die Biosphäre ist grundlegender als die Noosphäre, aber eben deshalb nicht höher, sondern niedriger und seichter; und das Niedrigere kommt in aller Evolution zuerst, vor allem anderen.

Die Grünen meinen nun, das Erste und Grundlegendste müsse auch das Letzte und Höchste sein - ein schwerer Irrtum, der dazu führt, daß sie wie die Marxisten die biomaterielle Dimension durchforsten und zu bereinigen versuchen, was dort nicht in Ordnung ist. So gut und begrüßenswert das ist, sie kommen darüber nicht hinaus, sie finden keine integrativen Ansätze zu einem tieferen Bewußtsein, zu höherem Umfangen, zu echter Gesamtschau, zu etwas wirklich Befreiendem - nur zu eher theoretischer und regressiver biosphärischer Indissoziation. Und wie die Marxisten haben sie für alle wahrhaft tieferen oder höheren Bestrebungen nichts anderes als das Vokabular des sozialen Reduktionismus parat: "Eskapismus", "Opium", "Illusionismus", "falsches Bewusstsein".

Ein wirklich integrativer Ansatz, der von den tatsächlichen historischen Gegebenheiten unserer Zeit ausgeht, um eine Weltkultur zu schaffen, wird sicher auch für eine gerechtere Verteilung im materiell-ökonomischen Bereich und für tragbare ökologische Verhältnisse zu sorgen haben, also die Anliegen der Marxisten und der Grünen berücksichtigen. Aber er wird weit darüber hinausgehen müssen und sich ganz direkt und ohne jeden Reduktionismus auf die Noosphäre und ihre Verteilungsprobleme und Fehlentwicklungen einlassen...

Gesellschaftliche Arbeit kann uns als Weltbürger insoweit einigen, als wir Materie gemeinsam haben - weiter nicht. Ökologische Vernunft kann uns als Weltbürger insofern einigen, als wir alle einen Körper haben - weiter nicht. Es wird einer Schau-Logik-Bewegung von gewaltiger Integrationskraft bedürfen, um uns als Weltbürger zentaurisch zu einigen, das heißt insofern, als uns Materie und Körper und Geist (ganz zu schweigen vom GEIST und dem Selbst, die all dem vorausgehen) gemeinsam sind.

http://www.kenwilber.com/home/landing/index.html

http://www.integralinstitute.org/

Oberham 13.02.2013 | 11:29

... die zentraurische Einigung wird kommen, nur - ich fürchte anderes - als hier erhofft.

Ich tendiere gedanklich in eine ganz andere Richtung - vor allem - für mich ist dieser Weg als Individuum gangbar, ohne auf eine ´Bewegung warten zu müssen.

Für mich gilt Gesundheit, Freude, Lebensfähigkeit, Überlebensfähigkeit, Empathie, Offenheit, Kritikfähigkeit, auch wenn das Ergebnis Einsamkeit bedeutet.

Lieber bin ich in der Gesellschaft der Natur - einsam, als in verwüsteten Räumen in einer Gruppe angepasst zu agieren.

Gerade die individuelle Überlebenfähigkeit, könnte die Freiheit der ehrlichen Gesellschaft ergeben - wenn jeder das Selbstbewußtsein auf sich zu vertrauen, entwickelt hat und sich den Lebensweg entlangbewegt, den er für tragbar und gut empfindet, könnte der Ego des Einzelnen sich letztlich als eine gütige Kraft zum Wohle aller erweisen.

Ein Leben ohne Angst, Not und Elend, in Freiheit und Glück, wäre heute für jeden Menschen auf der Welt möglich, würde er nicht an den meisten Orten dieser Welt von anderen durch Zwang daran gehindert.

Hier in Mitteleuropa geht es, - man lebt nur nich als bedarfsgesteuerter Konsumidiot, sondern als asketischer Lebenskünstler, der sein Brot genießt, den Strahl der Sonne bewußt aufsaugt und sich von den genialen Schöpfungen der Natur und der menschlichen Kultur durch die Zeit tragen lässt.

Dabei ist man hierzulande auf die Tätigkeit als Pflanzer, Handwerker und einsamer Denker beschränkt, es sei den, man hat wirklich herausragende Talente, dann könnte man sogar als Künstler existieren - allerdings muss man dann wirklich extrem gut sein, da im gewöhnlichen Kulturbetrieb auch das Gift des Bedarfswahnsinns immanent vorhanden ist.

Daher kenne ich nicht wenige die talentiert waren und sind, jedoch wirklich ziemlich wenig Wirkung erzielen - da sie vom Kulturbetrieb nicht angezogen werden.

Von der gewöhnlichen ökonomischen Ebene mag ich gar nicht sprechen, da diese absolut irrsinnig organisiert ist.

(... selbst Krankheit und Leid wurden zum Massengeschäft, bleiben noch Luft und Wasser - die jedoch schon angegangen werden!)

Daher ist mein Lebensplan nur möglich, da ich in einer Gesellschaft von Verrückten lebe, die mich als Sonderling solange akzeptieren, solange ich friedlich und gütig bin.

Mir liegt nichts daran anders auftreten zu wollen, ich wandle nur für wenige Momente unter Menschen - dafür kenne ich meine Mitlebewesen - ich schätze sie und freue mich mit ihnen.

Man mag das Eskapismus nennen - für mich ist es eine Erlösung, lieber einsam in der Natur als ein Tier im Massenstall.

Ralf - Spanien 13.02.2013 | 12:29

Bei dem Kommentar zu gearbeiteten Stunden wurden leider die vielen ländervergleichenden Studien über die Effizienz der geleisteten Arbeit pro Stunde nicht berücksichtigt. Und da muß man sagen, dass dies in Spanien 2 Paar verschiedene Schuhe sind. Die Stunden, die man hier am Arbeitsplatz verbringt (bis 19-20H abends) haben nichts mit der geleisteten Arbeit zu tun. Grosse Teile der Arbeitszeit werden mit nicht festgelegten Pausen und redundanten Meetings vertan. Einer der Spitzenreiter dabei sind, wie immer die Banker. Ein klassisches Bild ist der Bankangestellte, der mit der Zeitung unter dem Arm mal ne halbe Stunde Frühstückpause macht. Das Nord-Süd-Gefälle ist hier auch von Bedeutung. Je weiter man nach Süden vordringt, umso weiter klafft das Verhältnis auseinander.

Beste Grüße aus Spanien,

einem Land, in dem ich jetzt 18 Jahre lebe und arbeite.

Axel 14.02.2013 | 11:41

Bis vor einem Jahr habe ich den Humbug von "Jeder ist selbst seines Glückes Schmied" auch noch geglaubt. Und das, obwohl ich über die letzten Jahre erlebte, wie meine Einnahmen von Jahr zu Jahr sanken.

 

Inzwischen haben wir vor ein paar Tagen einen Antrag auf Bezug von Leistungen zur Existenzsicherung (SBG II "Hartz IV") beantragt und sehen unseren Lebenstraum sich in Luft auflösend.

 

Denn mit Hartz IV, darf kein Eigentum angeschafft werden. Doch gerade das streben wir an. Wir möchten eine gemeinnützige Genossenschaft gründen und einen Bauernhof kaufen, um dort unsere soziale Lebensgemeinschaft aus- und unser öko-soziales Projekt, und einen Erlebnisbauernhof für Kinder unter dem Motto "Permakultur trifft Solidarische Landwirtschaft", aufbauen zu können. - Doch noch haben wir Hoffnung!

 

Nicht in die ReGIERenden, sondern in unsere Mitmenschen! -  Aktuell bereiten wir ein Crowdfunding vor, weil wir hoffen, dass sich genug Menschen finden, die uns das Geld geben (und dafür Gegenleistungen erhalten können, wie selbstgemachte Marmeladen, Uraub in einem der drei kleinen Gästehäuser des Hofes, samt Bezug von ganzheitlichen Massagen, etc.), dank dem wir aus dem HIV-Bezug rausbleiben und den Hof kaufen können...

 

"So Gott will..." wage ich zu schreiben, obwohl ich noch immer daran glaube, dass wir ein Teil Gottes sind und somit auch die göttliche Schöpferkraft in uns tragen.

 

Axel Wartburg

(Medica Mentem. Raum für Gesundheit und Bildung)

pleifel 14.02.2013 | 11:48

"Es macht nicht Arbeit überflüssig,sonst wären längst alle arbeitslos.

im Gegenteil, da es immer neue Bedürfnisse weckt, sorgt es dafür, dass immer genug Arbeit da ist."

Hallo Herr Rauch,
ich nehme Ihnen nicht ab, dass Sie den Satz gründlich durchdacht haben. Jeder Produktivitätsfortschritt, hier die Arbeitsproduktivität, ist ein ständig fortschreitender Prozess, mehr Güter zu produzieren, bei weniger Arbeitseinsatz. Wobei natürlich auch gilt: konstante Güterproduktion bei weniger Arbeitseinsatz.

Als bestes Beispiel möge hier der Primärsektor, die Landwirtschaft dienen. Der Output ist um ein Vielfaches, der Arbeitseinsatz, die Beschäftigung dramatisch gesunken.

Die Mär, dass im gleichen Maße oder gar mehr Arbeitsplätze erzeugt wurden, kann nur noch als Propaganda verstanden werden, denn die Fakten sprechen längst dagegen. Die Zeiten des Wachstums, die deutlich über der Produktivitätsentwicklung lagen, sind vorbei, jedenfalls in hochentwickelten Gesellschaften.

Arbeit ist nicht gleich (sinnvolle) Beschäftigung. Sinnvolle Beschäftigung gibt es genügend, die wird aber häufig nicht oder nur gering bezahlt. Das Ziel der Produktivität sollte doch eigentlich sein, möglichst viele Menschen aus der "abhängigen Arbeit" (frei)zustellen und damit die Möglichkeit eröffnet wird, sinnvolle Tätigkeiten auszuüben.
Und natürlich ist richtig: wenn ich in einem Unternehmen qualitativ und quantitativ besser arbeite, kann der Unternehmer den "Mehrwert" zu verschiedenen Zwecken nutzen. Warum sollte er aber zwei beschäftigen, wenn es auch einer kann.

Schauen Sie sich die Entwicklung in der Automobilindustrie an. Was geschieht im Moment? Um Kosten zu drücken, wird wieder länger und flexibler gearbeit und noch auf Lohn verzichtet. Wir erleben wieder eine "Überproduktionskrise". Und eine"Nachfragekrise", denn weniger Lohn bedeutet auch weniger Nachfrage.

Richtig ist ihr Hinweis auf Arbeitszeitverkürzung, die aber nicht mit Lohnverzicht einhergehen darf. Hier muss Produktivitätsforschritt in Arbeitszeitverkürzung umgewandelt werden.

seriousguy47 14.02.2013 | 17:10

Also es gibt ja zweifellos eine Menge "Sozialschmarotzer" - nur nicht unbedingt (nur) da, wohin üblicherweise mit den Fingern gezeigt wird.

Und es gibt Leute, die eine Menge leisten und zu Recht eine Menge dafür bekommen - es sei denn, sie sind dummerweise Frauen. Dann bekommen sie zu Unrecht weniger.

Und es gibt Leute, die (z.B. als Erben) eine Menge bekommen, ohne zwangsläufig und in jedem Fall auch eine Menge zu leisten.

Das alles muss man möglichst verständlich und gut recherchiert unter die Leute bringen.

Was mich aber ein bisschen stört, ist der einseitige Jammerton, der solche Debatten häufig dominiert. Da ist mir dann zu viel christliche Soziallehre und zu wenig ökonomisches Zweckdenken im Spiel. Für die herrschende Kaste gehört Ersteres aber in die Sonntagspredigt. Letzteres in den Arbeitsalltag.

Ich denke also, dass man in einer Gesellschaft, die vom Neoliberalismus durchseucht ist, auch hin und wieder mit "neoliberalen" Tönen kontern sollte. Oder doch  solchen, denen sich auch der Neoliberale nicht verschließen kann, sofern Gier Hirn noch nicht gefressen hat.

Am häufigsten kann man in Sozialstaatsdebatten als Pro-Argument von der befriedenden Funktion von Sozialpolitik hören. Das Problem dabei ist, dass dieses Argument umso weniger Gehör findet, je länger der soziale Frieden bereits andauert. In dieser Situation befinden wir uns.

Fast nie hört man eine ökonomische Begründung für Sozialpolitik, z.B. die Möglichkeit, durch Sozialpolitik Konjunkturzyklen abzuschwächen und die wirtschaftliche Entwicklung zu verstetigen. Ein bisschen scheint jetzt immerhin ins Bewußtsein zu dringen, dass zu wenig Umverteilung die Basis jeder produzierenden Wirtschaft zerstört: den Konsum.

Ich denke, hier wäre ein Umdenken erforderlich, das darauf abzielt, die Möglichkeiten der Sozialpolitik zu thematisieren, die der Förderung und Stabilisierung des Kapitalismus dienen. Die "soziale Marktwirtschaft" war darin sehr erfolgreich, nur war sie nicht in der Lage, sich in den Krisen sinnvoll weiter zu entwickeln, weil die herrschenden Kreise nur die Gelegenheit sehen wollten, das ungeliebte System abzuschaffen und in einen amerikanisierten Kapitalismus überzuführen.

Das war in sofern auch "zwingend", als es sich vor allem unter der CDU-Herrschaft eingebürgert hatte, Sozialpolitik nicht unter ökonomisch sinnvollen Überlegungen zu betreiben, sondern um damit Stimmen zu kaufen. Um aus diesem Backschisch-System herauszukommen, war "Hartz" vielleicht sogar nötig. Auf seiner Basis könnte eine Neubesinnung stattfinden...?

Wie so eine Stabilisierung durch Sozialstaat funktioniert hat D in der Finanzkrise z.B. mit dem Instrument der Kurzarbeit erfolgreich vorgeführt. Arbeitslosen-, Renten- und Krankenversicherung wären noch wichtigere  Beispiele, die aber viel zu sehr unter dem Aspekt der Belastung und nie unter dem Aspekt der wirtschaftlichen Stabilisierung betrachtet werden.

Es ist aber so, dass ohne diese Unterstützungen sich Abschwünge erheblich verschärfen würden, wenn mit ihnen Millionen nicht mehr hinreichend konsumieren könnten. Dieser Aspekt scheint mir bei den Hartz-Maßnahmen völlig unter den Tisch gefallen zu sein.

Diese Leistungen müssten also als ökonomisch notwendiges und erwünschtes bedingtes Grundeinkommen betrachtet werden, nicht als im Grunde überflüssige Wohltat - was sie auch gar nicht sind.

Dann müssten sie in einen Pflicht- und einen flexiblen Teil aufgeteilt werden. Ersterer müsste ein menschenwürdiges Leben garantieren, letzterer könnte als Instrument der Konjunkturpolitik eingesetzt werden. So wie z.B. die unsoziale Mittelschicht-Beglückung durch die "Abwrackprämie". Eine Möglichkeit wäre z.B. ein flexibles Weihnachtsgeld.

Mir scheint, wenn Sozialpolitik so betrieben würde, würde sie auch den Geruch einer Alimentierung von "Losern" verlieren. Das allein kann es aber nicht sein. Denn Sozialleistungen sollten auch Chancengleichheit bei der Entfaltung von Potentialen herstellen.

Ein Beispiel, das nach meiner Kenntnis in diesem Zusammenhang nie untersucht wurde, wäre der Zuzsammenhang zwischen Sozialpolitik und sozialer Integration bzw. sozialem Aufstieg bei den Flüchtlingen und Vertriebenen nach dem Krieg. Hier könnte man herausfinden, wie und weshalb die Sozialpolitik von den Betroffenen in unterschieldicher Weise genutzt wurde.

Klar ist, und damit komme ich zum Beitrag zurück, dass die Bildung ganz zentral ist. Sie kann schon einmal besser wirken, wenn Sozialleistungen nicht mehr diskriminierend praktiziert und wahrgenommen werden. Und dabei wäre es schon mal unerlässlich, dass die Eltern, die von Sozialleistungen leben und arbeitsfähig sind, zu menschenwürdigen Tätigkeiten im staalichen/ Gemeinwohl- Bereich herangezogen werden.

Auch würde es helfen, wenn Bildung konsequent von ihren nahezu ausschließlich bildungsbürgerlichen Inhalten gelöst und für Inhalte geöffnet würde, die auch für Nicht-Bildungsbürger attraktiv sind....

Das alles müsste natürlich im Detail durchdacht werden. Das kann ein spontaner Kommentar nicht leisten. Entscheidend ist, um daran nochmals zu erinnern,  Sozialpolitik als integralen Bestandteil von intelligenter Wirtschaftpolitik zu begreifen. Der "Sozialtouch" scheint mir eher kontraproduktiv zu sein. "Schröders" hatten da womöglich eine richtige Idee, aber dann eine völlig verkehrte Umsetzung.