H.Hesse
06.01.2013 | 15:47 10

Leipzig: 40x gefälscht

Helfer ohne Moral? Wieder ein Transplantationsskandal. Wieder sind Aufklärung und Schadensbegrenzung und Sanktionen gefragt. Wieder wird die Spendenbereitschaft sinken. Und die Patienten?

Nun also Leipzig. Mal sehen, welche Orte noch folgen werden. Knapp 40 Manipulationen bei Lebertransplantationen. Ob Geld geflossen ist, weiß man (noch) nicht. Vielleicht hatten 40 Menschen Grund zu hoffen, vielleicht hat es 40 anderen deren Hoffnungen zunichte gemacht, wenn nicht gar welche infolge der Manipulationen gestorben sind, was andernfalls womöglich nicht passiert wäre. Auch das weiß man nicht.

Sicher hingegen ist, dass jeder Fall dieser Art das ohnehin nicht unumstrittene Vertrauen in die Transplantationsmedizin untergräbt und damit im Zweifelsfall indirekt auch Leben kostet. 12000 Menschen warten allein in Deutschland auf ein neues, ihr Leben rettendes, verlängerndes und verbesserndes Spenderorgan. 3 von ihnen sterben täglich, überleben die Wartezeit nicht, weil nicht rechtzeitug ein passendes Organ gefunden werden konnte.

Es gibt Leute - auch hier in der FC waren sie vereinzelt zu vernehmen -, die sagen: ,Gut, das ist dann der Lauf der Natur. Füge dich drein, schließlich endet jedes Leben einmal.‘ Abgesehen davon, dass dabei reichlich viel - und, wie ich finde, zynisch - verlangt wird, wird da ein (Weiter-)Lebensrecht abgesprochen. Mit der Begründung ließe sich auch jede Hilfe bei verletzten Unfallopfern verweigern. Pech gehabt.

Mancher Dialysepatient - erst recht, wenn er oder sie die Peritionaldialyse macht - lebt gut in und mit seinem Alltag, hat die Dialyse in seinen Alltag integriert und mit der Einschränkung, die sie bedeutet, zu leben gelernt und wartet derweil auf die dann doch erlösende Nachricht von Eurotransplant. Von den Peritionaldiylysepatienten arbeiten viele zumindest lange Zeit weiter in ihren Berufen. Soll man denen sagen, wenn das Verfahren an seine Grenzen gekommen ist, ,jetzt lassen wir der Natur ihren Lauf‘? Und hat sich einer von denen, die diese Position vertreten, überlegt, wie eine solche Aussage auf Betroffene wirkt? Ich mache seit 6 Jahren ebendiese Peritionaldialyse und komme mit ihr, trotz einiger weniger mehrmaliger Komplikationen, zumindest noch gut klar. Als ich auch hier derartige Meinungen las, war ich mal wütend, mal sehr verletzt, verstanden habe ich sie nicht.

Um es klar zu sagen: Wer nach all‘ den Transplantationsskandalen - und den vielleicht noch aufzudeckenden - seinen Spenderausweis zerreißt oder deswegen keinen ausfüllt, schadet nicht den Ärzten, den Kliniken, er schadet einzig und allein Menschen, denen der Spenderausweis eines anderen die Lebensversicherung bedeuten kann! Es werden mit einem solchen Schritt keinesfalls die Betrüger oder angeblich oder tatsächlich geldgierige Kliniken sanktioniert.

Es muss jede/r mit sich ausmachen, ob er oder sie nach seinem Tod Organe spenden will, da ist jede Antwort zu respektieren. Gleichwohl hätte ich es begrüßt, wenn sich auch in Deutschland - wie in einer Reihe anderer Länder - die sog. Widerspruchslösung durchgesetzt hätte: Wer nicht zu seinen Lebzeiten einer Entnahme widerspricht, gilt als als potentieller Spender. (Angehörigen können aber selbst dann noch einVeto einlegen, was aber selten vorkommen soll.) So wartet beispielsweise in Österreich ein Patient etwa 18 Monate auf eine neue Niere, in Deutschland zwischen 5 und 8 Jahre! Die Widerspruchslösung rettet also ganz klar Leben! Sie war und ist bei uns nicht mehrheitsfähig. Die vom Bundestag kürzlich verabschiedete Lösung wird  nicht zu einer deutlichen Erhöhung der Spendenbereitschaft führen, wie es auch der Leiter von Eurotransplant in einem Beitrag für die „Süddeutsche“ schrieb. Denn gäbe es genügend Spender(organe) bedürfte es solcher Manipulationen nicht bzw. würde ihnen der Boden entzogen!

Die Politik hat sich nicht einmal im Ansatz darum bemüht, hier sinnvoll und umfassend aufzuklären, um für ein entsprechendes Verständnis in der Bevölkerung zu werben. „Nicht durchsetzbar“ heißt ja auch, dass nicht in ganzer Breite und offen darüber gesprochen und dafür geworben wurde. Der Blickwinkel der offiziellen Diskussionen war von vornherein verengt. 

Mangelnde Aufklärung über medizinische Aspekte, über das Wesen einer Transplantation ist bis heute festzustellen. Viele Krankenkassen haben noch keinen einzigen entsprechenden Brief an ihre Mitglieder verschickt, wie es das neue Gesetz vorsieht.

Jeder neue Skandal hat diesbezüglich eine weitere bremsende Funktion, auch so manche irrationale Vorstellung darüber, wem wie ein Organ entnommen wird (Stichwort: Hirntoddiskussion: ein für hirntot erklärter Mensch wird nie wieder in sein Leben zurückfinden; gleichwohl fände ich die Narkotisierung bei der Entnahme, wie sie die Schweiz vorsieht, richtig).

Noch einmal: Ob eine/r spenden will, muss unbedingt eine ganz persönliche Entscheidung bleiben, aber den Boden für eine solche Entscheidung kann man viel besser vorbereiten, als es hier und gegenwärtig der Fall ist. Und dazu gehört unbedingt auch eine Reform des Transplantationswesens und eine möglichst umfassende Verhinderung von Manipulationen. Nur mit vorschnellen Urteilen, Ablehnungen oder gar Verneinungen von Transplantationen ist keinem gedient, schon gar nicht denen, die darauf angewiesen sind: 12000 Menschen, wie gesagt, allein in Deutschland. 

Der neue Skandal macht mich auch deshalb wütend, weil er all‘ die Ablehnung, die Vorurteile und das Halbwissen potenziert, aus dem sich dann das Nein Vieler speist. Ob den beteiligten Ärzten das klar war und ist? 

 

Kommentare (10)

JR's China Blog 06.01.2013 | 21:09

Ich habe in den 1990ern als Student einen Organspendeausweis ausgefüllt - die Blankos lagen in einem Behördengebäude in einem Format aus, das in die Brieftasche passte -, und habe den seitdem immer dabei. Alle, auf die es im Fall der Fälle ankommt, wissen darüber Bescheid.

Fast jeder muss vor dieser Entscheidung vermutlich eine Hemmschwelle überschreiten - das scheint mir je leichter zu sein, je jünger man ist. Ich weiß nicht, ob ich das heute noch machen würde, aber das hätte dann mehr mit mir selbst als mit den Skandalen zu tun.

Mein Vertrauen müsste jedenfalls stärker erschüttert werden, als das bisher der Fall ist, um nochmals ganz neu zu überlegen. Gewohnheit macht viel aus. Und es stimmt: man sollte es niemandem vorwerfen, wenn er sich anders entscheidet. Man sollte aber auch einem Organspender nichts vorwerfen.

H.Hesse 07.01.2013 | 11:40

@JR'S China Blog

Vielen Dank für die Antwort!

Bevor ich mich zwangsläufig mit dem Thema beschäftigen musste, stand es auch nicht im Mittelpunkt meiner Aufmerksamkeit. Und als es dann so weit war und ich mit meiner Peritionaldiylyse begonnen habe, habe ich nach einem Weg gesucht, wie ich öffentlich damit umgehe. Es stand aber schnell fest, dass ich daraus kein Geheimnis machen wollte und habe es gegenüber den Arbeitskollegen und unseren Patienten in der Klinik gesagt. Zweimal am Tag verschwand ich halt in meinem kleinen Extrraraum für eine halbe Stunde. Man muss sich einen offenen Umgang damit trauen, was nicht immer so einfach geht. Ein schönes Erlebnis hatten wir mal in den Niederlanden. Meine Frau fragte im Museum, ob wir uns kurz in einen Raum für meine Diylyse zurückziehen könnten, um sie nicht am Auto auf dem Parkplatz machen zu müssen. Mit unglaublicher Freundlichkeit kriegten wir ein leeres Büro. Ich war gerührt.

Den Spenderausweis auszufüllen, war schon 'komisch', schließlich sagt man da etwas über die Zeit nach dem eigenen Tod aus. Mir war klar, dass es wichtig ist, so einen Ausweis zu haben, schließlich hoffe ich ja, von dem eines anderen Menschen zu profitieren. Dennoch war ich ziemlich aufgewühlt während des Ausfüllens. Ich glaube, je offener und unbefangener man mit dem Thema umgeht, auch darüber spricht, wenn es sich ergibt, desto selbstverständlicher wird es auch. Interessanterweise ist es unser 20 Jahre junger Patensohn, der mich als fast einziger aus der (jungen) Verwandtschaft immer wieder mal auf meine Erkrankung anspricht und sich mit dem Thema Transplantation beschäftigt. Doch von den Älteren und den anderen Jungen kommt da seltener und weniger etwas, was mir auf der einen Seite wiederum auch lieb ist, weil es den Anschein von Normalität hat, schließlich will ich nicht über meine Nierengeschichte gesehen werden. Wiederum andererseits hätte man gerne mal die eine oder andere Nachfrage oder Überlegung. Immerhin existierern jetzt in der Familie einige, hoffentlich ausgefüllte, Spenderausweise!

Ich hoffe, dass der neue Skandal nicht zu einem weiteren massenhaften Zerreißen von Spenderausweisen führt. Es wäre in jedem Fall eine kurzschlüssige Reaktion.

Tschüß

Helmut

Lethe 07.01.2013 | 16:58

„Nicht durchsetzbar“ heißt ja auch, dass nicht in ganzer Breite und offen darüber gesprochen und dafür geworben wurde.

das heißt, es gibt gar nicht die Möglichkeit, gerade wegen des eigenen Bildungs-, Wissens- und Informationsstandes gegen Organtransplantationen zu sein? Wer gegen Organtransplantationen ist, muss per se unaufgeklärt, ignorant, verbohrt oder dumm sein? Oder von bösen Absichten getrieben?

Ich glaube auch, dass Sie sich zu idyllische Vorstellungen über das Leben mit einem gespendeten Organ und der danach notwendigen lebenslänglichen Medikation machen. Das aber nur nebenbei.

Zur Kunst des guten Lebens gehört auch die Kunst des guten Sterbens. Natürlich kann man niemandem verwehren, sich an ein Leben, das zu Ende gehen will, das ohnehin nur noch von Extrem-Gerätemedizin abhängig ist, zu krallen, solange es nur geht. Aber es gibt kein Menschenrecht auf ein Spenderorgan, trotz aller Todesangst. Wenn so ein Spendeorgan zur Verfügung steht, ist das in jedem Fall ein Geschenk. Sie und ihresgleichen wollen einen Anspruch daraus machen, für den Sie im Grunde möglichst viele Tote brauchen und auch billigend in Kauf nehmen müssen.

H.Hesse 07.01.2013 | 19:12

@Lethe

Ich weiß nicht, woher Sie die mir unterstellten Absichten nehmen, mein Text gibt sie definitiv nicht her. Obendrein finde ich Ihren Beitrag polemisch und völlig undifferenziert. Von Ihnen geht eine Kälte aus!

Lehnen Sie Spenden und Transplantationen ab, das wäre völlig in Ordnung, aber sich zum Richter über andere Leben aufzuschwingen, ist, sehr gelinde gesagt, unangemessen.

abghoul 07.01.2013 | 20:44

Lehnen Sie Spenden und Transplantationen ab, das wäre völlig in Ordnung, aber sich zum Richter über andere Leben aufzuschwingen, ist, sehr gelinde gesagt, unangemessen.

Wieviel Moral hat der Mitmensch?

Wieviel Vertrauen ist Mindestmaß?

Vorsicht Metaphysik, dazu gibt es unglaublich viele verschiedene Ansichten, schwer da etwas als "rechtens" zu beurteilen.

Da kann es wohl keinen Richter geben.

Lethe 08.01.2013 | 10:11

Lehnen Sie Spenden und Transplantationen ab, das wäre völlig in Ordnung, aber sich zum Richter über andere Leben aufzuschwingen, ist, sehr gelinde gesagt, unangemessen.

Drehen sie da nicht ein bisschen die Sachverhalte um? Ich habe nichts dagegen, wenn Menschen Organe spenden. Ich habe nur etwas dagegen, wenn sie dazu genötigt werden sollen. Oder wie anders denn als Nötigung ist es aufzufassen, wenn ein klares "Nein" zur Organspende hintertrieben werden soll, indem die Krankenkassen die Erlaubnis haben, mich in regelmäßigen Abständen auf die Asozialität meiner Verweigerung aufmerksam zu machen? Nicht den bereitwilligen Organspendern will ich etwas vorschreiben, mir soll etwas vorgeschrieben werden, indem der Wert meiner ethischen Positionen suspekt gemacht wird.

Mag sein, dass von mir eine Kälte ausgeht. Möglicherweise ist das aber nur die Kälte der Realität. Es gibt kein Recht auf Organtransplantation, nicht solange wir nicht in der Lage sind, Organe künstlich zu züchten. Bis dahin bleibt jede solche Spende ein Geschenk. Fordern Sie auch andere Geschenke ein?

H.Hesse 08.01.2013 | 13:07

@Lethe

@Schachnerin

Noch einmal: Ich spreche nicht von einem "Recht auf Organtransplantation", die Entscheidung dafür oder dagegen muss und soll jeder für sich treffen. "Einzufordern", wie Sie schreiben, gibt es da in der Tat nichts. Aber es ist etwas anderes, sich zu wünschen, meinetwegen auch zu fordern, sich mal damit zu beschäftigen, wie immer das Ergebnis dann aussieht. Das dürfte nicht zuviel verflangt sein.  Selbst die von mir erwähnte Widerspruchsregelung überläßt es jedem, ggf. sein Nein zu positionieren.

Und, natürlich, ist jede Spende ein Geschenk, eines, von dem ich glaube, dass es auch  dem Empfänger, bei aller Erleichterung, nicht leicht macht damit umzugehen, erst recht, wenn es um eine Lebendspende geht. Das hat eine emotionale Wucht, die gewaltig ist. Ich kann mir niemanden vorstellen, der die in einer solchen Situationen nicht verspürt.

Was ich möchte, ist, dass das Thema von allen möglichen Seiten und Aspekten angesehen wird. Wenn dann Formulierungen auftauchen wie "Sie und Ihresgleichen" (in welchen Topf sollte ich da geworfen werden?) hat das schon etwas Herablassendes.

Es ist alles andere als vertrauenerwerckend, was da in Leipzig und anderswo passiert ist und wie die DSO damit umgeht. Habe ich ja auch geschrieben. Nur sollten die Konsequenzen daraus nicht die betroffenen Patienten tragen müssen, indem bei denen, die potentiell bereit wären zu spenden, diese Bereitschaft jetzt aufhört.Nicht mehr, aber auch nicht weniger wollte ich zum Ausdruck bringen. Ich bin immer froh, wenn die Lage und Sichtweise aller Beteiligten gesehen wird, auch bei diesem schwierigen Thema.

JR's China Blog 12.01.2013 | 15:52

Ich habe den Post definitiv nicht so verstanden, dass der Verfasser Nichtspender für moralisch oder intellektuell zweitklassig halten würde. Und was diesen Spruch aus Ihrem ersten Kommentar hier im Thread angeht -

Zur Kunst des guten Lebens gehört auch die Kunst des guten Sterbens:

wie "gut" oder "schlecht" man stirbt, weiß man allenfalls, wenn es soweit ist. Möglicherweise liegt darin die größte Überraschung eines ganzen Menschenlebens.

H.Hesse 14.01.2013 | 19:21

@JR'S China Blog

danke für Ihren Eintr5ag, ich fühle mich verstanden.

Den Satz mit der "Kunst des guten Sterbens" habe ich in dem Zusammenhang nur als zynisch verstanden. Kommentar eines befreundeten Arztes, dem ich davon erzählte. "So redet nur einer, der nicht betroffen ist und der nicht weiß, was Empathie ist."

Aber es ist wohl so, wie es sein wird,weiß jede/r nur, wenn es so weit ist.