Leipzig: 40x gefälscht

Helfer ohne Moral? Wieder ein Transplantationsskandal. Wieder sind Aufklärung und Schadensbegrenzung und Sanktionen gefragt. Wieder wird die Spendenbereitschaft sinken. Und die Patienten?
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Nun also Leipzig. Mal sehen, welche Orte noch folgen werden. Knapp 40 Manipulationen bei Lebertransplantationen. Ob Geld geflossen ist, weiß man (noch) nicht. Vielleicht hatten 40 Menschen Grund zu hoffen, vielleicht hat es 40 anderen deren Hoffnungen zunichte gemacht, wenn nicht gar welche infolge der Manipulationen gestorben sind, was andernfalls womöglich nicht passiert wäre. Auch das weiß man nicht.

Sicher hingegen ist, dass jeder Fall dieser Art das ohnehin nicht unumstrittene Vertrauen in die Transplantationsmedizin untergräbt und damit im Zweifelsfall indirekt auch Leben kostet. 12000 Menschen warten allein in Deutschland auf ein neues, ihr Leben rettendes, verlängerndes und verbesserndes Spenderorgan. 3 von ihnen sterben täglich, überleben die Wartezeit nicht, weil nicht rechtzeitug ein passendes Organ gefunden werden konnte.

Es gibt Leute - auch hier in der FC waren sie vereinzelt zu vernehmen -, die sagen: ,Gut, das ist dann der Lauf der Natur. Füge dich drein, schließlich endet jedes Leben einmal.‘ Abgesehen davon, dass dabei reichlich viel - und, wie ich finde, zynisch - verlangt wird, wird da ein (Weiter-)Lebensrecht abgesprochen. Mit der Begründung ließe sich auch jede Hilfe bei verletzten Unfallopfern verweigern. Pech gehabt.

Mancher Dialysepatient - erst recht, wenn er oder sie die Peritionaldialyse macht - lebt gut in und mit seinem Alltag, hat die Dialyse in seinen Alltag integriert und mit der Einschränkung, die sie bedeutet, zu leben gelernt und wartet derweil auf die dann doch erlösende Nachricht von Eurotransplant. Von den Peritionaldiylysepatienten arbeiten viele zumindest lange Zeit weiter in ihren Berufen. Soll man denen sagen, wenn das Verfahren an seine Grenzen gekommen ist, ,jetzt lassen wir der Natur ihren Lauf‘? Und hat sich einer von denen, die diese Position vertreten, überlegt, wie eine solche Aussage auf Betroffene wirkt? Ich mache seit 6 Jahren ebendiese Peritionaldialyse und komme mit ihr, trotz einiger weniger mehrmaliger Komplikationen, zumindest noch gut klar. Als ich auch hier derartige Meinungen las, war ich mal wütend, mal sehr verletzt, verstanden habe ich sie nicht.

Um es klar zu sagen: Wer nach all‘ den Transplantationsskandalen - und den vielleicht noch aufzudeckenden - seinen Spenderausweis zerreißt oder deswegen keinen ausfüllt, schadet nicht den Ärzten, den Kliniken, er schadet einzig und allein Menschen, denen der Spenderausweis eines anderen die Lebensversicherung bedeuten kann! Es werden mit einem solchen Schritt keinesfalls die Betrüger oder angeblich oder tatsächlich geldgierige Kliniken sanktioniert.

Es muss jede/r mit sich ausmachen, ob er oder sie nach seinem Tod Organe spenden will, da ist jede Antwort zu respektieren. Gleichwohl hätte ich es begrüßt, wenn sich auch in Deutschland - wie in einer Reihe anderer Länder - die sog. Widerspruchslösung durchgesetzt hätte: Wer nicht zu seinen Lebzeiten einer Entnahme widerspricht, gilt als als potentieller Spender. (Angehörigen können aber selbst dann noch einVeto einlegen, was aber selten vorkommen soll.) So wartet beispielsweise in Österreich ein Patient etwa 18 Monate auf eine neue Niere, in Deutschland zwischen 5 und 8 Jahre! Die Widerspruchslösung rettet also ganz klar Leben! Sie war und ist bei uns nicht mehrheitsfähig. Die vom Bundestag kürzlich verabschiedete Lösung wird nicht zu einer deutlichen Erhöhung der Spendenbereitschaft führen, wie es auch der Leiter von Eurotransplant in einem Beitrag für die „Süddeutsche“ schrieb. Denn gäbe es genügend Spender(organe) bedürfte es solcher Manipulationen nicht bzw. würde ihnen der Boden entzogen!

Die Politik hat sich nicht einmal im Ansatz darum bemüht, hier sinnvoll und umfassend aufzuklären, um für ein entsprechendes Verständnis in der Bevölkerung zu werben. „Nicht durchsetzbar“ heißt ja auch, dass nicht in ganzer Breite und offen darüber gesprochen und dafür geworben wurde. Der Blickwinkel der offiziellen Diskussionen war von vornherein verengt.

Mangelnde Aufklärung über medizinische Aspekte, über das Wesen einer Transplantation ist bis heute festzustellen. Viele Krankenkassen haben noch keinen einzigen entsprechenden Brief an ihre Mitglieder verschickt, wie es das neue Gesetz vorsieht.

Jeder neue Skandal hat diesbezüglich eine weitere bremsende Funktion, auch so manche irrationale Vorstellung darüber, wem wie ein Organ entnommen wird (Stichwort: Hirntoddiskussion: ein für hirntot erklärter Mensch wird nie wieder in sein Leben zurückfinden; gleichwohl fände ich die Narkotisierung bei der Entnahme, wie sie die Schweiz vorsieht, richtig).

Noch einmal: Ob eine/r spenden will, muss unbedingt eine ganz persönliche Entscheidung bleiben, aber den Boden für eine solche Entscheidung kann man viel besser vorbereiten, als es hier und gegenwärtig der Fall ist. Und dazu gehört unbedingt auch eine Reform des Transplantationswesens und eine möglichst umfassende Verhinderung von Manipulationen. Nur mit vorschnellen Urteilen, Ablehnungen oder gar Verneinungen von Transplantationen ist keinem gedient, schon gar nicht denen, die darauf angewiesen sind: 12000 Menschen, wie gesagt, allein in Deutschland.

Der neue Skandal macht mich auch deshalb wütend, weil er all‘ die Ablehnung, die Vorurteile und das Halbwissen potenziert, aus dem sich dann das Nein Vieler speist. Ob den beteiligten Ärzten das klar war und ist?

15:47 06.01.2013
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Geschrieben von

H.Hesse

"Wenn es nur eine Wahrheit gäbe, könnte man nicht hundert Bilder über dasselbe Thema malen." Pablo Picasso
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